Auf in die Revolution

25. Januar 2025. Was steckt noch in "Carmen" jenseits der Geschichte einer verführerischen Frau? Regisseur Christian Weise sucht in seiner Inszenierung am Maxim Gorki Theater nach einem anderen Umgang mit dem Opernstoff, besetzt die beiden großen Frauenrollen mit zwei Romnja und schafft eine Beseelung auch jenseits der Karikatur.

Von Georg Kasch

"Carmen" von Christian Weise inszeniert frei nach Carmen nach Georges Bizet, Henri Meilhac und Ludovic Halévy am Maxim Gorki Theater Berlin © Ute Langkafel MAIFOTO

25. Januar 2025. Wer ist Carmen? Einst von Prosper Mérimée in seiner Novelle als Schreckfigur für brave Bürger erfunden, als männerfressende Femme fatale ohne Gewissen (und auch als Beispiel für eine regellose Romni), hat sie sich bei den Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy und in den hypnotisierenden Melodien Georges Bizets zu einer selbstbewussten Frau außerhalb der Gesellschaft verwandelt, die sich nimmt, was ihr taugt. Zumindest heute ist sie uns viel näher als viele anderen Figuren der Oper, in ihrem polyamourösen Freiheitsstreben und ihrer Respektlosigkeit gegenüber einer festgefügten, obrigkeitsgläubigen Umwelt.

Herausforderungen für Regisseur*innen gibt’s genug in der Geschichte von der verführerischen Frau, in die sich der Soldat José verliebt, obwohl er die sanfte Micaëla heiraten soll: Wenn José in enttäuschter Liebe Carmen am Ende ersticht, ist das ein Femizid, der vorher durch Tarotkarten eine gewisse Unausweichlichkeit bekommen hat. Micaëla wirkt trotz ihrer komplexen Arien merkwürdig passiv, während Torero Escamillo in all seiner breitbeinigen Männlichkeit gefeiert wird.

Anderer Umgang

Für all das haben Opernregisseur*innen kluge Lösungen gefunden. Allerdings nicht für den Umstand, dass Carmen eine Romni ist. Meist wird der Umstand einfach unterschlagen, schließlich funktioniert die Geschichte auch ohne diesen Hinweis. Nun aber hat sich das Maxim Gorki Theater Bizets Oper auf die vergleichsweise kleine Bühne geholt, obwohl in Berlin sowohl die Deutsche Oper (in einer spannenden Inszenierung von Ole Anders Tandberg) und die Staatsoper (von Martin Kušej viel zu düster arrangiert) eine Produktion im Repertoire haben. Und zwar, um die Sache mit der Romni-Carmen zu verhandeln.

Gegen alle Opernklischees: Lindy Larsson ganz in pink als Carmen © Ute Langkafel MAIFOTO

Doch zunächst inszeniert Christian Weise das Werk erstaunlich buchstabengetreu auf die Bühne, in der Urfassung mit ihren gesprochenen Dialogen, mit fast allen Figuren, mit etwas eingestrichenen Chören und manchmal erweiterten Dialogen. Dass Bizets Musik – jede Nummer ein Ohrwurm – in Jens Dohles Arrangements für ein dreiköpfiges Orchester oft anders klingt, mal nach Latin-Rhythmus, mal nach Chanson oder Schlager, tut der Sache gut: Man hört neu hin. Und staunt über die Widerstandsfähigkeit der Komposition auch mit Kurt-Weill-Drive und Musical-Schmelz, die Dohle mit Steffen Illner und Dejan Jovanović (was für ein Akkordeonklang!) aufblühen lässt.

Kampf um Würde und Freiheit

Zunächst gähnt die Bühne von Julia Oschatz und Felix Remme weiß und leer, nur ein paar runde Podeste und ein großer Zylinder, der sich zuweilen öffnet und schließt, bilden eine karge Landschaft. Bis der Beamer schwarze Pinselskizzen der Bühne, Szenenanweisungen des Librettos und gelegentlich Zitate über die Flächen wirft und so leichthändig für Aha-Momente sorgt, wo andere Inszenierungen lange Einschübe oder dicke Programmhefte brauchen.

Wenn hier zunächst die Figuren in Lane Schäfers alle "Carmen"-Klischees karikierenden Kostümen herumtänzeln wie freidrehende Spieluhrenfiguren, denkt man noch: Och nö, nicht noch eine Parodie. Nichts ist ja leichter, als sich über Opernklischees lustig zu machen. Aber kaum kommt Lindy Larssons Carmen im pinken Kleid mit Tüllrand und Blume im ebenso pinken Haar auf die Bühne, ist man ihr schon verfallen. Weil seine großen Gesten immer oszillieren zwischen Drag-Diventum und Eigentlichkeit und seine große Bariton-Stimme kupferfarben leuchtet und vibriert, dass es einem unmittelbar unter die Haut kriecht: Da kämpft eine Frau um Freiheit und Würde.

Wilde Truppe: v.l.n.r.: Catherine Stoyan, Till Wonka, Lindy Larsson, Via Jikeli, Marc Benner in "Carmen" © Ute Langkafel MAIFOTO

Auch als Romni. Denn im Kern sind es hier die Rom*nja Larsson und Riah Knight, seit Yael Ronens "Roma Armee" dem Gorki verbunden, die mit englischen Texten aus ihren Rollen steigen und nach einem anderen Umgang mit Carmen suchen. Das ist oft klug, zuweilen bissig und schließt auch viele andere Problemstellen der Oper – die Frauen- und die Männerbilder, das Patriarchat, den Femizid – mit ein. Nur einmal geht es nicht ganz auf, als Larsson fordert, Carmen für immer sterben zu lassen, damit sie nicht jeden Abend neu sterben muss, allerdings genau diesen Moment vermutlich noch viele Abende lang performen wird.

Neuer Geschmack, viel Seele

Aber der Ansatz ist gut und neben Larsson auch von Via Jikeli hinreißend gespielt, die ihren Don José mit kleinem Bärtchen, Stauneaugen und großen Ladehemmungen anlegt. Eine Karikatur, ja aber mit wie viel Seele, wie viel Stimme! Stimme besitzt auch Riah Knight, aber da sie ihre Micaëla als White-Supremacist-Tussie anlegt, bleiben die Möglichkeiten der Figur an der Oberfläche. Schön der weiche Tenor Till Wonkas für den ja eigentlich breitbeinigen Escamillo. Catherine Stoyan und Marc Brenner stürzen sich mit Lust in die Nebenrollen.

Bemerkenswert ist bei der Unternehmung übrigens, wie schnell sich die Opernkonventionen – Applaus nach jeder Nummer und jedem Akt – auch hier am Schauspiel durchsetzen. Am Ende allerdings gibt es einen Moment, den man so in der Oper kaum erlebt: Da singt das Publikum unter Carmens Anleitung gemeinsam die ersten Worte einer Escamillo-Arie: "Auf in den Kampf". Und plötzlich schmeckt dieser Abend nach Revolution.

Carmen
nach Georges Bizet, Henri Meilhac und Ludovic Halévy
mit Texten von Riah Knight und Lindy Larsson
Regie: Christian Weise, Musikalische Leitung und Arrangements: Jens Dohle, Bühne: Julia Oschatz, Felix Remme, Kostüme: Lane Schäfer, Choreografie: Rônni Maciel, Livemusik: Jens Dohle, Dejan Jovanović, Steffen Illner, Lichtdesign: Connor Dreibelbis, Gesangscoach: Turan von Arnim, Dramaturgie: Endre Malcolm Holéczy, Maria Viktoria Linke, Dramaturgische Mitarbeit: Riah Knight.
Mit: Marc Benner, Via Jikeli, Riah Knight, Lindy Larsson, Catherine Stoyan, Till Wonka; Musiker: Jens Dohle, Steffen Illner und Dejan Jovanović.
Premiere am 24. Januar 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

"Die Lieder sind derart mitreißend und, vor allem von Lindy Larsson, so warm und süffig gesungen, dass man seiner queeren Carmen durchweg an den Lippen hängt", so Barbara Behrendt vom RBB (25.1.2025). "Das hilft denn auch darüber hinweg, dass dieser kurzweilige, schmissige Abend intellektuell schmal gerät. Absolut richtig, dass der Opern-Kanon mit Stimmen aus der Roma-Community mit feministischen und antirassistischen Texteinsprengseln befragt wird – aber muss es wirklich derart didaktisch formuliert sein?"

Christine Wahl lobt im Tagesspiegel (25.1.2025) den Hauptdarsteller, "weil Larsson mit traumwandlerischer Sicherheit der Versuchung widersteht, seine projektionsflächenhafte Figur – was ja ein Leichtes wäre – einfach nur in die Parodie zu treiben". Stattdessen setze er dieser Klischee-Aufhäufung mit seiner Lässigkeit, seiner Selbstverständlichkeit und seiner Physis etwas entgegen, was sich einfachen Zuschreibungen wirklich entziehe. "Und damit auch eine viel größere Stereotypensprengkraft entfaltet als einfaches Verlachen." Auch musikalisch mache der Abend "uneingeschränkt Spaß".

Dramaturgisch tue Regisseur Christian Weise seiner Produktion mit den zwischendurch von Larsson dargebrachten Erklärtexten keinen Gefallen, so Katharina Granzin in der taz (26.1.2025). "Was sollen alle offensiven Verfremdungseffekte, wenn dann doch noch einer an den Bühnenrand tritt und dem Publikum ansagt, was es denken soll?" Und weiter: "Im Übrigen mag Bizets Oper vor Klischees aller Art nur so strotzen, ist aber im gestalterischen Kern weder antiziganistisch noch antifeministisch. Schließlich ist Carmen eine der faszinierendsten Opernheroinen aller Zeiten und darf die üppigsten Arien trällern, während ihre Männer vom Komponisten mit ein paar musikalischen Brosamen abgespeist werden."

"Zwar wird das Libretto einmal komplett queer durchparodiert, wirklich antirassistisch dekonstruiert aber wird es nicht. Dazu müsste es mit reagierendem Fremdstoff angereichert werden“, notiert Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (25.1.2025). "Und dennoch gelingt Weise dank der wunderbar abgerissenen, kindlich trotzigen Szenenzeichnungen von Julia Oschatz und Felix Remme, mit denen sich die Bühne von fantastischer Berglandschaft in geritzelte Kampfarena wandelt, ein intelligent unterhaltsamer Abend."

"Es sind kleine, mal amüsante, mal anregende Diskurse, die Weise und sein Ensemble da eingestreut haben. Letztlich schürfen sie dann aber doch nicht allzu tief, denn es dominieren bei dieser 'Carmen'-Inszenierung der heitere, parodistisch-karikierende Ton und natürlich die schmissig-eingängigen Lieder", so Katrin Pauly von der Berliner Morgenpost (26.1.2025). "Sehr viel Buntes, Heiteres also ist an diesem Abend zu bestaunen und das macht neben der darstellerischen Leistung große Freude, weil so viel Liebe auch im Detail steckt."

Manuel Brug von der Welt (27.1.2025) schreibt, Christian Weise sei nicht nur "ein gesamtkunstwerklicher Könner, der Töne, Spiel, Ausstattung, Choreografie zu einem nonchalant stilisierten Musiktheaterganzen fügt", er habe auch Respekt und Hochachtung vor den Autoren Bizet, Meilhac und Halévy. "Ja, diese zweistundenkurze 'Carmen' für sechs Darsteller und drei Musiker ist Romnja-respektvoller, witziger und kurzweiliger als viele seriös-pseudoaufgeklärte Inszenierungen an Profi-Tonscheunen. Und macht doch jeden Moment klar, dass hier stilisiert lustvoll mit Versatzstücken gespielt wird, die eigentlich nicht mehr gehen, aber blendend funktionieren."

 

Kommentare  
Carmen, Berlin: Hochglanz-Klassiker
Christian Weise bietet einen eigenwilligen Mix aus viel Cross-Gender-Slapstick-Dekonstruktion des Librettos, einer gehörigen Portion nachdenklichen Diskurstheaters, aber auch mit dem Best of der Ohrwurm-Arien dieser Georges Bizet-Oper.

Highlight des Abends ist eindeutig Lindy Larsson: in der Titelrolle performt er als Diva und Femme Fatale, tritt aber auch häufig aus dieser Rolle und thematisiert, wie die Figur als exotische Projektionsfläche über anderthalb Jahrhunderte die männlich dominierte Gesellschaft triggerte. Wieder einmal handelt es sich im klassischen Kanon um ein Femizid-Opfer.

Der von drei Live-Musikern (Jens Dohle, Steffen Illner, Dejan Jovanović) begleitete Abend hangelt sich am roten Faden des Librettos von Henri Meilhac und Ludovic Halévy entlang, das wiederum auf der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée basiert. Widerpart von Larssons Carmen ist Don José, den Via Jakeli wie schon bei ihrem Debüt am Haus in „Der Untertan“ als aufgeblasene Wurst toxischer Männlichkeit anlegt und dabei einen Kopf kleiner ist als die Angebetete.

Interessant wird es immer dann, wenn Larsson die Slapstick-Ebene verlässt, aus dem sechsköpfigen Ensemble herausdreht und unter die Oberfläche des Hochglanz-Klassikers bohrt. In den Ankündigungen dieser Premiere dominierte vor allem die Roma-Herkunft der Carmen-Figur, die sie mit Hauptdarsteller Larsson und Riah Knight (auf der Bühne als Micaëla und Teil der Schmuggler-Bande, Mitarbeit an Text und Dramaturgie) teilt. Auf charmante, unaufdringliche Art plaudert sich Larsson durch die Gedankengänge des Produktionsthemas, fragt nach alternativen Enden, die der Carmen dann doch verwehrt bleiben, und analysiert die Beziehungs- und Machtstrukturen der Figuren.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/01/24/carmen-gorki-theater-kritik/
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