Wachs oder Wirklichkeit - Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin
Sgt. Marthaler's Lonely Hearts Club
14. März 2025. Christoph Marthaler lässt sich nicht von Künstlicher Intelligenz foppen, sondern stellt sich dem Menschen in seiner ganz eigenen Künstlichkeit und rührenden Realität. Mit "Wachs oder Wirklichkeit" führt er uns in ein Wachsfigurenkabinett, wo Taylor Swift zum Leben erwacht.
Von Simone Kaempf
"Wachs oder Wirklichkeit" von Christoph Marthaler an der Volksbühne Berlin © Matthias Horn
14. März 2025. Eine "Wirklichkeitsbetastung" ist an diesem Abend angekündigt. Ein ergebnisoffenes "Happening in ruinösen Zeiten", verbunden mit der schönen Einladung, dass alle, die sich darunter nichts vorstellen können, zum idealen Besucher:innenkreis gehören.
Allein diese Vorankündigung ließ einen im Vorwege schon vergnüglich werden. Dazu ein Bild mit einem Teil des Ensembles, aufgestellt wie im Wachsfigurenkabinett und mit KI-Filter bearbeitet. All das zusammen täuscht nicht: Die Euphorie über die neue KI-Zeit wird an diesem Abend ad absurdum geführt zugunsten einer fein-humorigen Melancholie des allzu menschlichen Scheins und Seins.
Marthaler goes Madame Tussauds
Regisseur Christoph Marthaler, Anna Viebrock, Malte Ubenauf und Ensemble widmen sich in "Wachs oder Wirklichkeit“ der Frage nach Wirklichkeit und Fake. Ein Menschenpanoptikum ist dafür originalgetreu nachgebaut, und darin versammelt sich eine bunte Mischung wachsgesichtiger menschlicher Doubletten. Heino erkennt man sofort mit seiner blonden Perücke und der Sonnenbrille, Lady Diana mit ihrer blonden Föhnfrisur. Auf die Empore ist Karl Lagerfeld gestellt mit seinem silbernen Haarzopf. Und die Lady in silbernen Cowboy-Stiefel scheint Taylor Swift zu sein.
Die gefreezte Sängerin erwacht zum Leben, wie ein Teil der bunt kostümierten Truppe, und Tora Augstad schlüpft tatsächlich in die Schlagerstar-Rolle, präsentiert sorgfältig ausgegrabenes Liedgut: "Nimm mich mit in die Wirklichkeit, irgendwas nimmt mir die Sicht. Nur durch einen Spalt seh ich dieses wunderbare Licht." Ein Lied aus den Neunzigern, das es tatsächlich gab. Wurde die Wirklichkeit je so schön besungen?
Vom Oratorium mit Gesangbuch bis zum 80er-Pop reicht dies Playlist des Abends. Einmal wird Diane Warwicks Hit "That's what friends are for" angestimmt, und jeder sucht sich einen Avatar, den man ansingen kann, Magne Håvard Brekke als verstrubbelter Einstein die ihn überragende Lady Di, Tora Augstad sitzt im Schatten von Montserrat Caballé. Schräge Lonely Heart Club-Stimmung kommt auf.
Nur echt mit Heino im Bild: vorn Jürg Kienberger und Hildegard Alex © Matthias Horn
Das Wachsfigurenkabinett lädt zu Komik ein, keine Frage, und Christoph Marthaler trotzt der Szenerie einige Szenen schönster widerspenstiger Begegnungen ab. Da geraten einige Figuren wie von Geisterhand schwankend aus dem Gleichgewicht, bis sie tot zu Boden fallen, andere werden wie Puppen mit steifen Gliedern auf die Bühne getragen, um sich lebendig aus dem Staub zu machen.
Die Komik bleibt in "Wachs oder Wirklichkeit" aber in Balance mit den melancholischen Tönen. Das ist absolut hochmeisterlich gemacht. Von Tod, Untergang, Ende ist immer wieder die Rede. Viele Texte des Schweizer Schriftstellers Jürg Laederach sind eingeflossen, in denen es um die Dialektik des Verschwindens geht. Clemens Sienknecht erzählt davon, wie erstrebenswert es ist, all sein Geld auszugeben, bevor das Geld selber verschwindet. "Dann hat man einen Vorsprung, wenn die anderen kein Geld mehr haben." Und die Geschichte von Klein H. aus Pankow South wird in drei Teilen als Stück im Stück erzählt: über das Zusammenkommen eines skurrilen Freundeskreis und eine Liebesgeschichte, "die mit einer Zurückweisung begann. Ganz normal".
Abwehrzauber gegen KI
Marthalers Handschrift ist an diesem Abend deutlich erkennbar, alles andere wäre auch verwunderlich. Was er und das Ensemble auf die Bühne bringen, fügt sich aber nicht nur ausnehmend glücklich zusammen, sondern erhält durch die, ja, Realität ein ganz eigenes Framing. Überall wird mit so viel Euphorie und Aufgeregtheit über KI debattiert, dass hier ein wohltuender Abwehrzauber entsteht, der poetischere Fenster öffnet und die Idee der künstlichen Nachbildung mit dem menschlichen Makel konfrontiert.
Ein Oratorium und ein Abgesang steckt auch in dem Abend. Der ermüdende Mensch hat hier seine Auftritte, nicht in der Zeit-Zerdehnung, dazu schnurren die Szenen wie am Schnürchen. Aber Sätze wie "Mir gelingt nichts, aber ich versuche auch nichts" durchziehen die Szenen, und natürlich verkörpern die Wachsfiguren auch die menschliche Erstarrung.
Hausmeisterin mit dem Mängelwesen-Wedel
Über all dem wacht als Mischung aus Wärterin und Hausmeisterin die Schauspielerin Hildegard Alex. Mit einem Staubwedel putzt sie den Menschen auf der Bühne, den echten wie wächsernen, den Staub herunter. Das ist viel mehr als ein Running-Gag. "Nicht einschlafen" bellt sie herum und rückt aufmunternd den Mängelwesen zu Leibe. Eine muss die Dinge schließlich am Laufen halten. An diesem schönen, tief schürfenden Marthaler-Abend gelingt das rundherum.
Wachs oder Wirklichkeit
von Christoph Marthaler, Anna Viebrock, Malte Ubenauf und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler, Musikalische Leitung: Tora Augestad, Jürg Kienberger, Clemens Sienknecht, Bühne: Anna Viebrock, Kostüme: Dorothee Curio, Licht: Frank Novak, Dramaturgie: Malte Ubenauf, Sabine Zielke.
Mit: Hildegard Alex, Tora Augestad, Franz Beil, Magne Håvard Brekke, Olivia Grigolli, Altea Garrido, Jürg Kienberger, Rosa Lembeck, Clemens Sienknecht.
Premiere am 13. März 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.volksbuehne.berlin
Kritikenrundschau
"Was für eine berührende Rückkehr, die zudem ganz ohne Nostalgie auskommt!", ruft Jakob Hayner in der Welt (15.3.2025) aus. "So wundervoll verspult, so unheimlich skurril, so melancholisch zerdehnt, das kann nur Christoph Marthaler, der mit 'Wachs oder Wirklichkeit' sein fantastisches Comeback an der Berliner Volksbühne gibt."
"Christoph Marthaler ist ein kluger Abend geglückt, traurig-schön, der einen nachdenklich in die unwirkliche Wirklichkeit entlässt", so Erik Zielke im nd (15.3.2025). "Vielleicht hat Christoph Marthaler ein für sich programmatisches Stück inszeniert. Seine Arbeiten – die Bühnenbilder, die Figuren! – scheinen manchmal ganz unmittelbar dem Leben entrissen. Und im nächsten Augenblick bestimmt eine umwerfende Artifizialität die Szene."
Dieser Marthaler-Abend sei "alles andere als eine gemütliche Retro-Veranstaltung", berichtet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (15.3.2025). "Anna Viebrocks Bühne sorgt für eine gewisse Kälte und Unbehaustheit. (…) Draußen scheint gerade die Welt unterzugehen, während die Puppen und die Menschen, die wirken wie Puppen, hier bis in alle Ewigkeit ihre Spiele spielen. Dieses Museum der Popkultur ist auch die Endstation einer untergehenden oder schon untergegangen Zivilisation, die bloß noch nicht gemerkt hat, dass ihre Tage gezählt sind."
Marthalers Abend "nimmt, subtil wie immer und auf seine ganz eigene Art, die globale Zeitenwende in den Blick. Ein neuerliches Signature Piece mit dem Zeug zum Referenzwerk!", verneigt sich Christine Wahl im Tagesspiegel (15.3.2025).
"Dieses Panoptikum präsentiert sich als eine Art Zwischenreich, bei dem sich in die Erstarrung in vielen kurzen Mini-Szenen skurril, melancholisch und verschroben immer wieder das Leben schiebt", berichtet Katrin Pauly in der Morgenpost (15.3.2025) und hört besonders bei den Texten von Jürg Laederach hin, "der offenbar viel über das Verschwinden nachgedacht hat, sich vor allem aber mit seiner assoziativ-verspielten Sprache und dem Hang zum Absurden wunderbar mit der leise versponnenen Marthaler-Melancholie vermengt. Manches wird nur angedeutet, manches bleibt auch kryptisch, aber das macht nichts."
Mit "Wachs und Wirklichkeit" sei "Marthaler eine gespenstisch-humorige, tatsächlich aber auch bissig-melancholische Gegenwartsrevue gelungen", feiert Doris Meierhenrich das Werk in der Berliner Zeitung (15.3.2025).
Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.3.2025) würdigt "schräge, locker verspielte Szenen wie Studien über die Vergeblichkeit aller menschlichen Betriebsamkeit". "Entschleunigt und lakonisch" lasse Marthaler seine "verschwurbelten Luftwesen gegen die Gravitation und die Naturgesetze ankämpfen, antanzen, ansingen".
Für rbb|24 (14.3.2025) berichtet Barbara Behrendt: "Es sind die ewigen Marthaler-Themen. Alles an diesem Abend kommt einem bekannt vor. Und doch: Man hat sie schwer vermisst, diese unvergleichliche Ästhetik, den Witz, die intelligente Melancholie. Gut, dass Marthaler und Viebrock zurück sind an der Volksbühne."
"Was genau teilt diese süß unterhaltsame, toll ausgefeilte Theateraufführung den Zuschauerinnen und Zuschauern über den Umgang mit KI, Hass-Bots und Fakenews mit?", fragt Wolfgang Höbel im Spiegel (15.3.2025). "Zu vermuten ist, dass es dem Regisseur und seiner Crew weniger um einen Ratschlag als um eine Art von Trost und Selbstversicherung geht. Beschworen wird hier die Macht der Musik und der Emotion, vor allem aber die Zauberkraft des Komischen und Unperfekten. Eine Show, die so klug und gaga und musikvernarrrt ist wie Marthalers 'Wachs oder Wirklichkeit', lässt sich mit einer KI hoffentlich auch in vielen Jahren nicht zusammenbasteln."
Auch Katja Kollmann von der taz (16.3.2025) ließ sich gefangen nehmen: "Neunzig Minuten scheint die Zeit stillzustehen: Körpergroße Wachspuppen und Menschen werden abgestaubt. Menschen erstarren und werden wieder lebendig. Plötzlich singen sie. Mit leiser Penetranz tröpfeln Laederachs endlose Denkkurven in Hirn und Körper."
Marthalers Figuren "sind altmodische Wiedergänger, denen die Zukunft suspekt bleibt. Sie leben von Erinnerungen, während um sie herum und über sie hinweg die Veränderungen jagen. Dann stehen sie da wie vergessen, wie ausrangiert, von der Zeit überholt, mit einer Intelligenz, die ihnen nur noch als Ort des Rückzugs in eine poetische Vorstellung der Wirklichkeit dient." So schreibt Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung (2.4.2025). "Das ist saukomisch. Das ist aber auch traurig und hoffnungslos. Diese Menschen landen über kurz oder lang im Panoptikum, wo man sie ungläubig anstarren wird als die Letzten ihrer Art."
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Clemens Sienknecht gibt wieder mal den musikalischen Zeremonienmeister, setzt x-fach zu „Rhythm“ am Klavier an, Herrin im Haus ist aber Hildegard Alex, die als Queen Elizabeth II.-Double über ein Wachsfigurenkabinett auf Anna Viebrocks Bühne herrscht. Zwischen den Marthaler-Spieler*innen stehen die Abbilder vieler Showbusiness-Promis wie Heino, Karl Lagerfeld oder Horst Lichter herum.
Zwischendurch muss Alex alias Queen Elizabeth resolut abstauben, dennoch wirkt die nostalgische Zeitreise etwas angestaubt. Zu unverbunden stehen die Miniaturen und Texte von Jürg Lüderach nebeneinander, das Ensemble kehrt leitmotivisch immer wieder zu seinem Stück „Hitler in Pankow South“ zurück, das vor dem runterfahrenden Eisernen Vorhang als dreiteilige szenische Lesung gegeben wird. Zum Einstieg in die Gedankenwelt von Lüderach sind auf dem Programmzettel Auszüge einer Laudatio von Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller abgedruckt, die sie auf den Schweizer Kollegen hielt.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/03/13/wachs-oder-wirklichkeit-volksbuehne-kritik/
Was Christoph Marthaler und seine Mitstreitenden hier auf die Bühne bringen, ist ein 100-minütiges Ansprechen, Ansingen, Anfallen und Antanzen gegen das Verschwinden, das Verlöschen, die Aufkündigung jeglicher Bedeutsamkeit, ein verzweifelt ratloses Sich-Wehren gegen die Auslöschung des Experiments Menschheit. Man kann das als Kommentar auf die derzeitige KI-Debatte lesen, als Auseinandersetzung mit dem Zeitalter der Krisen – oder als versponnene Liebeserklärung an oder zumindest sanft trauriges Abschiednehmen von unserer selbstzerstörerische Spezies. Hier gibt es keinen Fortschrit mehr, kein Voran, nicht mal ein Zurück, nur noch ein Kreisen, ein Weiter-so als nur langsam abbremsendes Perpetuum Mobile. Die Wirklichkeit als Endlosschleife, als Geduldsspiel mit Musikbegleitung. So lang man nicht aus der Telefonhotline fliegt, besteht Hoffnung. Hoffnung, dass da am ende doch noch eine Lösung ist, ein Ausweg, zumindest ein Ende, ein lang ersehntes. Diese Rückkehr ist ein melancholischer Abgesang, der mitunter ein bisschen sperrig wirkt und weniger zugänglich als sonst dessen feine Traurigkeit, ausbalanciert mit zartem Witz, dann aber doch in seinen Bann zieht. Und dass er mit einem wunderbar albernen Wortspiel endet, gewinnt wohl auch die letzte zuschauende Person für ihn.
Wie schade, denn mich hat es sehr getroffen und berührt. Einerseits die melancholische Traurigkeit und der Stillstand, andererseits die schrägen guten verdrehten Texte. Wie verloren ist der Mensch im Angesicht dieser dystopischen Zeit, der Überforderungen und des Stillstands des immer weiter. Wo stehen wir als Menschen? Am Ende….aber mit einer Hoffnung? Vielleicht….
nach langer abstinenz wieder ein marthaler theaterabend. und es hat sich wie so oft gelohnt. die frage mit ungewisser antwort war, wer ist im wachsfigurenkabinett echt oder unecht, puppe oder mensch. wer bewegt sich wann, wie und wo. nach kurzer zeit war die rollenverteilung klar, aber es gab immer noch die hoffnung, dass heino sich am ende doch noch bewegt, nebem ihm noch horst lichter, der zumindest ganz zum schluss eine kurze erwähnung findet. ansonsten wie üblich bei marthaler ein changieren zwischen trauer und freude, eingerahmt durch populäre musik und surreslistische dialoge. alles sogar weniger elegisch, fast schon dynamisch-expolsiv, natürlichn nur für marthalerische verhältnisse. gelungen der einstieg, als persiflierte automatische telefonannahme sich kreis drehend, scheinbar ohne ende. grandios auch die drei oratorien. ich mache mich sofort auf den weg nach berlin leguan. bitte volksbühne, gibt uns mehr...
p.s.: an wilhelm: du solltest dir besser keine marthaler inszenierungen mehr ansehen. vorsichtig formuliert, ihr passt einfach nicht zusammen