77 Versuche, die Welt zu verstehen - Residenztheater München
Verrammelt im Theater
12. April 2025. Bertolt Brechts "Kleines Organon für das Theater" bildet den Ausgangspunkt für Kyung-Sung Lees Stückentwicklung "77 Versuche, die Welt zu verstehen". Mit einem vierköpfigen Ensemble wird es hochtheoretisch – im Dienst der Unterhaltsamkeit.
Von Martin Jost
"77 Versuche, die Welt zu verstehen" am Residenztheater München © Birgit Hupfeld
12. April 2025. "Ist das Theater noch relevant oder ein Auslaufmodell?", fragt Florian Jahr ganz direkt zu Anfang von "77 Versuche, die Welt zu verstehen" auf der Studiobühne des Münchner Residenztheaters. Der Abend von Kyung-Sung Lee ist ein Versuch darüber, was Theater heute bewirken kann und wie Theater sein soll. Die Prämisse lautet: Die Welt ist in Unordnung; wir glauben an das Theater als Ort der Lösungssuche.
Die "77" bezieht sich auf die 77 nummerierten Absätze von Bertolt Brechts "Kleinem Organon für das Theater". In dem Essay, den Brecht erstmals 1949 in der Zeitschrift "Sinn und Form" veröffentlichte und später ergänzte, fasst er seine theoretischen Überlegungen zur Dramatik zusammen. "[Vergnügung] ist die nobelste Funktion, die wir für 'Theater' gefunden haben", heißt es im zweiten Paragraphen. Theater müsse unterhalten, das sei seine wichtigste Aufgabe, wenn nicht seine Existenzberechtigung. Ja, es soll belehren, informieren, die gesellschaftlichen Zustände kritisieren und zum Nachdenken anregen. Aber damit es all das bewirken kann, muss es zuallererst kurzweilig sein.
Liste von Verfremdungseffekten
Die vier Akteur*innen des Münchner Abends stecken in blauen Anzügen, die wie Damast-Stahl changieren und in blauen Gummmiclogs (Kostüm: Gloria Brillowska). Katja Jung lenkt unseren Blick auf die Betondecke, die wir noch nie bewusst gesehen haben. Felicia Chin-Malenski läuft energisch diagonal über die Bühne und bleibt dann stehen, Katja Jung beschreibt: "Unsere Kollegin läuft über die Bühne. Sie bleibt stehen." Und improvisiert: "Es gibt einen Nacheinlass", denn zwei junge Leute kommen etwas verspätet in den Saal. Das vierköpfige Ensemble begrüßt sie persönlich.
In ständig neuen Versuchen: Florian Jahr, Katja Jung, Thomas Hauser © Birgit Hupfeld
Genau wie Brechts "Organon" ist "77 Versuche" eine Liste von Verfremdungseffekten ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Figuren sprechen aus der Perspektive des Regisseurs über die Entstehungsgeschichte des Textes. Das Ensemble zeigt detailverliebte Fotos von ihrem Weg zur Arbeit. Katja Jung verliest als südkoreanischer Präsident Yoon Suk-yeol dessen Rede zur Verhängung des Kriegsrechts einmal betont schlecht, einmal übertrieben agitiert. Die Schauspieler*innen unterbrechen ihr eigenes Spiel mit aufgekratzten Werbespots für Maultaschen. Immer wieder agieren sie vor einem Greenscreen, der rechts der Bühne steht, und wir sehen gleichzeitig das gemischte Bild als Projektion in der Bühnenmitte.
Der Kreis schließt sich nicht
"77 Versuche, die Welt zu verstehen" ist Meta-Theater, das sich an den Mitteln und Beweggründen der Dramatik abarbeitet. Der Abend dreht sich um sich selbst, aber schließt den Kreis nicht. Es gibt kein Narrativ, das uns bis zum Ende begleiten würde, keine Klammer um die aufgeworfenen Fragen. Die Schauspieler*innen zerlegen ihre Arbeit wie ein altes Radio zu Forschungszwecken. Dann nehmen sie einen neuen Anlauf.
Gleichstand im Wettbewerb der Sprachen: Florian Jahr, Felicia Chin-Malenski, Katja Jung, Thomas Hauser © Birgit Hupfeld
Der südkoreanische Putschversuch vom Dezember 2024 wird untersucht. Eine Korrespondentin auf der Videowand berichtet von den Demonstrationen in Seoul. Der Putsch wird neben den Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953 gestellt, dessen gewaltsame Niederschlagung Bertolt Brecht unrühmlich relativierte. Wir sehen auf historischen Fotos den 1944 zerbombten Marstall ohne Dach. Chin-Malenski gelingt eine Trump-Karikatur, Hauser eine Brecht-Parodie.
Bildung statt Kurzweil
Ein starker Moment: als Hauser erzählt, wie er 2015 am Abend des Anschlags im Olympia-Einkaufszentrum auf der Bühne stand. Die Chefdisponentin bat das Publikum, wenigstens bis zur Pause die Handys auszuschalten. Der Theaterabend sollte nicht von dem gestört werden, was draußen vor der Tür womöglich Schreckliches geschah. Das geht ein bisschen an dem vorbei, was Brecht fordert. Denn die Welt soll ja eben nicht ausgesperrt, sondern im Theater bearbeitet werden.
Gleichzeitigkeit von Produktion und Resultat. Felicia Chin-Malenski, Florian Jahr, Katja Jung © Birgit Hupfeld
Im Laufe des Abend bleibt das Primat der Kurzweil auf der Strecke zugunsten von intellektueller Arbeit. "Um uns auszuweisen, verweisen wir nicht darauf, wieviel Spaß wir mit etwas gehabt haben, sondern wieviel Schweiß es uns gekostet hat", attestiert Brecht den Deutschen im "Kleinen Organon". Nun ja, Freitagnacht nach der Premiere ist ein junger Mann neben uns in der U-Bahn absolut gefesselt von seinem Reclam-Platon. Was den einen den Schweiß auf die Stirn treibt, ist für die anderen das größte Vergnügen.
77 Versuche, die Welt zu verstehen
Eine südkoreanisch-deutsche Stückentwicklung von Kyung-Sung Lee
Mit Texten von Hong-Do Lee und Ensemble und Übersetzungen von Ki-Hyang Lee sowie einem Video von Soo-Yeon Sung und Hez Kim
Inszenierung Kyung-Sung Lee, Bühne Franziska Huber, Kostüme Gloria Brillowska, Musik Kayip, Licht Markus Schadel, Video Amon Ritz, Dramaturgie Benedikt Ronge.
Mit Felicia Chin-Malenski, Thomas Hauser, Florian Jahr, Katja Jung.
Premiere am 11. April 2025
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
www.residenztheater.de
Kritikenrundschau
"Die kurzen Parodien auf die hysterisch gut gelaunten Werbeinseln im laufenden Programm, die die vier Darstellenden selbst vor einer Green Screen spielen, unterbrechen zumindest in der frühen Phase der knapp 100 Minuten den Eindruck, einem gespielten theaterwissenschaftlichen Seminar beizuwohnen", schreibt Matthias Hejny in der Abendzeitung (14.4.2025). Und: "Wie auch eine akademische Veranstaltung nicht nur belehren muss, sondern auch amüsant sein kann, vermittelt das Schauspiel-Quartett an der einen oder anderen Stelle auch das Vergnügen am Nachdenken."
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