Halts Maul, Kassandra - Deutsches Theater Berlin
Geister aus der Flasche gelassen
24. November 2024. "Er lebte auf der Mauer, nicht rechts oder links davon", heißt es einmal an diesem Abend, der Thomas Brasch gewidmet ist, angesiedelt zwischen Geschichts-Séance und Brasch-Revue. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner gelingt das Kunststück, nicht nur in Leben und Werk Thomas Braschs vorzudringen, sondern das Erbe der DDR zu umkreisen.
Von Esther Slevogt
"Halts Maul, Kassandra" nach Texten von Thomas Brasch, von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner ans Deutsche Theater Berlin gebracht © Thomas Aurin
24. November 2024. Einmal, da funktioniert das Ineinanderfallen von Zeiten und Szenen, von in der Gegenwart beschworener und gleichzeitig kommentierter Vergangenheit besonders gut: Riesengroß wird auf die Bühne jene skandalprovozierende Szene aus dem Jahr 1981 projiziert, als der DDR-Dichter Thomas Brasch in München für sein Filmdebüt im Westen "Engel aus Eisen" den Bayerischen Filmpreis erhielt. Neben ihm steht rotgesichtig und feist grinsend der damalige Ministerpräsident Franz-Josef Strauß – eine Hassfigur epischen Ausmaßes jener Jahre, speziell seines Nazi- und Kapitalismushintergrunds wegen.
Gerade noch hatte Brasch aus den Händen dieses Mannes artig den Preis entgegengenommen, um dann in seiner Rede nicht für diesen Preis, sondern der Filmhochschule der DDR für seine Ausbildung zu danken. Das war damals ein Sakrileg. Denn die alte Bundesrepublik liebte zwar die DDR-Dissidenten, die im Westen sozusagen als Systemaffirmatoren schnell Kultstatus erlangten. Dafür mussten sie aber brav ihre Rolle als Feinde des DDR-Systems weiterspielen, was Brasch, der 1977 aus der DDR in die BRD gekommen war, mit dieser großen Geste verweigerte.
Phantom-Schmerzen
"Er lebte auf der Mauer, nicht rechts oder links davon", sagt Jürgen Kuttner einmal, der diesen Abend nicht nur miterdacht und mitinszeniert hat, sondern als kluger wie pointenschleudernder Conférencier und Surfer durch Zeiten und Zeichen im Harlekinkostüm auch immer wieder kommentiert. Und als die Mauer weg war, war auch diese Lebens- und Arbeitsgrundlage nicht mehr da.
Zwischen Geschichts-Séance und Brasch-Revue: "Halts Maul, Kassandra" am Deutschen Theater Berlin © Thomas Aurin
Die Filmpreisverleihung in München ist eine Schlüsselszene in dieser Mischung aus Geschichts-Séance und schriller Brasch-Revue, mit der das Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner im Deutschen Theater Thomas Brasch nun als eine Art Medium benutzen. Sie beschwören damit nicht nur diesen ebenso sagenumwobenen wie 2001 viel zu früh gestorbenen Dichter, Filmemacher und bedeutenden Shakespeare-Übersetzer noch einmal, reenacten Schlüsseltexte aus seinem Werk ebenso, wie seltsame Exempel seiner Existenz als öffentliche Person.
Sie beschwören auch die versunkene DDR, spüren dem Phantomschmerz nach, als der das widersprüchliche Erbe dieses Staates noch immer durch die Gegenwart spukt, Fluch und Versprechen gleichermaßen. Und an dem, um ein an diesem Abend zitiertes Bild von Thomas Brasch zu verwenden, das Blut der deutschen Geschichte klebte.
Fluch und Versprechen
Einmal, da taucht die DDR als Gespenst und Engel der Geschichte in Gestalt des zerbrechlichen Jörg Pose tatsächlich auf, an dessen nackten Oberkörper riesige Flügel befestigt sind. Unbeholfen versucht er damit zu flattern, steigt aber nicht auf. Nur sein Bild nimmt als riesengroßes Filmbild die ganze Bühne ein. "Erkennst du mich noch immer nicht. Ich bin die DDR", sagt er leise. "Wieder hast du die Tür vor mir verschlossen und wieder wird ein Schlag von mir sie öffnen. Sprengt die Tür. Wieder hast du die Fenster vor mir verriegelt, damit du dich im Dämmerlicht von der Gegenwart ausschließen und ungestört einschlafen kannst", so die Worte dieses DDR-Geists in einem Theatertext aus dem Jahr 1974, "Herr Geiler", der hier nun wirkt wie frisch für diesen Abend geschrieben. Braschs kassandrahaftem Werk verdankt dieser Abend dann auch seinen Titel.
In der Mitte der Bühne kreist immer wieder ein zylinderhaftes betonfarbenes Monstrum, auf das sich wunderbar Filmbilder projizieren lassen: die seriellen Fassaden von DDR-Plattenbauten ebenso wie Bilder von Menschenmassen. Manchmal dreht es sich so, dass eine tiefe Tunnelbühne sich auftut, in der es kurze Spielszenen gibt: Etwa aus einer Filmdokumentation von Georg Stefan Troller, die kurz nach Braschs Ankunft im Westen entstand.
Inspirierend für Viele
Dessen übergriffiges wie altkluges Westsplaining klingt fast ein halbes Jahrhundert später nachgesprochen sehr komisch, aber auch ziemlich peinlich. Felix Goeser als Troller, Mareike Breykirch als Brasch und Anja Schneider als Katharina Thalbach spielen Clowns der Geschichte, die saftige Klischees zum Besten geben, die das Bild dieses Dichters bis heute prägen, der immer wieder Bücher, Texte und Filme provozierte. Zuletzt Andreas Kleinerts klischeeschwangeres Drama "Lieber Thomas" von 2021.
Reenactment von Heiner Müllers letztem Teil der "Wolokolamsker Chaussee" in "Halts Maul, Kassandra", vorne Anja Schneider © Thomas Aurin
Und so werden in kurzen, fast zirzensisch zelebrierten Szenen Texte, Stoffe und Gedichte von Thomas Brasch beschworen und gefeiert: Stücke aus dem berühmten Erzählungsband "Vor den Vätern sterben die Söhne" mit seinen eisigen Stories, Gedichte aus dem ersten Lyrikband, der 1980 im "Westen" erschien, "Der schöne 27. September". Hinter dieser Werkschau der Extraklasse scheint grell und schmerzhaft immer wieder auch das Leben Braschs auf, 1945 in Großbritannien, dem Exilland seiner jüdischen Eltern geborenen, die dann 1947 in den sowjetisch besetzten Teil des besiegten Nazi-Deutschlands zogen, in dem 1949 die DDR entstand. Und wo der Vater ein Funktionär mit ehernen Doktrinen wurde, der am Ende den eigenen Sohn ins Gefängnis bringt: eine Geschichte, deren tragische Abgründe noch Heiner Müller zum letzten Teil "Der Findling" seines Textzyklus’ "Wolokolamsker Chaussee" inspirierte, die an diesem Abend nun noch einmal reenacted wird.
Tiefe der Kunst verschrieben
Als die sieben Spieler*innen Mareike Beykirch, Anja Schneider, Felix Goeser, Jürgen Kuttner, Benjamin Lillie, Peter René Lüdecke und Jorg Pose in ihren bunten Zirkusdirektorenuniformen aus der Tiefe des Bühnen(zeit)tunnels langsam nach vorne treten und mit verteilten Rollen diese wie in Stein gemeißelten Müllersätze sprechen, die von dem archaischen Vater-Sohn-Konflikt aber auch dem Sterben der Mutter handeln, fällt alles Eherne von diesen Sätzen ab – kehren sie zurück ins zutiefst Private dieses Dichterlebens – und damit auch aller Ideologie den Rücken, an der Brasch sich lebenslang auf- und zerrieb.
Auch von der Inbrunst, mit der sich dieser Künstler seiner Kunst verschrieb, handelt dieser Abend, von einem Ernst und einer Tiefe, die heute in dieser Form nicht mehr so leicht auffindbar ist. Und von einem Land, das längst ein anderes ist – und sich in dem Spiegel, den dieser tolle Abend ihm aus der Tiefe der Geschichte nun entgegenhält, vielleicht nicht mehr so ohne weiteres wiedererkennen wird.
Halts Maul, Kassandra
nach Texten von Thomas Brasch
Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Daniela Selg, Musik: Matthias Trippner, Licht: Cornelia Gloth, Dramaturgie: Bernd Isele.
Mit: Mareike Beykirch, Anja Schneider, Felix Goeser, Jürgen Kuttner, Benjamin Lillie, Peter René Lüdecke, Jorg Pose. Live-Musik: Matthias Trippner, Tilmann Dehnhard, Jan Stolterfoth.
Premiere am 23. November 2024
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause
www.deutschestheater.de
Kritikenrundschau
Kühnels und Kuttners Abend gelinge "etwas sehr Seltenes", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (24.11.2024). "Nämlich einerseits ein historisches Zeitgefühl zu vermitteln – für diese spezifisch-pathetische Ernsthaftigkeit der ideologischen Auseinandersetzungen, die heutigen Parkettsitzerinnen und Parkettsitzern nach Jahrzehnten der Postmoderne unglaublich weit entfernt scheinen muss. Und dabei gleichzeitig das Überzeitliche aus Braschs Werk herauszudestillieren: die Punkte, an denen ein Gedicht, ein Motiv, eine Prosazeile plötzlich klingt wie ein tagesaktueller Kommentar." Es handele sich um "eine Thomas-Brasch-Show at it`s best", soe die Kritikerin – "und zwar mit immensem Mehrwert für ein heutiges Theaterpublikum".
"Der Abend ist mehr und was anderes als die in Berlin unausrottbar geliebte, witzig oberschlaue Kuttner-Routine", urteilt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (24.11.2024). Nämlich "ein inhaltsreicher, kopföffnender und unterhaltsamer Abend zwischen Pathos und Ironie", dessen drei Stunden "wie im Flug" vergingen. Und die "eine Einladung" seien, "im Theater als Zuschauer und danach als Leser, den eigenen, vorgefertigten Blick aufzubrechen und sich die Texte, die man zu kennen glaubt, noch einmal vorzulegen."
Von einem Theaterabend, der einer "archäologischen Ausgrabung" gleicht, berichtet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (24.11.2024). Die Ausgrabungen gälten dabei "nicht nur dem umfangreichen Labyrinth des Werks, sondern auch den zerstörten Hoffnungen, die der Anarchist und Sohn eines überzeugten Kommunisten mit der jungen DDR verbunden hat". Die Inszenierung sei "in der ersten Hälfte ein liebevolles Potpourri, das sympathischerweise erst gar nicht versucht, den spröden Dichter einer etwas flacheren, an Braschs großen Fragen (Kommunismus! Die Wunde Deutschland!) eher desinteressierten Gegenwart nahezubringen". Man lasse Brasch seine Fremdheit und nehme ihn genau darin ernst. In der zweiten Häfte steuere der Abend "in die schmerzhaften Regionen dieser deutsch-deutsch verquälten Künstlerbiografie".
"'Halts Maul, Kassandra!' ist ein wilder, zuweilen selbstverliebter und vor allem herrlich trotziger Abend", findet Tom Mustroph in der taz (25.11.2024). Jürgen Kuttner und Tom Kühnel holten mit ihrer Thomas-Brasch-Revue "den so schmerzhaft in Widersprüche verliebten Dichter und Filmemacher aus der Versenkung hervor" und etablierten "zugleich eine sich der eigenen Toxizität bewusste Liebe zur untergegangenen DDR".
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Als „Mischung aus Geschichts-Séance und schriller Brasch-Revue“ lobte Esther Slevogt den Abend in ihrer begeisterten Nachtkritik. Für eine Revue ist das Treiben des Sextetts, das oft in Harlekin-Kostümen auftritt, nicht munter und rauschhaft genug, sondern ein zu holpriges Abhaken aneinandergeklebter Schnipsel. Für eine Séance fehlt die atmosphärische Dichte. Am ehesten gelingt dies am Ende von „Halts Maul, Kassandra!“, als die Texte deutlicher aufeinander Bezug nehmen und sich auf das schwierige Verhältnis des Dissidenten-Sohns Thomas zu seinem Kulturminister-Vater Horst Brasch konzentrieren. Die Briefe/Briefentwürfe werden durch Passagen aus dem Roman der Schwester Marion Brasch „Ab jetzt ist Ruhe“ (2012) ergänzt.
Sie war natürlich auch gestern im Publikum und bereits vor acht Jahren Co-Autorin der szenischen Collage „Die Brüder Brasch“, die sie mit Lena Brasch, bekanntlich Tochter von Marion Brasch und Jürgen Kuttner, in den DT-Kammerspielen entwickelte. Damals ging ich mit der Hoffnung aus dem Abend, dass Kuttner/Kühnel diesen Stoff für eine ihrer Revuen aufgreifen könnten. Viele Jahre später ist dies unter der Intendanz von Iris Laufenberg Realität geworden, aber aus den Fragmenten entsteht kein schlüssiges Monolog: der Abend wirkt stellenweise noch mitten im Montage-Prozess, wie eine Art Zwischenstand, der unter Zeitdruck auf die Bühne gebracht werden musste.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/11/24/halts-maul-kassandra-deutsches-theater-berlin-kritik/