Gesang der Drecksarbeiterinnen auf dem Kreuzfahrtschiff

22. März 2025. Nicoleta Esinencu und ihr teatru-spălătorie sind zurück am HAU. Ohrenbetäubend wie eh und je. Mit ihrem neuen Techno-Punk-Konzert zählen sie den westlichen Genuss-Liberalismus an. Mitreißend.

Von Sophie Diesselhorst

"Dirty Laundry. The TrashOpera" von Nicoleta Esinencu am HAU Berlin © teatru-spălătorie / HAU

22. März 2025. Applaus interessiert sie nicht. Direkt nach Ende der Konzert-Performance geht der eiserne Vorhang runter, wie um sich akustisch vom Publikum abzuschotten. Als letzte klare Botschaft des an klaren Botschaften nicht armen Abends steht darauf das Wort "Peace", und man hört etwas gedämpft den lauten Beat wieder ansetzen, der den ganzen Abend lang die Gemüter aufgepeitscht hat.

Schmutzige Wäsche

Drei starke Performer*innen – Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan, Kira Semionov – repräsentieren das teatru-spălătorie, das "Wäscherei-Theater" der Autorin und Regisseurin Nicoleta Esinencu, das an diesem Abend im HAU zur Eröffnung des Festivals "Every Day. Feministische Kämpfe im post-sozialistischen Europa" seinem Namen alle Ehre macht und "Dirty Laundry", dreckige Wäsche, wäscht. Das Bühnenbild ist ein Konzertsetting, in dem sich zig Waschmaschinentrommeln drehen. Auch Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan und Kira Semionov stehen keinen Moment lang still. Sie sprechen, singen, tanzen und stampfen ihre "TrashOpera" aus dem Bühnenboden, dass es ein belebendes Vergnügen ist – auch wenn man sich als Zuschauer*in direkt ein bisschen doof vorkommt, so brav und lethargisch in seinem Sessel fläzend.

Das ist natürlich Programm. Wir, das Publikum, repräsentieren unsererseits eine vermeintlich demokratische "westliche Gesellschaft", die total die Orientierung verloren hat und in national nur leicht unterschiedlichen Ausformungen in ihren historischen Schuldkomplexen versinkt statt uns deutlich zu positionieren, zum Beispiel gegen ein imperialistisches Russland, das sich das Herkunftsland der Macher*innen dieses Abends, die Republik Moldau, als nächstes Land nach der Ukraine einverleiben könnte. In einem Song oder Kapitel der Konzert-Performance kommt das symbolische Kreuzfahrtschiff, auf dem wir uns alle zusammen befinden, in Europa an, und die drei Performer*innen stellen den traurigen EU-Nationen ihre Diagnosen. Sie blicken von außen auf Europa und vom Unterdeck der ausgebeuteten Crew aufs Oberdeck der reichen Profiteure.

Fuck Frontex!

Das Kreuzfahrtschiff ist spätestens seit "Triangle of Sadness" und eigentlich schon seit David Foster Wallaces "Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich" ein ausgelutschtes Bild, aber gleichwohl popkulturell so fest in den Köpfen verankert, dass es nur skizziert werden muss, um Assoziationen im Publikum wachzurufen. So nutzt die raffinierte Collagistin Esinencu es nun auch und reichert die Assoziationen an mit neuen Bildern wie dem der verschallerten Kreuzfahrttouristen, die dem Flüchtlingsboot da unten zuwinken und "Welcome" in den Wind rufen. Sie selber haben sich mit ihrem Ticket eine intelligente Rettungsweste gebucht, die eine schnelle Rettung in allen EU-Hoheitsgewässern sicherstellt. "Fuck Frontex!" rufen die drei Performer*innen nach diesem satirischen Intermezzo und bringen das Publikum wieder auf Kurs.

Dirty Laundry 2 Cteatru spalatorie HAU uDer Techno-Hölle entstiegen: die Performer*innen des Moldauer teatru-spălătorie © teatru-spălătorie / HAU

Überhaupt ist es absolut bewundernswert, wie wandelbar die drei im strengen formalen Korsett des Abends agieren, wie sie einander individuell hervortreten lassen trotz eines durchgehend geteilten Texts. Alle drei tragen sie fette silberne Kragen und ein buntes Bündel am Gürtel: mehrere Paare Handschuhe, die sie zwischendurch wechseln, um die verschiedenen elektronischen Instrumente zu traktieren, mit denen sie den ohrentäubenden Maschinenlärm des Kreuzfahrtschiff-Unterdecks erzeugen und ihn gleichzeitig zum empowernden Demo-Lärm transformieren.

Feminismus aus Moldau

Ihre Hände bleiben unter den Handschuhen "unsichtbare Hände" – auch dieses Bild für die unsichtbaren Menschen, die die Drecksarbeit machen, wird hier sehr wörtlich genommen. Das macht den Abend kraftvoll, selbst wenn Esinencu bei den immer wieder eingestreuten Demo-Slogans manchmal ein bisschen zu dick aufträgt und ein paar Kürzungen dem Abend gut getan hätten, auch um die überaus interessanten, aber leider sehr kurz gehaltenen Exkurse in die Geschichte der Republik Moldau und ihrer starken feministischen Emanzipationsbewegungen stärker zu akzentuieren. Der utopische Gegenentwurf zum kraftvoll angeprangerten Kapitalismus, den das Programmheft verspricht, bleibt doch ziemlich blass.

Der starken Grund-Attitüde des Abends tut's keinen Abbruch. Seine deutlichste Botschaft an die "Lieben Liberalen" im Publikum kommt absolut ungefiltert rüber: Zeigt Haltung! Es ist nicht nur (überlebens-)wichtig, sondern auch extrem cool.

Dirty Laundry. The TrashOpera
von Nicoleta Esinencu | teatru-spălătorie
Team: Nicoleta Esinencu, Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan, Kira Semionov, Nora Dorogan, Alexandru Macrinici, Technische Umsetzung: Neonil Roșca, Technik: Sergiu Iachimov, Künstlerische Beratung: Aenne Quiñones (HAU).
Mit: Artiom Zavadovsky, Doriana Talmazan, Kira Semionov.
Premiere am 21. März 2025 im Hebbel am Ufer Berlin
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

Kritikenrundschau

Ein "aggressives, wütendes Techno-Konzert" sah Barbara Behrendt für rbb|24 (22.3.2025) am HAU. "Dirty Laundry" ist "ein anstrengender, enervierender, aber auch betörender Abend mit harten Techno-Beats und aggressiven, teils arg verallgemeinernden Parolen, der einen komplett durch die Mangel dreht. Und das ist Absicht. Zum Festivalstart fliegt hier die Weltordnung auseinander."

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