Bucket List - Deutsches Theater Göttingen
Katastrophen and all that Jazz
23. März 2025. Das Musical "Bucket List" von Yael Ronen/Shlomi Shaban war ein Markstein der letzten Saison, verdunkelt durch den Hamas-Terror des 7. Oktobers, strahlend in seiner Trauerarbeit. Dann eingeladen zum Theatertreffen. In Göttingen spielt es Aureliusz Śmigiel jetzt nach. Mit spannenden Bedeutungsverschiebungen.
Von Falk Schreiber
Yael Ronens/Shlomi Shabans "Bucket List" in der Regie von Aureliusz Śmigiel in Göttingen © Thomas Müller
23. März 2025. Die Wut. Die Trauer. Die Hilflosigkeit. Der Humor. "Bucket List" von Yael Ronen, uraufgeführt Ende 2023 an der Berliner Schaubühne, ist untrennbar verbunden mit dem terroristischen Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober desselben Jahres und mit der Erkenntnis, dass sich das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinenser*innen seither nicht mehr mit dem galligen Lachen beschreiben lässt, wie es Ronen immer wieder machte, beispielsweise mit "The Situation" (2015).
Die "Bucket List"-Uraufführung war ein Tasten in Emotionen, ein Hin- und Herdenken der eigenen Unsicherheit und eine Flucht in die Schönheit der Musik, des Musicals, für das Shlomi Shaban berührende Melodien zwischen Broadway und Jazzclub komponiert hatte. Das funktionierte, weil es auf den ersten Blick untrennbar mit der Autorin und Regisseurin verknüpft war. Und, ja, verschiedene Texte Ronens werden nachgespielt, in Osnabrück oder in Erlangen etwa – aber ein so persönliches Stück?
Mehr Musical als bei der Uraufführung
Am Deutschen Theater Göttingen versucht sich der in Polen geborene Regisseur Aureliusz Śmigiel an der Aufgabe, unterstützt vom Choreografen Valentí Rocamora i Torà. Und er nimmt die Genrebezeichnung "Musical" ernst, ernster vielleicht als Ronen selbst, für die die Musik manchmal eher wie eine Fluchtmöglichkeit wirkt, ein Ausweg aus der unerträglichen Realität des Krieges. Hier ist sie tatsächlich formgebendes Element des Abends: Praktisch ununterbrochen wird gesungen, eine vierköpfige (und damit leicht größer als bei der Uraufführung besetzte) Band sorgt für einen satten Sound, und die Handlung vermittelt sich mehr durch Lieder als durch
Bühnenaktion.
Dem Krieg entkommst Du nicht
Die Geschichte: Der Kriegsreporter Robert (Leonard Wilhelm) leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung und bekommt als Therapie ein Gehirnimplantat namens "Zeitgeist" eingesetzt, das die Erinnerung ans Grauen wegschieben soll. Nebenwirkung: Alle übrigen Erinnerungen sind auch weg und müssen erst mühsam zurückgeholt werden, inklusive möglicher Missverständnisse, falscher Bezüge, Glitches. Aber wenigstens ist der Krieg dann erstmal gebannt. "Welcher Krieg?" wird an einer Stelle gefragt, und "Zeitgeist"-Projektleiterin Reality (Gaby Dey) stellt unmissverständlich klar, dass es Dinge gibt, die besser vergessen bleiben sollten. "Kein Krieg."
Musical und Kriegstraumata: das Göttinger Ensemble singt unter der musikalischen Leitung von Johannes Mittl © Thomas Müller
Entsprechend kämpft sich Robert durch eine Welt, in der der Krieg nur noch als dumpfe Ahnung vorhanden ist, "Katastrophen and all that Jazz" heißt es einmal. Und dass die von Pianist Johannes Mittl angeleitete Band an dieser Stelle zum coolen Jazz ansetzt, ist einerseits ein hübsches Wortspiel, es zeigt aber auch, wie klug diese Inszenierung Musik und Story zusammenzudenken versteht. Gleichzeitig heißt dieses Tabu für die zeitgeschichtlichen Bezüge dann aber auch, dass sich Robert vor allem Erinnerungen aus der intimen Schublade stellen muss, die von Clara (Tara Helena Weiß) und dem von Volker Muthmann gespielten Doppelgänger des Protagonisten, Trebor (was ausgeschrieben fern an "Terror" erinnert – man entkommt dem Krieg einfach nicht) als charmante Eifersuchts-Miniaturen performt werden.
Śmigiel findet für diese hier in Richtung Psychohorror verschobene Geschichte eindrucksvolle, auch drastische Bilder, wie das Verschwinden Roberts in einer nebelgefüllten Zelle (Bühne: Jósef Halldórsson) oder die Zwischentitel, die wie Sand verweht werden und so die Brüchigkeit der Erinnerung verdeutlichen. Und auch wenn er die Handlung so konsequent entpolitisiert, kann die Inszenierung doch nicht die Augen verschließen vor dem politischen Hintergrund: Die Band spielt auf einer Drehbühne, über der sich einzelne Streben in Richtung Schnürboden strecken, wie in einem Bombenkrater, in dem Stahlträger bedrohlich in den Raum ragen.
Zug in die Abstraktion
Dass die englischen (deutsch übertitelten) Songtexte sich immer wieder mit den deutschen (englisch übertitelten) Sprechtexten in die Haare kommen, stört dabei so wenig wie der deutlich hörbare deutsche Akzent der Darsteller*innen oder dass sich immer wieder auch ein paar schiefe Töne in den Gesang mischen. Und dass der Tanz durch die drei allegorischen Figuren Liebe (Tirza Ben Zvi), Kind (Germán Hipolito Farías) und Rausch (Paweł Malicki) die Aufführung in Richtung Abstraktion verschiebt, ist innerhalb des Regiekonzepts nur konsequent.
Es geht hier mit der Politik zwar etwas verloren, das noch bei Ronen zentral war, aber Śmigiel gewinnt auch etwas: eine Allgemeingültigkeit, ein trotziges Betonen der eigenen Angefasstheit. "Weißt du noch, wie es war, als man noch nicht zu allem eine Meinung haben musste?", fragt diese Inszenierung, und vielleicht ist das im Göttingen des Jahres 2025 eine Frage, die man stellen kann. Ebenso wie die Verzweiflung, die Ronen im politisch polarisierten Berlin des Jahres 2023 auf die Bühne brachte, ihre Berechtigung hatte.
In einem starken Schlussbild klettern Tänzer*innen und Schauspieler*innen ins Publikum, und von der Bühne erklingt als letzter Song das getragene "Don't stop imagining". Mag sein, dass das ein bisschen zuviel an Emotion ist, etwas, das näher am Kitsch steht als an echter politischer Analyse, aber da ist ja etwas dran: Was auf der Bühne verhandelt wird, das verhandeln auch wir, und dieses Beharren auf der Kraft der eigenen Vorstellung ist auch eine Utopie, die man ernstnehmen sollte. Und sei es im Sentiment des Musicals.
Bucket List
von Yael Ronen und Shlomi Shaban
Regie: Aureliusz Śmigiel, Valentí Rocamora i Torà (Co-Regie), Musikalische Leitung: Johannes Mittl, Bühne: Jósef Halldórsson, Kostüme: Laura Yoro, Musik: Johannes Mittl, Jens Nickel, Marla Stier, Simon Seifert, Choreografie: Valentí Rocamora i Torà, Gäste: Tirza Ben Zvi, Germán Hipolito Farías, Paweł Malicki, Dramaturgie: Sonja Bachmann.
Mit: Gaby Dey, Tara Helena Weiß, Leonard Wilhelm, Volker Muthmann.
Premiere am 22. März 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
www.dt-goettingen.de
Kritikenrundschau
"'Bucket List' gehört zu den Theaterereignissen, die man am liebsten ein zweites Mal erleben möchte", scheibt Michael Schäfer im Göttinger Tageblatt (24.3.2025). "Aureliusz Smigiel setzt den bedrückenden Inhalt in wunderbar bewegende, lange nachwirkende Bilder um." Gelobt werden außerdem Choreographie, Ausstattung, Kostüme, die Band und die musikalische Qualität des Ensemble:"Leonard Wilhelm und Volker Muthmann (...) besitzen eine bewundernswerte darstellerische und gesangliche Intensität. Besonders aber Tara Helena Weiß als Clara erweist sich als souveräne Sängerin."
"Ein Gesamtkunstwerk auf sehr hohem Niveau" sah auch Ute Lawrenz und schreibt in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (24.3.2025): Die Inszenierung spiele auf handwerklich hohem Niveau: "Hier stimmt es, dass die Drehbühne fast ständig rotiert, hier passt das Licht von schwach-schummerig bis zu gleißenden Showlights.Gesanglich sind die Schauspieler in den anspruchsvollen Parts von Jazz bis zu Zitaten aus bekannten Hits durchweg ausdrucksstark wie in ihrer Darstellungskunst, sind in den Choreografien mit den Tänzern integriert."
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