Heute leider kein Foto für dich

28. Mai 2024. Tanz bringt die Menschen zusammen. Und die Nachbarschaft ist ein funktionierendes soziales System. Gob Squad verlassen sich mit "Dancing with our neighbours" ein bisschen zu sehr auf die Harmonie kollektiver Bewegung – bis die Weltpolitik in die Performance einbricht.

Von Falk Schreiber

"Dancing with our neighbours" am HAU Berlin © Dorothea Tuch

28. Mai 2024. Der junge Mann tanzt. Und er tanzt gut: Er schlängelt sich, er windet sich, er versinkt in seiner Bewegung, der junge Mann ist eins mit seinem Körper. Worauf Gob-Squad-Mitglied Sarah Thom die Bühne betritt. Sie tanzt … eher so, wie du und ich tanzen würden. Schmeißt sich begeistert in einen unhörbaren Rhythmus, wummert. Und animiert den ersten Tänzer, es ihr gleichzutun. So geht es weiter, nach und nach füllt sich die Bühne im Berliner Produktionshaus HAU 2, jede:r neue Tänzer:in bringt einen anderen Stil mit und lässt diesen in die Gruppe einfließen, bis wieder jemand neues dazukommt. Das ist schön, es ist lustig, es berührt: Tanz wird hier zur allgemeinverständlichen Sprache, die augenscheinlich unterschiedlichste Menschen miteinander teilen. "Dance like no-one is watching", "Tanze, als ob niemand zusehen würde", dieser etwas abgedroschene Spruch verwandelt sich hier in lustvolle, kommunikative, kollektive Bewegung.

"Wir versuchen, miteinander auszukommen"

"Dancing with our neighbours" heißt das jüngste Stück der britisch-deutschen Live-Art-Veteran:innen Gob Squad, "Tanzen mit Nachbarn", und es überträgt das Bild der Lingua franca Tanz in ein Spielsystem. Das Spiel geht so: Nach und nach formulieren die Beteiligten Statements, und wenn man zustimmt, dann tanzt man eine Weile mit. Wenn man nicht zustimmt, dann lässt man es.

Weil die Nachbarschaft (wir sind in Kreuzberg!) extrem divers ist, gibt es Live-Übersetzungen in Farsi, Englisch und Arabisch, wobei eine gewisse babylonische Sprachverwirrung beabsichtigt ist – es geht auch darum, dass niemand im Publikum an diesem Abend alles verstehen wird. Und weil man sich diesem Nichtverstehen hingibt, soll man längerfristig eben auch die Unterschiede, die Meinungsverschiedenheiten aushalten. "Wir versuchen, miteinander auszukommen", wird das Prinzip Nachbarschaft beschrieben, und grundsätzlich ist das nicht unsympathisch.

Dancing DorotheaTuch 29945Getanzt Autobiografisches © Dorothea Tuch

Zunächst geht es um Körper. Zum Statement "Wir fühlen unser Herz schlagen" tanzen sieben Performer:innen, zu "Wir mögen unseren Po" nur noch fünf, okay. Dann geht es um die Familie, und nach und nach bekommt die Harmonie Risse. Wie tanzt man familiäre Gewalt? Wie die Tatsache, dass der einst homophobe Ablehnung versprühende Vater sich im Alter selbst outet? Wechsel: Es geht um Geld, es geht um Religion, irgendwann geht es auch um Klassismus. "Wer vom Publikum ist heute zum ersten Mal im HAU?" wird gefragt, später dann, wer regelmäßig am HAU vorbeilaufe, und schließlich noch, wer mit der Buchstabenkombination "HAU" nichts anfangen könne. Erschreckend viele – man bewegt sich hier durchaus in einer elitären Blase, und dass die Performance das erkennt, ist ein interessanter Aspekt des Abends.

Alle fühlen sich wohl

An anderen Stellen rutscht "Dancing with our neighbours" ins Anekdotische. Der Migrant erzählt, wie er seiner Familie regelmäßig Geld nach Afghanistan schickt, gleichzeitig aber die Segnungen Berlins, namentlich die Techno-Clubs, nicht missen möchte. Und der Semi-Profi vom Beginn erzählt, wie er einmal bei "Germany's Next Topmodel" in der zweiten Runde rausgeflogen sei. Sein Tanz heißt "Ich habe heute leider kein Foto für dich". Choreografisch ist das sehenswert.

Inhaltlich aber beginnt der Abend, sich ein bisschen im Kreis zu drehen. Ein Stück weit ist das Nachbarschaftsmodell, das hier durchgespielt wird, eine Selbstvergewisserung: Vieles läuft schief, aber hier, mit den Nachbarn, kommen wir irgendwie klar. Nach Wahlen gibt es das Phänomen, dass Menschen stolz die Wahlergebnisse aus dem eigenen Kiez auf Social Media posten: Schaut mal, bei mir hat die AfD nur zwei Prozent! Die Entsprechung in "Dancing with our neighbours" findet sich im Statement, dass man von den Wahlerfolgen der Rechten entsetzt sei. Da tanzen dann alle. Und fühlen sich wohl.

Reicht mehr Einander-Zuhören?

Und dann drängt sich ein Aspekt in die Performance, der einen plötzlich zweifeln lässt. Eine Performerin im Hidschab erklärt, aus Palästina zu stammen. Worauf nicht getanzt wird, stattdessen entsteht ein lebendes Bild, das man nicht anders als rührselig bezeichnen kann. Die Erzählung beschreibt derweil die Geschichte des Großvaters der Protagonistin: wie der als Säugling während der Nakba 1949 aus seiner Heimat vertrieben wurde. Das aber ist nationalistischer Palästina-Kitsch, der tatsächliches Leid für Ideologie verkauft. Sarah Thom versucht, das Ganze noch aufzufangen, "Maybe if we start to listen to each other more, we can work things out." Ja, Zuhören ist immer gut, aber an dieser Stelle fehlt eine weitere Stimme, der man zuhören sollte, eine israelische nämlich. Das zu Beginn formulierte "Wir versuchen, miteinander auszukommen" scheint sich nicht auf jüdische Nachbar:innen zu erstrecken.

Dancing DorotheaTuch 21756Tanz den Ringelreihen © Dorothea Tuch

Dass eine Nachbarschaft, die sich im Tanz wiederfindet, so einfach nicht zu erreichen ist, belastet den weiteren Abend, auch wenn der Einschub das Stück natürlich auch davor bewahrt, in sanfter Harmonieseligkeit zu versinken. Inhaltlich geht es nach diesem Dämpfer intelligent weiter, es wird durch Glaubensbekenntnisse getanzt, durch Politik, schließlich auch durch den Tod, und ganz zum Schluss darf das Publikum auf die Bühne. Aus den Boxen dröhnt Stromaes Alors on danse, manche lassen sich nicht lange bitten, aber irgendwie ist die Lust weg. Tanz als gemeinschaftsstiftendes Moment, das geht heute nicht so leicht.

 

Dancing with our neighbours
von Gob Squad
Konzept: Gob Squad, Von und mit: Nawid Ahmadi, Gizem Akman, Oska Borcherding, Johanna Freiburg, Mo Mara Hundt, Fatina Jaber, Mmakgosi Kgabi, Jacqueline Koch, Jenin Abdul Majid, Sabine Müller, Sean Patten, Lamisha Rahman, Salma Salaheldin, Mike Schäfer, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will, Künstlerische Mitarbeit: Katharina Joy Book, Videodesign: Miles Chalcraft, Sounddesign: Sebastian Bark, Tatiana Saphir, Sound- und Videoassistenz: Tama-Nomi Jacobi, Kostüme: Emma Cattell, Sarah Thom, Kostümassistenz: Jola Hauschild, Übersetzung: Aya Zavê Khalil, Niusha Ramzani, Mahtab Sabetara, Salma Salaheldin, Licht: Claes Schwennen, Technische Leitung: Claes Schwennen, Produktionsleitung: Heleen De Boever, Supervisor:in Outreach/Vermittlung: Nora Vollmond, Evaluation: Ayla Suveren, Gob Squad Management Team: Company Manager: Marta Hewelt, Funding & Financial Planning: Caroline Gentz, Financial Administration & Production: Grischa Schwiegk, Touring & Public Relations: Talea Schuré
Uraufführung am 27. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

Kritikenrundschau

Die Idee mit den Nachbarn sei toll, so Barbara Behrendt im RBB (28.5.2024). Aber auch ihr stößt die Palästina-Episode auf, "weil es die einzige längere Geschichte bleibt, die mit so einem politischen Impetus dann gleich den Nahostkonflikt aufmacht". So schön es sei, dass Gob Squad in den 30 Jahren ihres Bestehens mit Menschen umgingen, so unterspannt seien manche Abende dann doch inhaltlich und in der formalen Gestaltung. Dieser Abend sei "ein bisschen von allem und nichts so richtig".

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