Im falschen Bau kein richt'ges Leben

19. Oktober 2024. Franziska, ungestüm, möchte die Welt verändern. Und scheitert an den Verhältnissen des real existierenden Sozialismus. Autorin Brigitte Reimann setzte in ihrem unvollendeten Roman "Franziska Linkerhand" der DDR und ihren Utopien aufrührerisch ein Denkmal. Am Gorki erzählt Sebastian Baumgarten den Stoff ins Heute fort. 

Von Esther Slevogt

"Linkerhand" nach Brigitte Reimanns Roman, am Gorki Berlin von Sebastian Baumgarten inszeniert © Ute Langkafel/Maifoto

19. Oktober 2024. Es geht ums Bauen. Ums Bauen von Häusern und das Bauen einer besseren Welt. Und so wird die Bühne oft selbst zum Protagonisten: zur Baustelle etwa, auf der Sam Chermayeff, der im richtigen Leben passenderweise selbst eigentlich Architekt und kein Bühnenbildner ist, immer wieder ein Ballett der Bauteile choreografieren lässt.

Utopien einer neuen Gesellschaft

Umwölkt von Bühnennebel schweben dann vor ohrenbetäubender Soundkulisse große Fertigteile künftiger Häuser über der Szene auf und ab. Ein Gewitter aus Videobildern von Chris Kondek mischt die Szene mit den tanzenden Riesenteilen ebenfalls auf. Wir sehen jene sprichwörtlichen Platten aus dem Bühnenhimmel taumeln, die einmal Signatur des DDR-Wohnungsbaus waren. Als man bezahlbare, helle Wohnungen für die Werktätigen, aber auch eine gerechtere Gesellschaft aufbauen wollte.

"Wir sind stolz auf die erste Stadt, die ausschließlich mit vorgefertigten Elementen und mit Hilfe der modernsten Technik gebaut wird", sagt Projektleiter Genosse Schafheutlin einmal zu Franziska Linkerhand, seiner neuen Mitarbeiterin, die einen Job in dieser fiktiven, gerade entstehenden Neustadt der prestigeträchtigeren Arbeit mit einem bedeutenden Architekten vorgezogen hat.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Franziska Linkerhand, das ist auch die Protagonistin des gleichnamigen (und unvollendet gebliebenen) Romans der Schriftstellerin Brigitte Reimann, die 1973 im Alter von 39 Jahren an Krebs starb. Der Roman ist in den letzten Jahren mit Wucht wiederentdeckt worden. Eine Geschichte, die den individuellen Glücksanspruch am Glücksanspruch der Gesellschaft misst – die eine von diesem Spannungsfeld immer wieder zerrissene Protagonistin ebenso beschreibt wie die an den Widersprüchen zwischen Anspruch und Wirklichkeit zerbrechenden Utopie des Sozialismus.

Linkerhand 2 CUte Langkafel MAIFOTO uAm Bau: Maria Simon, Till Wonka, Katja Riemann © Ute Langkafel / Maifoto

Von der Geburt der DDR aus den Trümmern von Faschismus und Krieg wird erzählt. Vor allem aber von den heillosen Liebesversuchen des Romanpersonals, allen voran die der jungen Architektin Franziska Linkerhand, deren Gedanken- und Gefühlswelt die flirrende Prosa Brigitte Reimanns geradezu soghaft schildert und in die sie das Romangeschehen einbettet.

Sebastian Baumgarten nimmt in seiner Inszenierung nun den Romanstoff als Folie, um daran Projekte und Utopien des 20. Jahrhunderts einer Revision zu unterziehen. Denn was damals himmelstürmend zum Beispiel Jahrtausende alte Konzepte von Städtebau über den Haufen warf – wie mit Le Corbusiers "Carta von Athen" aus dem Jahr 1930 (die einmal auch an eine Videowand projiziert wird), schuf nicht etwa ein bessere Welt, sondern soziale und ökologische Katastrophengebiete, in denen oft auch menschenfeindliches Gedankengut keimt. Das Bauen, wie es einmal Architekturstars des 20. Jahrhunderts wie Oscar Niermeyer proklamierten – den die Inszenierung im Video KI-animiert auch einmal selber zu Wort kommen lässt – hat sich als genauso totalitär und gegen die Natur der Dinge (und Menschen) gerichtet erwiesen wie dazugehörige gesellschaftliche Utopien.

Wüsten der Gegenwart

So in etwa könnte man den Befund dieses Abends zusammenfassen, der seine Beweisführung anhand des Romanstoffs unternimmt: wie Franziska nach und nach erkennt, dass die Utopie, auf die sie zunächst alles setzte, ein Trugbild ist, das auf seiner Kehrseite eher Verwerfungen und Gewalt produziert. Baumgarten stellt drei Franziskas auf die Bühne: Katja Riemann, Maria Simon und Alexandra Sinelnikova, als unterschiedliche Variationen ihrer Persönlichkeit – wobei sich diese Frauen auch manchmal von der Protagonistin abspalten und Katja Riemann etwa harsche wie bittere Verliererinnen des Systems wie die Sekretärin Gertrud spielt, eine Trinkerin, die sich irgendwann das Leben nimmt.

Linkerhand 1 CUte Langkafel MAIFOTO uDie drei Franziskas: Alexandra Sinelnikova, Katja Riemann, Maria Simon © Ute Langkafel / Maifoto

Till Wonka und Aleksandar Radencović treten als unterschiedliche love interests von Franziska in Erscheinung. Falilou Seck verkörpert verschiedene autoritäre Vaterfiguren.

Man schaut dem gerne zu, doch dauert es deutlich zu lange, bis sich die Intention des Abends, nämlich die hochtrabenden Utopien des 20. Jahrhunderts als Keimzellen sozialer, politischer und ökologischer Wüsten der Gegenwart zu beschreiben, von der zu linear erzählten Romanhandlung zu lösen beginnt. Dazu tragen sicher auch die für das Gefühl der Kritikerin immer wieder viel zu stark in die Karikatur getriebenen Figuren bei. All die so großes Begehren produzierende Sinnlichkeit, mit denen sie einst Brigitte Reimann ausgestattet hat, ist darin kaum wiederzufinden. Das reduziert den an sich spannenden Befund, den Baumgarten seiner Inszenierung zu Grunde legt, letztlich auf die etwas simple Erkenntnis, dass mit solchem Personal der Bau einer besseren Welt eben nicht zu stemmen ist.

Linkerhand
nach dem Roman "Franziska Linkerhand" von Brigitte Reimann
Bearbeitung für die Bühne von Sebastian Baumgarten und Holger Kuhla
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Sam Chermayeff Office, Kostüme: Eleonore Carrière, Musik & Sounddesogn: Hanns Könnecke, Videodesign: Chris Kondek, Lichtdesign: Christian Gierden, Dramaturgie: Holger Kuhla.
Mit: Aleksandar Radencović, Katja Riemann, Falilou Seck, Maria Simon, Alexandra Sinelnikova, Till Wonka.
Premiere am 18. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

Kritikenrundschau

"Theater, das so sinnlich und inspirierend ist wie eine Plakatausstellung in den Fluren einer Bildungsbehörde, aber nicht ganz so informativ", hat Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (19.10.2024, €) im Gorki gesehen. "Die Spielszenen sind nicht mehr als aus dem Zusammenhang des Textes gerissene Versatzstücke. Sie werden so lieblos zu Kartenhäusern montiert wie die letzten DDR-Provinz-Plattenbauten aus der Mangelware, die die Hauptstadt übriggelassen hat", urteilt der Kritiker. Die Schauspieler legten ihre Auftritte entsprechend "als schnelle Übungen auf Kommando hin".

Was in Baumgartens Inszenierung paradoxerweise ähnlich kurz komme wie in den Wohnungsbauplänen, die in "Franziska Linkerhand" verhandelt würden, sei der Mensch, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (19.10.2024, €). "Szenen werden eher anskizziert als ausgespielt, sodass kaum je überhaupt nur Ansätze von Figuren entstehen. Vielmehr agieren hier Typen auf der Bühne, wie man sie schon in vielen Inszenierungen sah: irgendwie semi-ironisch abgesichert, mit leichtem Drive in die Karikatur, unverbindlich, austauschbar und also an nahezu jeden Inhalt anschlussfähig." 

Von einer "äußerst öden Bühnenbaustelle" berichtet auch Barbara Behrendt im rbb (19.10.2024). Vom "großen Liebes- und Lebenshunger" der Titelheldin seien auf der Bühne "nur klägliche Reste gelieben", auch "von der poetischen Reimann-Sprache" seien "im lärmenden Sound kaum mehr Späne" übrig. "Es ist, das ist zumindest ungewöhnlich, eine Inszenierung zur Geschichte des sozialistischen Städtebaus", die sich "mehr und mehr zur Lehrstunde für Architektur-Aficionados entwickelt", so die Kritikerin. Nur wirke sie letztlich selbst ein wenig "wie eine Bauruine von vorgestern".

Zwischen "Stakkatosätzen und Knatterkomik" erlebte Elena Philipp für die Morgenpost (20.10.2024) Reimanns Romanstoff am Gorki, es fehle der Inszenierung "Zeit, der Sprache nachzulauschen"; sie biete nurmehr "Versatzstücke" des Romans und ein "Gewirr der Zeichen".

"'Linkerhand' tippt viele Themen an, traut sich zumindest zur Premiere leider weder in inhaltliche noch in emotionale Tiefen zu gehen, schreibt Tom Mustroph in der taz (21.10.2024). Differenzierung bleibe auf der Strecke, die Figuren seien zu Klischees verzerrt. "Eine Spur von Individualität darf sich immerhin Katja Riemann als Linkerhand-Freundin Gertrud leisten; ein paar gespielte Promille weniger im Blut dieser Desillusionierten hätten der Figur allerdings mehr Gewicht verliehen."

Kommentare  
Linkerhand, Berlin: Fiebrig-assoziativer Trip
Die Handschrift von Sebastian Baumgarten ist in dieser neuen Gorki-Inszenierung klar erkennbar: wieder ein fiebrig-assoziativer Trip in die jüngere Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts, die von wuchtigen Sounds und vor allem den Videos von Chris Kondek dominiert wird.

In weniger als zwei Stunden sprintet die Inszenierung durch markante Stationen des DDR-Kultromans "Franziska Linkerhand", den Brigitte Reimann nicht mehr vollenden konnte. Sie erzählt von einer jungen Architektin, deren Ideale und Träume sich in der Provinz (Neustadt alias Hoyerswerda) an den verkrusteten Strukturen des Sozialismus reiben. Aufgesplittet auf drei Spielerinnen im Kurzhaar- und Ringelpulli-Einheitslook werden die verschiedenen Facetten der Titelfigur deutlich: Alexandra Sinelnikowa, die vor einem Jahr neu ins Gorki-Ensemble kam, spielt die vorwärts Stürmende, die am Zynismus der Vorgesetzten und Parteikader (gespielt von Falilou Seck und Till Wonka) zerschellt. Die abgeklärteren Passagen der Franziska Linkerhand übernehmen zwei bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen: Maria Simon, langjährige Polizeiruf-TV-Kommissarin in Brandenburg, in ihrer ersten Gorki-Gastrolle und Katja Riemann, einer der Stars des Beziehungskomödien-Booms der 1990er Jahre, die zum zweiten Mal nach Sibylle Bergs "Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden" an Shermin Langhoffs Haus gastiert. Letztere hat auch einen komödiantischen Auftritt als Trinkerin Gertrud, die ihren Frust mit zu viel Alkohol herunterspült. Beide Gast-Stars fügen sich in das Regiekonzept ein.

Dieses stellt immer häufiger Fremdtexte in den Mittelpunkt und löst sich von der Hauptfigur. Von vornherein kamen das Privatleben und die Liebessehnsucht der Franziska Linkerhand kurz, nur eine Randrolle spielt Gorki-Rückkehrer Aleksandar Radenković als Ben. Die politische Desillusionierung der jungen Frau interessierte Regisseur Sebastian Baumgarten und Dramaturgen Holger Kuhla in ihrer Stückfassung wesentlich mehr.

Im letzten Drittel geht es in assoziativem Ritt durch die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts und das Scheitern all der Utopien von lebenswerteren Städten. Um zwischen all den Videos und Schriftzügen, die aufblinken, den Überblick zu behalten, empfiehlt es sich, einen soliden Grundstock an Wissen über Architektur- und Zeitgeschichte mitzubringen. Sonst rauschen die Info-Häppchen zu schnell vorbei.

Desillusioniert landet die Inszenierung schließlich bei den rassistische Progromen in Hoyerswerda kurz nach dem Mauerfall, womit der Zeitgeschichts-Trip sehr unvermittelt endet.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/10/19/linkerhand-gorki-theater-kritik/
Linkerhand, Berlin: Utopie?
Von einer „Utopie" des Sozialismus, wie in der vorliegenden Rezension beschrieben, wurde in „Franziska Linkerhand“ nicht erzählt. Vielmehr geht es um die Kritik an dem demokratischen Zentralismus der DDR, der die Interessen der unteren Ebenen der Arbeiter zu wenig miteinbezog. Franziska Linkerhand vertritt die Ansicht, aus Neustadt einen Ort zu schaffen, der nicht nur zum Überleben, sondern auch zum Leben reicht. Dafür versucht sie als Architektin Grünflächen und Kulturangebote im Wohnviertel durchzusetzen. Aufgrund ihres jugendlichen Leichtigkeitssinns, mit dem sie diese Ideen präsentiert, mögen diese vorerst übersteigert wirken. Doch mit der Zeit stellt sich heraus, dass sie tatsächlich auch zum Überleben der Bewohner notwendig sind, was nicht zuletzt an dem Suizid der alkoholkranken Gertrud erkenntlich wird. Immer wieder tauchen Szenen auf, die auf den Keim dieses Problems hindeuten – der Chef Schafheutlin, der im Widerspruch zu Franziska nur halbherzig seinen Job ausübt, und ein Schwarzmarkt, der mit der Zeit immer höher zum Tragen kam. Reimann kritisiert die Machtverhältnisse in der DDR, die den berechtigten Stimmen der niederen Ebenen zu wenig Gehör schenkten, und die Geldmittelverteilung, die allzu oft den Brieftaschen der Leitungsebene und nicht dem normalen Bürger zugutekam.

Nicht jedoch kritisiert Reimann die Idee des Sozialismus an sich. Es wäre zu leicht, das Problem der Geschichte kurzerhand auf „das System“ abzuwälzen. Immer wieder hebt Reimann die Fortschritte der DDR hervor, z.B. mit der Kita an jeder Ecke im Wohnviertel oder auch dem Fokus auf weibliche Kaderbildung. Auch die Figur der Franziska an sich stellt die DDR als unabhängige Frauenfigur in ein positives Licht. Sie hat in der DDR die Möglichkeit auf hohe Bildung und beschreitet ihr Leben unabhängig von einem Mann, wobei ihr bürgerlicher Hintergrund nicht unbeachtet bleiben soll. Sie ist weltoffen, so zeigt sie z.B. Interesse an der Freundschaft zu der alkoholkranken Gertrud, und ein Freigeist, was sich an ihrem Mut zur Veränderung erweist. Damit stellt sie die DDR in ein positives Licht, auch wenn ihr Mut an die Grenzen der UMSETZUNG des Systems stößt. All diese Elemente verweisen darauf, dass Reimann, im Übrigen selbst überzeugte Sozialistin, nicht die Absicht hatte, den Sozialismus grundsätzlich in Frage zu stellen. Vielmehr suchte sie im Rahmen des Bitterfelder Wegs, der Kritik an den Arbeits- und Lebensumständen in der DDR als notwendig für die Entwicklung der DDR ansah, Kritik an ebendiesen zu üben.

Schauen wir uns heute den Wohnblock Pallasseum oder den Wohnkomplex in der Schlangenbader Straße in Westberlin oder auch die Container-Unterkünfte für Flüchtlinge, die überall in Berlin verteilt sind, an, so spricht niemand von der „Utopie des Kapitalismus“. Die wenigsten stellen das System des Kapitalismus aufgrund von Armut, von der gut jeder fünfte Mensch in Deutschland betroffen ist, in Frage. Die wenigsten stellen den Kapitalismus deshalb als bloße „Utopie“ dar. Dementgegen geht dies in Bezug auf die DDR oft rasch vonstatten.
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