Drei kleine Schweine im Krieg - HochX Theater
Sag mir, wo du stehst
7. Februar 2025. Olga Prusak erzählt in ihrem Stück von einem Puppentheater in Belarus, dessen Ensemble aufeinander losgeht, als Russland die Ukraine überfällt.
Von Susanne Greiner
"Drei Schweine im Krieg" im HochX München © Gabriele Neeb
6. Februar 2025. Die Handlung spielt in einem kleinen Kinder-Puppentheater in Belarus, kurz nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Das Repertoire des Ensembles ist klassisch: "Der gestiefelte Kater", "Aschenputtel" oder eben "Die drei kleinen Schweinchen".
Die drei hier arbeitenden Puppenspielerinnen haben alle einen anderen Hintergrund. Da ist Oksana, gespielt von Kateryna Bondarenko. Sie stammt aus der Ukraine (wie auch Bondarenko selbst), ihre Mutter lebt noch dort und ist ständig vom Krieg bedroht, ab und zu telefonieren sie miteinander. Alena, deren Rolle Ursula Berlinghof übernimmt, stammt aus Belarus, favorisiert aber die Ukraine gegenüber Russland – weshalb sie in Konflikt mit ihren konservativen oder auch nur bequemen und dadurch erstarrten Eltern geraten ist.
Drohnen aus der Heimat
Das dritte Ensemblemitglied des Puppentheaters ist Dascha, gespielt von Tine Hagemann. Dascha stammt ebenfalls aus der Ukraine, kritisiert aber deren Regierung und ist zufrieden, jetzt im vom "letzten Diktator Europas" kommunistisch und russlandfreundlich regierten Belarus leben zu können – auch wenn hier nicht das wahre Russisch gesprochen wird. Daschas Mutter lebt seit der Annektierung der Krim in Russland – und ist nun von Drohnen aus ihrem Heimatland bedroht.
Diese Konstellationen führen zu Reibungen, zu Diskussionen über die Wurzeln der drei Nationen: einerseits sind es dieselben, andererseits ist aus ihnen jeweils eine eigene Kultur erwachsen. Alena wirft Dascha Verrat an "ihrem Volk" vor, Dascha kontert mit "Deine Leute sind nicht meine Leute". Im Streit provoziert Dascha Alena, bis diese vor laufender Handykamera die belarussische Regierung kritisiert. Und Dascha Alena denunziert.
Oksana lebt in ständiger Angst um ihre Mutter – was Dascha wütend macht: "Mich fragt nie jemand, wie es meiner Mutter geht.“ Dazu kommt Theaterleiter Ignat, gespielt von Susanne Schroeder, der in Erinnerungen an sein Russland schwelgt und die Jugend von heute nicht mehr verstehen kann. Der Spielplan des Puppentheaters schrammt deshalb souverän an den Wünschen der Kinder vorbei.
Böse und Gut
Das Puppenspiel bildet eine zweie Handlungsebene in Olga Prusaks Stück "Drei kleine Schweine im Krieg". Hinter einem Portal samt bunten Jahrmarktlämpchen (Bühne: Anna Gohmert) dürfen Gut und Böse schon mal die Rollen tauschen. Da werden aus drei kleinen Schweinchen drei Wölfchen und ein großes Schwein mit miesem Charakter, das alles zerstört und diktatorisch kommandiert.
Puppenspiel im Spiel © Gabriele Neeb
Hinzu kommen in Caitlin van der Maas‘ Uraufführung am Münchner HochX noch zwei weitere Ebenen: In Videoeinspielungen erzählen drei Frauen, deren Gesichter mit Schweineköpfen verdeckt sind, von den Folgen des Krieges für ihre Familien – eine Art Dokumentation. Außerdem spielt das Ensemble bei Reisen zu Abstechern ein Quiz, in dem strittige Punkte plakativ auf den Punkt gebracht werden, zum Beispiel mit der Frage "Wem gehört die Ukraine?".
Weniger wäre mehr gewesen
Autorin Olga Prusak spricht mit gekonnten Dialoge und starken Bildern Herz und Hirn an, sie wirft jedoch zu viel aufs Spielfeld. Und die Inszenierung fügt immer noch mehr hinzu. Auf der Leinwand, die als Hintergrund für die Reisen dient und das diktatorische Belarus zeigt, werden auch eine Rede Stalins sowie Propaganda-Videos eingespielt. Die Ensemblemitglieder singen Lieder. Und auch wenn die vier Schauspielerinnen ihre Figuren überzeugend zum Leben erwecken – allen voran Susanne Schroeder als kauzig-konservativer Regisseur –, machen die vielen Ebenen diese Figuren fransig. Und reißen sie aus jeglichem Rahmen. Das mag zwar ihre Heimatlosigkeit, die fehlenden Anker noch deutlicher machen. Es raubt ihnen aber leider auch die Substanz.
Drei kleine Schweine im Krieg
von Olga Prusak
Übersetzung von Lydia Nagel und Iryna Herasimovich
Regie: Caitlin van der Maas, Dramaturgie: Lena Gorelik, Puppenbau: Tine Hagemann, Musik und Komposition: Andrew Evdokimov, Raum und Video: Anna Gohmert, Kostüm: Henriette Müller, Video: Ikenna Okegwo.
Mit: Ursula Berlinghof, Kateryna Bondarenko, Tine Hagemann, Susanne Schröder.
Premiere am 6. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
www.theater-hochx.de
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