Eine wie wir 

17. Februar 2025. 1997 schrieb Martin Crimp ein Stück über eine Figur, die in ihre medialen Spiegelungen zerfällt. Im Social-Media-Zeitalter wirkt "Angriffe auf Anne" geradezu prophetisch. Lilja Rupprecht hat's an der Schaubühne als melancholische Komödie mit tollen Kostümen inszeniert.

Von Simone Kaempf

"Angriff auf Anne" von Martin Crimp an der Schaubühne Berlin © David Baltzer

17. Februar 2025. Ein Dutzend Anrufe gehen anfangs auf einem Anrufbeantworter ein. Vom Liebhaber, der sich versöhnen will, besorgten Bekannten und den Eltern, die eine Nachricht hinterlassen. Ein Autohaus ruft an, eine Galeristin meldet sich mit gekünstelter Begeisterung für ein Werk, das Anne offensichtlich geschaffen hat. Aber auch konspirative Anweisungen in einer fremden Sprache sind zu hören, eine Morddrohung und eine Sex- und Gewaltphantasie. Bis alles wieder gelöscht wird. Von Anne selbst, an die alles gerichtet ist? Einem Fremden? Jedenfalls scheint sie mehrere Leben zu führen, von denen die da draußen nichts wissen. Oder ist auch das Suggestion?

Prophetisches Stück über Identitätsverlust im digitalen Zeitalter

Anne bleibt die Abwesende in Martin Crimps "Angriffe auf Anne". Der britische Dramatiker hat das Stück 1997 geschrieben, als er Writer in Residence am Londoner Royal Court war, zur Anfangszeit des Internet also, als mediale und digitale Gleichzeitigkeit gerade erst begannen, stabile Identitäten ins Wanken zu bringen. Crimps Stück war wirklich früh dran und ist bestens gealtert. Verschiedenste szenische Momentaufnahmen reichen im weiten Bogen von einem Polizei-Verhör bis zu einem Drehbuch für Auto-Werbung, das "Anny" als neues Auto-Modell in höchsten Tönen lobt. "Niemand im Anny lügt, betrügt oder stiehlt." Crimp geht so weit, Anne als Automodell zu bezeichnen und treibt mit den Zuschreibungen ein sein satirisches Spiel.

angriffeAAnne155A c David Baltzer bildbuehne deWer oder wo ist Anne? Jule Böwe im Kostüm von Annelies Vanlaere © David Baltzer

Regisseurin Lilja Rupprecht rollt die Satire des Stücks dankbar auf. Die Inszenierung beginnt vielversprechend. Auf einer Showbühne führen drei Treppen hoch zu einem Fahrstuhl-Eingang. Auf einer Leinwand kommt viel Video zum Einsatz, die Kamera bleibt sichtbar auf der Bühne stehen – das ganze offene Setting wirkt wie aus den Nullerjahren, als das medial Gemachte auf der Bühne gerne offensiv sichtbar gemacht wurde.

Tolle Kostüme für eine Komödie

Jule Böwe und Kay Bartholomäus Schulze räkeln sich gedoppelt als Liebespaar, einmal verkitscht in den Kissen und dann subtil gefährlicher auf der großen Video-Leinwand. Als Marcel Kohler in der Enge des Fahrstuhls von der Zerstörung der Natur erzählt, gefilmt aus Überwachungskamera-Perspektive, entwickelt sich momentweise Unbehagen angesichts der vielen dysfunktionalen Beziehungen, um die es im Stück auch geht. 

angriffeAAnne230A c David Baltzer bildbuehne deBuntes Treiben in zerstörter Biographie: Kay Bartholomäus Schultze, Jule Böwe und Marcel Kohler © David Baltzer

Rupprecht bringt das alles bunt auf die Bühne, mit vielen Kostümwechseln, ein Spielzeughund wird an der Leine gezerrt, esoterische Lichtspiele bebildern das Reden von der Zerstörung. Die Mutter wird verdreifacht zu einer Senioren-Runde: silberhaarig, adrett im Kostüm, mit grinsenden Gesichtsmasken und großen Kulleraugen. Was für Verkleidungen. Mit klaffenden Mündern umkreisen die Damen ihr Kaffeeklatsch-Bild von Anne: "Die Arbeit als Reiseleiterin macht ihr Spaß, weil sie gern neue Menschen kennenlernt." Bei Rupprecht ist die Szene eine Komödie.

Melancholie mit Robbie Williams

Auch wenn der verlorene Sohn aus einem übergroßen Stoffhirn kriecht, um nach langen Jahren die Eltern wiederzusehen, dann ist das von Marcel Kohler witzig gespielt. Aber das alles hinkt Crimps böser Satire um einiges hinterher und bleibt viel braver, als es von ihm gemeint ist. Die Wendung, dass in Anne eigentlich eine Terroristin steckt, geht unter, obwohl das Stück gleichzeitig so textgetreu gespielt ist, dass sogar alle Szenen-Überschriften eingeblendet werden. 

angriffeAAnne146A c David Baltzer bildbuehne deAnne bleibt ein Mysterium: im Bühnenbild von Annelies Vanlaere © David Baltzer

So kommt der Abend seiner abwesenden, allen entschlüpfenden Figur nicht auf die Spur, so viel auch von ihr die Rede ist. Er baut auch keine Drohkulisse auf, schafft am ehesten noch melancholische Stimmung – wenn etwa Fabian Ristau herzzerreißend Robbie Williams' "She offers me protection" anstimmt, oder wenn Jule Böwe als Putzfrau erst den Boden wischt, dann innehält und die Frage, ob die verhaftete Anne wirklich dieselbe kleine Anne wie früher ist, immer neu variiert und mit dem ihr ganz eigenen Sound steigert. Aber das Drama unterschiedlicher Wahrnehmung und einer entfremdeten Existenz will an diesem Abend einfach nicht zünden. 

Angriffe auf Anne 
von Martin Crimp
Übersetzung von Falk Richter
Regie: Lilja Rupprecht, Bühne und Kostüme: Annelies Vanlaere, Musik: Fabian Ristau, Video: Rebecca Riedel, Dramaturgie: Bettina Ehrlich. 
Mit: Jule Böwe, Marcel Kohler, Kay Bartholomäus Schulze, Fabian Ristau (Live-Musik). 
Premiere am 16. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

Kritikenrundschau

Michael Wolf denkt im nd (18.2.2025) über einen Umschlagpunkt der Dramatik in den 1990er Jahren nach: Vorher ging es in der Dramatik im Wesentlichen um Faschismus, danach um Identität. Martin Crimps Stück markiere diese Schwelle. "Man versteht rasch, warum dieses zeitgeistpralle Stück damals ein Hit wurde." Allerdings vermittle es sich nicht mehr richtig in die Gegenwart. Regisseurin Lilja Rupprecht "versagt sich der Aktualisierung und versucht das Stück mit Ausstatterin Annelies Vanlaere auch aus seiner Entstehungszeit zu lösen. Man bekommt jede Menge Kostümwechsel zu sehen, das Ensemble trägt immer wieder monströse Masken, probiert mal diese, mal jene Spielhaltung aus. An Aufwand wird nicht gespart bei dieser gut eineinhalbstündigen Identitätsfindung, doch ist die Mühe auch sichtbar."

Für "Kultur heute" im Deutschlandfunk (17.2.2025) berichtet Eberhard Spreng (hier in seinem Blog nachzulesen): "Martin Crimps 'Angriffe auf Anne' ist ein früher, medienkritischer und fast schon prophetischer Beitrag für eine Identitätsdebatte, die sich erst im 21. Jahrhundert voll entfalten sollte. Die Ausgrabung in der Schaubühne ist eine melancholische Revue und Kostümschau: Regieideen folgen aufeinander, sie alle sind eher Illustrationen. Eine theatrale Dringlichkeit des Vorhabens wird so nicht erkennbar."

Für Georg Kasch in der Morgenpost (18.2.2025) "bleibt der Text bei aller konkreter Verortung, den er bei Rupprecht erlebt, eher blass. Dass er auch Witz besitzt in seiner Überspitzung, ahnt man eher, als dass man mal schmunzeln müsste. Dass er verstören will, merkt man an den Schimpfwörtern, nicht am harmlosen Bühnengeschehen."

"Crimps Text fährt Emotionen rauf und runter. Er spielt dabei mit der Idee, dass die Dar­stel­le­r:in­nen den Faden selbst aufnehmen und variieren", berichtet Katrin Bettina Müller in der taz (19.2.2025). Vieles von Crimps gruseligen Einfälle sei "in der Gegenwart beklemmend real geworden". Regisseurin Lilja Rupprecht lasse Jule Böwe, Marcel Kohler und Kay Bartholomäus Schulze von Live-Musik begleiten, "die melancholische Kontrapunkte setzt, wo der Text sich berauscht an aktionreichen und oft gewaltgetränkten Fantasien".

Kommentare  
Angriffe auf Anne, Berlin: Beliebig
Wiederkehrende Motive gibt es durchaus, aber eine Handlung wird man vergeblich suchen. So fasste der britische Dramatiker Martin Crimp sein Stück „Attempts on her life“ in einem Interview mit Nils Tabert (Rowohlt Theater Verlag) zusammen, als es 1998 erschien.

Die 17 Crimp-Szenen verteilt Rupprecht auf drei Spieler*innen: die bewährten Schaubühnen-Ensemble-Mitglieder Jule Böwe und Kay Bartholomäus Schulze sowie Marcel Kohler in seiner zweiten Neuproduktion nach dem Wechsel vom DT an den Ku´damm. Sehr entschleunigte Szenen wechseln sich mit Bildgewittern (Video: Rebecca Riedel) und einer Techno-Einlage, bei der alle drei Spieler*innen rote Lack-Kleidchen tragen. Die Kostüme von Annelies Vanlaere geben dem Abend seine Schauwerte: immer wieder überrascht sie mit neuen Ausstattungs-Ideen, lässt das Ensemble in Omi-Puppen-Kostümen oder Jule Böwe als Prinzessin mit Krönchen auftreten. Schön waren auch die Gesangseinlagen von Böwe und Kohler, die von Live-Musiker Fabian Ristau begleitet wurden.

Doch all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Miniaturen all zu beliebig wirken. Martin Crimp schrieb eine postmoderne Spielerei, die in den vergangenen drei Jahrzehnten zurecht in den Schubladen verstaubte und sich trotz der Spielfreude des Ensembles nicht für weitere Reanimierungs-Versuche empfehlen konnte.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/02/16/angriffe-auf-anne-schaubuehne-kritik/
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