Geld oder Leben - Metropoltheater München
Zustand: kritisch
19. Juli 2024. Ulf Schmidt gehört seit vielen Jahren zu den avanciertesten Vertreter:innen des Recherchetheaters. In seinem neuem Stück nimmt er sich nun das Krankenhaussystem vor.
Von Susanne Greiner
"Geld oder Leben" am Metropoltheater München © Marie-Laure Briane
19. Juli 2024. Ein Theaterabend über das Fallpauschalengesetz? Brüllend spannend hört sich das nicht an. Aber wer Ulf Schmidts Schuld und Schein gesehen hat, dessen Aufführungsrechte das Metropoltheater 2013 auf ebay ersteigerte, weiß: Schmidt kann das. Vor allem, wenn Metropol-Intendant Jochen Schölch die Regie hat. Der baut auf Musik – und lässt das sechsköpfige Ensemble zur streicherschmachtenden Titelmelodie der "Schwarzwaldklinik" in Formation gehen.
Kritisches Stadium
Dass ein himmelschreiender Unterschied zwischen heiler TV-Welt und Realität herrscht, ist schon im Ausklang des letzten Geigentons sichtbar: Da stehen sie, sechs Pfleger:innen. Und geht man von ihrem Gesichtsausdruck aus, sind sie alles andere als glücklich. "Unser Gesundheitssystem fährt an die Wand", deklamieren sie im Chor. "Wir fordern einen grundlegenden Wandel", weg von der ökonomischen Effizienz und hin zu einer Ausrichtung auf die Bedürfnisse. Doch der Chor spricht ins Leere. Denn: "Auf uns hört ja keiner!" Damit ist die Grundfrage des Stücks "Geld oder Leben" gestellt: Wollen wir ein marktliberales System? Oder sollte sich das System am Gemeinwohl ausrichten?
Sie debattieren, bis der Arzt kommt: Judith Toth, Hubert Schedlbauer, Patrick Nellessen, Michele Cuciuffo © Marie-Laure Briane
Von hier aus kreist Schmidt das Thema ein, spinnt in mehreren Szenen ein Netz aus Ärzt:innen, Krankenversicherungsvertreter:innen, Patient:innen, Pfleger:innen und lässt sie in einer Talkshow disputieren. Es geht um Versorgungsqualität, private versus Uniklinik, um Unternehmen wie Helios oder Asklepios und um Vergleiche mit anderen Ländern: Um den Status von Norwegen zu erreichen, müsste Deutschland über eine halbe Million Pfleger:innen einstellen.
Personalkosten werden aufgedröselt, Krankenhausabrechnungen vorgelesen – für Knie- und Hüft-OPs gibt’s Asche, weshalb die Ärzte gern mal mehr als nötig machen. Es muss sich ja rechnen. Nicht zuletzt wäre da die Eigenverantwortung – auch das Publikum kommt nicht ungeschoren davon und steht im Saallicht vor der Inquisition. "Rauchen Sie? Trinken Sie?" Deutschland ist in Europa ganz vorne mit dabei ist, was das Saufen angeht.
Optisch tut sich wenig
Schölch bügelt Schmidts Worte etwas gefälliger, schnürt neben Musik (Michael Jacksons "Heal the World") Humor, gar Slapstick ins Paket, was dem Publikum Verschnaufpausen vom konzentrierten Lauschen auf Fakten und Zahlen verschafft. Optisch tut sich wenig: Das Bühnenbild von Thomas Flach besteht aus sechs Stühlen. Das gibt dem Ensemble Raum zu glänzen. Michele Ciciuffo und Judith Toth liefern sich eine Schlacht der Argumente. Ciciuffo mit Pathos und Hingabe als leidenschaftlicher Befürworter eines bedürfnisgerechten Systems, Toth in rational kühler Manier als Freundin von Angebot und Nachfrage. Einen schmierigeren Versicherungsvertreter als Patrick Nellessen wird man schwerlich finden, Hubert Schedlbauer schlüpft liebenswert trottelig in die Moderatorenrolle und Dascha von Waberer berichtet desillusioniert als ehemalige Chefärztin.
"Auf uns hört ja keiner!" Luca Skupin, Judith Toth, Patrick Nellessen, Hubert Schedlbauer, Dascha von Waberer, Michele Cuciuffo © Maria Laure Briane
Eine Glanzrolle absolviert Luca Skupin: Er dient als Äquivalent zu Texteinblendungen in Dokumentarfilmen und rattert in Roboterton und -gestik Daten herunter, dass es ein Vergnügen ist. Oder auch Erschrecken, wenn er Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar mit dem Begriff des "sozialverträglichen Frühablebens" zitiert. Als offenbar eine Diode durchbrennt und Skupin gar nicht mehr aufhören mag, in immer schnelleren Wortsalven die Posten einer Krankenhausabrechnung in Worten, Zahlen und Paragraphennummern zu verschießen, gibt’s Szenenapplaus.
Lachen hilft nicht
Die Daten beruhen nicht auf Schmidts Fantasie. Der Dramatiker hat jahrelang als Rettungsassistent und als Freiwilliger in der Corona-Ambulanz des Bundeswehr-Krankenhauses in Berlin gearbeitet. Im Zuge seiner Recherchen hat er zudem zahlreiche Intervies geführt, beispielsweise mit Beschäftigen im Rechts der Isar oder auch der Charité. Was da erzählt wird, hat Hand und Fuß, drüber weglachen funktioniert nicht.
Skupins Schlusswort, für das er die Roboter-Rolle abstreift, stiftet dennoch Hoffnung: Es gibt nicht genug Geld für ein bedarfsgerechtes Gesundheitssystem? Schaffen wir also die private Krankenversicherung und die Beitragsbemessungsgrenze ab! "Geld ist genug da. Geld kann man erfinden. Und dann gibt es einen wirklichen Doppel-Wumms!" Da spricht wohl Ulf Schmidt selbst.
Geld oder Leben – Die Krankenhaus-Abrechnung
von Ulf Schmidt
Regie: Jochen Schölch; Chorarbeit: Alexander Weise; Bühne: Thomas Flach; Kostüme: Cornelia Petz; Licht/Ton: Martin Hermann; Musikalische Leitung: Alan Sokol, Maske: Katinka Wischnewski.
Mit: Michele Cuciuffo, Patrick Nellessen, Hubert Schedlbauer, Luca Skupin, Judith Toth und Dascha von Waberer.
Premiere am 16. Juli 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
https://www.metropoltheater.com/
Kritikenrundschau
Aus wenigen Versatzstücken "famos erspielt", findet Yvonne Poppek diesen Abend in der Süddeutschen Zeitung (19.7.2024). Die Grundsituation einer Polittalkshow erweise sich als ein "so einfacher wie einfallsreicher Kunstgriff, um die Informationen zu verpacken und gleichzeitig Raum fürs Spiel zu eröffnen". Das mache Spaß und "zwickt nur, weil’s ums Gesundheitssystem geht", so die Kritikerin.
"Wandlungsfähigkeit ist hier von allen auf der Bühne gefragt", lobt Tobias Hell in der Deutschen Bühne (18.7.2024) die Ensembleleistung: "Von virtuosen chorisch gestalteten Anklagen der ausgebluteten Pflegekräfte, über den Kampf mit trockenem Amtsdeutsch bis hin zu anderen absurd anmutenden Wortgefechten." Ulf Schmidt und Regisseur Jochen Schölch gelinge erneut ein Abend, der "der zum Nachdenken einlädt, zu Gedankenspielen auffordert und vielen, die mit dem System bereits ihre Reibungsflächen hatten, aus der Seele sprechen dürfte".
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