The Beat Goes On - Theater Bremen
Die Giraffe kennt die Leichen im Keller
25. August 2025. Das Theater Bremen feiert Jubiläum. Und Schorsch Kamerun gratuliert mit einem Stück Heimatkunde aus der Hansestadt. Samt Beat und Kolonialkritik. Und cool.
Von Andreas Schnell
Schorsch Kameruns "The Beat Goes On" am Theater Bremen © Jörg Landsberg
25. August 2025. Es hat einiges gesehen, dieses Theater am Goetheplatz in Bremen, das, nach dem Krieg wiederaufgebaut und am 27. August 1950 eröffnet, in diesem Jahr 75 Jahre alt wird. Nicht zuletzt die Prägung des "Bremer Stils" unter dem Intendanten Kurt Hübner, der von 1962 bis 1973 hier wirkte und Regisseure wie Peter Zadek und Rainer Werner Fassbinder inszenieren ließ.
Tour durch die Theaterräume
Schorsch Kamerun, bekannt geworden als Sänger der Band Die Goldenen Zitronen und seit Längerem auch als Theaterregisseur tätig, wurde mit der nicht völlig unheiklen Aufgabe betraut, das Jubiläum zu würdigen. Wie viel Hinterfragung muss und darf an so einem Abend sein?
"Coole Unterhaltung" kündigt Kamerun im Abendzettel an, die entstehen kann, "wenn es gelingt, immer wieder neu und sinnvoll auszuprobieren", und bekennt sich damit zur Feier des Experiments. "The Beat Goes On" erinnert dabei an Benedikt von Peters Inszenierung von Brechts/Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" vor 13 Jahren, zum Beginn der Intendanz des Anfang dieses Jahres gestorbenen Michael Börgerding. Er machte sozusagen das ganze Haus mit seinen Foyers und dem Vorplatz zur Spielfläche.
Talk beim Kaffee-Piraten: Christoph Heinrich und Martin Baum © Jörg Landsberg
Mit Kopfhörern ausgestattet wird das Publikum nun durch die verschiedenen Räume gelotst, auch auf die Bühne, wo es aus erhabener Perspektive in den Theatersaal blicken kann. Wir hören, wie der Kaffee-Pirat (Martin Baum) den ehemaligen Radio-Bremen-Redakteur Jörg Sonntag am Kaffeestand zur Geschichte des legendären "Beat Club" ausfragt oder Patrick Balaraj Yogarajan im Dialog mit einer imaginären Giraffen-Dame die Kolonialgeschichte aufarbeitet und mit seiner eigenen Biografie verschränkt. Oder Judith Goldberg als Jubiläums-Prokuristin über Gründungsurkunden spricht. Rudi Carrell, Rainer Werner Fassbinder und Giftmörderin Gesche Gottfried – das seien die Messlatten des Abends, erklärt Kamerun, der sich mit seinem bürgerlichem Namen Thomas Sehl vorstellt.
Stadtgeschichte mit Abgründen
Viele kleine Szenen und Szenchen fügen sich so zu einem Abend, der tief in der Stadtgeschichte gräbt. Wo es, das unterscheidet Bremen ja nun gar nicht von anderen Städten, an Brutalität, Niedertracht und Hinterlist keinen Mangel gibt – schon die Stiftungsurkunde des Bistums Bremen erwies sich als Fälschung.
Das wird theatral und musikalisch aufgearbeitet, in prachtvollen Kostümen von Gloria Brillowska, die die zeitlichen Dimensionen des Abends aufzeigen, von der mittelalterlichen Hanse-Zeit bis zum knappen 60s-Kleid. Aber auch als Ausstellung in den Foyers, wo ausgestopfte Giraffen, Kaiserbüsten, Steine des abgerissenen "Beat Club"-Studios und einiges mehr zu sehen sind. Dabei kann sich in den knapp zwei Stunden eine gewisse Überforderung einstellen (kam die anmoderierte Räterepublik denn eigentlich wirklich vor?), die gewiss ins Konzept eingepreist ist.
Guter Sound, kleine Misstöne
Erst für die letzten gut 30 Minuten wird das Publikum zur klassischen Sitzordnung in den Saal gebeten, wo dann noch einmal in Wort und Ton diskutiert wird, auch musikalisch übrigens sehr ansprechend (Elisa Birkenheier und Christoph Heinrich vom Opernensemble seien hier doch noch kurz hervorgehoben), was hier eigentlich los ist zwischen Aufbruch und Bewahrung, zwischen Schönheit und Barbarei, sozusagen. Schließlich ist so ein Theater nicht ohne die Gesellschaft zu denken, die es erbaut und betreibt. Und was jene an Leichen im Keller hat, wird hier zwar spezifisch bremisch erzählt, aber es gehört nicht allzu viel dazu, das Verallgemeinerbare darin zu entdecken.
Karin Enzler bleibt es vorbehalten, in ihrer Rolle der "Misstöne" kurz vor Schluss ein ganz unzweideutiges Plädoyer für das Theater zu halten – als Ort für den allzeit gefährdeten Prozess des Austauschs, als Ort des Fragens.
Gut gehütete Geheimnisse: Karin Enzler spielt die "Misstöne" © Jörg Landsberg
So schillert es an diesem Abend durchaus unterhaltsam zwischen Heimatkunde und Aufarbeitung, zwischen Schauspiel und Gesang, zwischen Anekdote und Faktensicherung, zwischen moderatem Grusel und beträchtlichem Charme. Eine Fundamentalkritik wäre wohl in diesem Raum und Rahmen wohl kaum zu leisten. Insofern: Ja, schon irgendwie coole Unterhaltung. Vielleicht ein bisschen zu cool. Aber es ist halt auch ein Jubiläum.
The Beat Goes On
von Schorsch Kamerun, mit Musik von Philip Glass, Anton Webern, Henry Purcell, Franz Schubert, Schorsch Kamerun und PC Nackt
Regie, Songs, Texte: Schorsch Kamerun, Musikalische Leitung: Yu Sugimoto, Komposition: PC Nackt, Bühne: Katja Eichbaum, Kostüme: Gloria Brillowska, Leitung Bremer Bürgerinnen Chor: Thomas Ohlendorf, Licht: Christian Kemmetmüller, Live-Video: Lio Klose, Dramaturgie: Johannes Schürmann, Frederike Krüger.
Mit: Martin Baum, Elisa Birkenheier, Karin Enzler, Judith Goldberg, Christoph Heinrich, Sofia Jordanskaya, Patrick Balaraj Yogarajan, Schorsch Kamerun, Junge Akteur:innen, Bremer Bürgerinnen Chor, Bremer Philharmoniker.
Premiere am 24. August 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.theaterbremen.de
Kritikenrundschau
"Das Spiel mit Offenheit und vollkommener Bewegungsfreiheit fasziniert zunächst, weil es ungewohnt ist, das Publikum aus der Passivität herausholt und buchstäblich in Bewegung bringt", schreibt Thomas Kuzaj in der Kreiszeitung (26.8.2025). "Nach einer Weile aber nutzt sich der Effekt ab, der Abend zerfällt peu à peu in seine Einzelteile. Kolonialismus, Kaiser Wilhelm, Gesche Gottfried – was wird eigentlich gerade wo gespielt und warum? Ein echter Zusammenhang stellt sich nicht her." Die Inszenierung produziere "zuweilen schöne, berührende und auch starke Bilder. Doch ihnen fehlt ein erzählerischer Rahmen", so Kuzaj. "Mit großem Aufwand wird am Ende wenig erreicht. Die Beschwörung der guten und bösen Geister der Bremer Historie läuft ins Leere."
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >