Große Gewinne Schwere Verluste - Deutsches Theater Berlin
Lizenz zum Tröten
5. April 2025. Der Stücktitel sagt es ja schon: Für einige geht's richtig ab, für andere nur abwärts. In die weltweite und die Berliner "Disruption" hinein platziert Punk-Veteran Schorsch Kamerun seine musikalische Sehnsuchtsbilder-Revue "Große Gewinne Schwere Verluste". Mit Gaststar James Bond.
Von Elena Philipp
"Große Gewinne Schwere Verluste" von Schorsch Kamerun am Deutschen Theater Berlin © Jasmin Schuller
5. April 2025. Wie schön das perlt, wenn PC Nackt in die Tasten langt, um Natali Selig bei einem Song zu begleiten. "Dieser Wunsch ist kein Wunsch", säuselt sie sanft. "Diese Nachrichten sind keine Nachrichten / Dieser Frieden ist kein Frieden / Diese Lüge ist keine Lüge." Wie kann sie so strahlend lächeln, wenn sie das singt? Die Wut auf die Verhältnisse, die bei den Goldenen Zitronen aus jeder herausgeschlenzten Zeile klang, hat sich in Schorsch Kameruns "Musiktheatralem Parcours für eine Welt, wie wir sie kannten" hinter eine zeitgemäße Oberfläche zurückgezogen. Man steckt in einem durchtherapierten wohlmeinenden Online-Milieu, schickt Herzchen und ist auch in den Kommentaren nett.
Streichliste Berlin
"Willkommen zur heutigen Aufstellung 'It's all over now', dem Kompass in den Tagen vor und gleichzeitig nach einem: 'Vielleicht zum letzten Mal'", so begrüßt Schorsch Kamerun selbst die Zuschauer*innen. Am rechten Bühnenrand hat er sich neben PC Nackt und seinen Tasteninstrumenten positioniert. Heute ist der Mitgründer und Sänger der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen, Mitinhaber des "Golden Pudel Club" in St. Pauli, hier als "Thomas Sehl, Ihr Abendspielleiter". Er singt, sinniert und wacht über den Ablauf.
Hold on to your Mitabsteiger: Natali Seelig, Julischka Eichel, Felix Goeser und Manuel Harder © Jasmin Schuller
Textlich sind Kamerun & Co. nah dran am aktuellen Geschehen: "Move fast and break things", werden die DOGE-Brüder zitiert. "Streichliste Berlin", ist ein Song betitelt, den Felix Goeser in seinem schwarz gefleckten weißen Outfit als über die Bühne bouncender Entertainer darbietet: "Öffentlicher Nahverkehr / Um Euro gekürzt", sprechsingt Goeser zu einem harten Beat. "Kultureinrichtungen / Besonders aufgebläht. / Werden Herangezogen", ja, "Wo führt das nur hin / Streichliste Berlin?" Hinten drängt sich der Richardchor Neukölln: "Unsexy und dünn / Zero Dopamin", stimmt er ein, mit den übrigen Spieler*innen in das kleine Glashäuschen gequetscht, das vormals eine Tankstelle war und jetzt eine Paketannahmestation ist (Bühne: Katja Eichbaum).
"Ich bin eine Enttäuschung"
Über den Boden zieht sich eine Tartanbahn, blau wie im Berliner Olympiastadion, und auch der Gastchor trägt blaue Sportklamotten: Alle sind hier stets zum Sprint bereit? Stefanie war immerhin mal im Finanzsektor, bevor sie eine "disrupted person" wurde, eine "einfach so ausgewechselte Wirtschaftsverlierer-Person". Sie schreit ihre Wut laut raus, allerdings ist es weniger eine Wut auf die Welt denn Autoaggression: "Ich bin eine Enttäuschung", kreischt ihre Spielerin Julischka Eichel lauter und lauter. Sieht dabei aber ungeheuer schick aus in ihrer grauen Nadelstreifen-Combo mit Weste und vorne hochgeschlitztem Rock (Kostüme: Aino Laberenz).
Im Panoptikum der Damals-Gestalten, die in Kameruns bei aller textlichen Finesse doch nur halbherzig wirkenden Deutschland-Diagnose vorgeführt werden, tritt neben Natali Seelig als Wirtschaftswunderkind mit Kriegsbiographie auch James Bond auf. Ein soigniertes Sehnsuchtsbild der krimibegeisterten Schland-Bewohner*innen. Der Mann, der in seinen Filmen 168 Meilen rennend auf fahrenden Zügen verbrachte, mit seinem Aston Martin kratzerfrei durch italienische Altstadtgassen rasen konnte und 597 Kills verzeichnet, aber nur zwei Aufenthalte in seiner Londoner Wohnung, ist in Gestalt des kleidsam morgenbemantelten Manuel Harder ganz alte Schule.
Gemeinsam Abgehen
So könnte man weiter aufzählen, was an diesem 90 Minuten kurzen Abend geschieht. Und käme überall und nirgends an, so wie der musiktheatrale Parcours mit seinem marthaleresken Titel und der sinnfälligen Optik zwischen Castorfs Volksbühnen- und Ostermeisters Schaubühnen-Bungalows. Was will "Große Gewinne Schwere Verlust" sein? Eine Kritik an denen, die im Publikum sitzen? Eine flanierend dargebotene Wandzeitung über unsere Multikrisen? Oder ein elegischer Abgesang auf die gute, gar nicht so alte Zeit – vor der Disruption, die wir gerade erleben? Wohltemperierte Wut auf die Verhältnisse und sanfter Selbsthass – das schmeckt schal wie Sekt, der auf der WG-Party zu lang im Plastebecher stand. Eine zentrale Botschaft aber nimmt man versonnen nickend mit in die frühe Berliner Nacht: "In einer sicher komplexen Zeit / Sind die einfachsten Ideen / Nicht die einzige Möglichkeit / Um gemeinsam Abzugehen."
Große Gewinne Schwere Verluste
Musiktheatraler Parcours für eine Welt, wie wir sie kannten
von Schorsch Kamerun
Regie: Schorsch Kamerun, Bühne: Katja Eichbaum, Kostüm: Aino Laberenz, Komposition: PC Nackt, Licht: Thomas Langguth, Dramaturgie: Bernd Isele.
Mit: Julischka Eichel, Felix Goeser, Manuel Harder, Annika Netzold, Mercy Dorcas Otieno, Natali Seelig, Live-Musik: PC Nackt, Schorsch Kamerun, Richardchor Neukölln.
Uraufführung am 4. April 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.deutschestheater.de
Kritikenrundschau
So einen lässigen Abend hätte man dem Berliner Deutschen Theater fast nicht mehr zugetraut, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (7.4.2025). Schorsch Kamerun inszeniere mit dem Musiker PC Nackt und einem bestens aufgelegten Ensemble eine Mischung aus Zeitdiagnose und Party. Es gelinge das "bitter nötige Kunststück, bei aller Melancholie-Grundierung für gute Laune und die Gewissheit zu sorgen, dass gesellschaftliche Großkrisen noch lange kein Grund für Depression und Pessimismus sind." Wenn "die Gedankenketten assoziativ mäandern und sich die Grenzen zwischen Innen und Außen, Bewusstseinsstrom und sogenannter Wirklichkeit auflösen", denke man an diesem Abend öfter an Polleschs Theater.
"Große Gewinne Schwere Verluste" habe ziemlich banale Thesen, und es habe Kaskaden von tagesaktuellen Meldungen und Geschichten, die Kamerun zwanglos und sinnfrei aneinanderreiht, so Irene Bazinger in der FAZ (7.4.2025). Das trist überfrachtete Projekt reiche ironische Politikverdrossenheit und Sozialkritik vom rhetorischen Grabbeltisch. Dem Kokettieren mit dem wilden Diskurs-Theater eines René Pollesch fehle allerdings dessen Esprit und Witz. "Kamerun steht selbst auch auf der Bühne, agiert vom Seitenrand aus wie ein überheblicher Trainer." Fazit: "Notdürftig zusammengeflickt als reizlose, harmlose Betroffenheitsrevue."
Einen "Abgesang auf eine Zeit, die nie so schön war wie jetzt, da sie vergangen ist", sah Sophie Klieeisen von der Berliner Morgenpost (5.4.2025) im Berliner DT. "Große Gewinn Schwere Verluste" sei "ein im Wortsinne disparater Abend", der "keiner Handlungsdramaturgie folgt, das vermutlich auch nie vorhatte, keine Geschichten erzählt" und natürlich mit viel Musik aufwarte. "In einem Radiointerview nannte sich Schorsch Kamerun einen APO-Künstler, der Veränderung ohne die Pflicht zu Verantwortung fordern könne", berichtet die Kritikerin und konstatiert: "Mit seinem jüngsten Theaterabend hat er die Probe aufs Exempel gemacht."
"Am anschlussfähigsten für einen Theaterkritiker um die fünfzig" sei "der 'wahre James Bond'", der "in seinem Morgenmantel immerhin noch die dänische Botschafterin" mit seinen Heldentaten beeindrucke, outet sich Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (5.4.2025) und schlussfolgert: "Der Theaterbesucher fühlt sich in dem auf gute Weise verfummelten Mosaik der verlorenen Gedanken, verwunderten Ängste und erlittenen Enttäuschungen doch gemeint und gesehen und erkannt. Seine Seele singt leise mit und die Scherben seines Herzens funkeln."
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Wir erleben eine Gruppe verlorener Gestalten, die in Monologen, kleinen Sketchen und vor allem melancholisch perlenden Songs ihrer Vergangenheit hinterhertrauern.
Am Ende versammeln sich alle fünf DT-Ensemble-Mitglieder, Annika Netzold, die als Sportlerin und Spinne einige Szenen bereichert, und vor allem der Richardchor aus Neukölln zu ihrer Mutmach-Schlusshymne. Nach all dem Abgesang beschwört die musikalische Revue nach 100 Minuten die Solidarität als Ausweg.
„Große Gewinne Schwere Verluste“ ist eine musikalische Wohlfühl-Revue, deren Anliegen, für mehr Solidarität zu werben und Empowerment anzuregen, Unterstützung verdient. Inhaltlich und dramaturgisch bleibt der Abend jedoch dünn.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/05/grosse-gewinne-schwere-verluste-deutsches-theater-berlin-kritik/