Schleudertrauma

26. Mai 2024. "Leben ist, was passiert, während wir auf andere Dinge warten" - dieses Zitat wird John Lennon zugeschrieben. Was passiert, wenn man in diesem Warten erstarrt, darüber hat Nis-Momme Stockmann eine subtile Komödie geschrieben. Dominique Schnizer hat sie mit viel Sinn für Düsternis in Göttingen uraufgeführt.

Von Simon Gottwald

"Singularis. Von unserem unbedingten Streben nach Einsamkeit" von Nis-Momme Stockmann am Deutschen Theater Göttingen uraufgeführt © Thomas Müller

25. Mai 2024. Ava wartet seit zehn Semestern auf einen Studienplatz in Psychologie, ihre Freundin und Mitbewohnerin Emmi hofft auf den großen Durchbruch mit Kunst aus Körperausscheidungen. Gerade, als die beiden begreifen, dass sie das eigentliche Leben in ein ungewisses "Später“ verschoben und sich im Abwarten eingerichtet haben (Ava im Thai-Massagesalon, Emmi in einer Kneipe), dass es so also auf keinen Fall weitergehen kann, bringt ein Gewitter alles durcheinander: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen ineinander. Und dann ist da auch noch dieses Zeitportal hinter dem Badezimmerspiegel …

Ewige Wiederkehr des Banalen

Eine merkwürdige Gruppe aus Aussteigern und Alternativen macht in langen Monologen andiesem Abend eines klar: Der Mensch ist zum Existieren verurteilt, aber statt zu leben, tauscht er seine Zeit für ein bisschen Sicherheit ein und verschwendet sein Leben mit Arbeit, tagein, tagaus. Dieses Kreisen des Immergleichen, die ewige Wiederkehr des Banalen, findet in Dominique Schnizers Uraufführung des neuen Stücks von Nis-Momme Stockmann seine Entsprechung in der sich um sich selbst drehenden Bühne von Christin Treunert. Auf der einen Seite ist sie spartanisch eingerichtet wie ein sehr trauriges Möbelhaus der 1980er Jahre, auf der anderen besteht sie aus einem Glaskasten, in dem pantomimisch Spinnen gehalten werden und in dem später auch ihr Besitzer hockt. Unermüdlich spricht ein Fundraiser Ava an. Jeden Tag wird sie von einigen weisen Aussteigern um "einen Schein“ angepumpt, und so ganz klappt das auch mit dem erneuerten Vorsatz, es zur Studentin respektive Künstlerin zu bringen, nicht.

Gespaltene Persönlichkeiten

Seltsame Szenen aus der Vergangenheit und vielleicht auch aus der Zukunft lösen einander ab, die manchmal mitten im Satz durch völligen Stillstand unterbrochen werden. Ava mag nicht an die Vergeblichkeit glauben und sucht nach einer Möglichkeit, immer weiter in die Vergangenheit vorzudringen, um ihr früheres Ich zu warnen – vermutlich ein sehr junges Ich. Aber vielleicht gibt es für manche Wunden kein Heilmittel. Dabei schält sich ganz allmählich eine verdrängte Erinnerung aus Avas Gehirn: Sie beginnt, zu verstehen, weshalb die Musik von ABBA sie verfolgt wie ein böser Traum und weshalb sie den Krebstod ihres Vaters passend fand.

Diese Enthüllung, die en passant verdeutlicht, weshalb Ava zur Vorbereitung auf ihr Studium ausgerechnet ein Buch über "Dissoziative Identitätsstörung" (vulgo "Gespaltene Persönlichkeit“) liest, ist ein Glanzstück des Abends. Hier stimmt ästhetisch alles: die Musik (Augustin Zimmer), die bedrohliche Akzente setzt, das Unausgesprochene des Furchtbaren, das sich langsam offenbart, die Verletzlichkeit Emmis, die dann an Avas Stelle tritt – oder gab es Ava ohnehin nie? War sie immer nur eine Projektion? Am Ende ist in der Wohnung jedenfalls ein Zimmer frei.

Hoffnugslosigkeit der Protagonistinnen

Den ganzen Abend über stark: Stella Maria Köb als zunächst scheinbar leichtlebige, tatsächlich aber tragisch verstrickte Möchtegern-Künstlerin Emmi, deren schwerer Drogenkonsum nur oberflächlich dem Vergnügen dient. 

Singularis1 034 ThomasMuellerZwei Personen oder eine gespaltene Persönlichkeiit? Nathalie Thiede und Stella Maria Köb © Thomas Müller

Auf der Eintrittskarte wird zwar eine Komödie versprochen, aber Wortführer in dem Stück ist der Galgenhumor. Kein Wunder angesichts eines schwer verletzten Lebens, mit dem hier jemand in eine Welt geworfen wurde, die scheinbar nur Sinnlosigkeit bereithält. Vielleicht haben die Aussteiger (auf wunderbare Weise abgehoben: Daniel Mühe) ja recht, und es ist im großen Kreisen des Kosmos ohnehin völlig egal, was man macht?

Nis-Momme Stockmanns Text setzt für die Lacher des Abends auf einen zynischen Humor, auf den man sich einlassen muss, der aber auch die Hoffnungslosigkeit der Protagonistinnen stark illustriert. Das stroboskopische Flackern, das die Zeitreisen oder Erinnerungen illustrieren soll, wird leider nach kurzer Zeit sehr anstrengend. Theater muss nicht immer leicht bekömmlich sein, darf es vermutlich sogar nur selten sein, aber hier wären kürzere und seltenere Episoden dieses Lichtrasens wünschenswert gewesen. Ein starker Abend ist es trotzdem.

Singularis. Von unserem unbedingten Streben nach Einsamkeit
von Nis-Momme Stockmann
Uraufführung
Regie: Dominique Schnizer, Bühne und Kostüme: Christin Treunert, Musik: Augustin Zimmer, Dramaturgie: Carlotta Huys.
Mit: Gaby Dey, Stella Maria Köb, Daniel Mühe, Nathalie Thiede, Paul Trempnau
Premiere am 26. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

Kritikenrundschau

"Singularis" ziehe die Zuschauenden tief in die Turbulenzen der menschlichen Psyche und biete zugleich erhellende Erkenntnisse über das eigene Sein in der Welt, urteilt Udo Hinz im Göttinger Tagblatt (27.5.2024) über das "rasante, turbulente aber auch unterhaltsame Werk". Das Regieteam um Dominique Schnizer wisse die Mittel und Stärken des Theaters zu nutzen, um Tempo, Dramatik, Überraschungen und Spannung gewitzt und pointiert auf die kleine Bühne des dt.2 zu bringen.

Kommentar schreiben