Alles gut!

29. September 2025. Das Autorenduo Lutz Hübner und Sarah Nemitz hat ein Auftragsstück für das Theater Regensburg geschrieben. Es geht um bürgerschaftliches Engagement für die Demokratie und um unsere zunehmende Unfähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Antje Thoms hat die Uraufführung inszeniert, mit Humor, Verzweiflung und Kinderchor.

Von Hannah Eder

"Lob der Gerechten" am Theater Regensburg © Sylvain Guillot

29. September 2025. Mit der Verantwortung ist es so eine Sache: Sie ist unbequem und sie macht höchst angreifbar. Wer also ist heute noch bereit, sich ihr zu stellen? Insbesondere, wenn es um etwas so Monumentales geht wie die Demokratie und das menschliche Miteinander. In Lutz Hübners und Sarah Nemitz' Auftragswerk für das Theater Regensburg, das auch in der Donaustadt verortet ist, scheint die Sache unstrittig: Eine Myriade an Initiativen engagiert sich gegen Faschismus, gegen steigende Mieten, für gemeinschaftlich verwaltete Projekte, für marginalisierte Gruppen – kurzum, für alle Belange scheint es eine Organisation zu geben, deren jeweiliges Programm jedoch, repräsentativ für die Fragmentierung der heutigen Gesellschaft, nur schwer mit den Interessen der anderen vereinbar ist.

Demokratie ohne Widersprüche

"Lob der Gerechten" ist also ein Stück für Regensburg über Regensburg. Und doch bleibt es nicht in kleinstädtischen Fragen verhaftet, sondern nähert sich dem gesamtgesellschaftlich bröckelnden Politik- und Demokratieverständnis von unten. Das Stück zeigt eine Stadt, die in Gedenken an einen der ihren, der zur Zeit des Nationalsozialismus einem jüdischen Geschwisterpaar zur Flucht verholfen haben soll, ein Fest für Demokratie veranstalten möchte. Hierfür muss zuerst verhandelt werden, welche Akteure dort auftreten können und dürfen. Man will sich schließlich nicht anbiedern, aber auch niemandem ans Bein pinkeln. Schnell zeigt sich, dass Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit Widersprüche auszuhalten – schon lange einer hypersensiblen Gesprächskultur gewichen ist, die lieber ausschließt, als sich Unwägbarkeit und Kritik zu stellen. 

Stadt in der Stadt

Als Kulisse dient in der Inszenierung von Antje Thoms eine pittoreske Altstadtfassade. Die Bühne wird damit zur Stadt in der Stadt, das Publikum von passiven Zuschauenden zu teilnehmenden Bürgern erhoben, wobei dem nahezu originalgetreuen Nachbau des Stadthauses, an dem stellenweise der Putz bröckelt, eine konsequente Überzeichnung von Kostüm und Gestus entgegensteht. Die Ohnmacht und Überforderung der Bühnenfiguren angesichts der Kakophonie an Meinungen übertragen sich auf das Publikum, das von überbordenden Effekten aus der Trickkiste Brecht'scher Verfremdung regelrecht überrollt wird. Das Stück provoziert wiederholt Lacher und bleibt dennoch oft anstrengend und überfordernd. Womöglich ist aber genau diese Ambivalenz notwendig, um das Chaos und die Vielschichtigkeit der aktuellen Debattenkultur abzubilden.

04 LOB DER GERECHTEN HP1 SG 122Guido Wachter, Katharina Solzbacher und Jonas Julian Niemann © Sylvain Guillot

Metadramaturgische Auseinandersetzungen zwischen Kleindarstellern und Kernensemble darüber, welcher Text wann gesprochen und welche dramaturgischen Mittel wie eingesetzt werden sollen, werden zum Stellvertreter der realen politischen Aushandlung. Ausreden lässt man sich in "Lob der Gerechten" grundsätzlich nicht. Entweder wird die Antwort ohnehin schon antizipiert, kategorisch abgelehnt oder von eigenen Befindlichkeiten übertönt. Die allgemeine Reizüberflutung bringt die Sinne inmitten tanzender Bürger*innen, greller Strobo-Effekte und eines Kinderchors wiederholt an ihre Grenzen.

Missglückte Zusammenkunft mit kleinem Hoffnungsschimmer

Der Fünfakter sucht seine komödiantische Fassade um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Wie soll man die Verzweiflung ob der verzwickten Lage, in der sich unsere Demokratie befindet, auch sonst aushalten? Aber die Tragik bahnt sich doch mehrfach ihren Weg, etwa wenn aus der Hauptorganisatorin des Festes, verkörpert von Natascha Weigang, am Bühnenrand ein verzweifelter Monolog über das globale Erstarken von Autokraten und Faschisten herausbricht. Solche Momente, in denen Sätze zu Ende geführt werden und drängende Gedanken in voller Länge herausplatzen, weil es zu schmerzhaft wäre, sie weiter nur im Kopf herumzuwälzen, hallen lange nach.

03 LOB DER GERECHTEN HP1 SG 134Cantemus Chor & Kathrin Berg © Sylvain Guillot

Zum Finale erscheint erneut der Kinderchor. Diesmal vor einem Scheiterhaufen aus Tischen und Bänken – ein Symbol der missglückten Zusammenkunft. Politikverdruss und verhärtete Fronten scheinen Tatendrang und Hoffnung restlos ausgeräuchert zu haben. Um dem gegenzuhalten, stimmt der Chor ein Lied des Chemnitzer Sängers Felix Kummer an. "Die Menschen sind schlecht und die Welt ist am Arsch, aber alles wird gut", heißt es darin. Wie eine beschwichtigende Hand legt sich der Text auf die Schulter all derer, die schon seit der Pause mit der Menschheit abgeschlossen haben und ermutigt, noch einmal über die eigene Fähigkeit zu Diskurs und Verantwortungsübernahme nachzudenken.

Lob der Gerechten
von Lutz Hübner und Sarah Nemitz
Uraufführung
Inszenierung: Antje Thoms, Bühne: Ute Radler, Kostüme: Lucia Becker, Licht: Maximilian Spielvogel, Dramaturgie: Maxi Ratzkowski, Komposition & Arrangements: Kathrin Berg, Sounddesign: Lisa Birkenbach, Choreinstudierung: Matthias Schlier, Lucia Maria Müller, Chorbetreuung: Eva Haake, Regieassistenz & Abendspielleitung: Lisa Birkenbach.
Mit: Cathy | Katharina: Katharina Solzbacher, Mareike | Natascha: Natascha Weigang, Florian | Jonas: Jonas Julian Niemann, Carsten | Journalist | Guido: Guido Wachter, Armin: Thomas Mehlhorn, Rahel | Bewohnerin | Sophie: Sophie Juliana Pollack, Bärbel | Bewohnerin | Resi Hausner | Mutter | Kathrin: Kathrin Berg, Timo | Bewohner | Lehrer | Journalist | Gabriel: Gabriel Kähler, Bewohner | DITIB-Vertreter | Lehrer | Michael: Michael Heuberger, Ein Kinderchor | Fünf Schüler*innen | Laura: Cantemus Chor, Stimmen (Aufnahme): Joscha Eißen, Michael Haake, Gerhard Hermann, Johanna Kunze, Lilly-Marie Vogler, Paul Wiesmann.
Premiere am 28. September 2025
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theater-regensburg.de

Kritikenrundschau

"Der Applaus im gut besuchten Theater im Antoniushaus bei der Uraufführung war für alle Beteiligten zurecht intensiv und anhaltend", berichtet Stefan Rimek in der Regensburger Zeitung (30.9.2025). Der Kritiker sah "eine amüsante Gesellschaftskomödie“, die „durch ihre Aktualität den Nagel auf den Kopf trifft und auch dem Publikum den Spiegel vorhält". Die Inszenierung von Antje Thoms "besticht durch hervorragend durchdachte Bewegungsabläufe und viel originelles Lokalkolorit."

"Das Stück, gespickt mit Regensburg-Bezug, setzt köstliche Pointen und scharfe Widerhaken und macht, was Theater im besten Fall tut: Perspektivwechsel anbieten, den Spiegel vorhalten. Keiner kommt ungeschoren davon, jede Position wird ins grelle Gegenlicht getaucht und beliebte Phrasen klingen plötzlich schrill im Ohr", berichtet Marianne Sperb in der Mittelbayerischen Zeitung (30.9.2025).

 

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