Festival Spy on Me #5 - Das Digital-Festival am Berliner HAU
Magie ist Technologie
12. Oktober 2024. Sprechende Autos, krabbelnde Androiden oder Chatbots, denen ein Körper fehlt – alle KI-Entwicklungsstufen sind zu sehen beim Digitalfestival "Spy on Me #5" am Berliner HAU. Es geht um Mensch und Maschine – klüger wird man auf jeden Fall in Sachen Highend-Technologie.
Von Falk Lörcher
Performance "Chatbot" beim Festival "Spy on Me #5 – Enter: AI" am Berliner HAU © Renata Chueire
12. Oktober 2024. Die natürliche Welt, sofern es so etwas je gegeben hat, scheint überwunden. An die Stelle des Haptischen tritt das Virtuelle, an die der materiellen Warenproduktion die immaterielle Wissensökonomie. Alles, was wir um uns herum wahrnehmen, wird kodiert, wird zu einem Stück Information verpackt, in quantifizierbare Daten verwandelt, die irgendwo gespeichert werden. Was bedeutet das für unseren Alltag, für unsere Arbeit und für das Theater? Sind wir verloren in der Tech-Dystopie oder kann Künstliche Intelligenz uns vielleicht sogar aus der Misere helfen?
"Spy on Me #5 – Enter: AI" ist die fünfte Ausgabe des HAU Digital-Themenschwerpunkts. Das Theater, das neben drei physischen Spielstätten auch das HAU 4 als digitale Bühne betreibt, widmet sich immer wieder den feinen Grenzen, die zwischen Mensch und Maschine, analoger und digitaler Welt, zwischen Realität und Science Fiction verlaufen. Vom 9. bis zum 19. Oktober läuft ein Programm zu den Möglichkeiten und Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz (KI), unter anderem mit Premieren von Agnieszka Polska, Theresa Reiwer, Janne Kummer & collaborators und Interrobang.
Freund oder Feind?
In "Unreal Conditionals", einer von der*dem Künstler*in Janne Kummer initiierten Kollaboration, wird eine Genealogie der automatisierten Technologie skizziert. Weiße Stoffe hängen von der Bühnendecke herab, während glitschende Projektionen surrealer Welten auf Leinwänden erscheinen (Bühnenbild: Codi Körner, Janne Kummer). Verzerrte Stimmen sind über Lautsprecher zu hören, auf dem Boden krabbeln androide Kreaturen.
In einem digitalen "museum of automated technology" werden verschiedene Entwicklungsstufen Künstlicher Intelligenz beschrieben, vom sogenannten Schachtürken über das scheinbar rechnende Pferd "Kluger Hans", die Distinktion von Hardware und Software bis zum Touring Test. Verknüpft werden diese technisch-täuschenden Errungenschaften mit Zaubertricks. Denn Magie sei nichts anderes als Technologie, erklärt Cru Encarnação, der als einer von drei Performer*innen auf der Bühne steht.
Beschreibung verschiedener Entwicklungsstufen Künstlicher Intelligenz: "Unreal Conditions" bei Spy on Me am Berliner HAU © Dorothea Tuch
In einer Kombination aus Lecture, Computersimulation und Zauberschau werden auch die kolonialen und heterosexistischen Denkmuster und Kontinuitäten entschlüsselt, die sich hinter der Technologie verbergen.
Begleitet wird die Collage von einer wirklich nervigen und kopfschmerzerregenden Glischgeräuschkulisse. Und leider driftet "Unreal Conditionals" dabei immer wieder ins Beliebige, etwa wenn die mit Robotertentakeln zu Cyborgs verschmolzenen Performer*innen plötzlich beginnen, scheinbar grundlos in Mikrofone zu schreien. Darauf setzt ein lauter Technobeat ein und das sinnlose Geschrei hält für mehrere Minuten an.
Selbstfahrende Autos sprechen mit Dir
Einen weniger anstrengenden, dafür noch surrealeren und ebenso dystopischen Zugriff wählt die polnische bildende Künstlerin Agniezska Polska in ihrem Theaterdebüt "The Talking Car". Sie erschafft eine fiktive Welt, in der die Dimensionen Zeit und Raum verzerrt werden. Albano Jerónimo, Iris Cayatte und Bartosz Bielenia sitzen in einem sprechenden Auto, das auf den Namen Marlene hört und durch eine Landschaft fährt, in der zwei Sonnen aufgehen und die Industrieschornsteine tausend Meter lang sind.
In der ersten Hälfte persiflieren die drei Darsteller*innen eine amerikanische Kleinfamilie. Dabei gibt Albano Jerónimo, der einen grünen Morphsuit kombiniert mit einer spacigen, schnellen Brille trägt, einen wunderbar ironischen Vater, der mit stets ruhiger, tiefer Stimme spricht und Geschichten erzählt. Nach einem Streit mit Bartosz Bielenia, der als quengelnder Sohn auf der Rückbank sitzt, reißt das Familienspiel in Stücke: "If we stop pretending to be a family, what's our cover story?"
Schrittweise werden die drei Figuren dekonstruiert: Sohn Bully heißt eigentlich Tom Duere, ist im 21. Jahrhundert geboren und zwei Jahrhunderte früher gestorben. Als kleines Kind zwang man ihn, – tausend Meter lange – Schornsteine zu reinigen, in denen er jeweils über ein Jahr lang ausharren musste, teils mehrere Monate lang mit lediglich einer Flasche Sriracha Sauce, wovon er sichtlich traumatisiert ist.
Eine Familie retrofuturistisch unterwegs: Agnieszka Polskas "The Talking Car" © Bruno Simão
Polskas Science-Fiction-Universum entfaltet sich nach und nach, wobei jede neue Erkenntnis zu dessen Beschaffenheit die beiden vorherigen infrage stellt. So verwebt sich ein Netz aus Erzählungen und Informationssträngen, das sich von scheinbar Realem über halluzinogene Drogenerfahrungen bis hin zu Träumen erstreckt. Polskas Welt ist durch und durch retrofuturistisch – das Auto, die Kostüme und die Familiendarstellung erinnern an Science-Fiction-Filme der 80er oder 90er Jahre. SPAM gibt es hier nicht im Netz, sondern noch als Fleisch aus der Dose.
Beim fiktiven "Symposium of climate care"
Ein Bild von künstlicher Intelligenz, das deutlich mehr an die technischen Entwicklungen der letzten Jahre angeknüpft ist, zeigt Theresa Reiwer in ihrer Installation "Lasting Generation". Mehrere Leinwände hängen im Raum, auf denen KI generierte Avatare erscheinen. Rund eine Stunde lang ist das Publikum eingeladen, auf Sitzsäcken Platz zunehmen und den sich unterhaltenden KIs bei einem "Symposium of climate care" zuzuhören. Sie blinzeln, bewegen ihre Augen, sehen zugleich menschlich und seelenlos aus und drücken Emotionen wie "I'm angry, climate change is real" aus.
Mit ihrer Auffassungsgabe und ihrem Bewusstsein für die globale Polykrise haben sie die Menschheit schon längst überholt. Bei Reiwer werden KIs zu progressiven Subjekten, die die Welt aus aus ihrer Notlage befreien und ihre eigene Existenz gleichzeitig selbst hinterfragen – denn der Energieverbrauch des World Wide Web und die damit verbundenen Emissionen sind immens.
Der KI den Körper leihen
Ist "Lasting Generation" wirklich nur eine Videoinstallation, oder ist es schon Theater, wenn ein Publikum einer KI dabei zusieht, wie sie verschiedene Rollen spielt und mit sich selbst wie auch mit dem Publikum in Dialog tritt? In der Performance "Chatbot Challenge" von Interrobang treten die Performer*innen Christiane Kühl und Nina Tecklenburg zusammen mit dem Creative Coder Manus Nijhoff auf die Bühne.
Kühl und Tecklenburg verhandeln den Theaterraum des digitalen Zeitalters mit einer KI. Diese wird über weite Strecken des Stücks durch eine farbenfrohe, sich bewegende Seifenblase auf der Leinwand dargestellt und spricht mit abgehackter, emotionsloser Stimme und wirkt dadurch den menschlichen Performerinnen deutlich unterlegen. In einer Szene leiht Nina Tecklenburg der KI ihren Körper: Sie kann somit an der Aufführung als physischer Leib teilhaben.
Nina Tecklenburg und Christiane Kühl in "Chatbot Challenge" © Renata Chueire
Gemeinsam begeben sich Darstellerinnen und Künstliche Intelligenz auf eine Reise, zuerst in die Theaterwissenschaft zu den Begriffen Kopräsenz und Agency, dann hinter die Vorhänge der KI: Denn um sie am Laufen zu halten, werden nicht nur Unmengen an Daten benötigt. Daten müssen, um KIs zu trainieren, von prekär beschäftigten Clickworkern im Niedriglohnsektor erfasst und kategorisiert werden, auf deren Arbeit der Wohlstand der westlichen Gesellschaft zu einem Teil beruht. Schließlich endet die Reise in einer fernen Zukunft, in der die KI die menschlichen Schauspieler*innen um Welten überholt hat und alle Oskars gewinnt.
Technische Fehler als Faszination
Müssen wir jetzt also Angst vor KIs haben? Ob all unsere selbstfahrenden Autos auf eine Utopie oder Dystopie zurasen, kristallisiert sich in dem Themenschwerpunkt "Spy On Me" nicht hinaus. Die Bilder von Künstlicher Intelligenz sind so unterschiedlich wie die Inszenierungen selbst. Während "The Talking Car" diese Erde wohl gänzlich verlassen hat, ist der Ausgangspunkt der "Chatbot Challenge" der Ort, an dem sie aufgeführt wird: das HAU2.
In vielen Arbeiten kommt die KI als eine patriarchal geprägte, zugleich aber geschlechtslose Entität daher – ein Abbild der technologischen Systeme, die zwar präzise funktionieren, aber immer wieder fehleranfällig, glitchend und unberechenbar werden. Diese Glitches sind mehr als bloße technische Störungen, denn sie verdeutlichen das Unbehagen, das uns im Zusammenspiel von Mensch und Maschine begleitet. Menschen und Computer machen Fehler, doch es sind nur Computer, die glitchen. Vielleicht ist es das, was uns unterscheidet und wovon die besondere Anziehungskraft des Phänomens ausgeht.
Spy on Me #5 – Enter: AI
9. bis 19. Oktober 2024
Unreal Conditionals
von Janne Kummer
Künstlerische Leitung: Janne Kummer, Konzept: Janne Kummer, Steph Holl-Trieu, Philisha Kay & Codi Körner, Text: Steph Holl-Trieu, Philisha Kay & Janne Kummer, Dramaturgie: Philisha Kay & Steph Holl-Trieu, Technische Leitung: Anton Krause, Bühnenbild: Codi Körner, Janne Kummer, Kostüm: Codi Körner CGI, Spieldesign, Ton: FE, Prothesen, Roboter: Salvador Marino, Musikalische Leitung, Ton: Johannes Aue, In-Game Video Commission (Museum): Esben Holk, Produktion: Patrick Kohn, Projektassistenz: Maxine Vajt, Logogestaltung: Teresa Schönherr, Make-Up: Jasmin Erb.
Künstlerische Beiträge & Performance: shasti, Cru Encarnação, Josefina Maro und Salvador Marino (Post-Organic Bauplan), Voice Clones: Janne Kummer as "Love", Steph Holl-Trieu as "Grace", Philisha Kay as "Tina"
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
The Talking Car
von Agnieszka Polska
Text, Regie: Agniezska Polska, Dramaturgische Beratung: Olga Drygas, Musik: Igor Klaczyski, Licht: Rui Monteiro, Licht Operator: Pedro Guimarães, Video, Sounddesign: André Teixeira, Digitale Animation Puppen: Jeremy Coubrough, Animation Bühnenvideos: Ewa Polska, Produktionsleitung: Hugo Alves Caroça (BoCA), Administration: Joana Portela.
Mit: Bartosz Bielenia, Iris Cayatte, Nina Guo, Albano Jerónimo, Vera Mantero / Voice-over: Jasmina Polak.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
Lasting Generation
von Theresa Reiwer
Konzept, Text, Regie & Raum: Theresa Reiwer, Co-Regie, 3D-Animation & Licht: David Egger, Co-Text & Dramaturgie: Alisa Tretau, Unreal Animation & Editing: Christian Bikadi, Unreal Animation: Shaly Lopez, Bühnenbild & Plastik: Denise Flamme, Musik & Sounddesign: Bernhard Hollinger & Kenji Tanaka, Visuals: Ploypapus Phosri, Motion Graphics: Josua Rappl, Stimmen & Face Motion Capture: Manuel Elsherif, Harshini Karunaratne, Mmakgosi Kgabi, Body Motion: Rodrigo Zorzanelli, Produktionsleitung: Rodrigo Zorzanelli, Copy Editing: Benjamin Haughton, Technische Leitung: David Egger, Öffentlichkeitsarbeit: Tom Müller-Heuser.
Dauer: 55 Minuten, keine Pause
Chatbot Challenge
von Interrobang
Konzept: Interrobang, Stückentwicklung: Till Müller-Klug, Christiane Kühl, Nina Tecklenburg und Team Performance Christiane Kühl, Nina Tecklenburg, Künstliche Intelligenzen, Performance: Christiane Kühl, Nina Tecklenburg, Künstliche Intelligenzen, Dramaturgie: Lea Goebel, Anna Krauß, Mitarbeit Dramaturgie: Lara Domke, Creative Coding: Manus Nijhoff, Florian Fischer, Bühnenbild und Video: Theresa Reiwer, Video: Alexandre Silveira, Kostüm: Birke van Maartens, Musik: Friedrich Greiling, Grafik: Jürgen Fehrmann, Julia Elger, Technische Leitung und Lichtdesign: Dirk Lutz, Produktionsleitung: ehrliche arbeit, Sandra Klöss, Leitung Kommunikation: Alexandra Lauck, Social Media: Selma Böhmelmann, Öffentlichkeitsarbeit: Tina Ebert, KI-Collage: Alexandre Silveira.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.hebbel-am-ufer.de
Kritikenrundschau
Bereichert verlässt Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (11.10.2024) das HAU-Festival über die "ungeheuren Möglichkeiten und Verführungen der smarten Technologie". Agnieszka Polskas "The Talking Car" fand sie so "rätselhaft wie bildschön", Janne Kummers Arbeit "hoch informiert und spielerisch" und "Lasting Generation" von Theresa Reiwer so "lehrreich wie sehenswert".
Auf seiner Webseite dokumentiert Eberhard Spreng seinen Festivalbericht für die Sendung "Fazit" beim Deutschlandfunk (14.10.2024).
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