When I Saw The Sea - HAU Berlin
Anschwellender Panzerkettengesang
3. Juni 2025. Arbeitsmigrant*innen leben in vielen arabischen Staaten fast unter Bedingungen von Leibeigenschaft, so auch im Libanon. Der libanesische Choreograf Ali Chahrouhr legt die Geschichten von drei Frauen während des Krieges im September 2024 einem beeindruckenden Tanztheaterabend zu Grunde.
Von Sophie Diesselhorst
"When I Saw The Sea" von Ali Chahrour im HAU Berlin © Kassim Dabbaji
3. Juni 2025. Das ist kein Theater, das einen von irgendetwas erlösen will. Ganz im Gegenteil: Es produziert gezielt immer wieder Unwohlsein durch die Verzerrung seiner ästhetischen Mittel. Wenn ein Lied zu schön zu werden droht, wird es derart laut, dass einem garantiert die Ohren wehtun. Oder die Schönheit wird wie ein lästiges Insekt gekillt von einem makabren Plot-Twist: dem Tod der Sängerin.
Gefühle der Angst
Ali Chahrouhrs “I Saw The Sea” beginnt im Berliner HAU mit einer Bühne im Dunkeln, von der sich ein grell strahlender Scheinwerfer ins Publikum richtet und so stark blendet, dass man die deutschen und englischen Übertitel nur lesen kann, wenn man sich eine Hand vors Gesicht hält. Es baut sich aus Gesprächs- und Musikfetzen und bedrohlich anschwellenden Panzerkettengeräuschen ein kunstvoll komponierter Soundteppich auf, den dann einzelne anonyme Stimmen betreten, die aus Kriegserfahrung reden, Gefühle von Angst, Orientierungslosigkeit, Überwältigung beschreiben.
Zum Sprechen bringt der libanesische Choreograph hier Arbeitsmigrantinnen, also eine der vulnerabelsten Gruppen in dem ohnehin von Krieg und Chaos gebeutelten Land. Im “Kafala-System” existiert Leibeigenschaft in mehreren arabischen Ländern de facto fort – als “Sponsor” besorgt der Arbeitgeber seinen Angestellten das Visum, konfisziert dafür den Pass und macht sie damit komplett abhängig. Im Libanon gibt es diese Art von “Arbeitsbeziehung” häufig zwischen wohlhabenden Familien und ihren Hausangestellten, informiert der Programmzettel. Wer allerdings einen Dokumentartheaterabend erwartet, wird enttäuscht.
Hypnotischer Effekt
Denn obwohl zwei der drei Tänzerinnen selbst als Arbeitmigrantinnen in den Libanon gekommen sind und ihre Erfahrungen auch porträthaft in den Abend eingebaut werden, geht Ali Chahrour geradezu systematisch gegen die Gefahr des Infotainments vor, indem die individuellen Geschichen Fragmente bleiben, die sich in ein universelles Leidensbild einfügen. Nach einer endlos scheinenden Viertelstunde fährt der blendende Scheinwerfer hoch und erlöst die Publikums-Augen, und im schummrigen Halbdunkel der Bühne stehen die drei Darstellerinnen auf der spartanischen Bühne symbolisch für den schlechten Gesamt-Zustand der Welt und würden in ihren engen schwarzen Sportklamotten gleichzeitig auch ins Berghain auf die Tanzfläche passen.
Zena Moussa, Tenei Ahmad, Rania Jamal © Kassim Dabaj
Sie erzeugen in den Tanz-Szenen durch lang anhaltende Wiederholung schüttelnder Bewegungen einen hypnotischen Effekt, der ein starkes Gefühl von Stagnation und Hoffnungslosigkeit über den Bühnenrand schiebt. Zena Moussa ist die erste, die als sie selbst das Wort ans Publikum richtet: Die Madame hätte sie verhungern lassen, wären da nicht die Hausangestellten von gegenüber gewesen, die ihr heimlich Lebensmittel zukommen ließen. Irgendwann sammelte sie die Kraft zu fliehen, bekam danach zwei Kinder von einem Mann, der sich seinerseits in die Verantwortungslosigkeit flüchtete, und adoptierte ein Drittes von einer Leidensgenossin, die sich nicht darum hätte kümmern können. Gab die erfahrene Solidarität auf diesem Wege weiter.
Geburt, Tod und Wiederauferstehung
Auch Tenei Ahmad ist aus dem Abhängigkeitsverhältnis geflüchtet und hat anschließend eine Familie gegründet und schlechte Erfahrungen mit patriarchalen Strukturen gemacht – ihr Ex-Mann enthält ihr den gemeinsamen Sohn vor, und sie beschreibt, wie sie sich als Teil einer Kindergeburtstags-Bespaßungstruppe verkleidete, um ihn nach zwei Jahren endlich einmal wiederzusehen. Sie bricht anschließend in ein minutenlanges äußerst beklemmendes Hecheln aus, wie als ob sie nicht nur ihre Lebensgeschichte fürs Stück komprimieren wollte, sondern auch die vielen Angstzustände, die damit einhergegangen sind.
Für die letzte Viertelstunde kippt die Inszenierung in die Sprachlosigkeit, und Zena Moussa und Tenei Ahmad bauen zusammen mit der dritten Tänzerin Rania Jamal ein Bild auf, das zwischen Geburt, Tod und Wiederauferstehung changiert. Ein Totentuch wird auf Tenei Ahmads reglosen Körper gelegt, Zena Moussa steht im Schlussbild in ein anderes Tuch gehüllt wie eine Madonnenerscheinung im Schlaglicht.
Unter freiem Himmel
Die Musik von Lynn Adib und Abed Kobeissy begleitet das gesamte Bühnengeschehen, immer abwechselnd im Hinter- und im Vordergrund. Eine Totenklage ist das letzte Lied, in der gleichzeitig die Hoffnung auf Gemeinschaft mitschwingt. Die taucht der Abend dann für seine letzten Minuten in komplette Dunkelheit.
Der Titel “When I Saw The Sea” bezieht sich übrigens auf den September 2024, als Beirut im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz unter Angriff stand, und viele Familien ihre Hausangestellten auf der Flucht zurück- und sich selbst überließen. Auch der libanesische Staat organisierte keine Unterkünfte für Arbeitmigrantinnen, so dass sie sich an der Küste Beiruts unter freiem Himmel wiederfanden, mit Blick aufs Meer. Man braucht diese Zusatz-Infos des Programmzettels oder der Webseite, um sich der sperrigen Erfahrung des Abends anzunähern. Aber es lohnt sich.
When I Saw The Sea
von Ali Chahrour
Regie und Choreografie: Ali Chahrour, Produktionsleitung: Christel Salem, Chadi Aoun, Musik: Lynn Adib, Abed Kobeissy, Assistenz Regie & Choreografie: Chadi Aoun, Lichtdesign und technische Leitung: Guillaume Tesson, Assistenz technische Leitung: Pol Seif, Tontechnik: Benoît Rave, Szenographie: Guillaume Tesson, Ali Chahrour, Kommunikationsmanagement: Chadi Aoun, Textbearbeitung: Hala Omran.
Mit: Zena Moussa, Tenei Ahmad, Rania Jamal
Amharisch, Arabisch und Englisch / Mit deutschen und englischen Übertiteln
Europäische Premiere am 2. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
www.hebbel-am-ufer.de
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