Wand ist, wo Du wenden musst

19. September 2025. Nele Stuhler hat mit "Leichter Gesang" einen dadaistisch inspirierten Text vorgelegt, der schon als szenische Lesung für Furore sorgte. Jetzt bringt FX Mayr das Stück erneut gemeinsam mit dem inklusiven Theater RambaZamba am Deutschen Theater auf die Bühne. Und die Sprache tanzt.

Von Simone Kaempf

Nele Stuhlers "Leichter Gesang" in der Regie von FX Mayr am DT Berlin © Jasmin Schuller

19. September 2025. Unter leichter Sprache versteht man ein verknapptes Deutsch mit einfachen Wörtern, kurzen Sätzen, übersichtlichem Satzbau, ohne Fremdwörter. Das Regelwerk dafür ist festgeschrieben, um komplexe Informationen barrierefrei zu vermitteln.

Was aber, wenn man dieses Prinzip auf die Welt selber anwendet? Wenn nicht die Sprachregelung im Vordergrund steht, sondern versucht wird, die Alltagswelt mit anderen Regeln zu beschreiben, gegenseitig verständlich zu machen, und wenn man dafür mit ganz einfachen Dingen beginnt? Dann ist zum Beispiel ein "Bett ein Brett über den Boden", ein "Auto ist ein kurzer Bus", ein "Tisch eine liegende Tür" oder Warten ein Zustand, "wenn was noch nicht ist".

Erklärspiele aus der Klär-Anlage

"Will-kommen ist, was kommen will", so begrüßt einen denn auch Sebastian Urbanski, langjähriger Spieler vom Theater RambaZamba, zum Auftakt von "Leichter Gesang". Und ja, sie lassen sich das nicht zweimal sagen und wollen kommen, die kleine Gruppe, die mit voller Kraft die Bühne stürmt. Skurrile Gestalten, in weiten, schrill-bunten Kleidern und mit gefärbten Haaren. Kunstfiguren, die in bester dadaistischer Manier den Sinn der Sprache überprüfen und zu neuen Behauptungen formen. Und zwar so, dass kein Regelwerk standhält. Von der Begrüßung geht es zum "Einladen", weiter zum "Ein-laden", der ein "Geschäft" ist, zu dem, was "geschafft ist". Durch verschiedene Motive bewegt sich die Sprache, bis sie am Ende in ein Kauderwelsch zerfällt und neue Verwirrung stiftet.

LEICHTER GESANGc Jasmin Schuller HP1 2181Nele Winkler © Jasmin Schuller

Nele Stuhlers Text ist in der vorletzten Spielzeit zusammen mit den RambaZamba-Mitgliedern in der Schreibwerkstatt des Deutschen Theaters entstanden. Eine erste Version wurde bei der Langen Nacht der Autorinnen präsentiert. Der Text wurde dann gemeinsam weiterentwickelt, und das Stück ist es absolut wert, nochmal auf die Bühne zu kommen.

Denn nicht nur schöne absurde Ding-Beschreibungen finden sich darin, sondern auch andere Phänomene der Verständlichkeit und Unverständlichkeit von Sprache. Wie sie Zusammenhänge schaffen kann wider alle Logik und Vernunft. Oder wie wörtlich man sie eigentlich nehmen will. Was zum Beispiel, wenn das Warten auf den Bus nur ein stellvertretendes Bild ist? "Es kommt kein Bus, es kommt ein Bild?", fragt Jens Koch und entspinnt mit Sebastian Urbanski einen herrlichen Dialog über die Fähigkeiten des Bus, der ein Bild ist, Credo: "Wir brauchen einen echten Bus". Mit viel gespielter Empörung, Augenrollen und Grimassen agiert das Ensemble aus DT- und RambaZamba-Spielerinnen, kommt immer wieder zum Kollektiv zusammen und versprengt sich wieder.

Lied ist Musik mit Text

Dass die inklusive Koproduktion am Deutschen Theater die Saison eröffnet, ist ein echtes Statement. Auch wenn FX Mayrs Inszenierung ihre Schwächen hat. Mit bunten Schlaglichtern versucht er, dem Text beizukommen. Wenn es heißt, "Lied ist Musik mit Text", wird gesungen. Anil Merickan trägt als Running-Gag immer wieder eine Tür auf die Bühne und klopft an. Bühnensitzkissen werden auf die Bühne geschleppt und in bunten Blüten-Halskrausen fallen am Ende alle in den Schlaf, angeleitet von Ober-Erklärerin Natali Seelig, die sich schon mal als "Klär-Anlage" vorstellt: "Die Nacht brauch einen Sinn. Der Schlaf brauch einen Ort. Sie tuen sich zusamm. Sie tragen dich nun fort."

Dada mit Frischesiegel

In dem Szenenreigen verläuft sich aber auch so mancher Faden des Texts. Der Clou ist, wie sich aus den Dialogketten Zusammenhänge erschaffen, wo eigentlich keine bestehen, und wie eine ganz eigene Logik erwächst. Diese eigentliche Subversion verliert sich streckenweise in Länglichkeit. 

Und doch folgt man gebannt, wie im Text die Sicht auf ganz einfache Dinge zum Thema wird: Bett, Schrank, Stuhl, Tür, der Bus, der Schlaf. Alles wird hier nochmal neu erklärt, samt wunderbarer Assoziations-Volten. Sprachspiele in dadaistischer Manier, die an diesem Abend das Genre überraschend frisch und unverstaubt aufleben lassen.

Leichter Gesang
von Nele Stuhler
Regie: FX Mayr, Bühne: Anna Wohlgemuth, Kostüme: Korbinian Schmidt, Musik: Matija Schellander, Licht: Thomas Langguth, Dramaturgie: Christopher-Fares Köhler, Projektmitarbeit: Joy von Wienskowski.
Mit: Franziska Kleinert, Jens Koch, Anil Merickan, Natali Seelig, Caner Sunar, Sebastian Urbanski, Nele Winkler.
Premiere am 18. September 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

Kritikenrundschau

"Man wird all diese Worte und all die Dinge, die man bisher mit diesen Worten bezeichnet hat, nicht mehr ohne freudigen Zweifel gebrauchen können nach diesem bunten, etwas albernen, dann aber wieder schockierend kontigenten Abend", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (18.9.2025). "Kann sein, dass nicht jeder Zuschauer gleich anspringt, aber der durchaus beglückte Applaus am Premierenabend zeigte, dass die Richtung dankbar aufgenommen wird und auf bunte Bedürfnisse in einer finsteren Welt trifft – es ist ja auch nicht der erste Abend am Deutschen Theater, der mit der akrobatischen Defragmentierung von verkrusteten Sinnhierarchien aufzuräumen, also abzuräumen versucht."

Viel "Energie" verspürte Georg Kasch von der Berliner Morgenpost (€ | 20.9.2025) in diesem Abend. "Von der Leichten Sprache, diesem Versuch, komplexe Dinge schnell verständlich zu formulieren, sind hier die kurzen, klaren Sätze, einfachen Begriffe und die dank Binde-strichen übersichtliche Gestaltung geblieben. Aber Stuhler spinnt das über Klangähnlichkeiten und überraschende Kombinationen weiter. Die Wörter führen zunehmend ein Eigenleben, fangen an zu tanzen, erhalten mehr Klang als Sinn."

Kommentare  
Leichter Gesang, Berlin: Autor*innenschaft?
Mich würde dann doch interessieren, wie der Prozess der Entstehung des Textes ablief? Wann und wie wurde aus einer „gemeinsamen poetischen Forschungsreise“, wie es so schön auf der Hompepage des DT heißt, ein Text der Autorin Nele Stuhler? Wie ist Nele Stuhler konkret mit dem Material dieser gemeinsamen Textentwicklung umgegangen, dass sie zur alleinigen Autorin wurde. Warum sind nicht auch die auf der Bühne stehenden Spieler*innen als Autor*innen genannt, wenn da gemeinsam etwas entwickelt wurde? Kann da jemand vom DT vielleicht etwas zu sagen? Das interessiert mich einerseits vom künstlerischen Prozess her, wie mit von Spieler*innen mitentwickelten Text umgegangen wurde, und andererseits ist es durchaus ja auch eine Frage von gerechter Entlohnung über Tantiemen, falls das Stück von Nele Stuhler an anderen Theater inszeniert wird.
Leichter Gesang, Berlin: Fragen Sie doch die Autor*in!
... vielleicht stellen Sie einige dieser Fragen der Autorin Nele Stuhler selbst, heute Abend (19.9.) im Rangfoyer im DT? Ab ca. 21 Uhr gibt es ein Gespräch mit der Autor:in - im Anschluss an die Vorstellung, der Eintritt ist frei.

Und u.a. im Gespräch (gemeinsam mit Regisseur FX Mayr) im Spielzeitmagazin des DT wird eigentlich sehr genau auf den Prozess eingegangen - ich denke, das beantwortet ebenso Ihre Fragen? Ich hoffe es zumindest!

Hier zum Nachlesen bzw. Download: https://www.deutschestheater.de/mediathek/detail/spielzeitmagazin-202526-vol-i
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