Die Walküren - Schauspiel Hannover
Jetzt spricht Wagners Hausschuh
9. März 2025. Die Autorin Caren Jeß bringt in ihrem Stück "Die Walküren" Stimmung in den Richard-Wagner-Kosmos. Aber ihre Regisseurin Marie Bues begeht einen entscheidenden Fehler.
Von Jan Fischer
"Die Walküren" von Caren Jeß, inszeniert von Marie Bues am Schauspiel Hannover © Kerstin Schomburg
9. März 2025. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Premiere am Internationalen Frauentag stattfindet. Oder ist die bessere Formulierung: am Tag des feministischen Kampfes? Immerhin geht es um "Walküren". Wobei die Walküren der Caren Jeß sich gegen ihr kriegerisches Image zur Wehr setzen. Goldene Rüstung, Waffen, ausladende Brüste – so mögen sie sich nicht mehr sehen. Stattdessen klagen sie auf ihrem erzwungenen Bergexil, gerne chorisch, ihr Leid. Die Bühne ist dabei schwarz gefliest wie ein Bahnhofsklo mit Depressionen und erinnert mit ihren Aufbauten ein wenig an einen Sternenzerstörer.
Willkommen bei Wagner
Die Geschichte ist so kompliziert wie konfus. Ohne zu wissen, dass sie Zwillinge sind, zeugen Siegmund und Sieglinde ein Kind miteinander. Die Walküre Brünhilde möchte es beschützen, weil sie der Meinung ist, das könne irgendwie dazu beitragen, sie und die anderen Walküren von ihrem Berg und von Gottvater Wotan zu befreien, während Hunding mit Hilfe seiner Bienen versucht, das magische Schwert Nothung zu beschützen. Das wiederum hätte Siegmund gerne, am Ende führt es allerdings Sieglinde. Wotan will auch den Ring haben, der ihm noch mehr Macht, noch mehr Kontrolle verleiht. Achja, und die Welt ist öd und leer, nichts blüht, nichts wächst.
Die Geschichte ist allerdings auch nicht so wichtig. In ihrem Text spielt Jeß mit Motiven aus Richard Wagners Ring der Nibelungen – allerdings so, wie ein destruktives dreijähriges Kind in der Trotzphase mit etwas spielt, soll heißen: Sie baut Wagner komplett auseinander. Da geht es um die Selbstvermarktung des Komponisten, irgendwann einmal tritt auch sein seidener Hausschuh als sprechende Figur auf, Wotan und Wagner werden als kontrollierende Gott-Instanzen gleichgesetzt.
Es geht bunt zu im Wagner-Kosmos: "Die Walküren" in Hannover © Kerstin Schomburg
Spätestens als Brünhilde ihren Vater Wotan konfrontiert, wird klar: Hier geht es, bei aller Liebe zur Dekonstruktion, um etwas sehr Konstruktives: Die Frauen der Geschichte – Brünhilde, die Walküren, Sieglinde – versuchen alle, sich selbst zu ermächtigen, von ihren Vätern und Männern unabhängig zu werden, eigene Rollen zu finden. Und was für die Figuren im Stück gilt, gilt auch auf der Metaebene. "Niemand muss sich mit Wagner beschäftigen", erklärt der Schuh in seinem Monolog, und: "Arbeitet euch nicht an Wagner ab, arbeitet euch an eurer Wagner-Rezeption ab."
Rundumschlag gegen patriarchale Gewalt
Das alles passiert in Marie Bues' Inszenierung am Schauspiel Hannover mit reichlich Elektromusikeinschüben. In legginslastigen Kostümen wird fröhlich vor sich hin emanzipiert und intrigiert. Versucht der Text mit seiner kunstvollen Dekonstruktion die Waage zwischen Ernst und Spaß zu halten, dominiert hier ganz klar der Blödsinn. Groß ist die Freude am Ausloten des komischen Potenzials dieses Rundumschlages gegen patriarchale Gewalt, der sich Wagner als passendes Exempel für Exegese, Dekonstruktion und Lächerlichkeit ausgesucht hat.
Aufruf zur Selbstermächtigung © Kerstin Schomburg
Wobei es auch starke Momente und Ideen gibt: Auf der Bühne sind die traditionellen Geschlechtszuschreibungen fließend, die Walküren werden von männlichen und weiblichen Darsteller:innen gespielt, die Geschlechter von Wotan und Fricka sind umgekehrt. Und am Ende wird noch einmal ganz deutlich, dass es hier um Ermächtigung gegenüber Herrschenden geht: Das achtköpfige Ensemble erklärt im Schlusssong, ans Publikum gerichtet: "Hol dir den Ring!"
Witz schlägt Ernst
Allein die Balance mag Bues nicht so recht gelingen. Denn mit all den überdrehten Wagner-Motiven im Text, all dem Lustigmachen über den Großkitsch des Großkitsch-Übervaters ist es leicht, Jeß' Text als eine Art von Komödie mit ernstem Unterbau misszuverstehen. Dabei ist es ein ernster Text mit komödiantischem Überbau. Der Unterschied ist, dass bei all dem Witz doch immer mehr dahintersteckt, als auf den ersten Blick sichtbar ist – das aber kommt in Hannover zugunsten des Witzes, zugunsten der Freude am Freidrehen zu Wagner manchmal ein wenig zu kurz. Was wiederum die starke Botschaft des Textes – Ermächtigt euch! Nehmt den Herrschenden ihre Macht! – in den Hintergrund treten lässt.
Die Walküren
von Caren Erdmuth Jeß
Regie: Marie Bues, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Anton Berman, Licht: Tobias Reichstein, Dramaturgie: Nora Khuon.
Mit: Tabitha Frehner, Birte Leest, Rovira-Muñoz, Irene Kugler, Torben Kessle, Wolf List, Florence Adjidome, Caroline Junghanns.
Premiere am 8. März 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-hannover.de
Kritikenrundschau
Von einer "virtuosen Klassikerdemontage" berichtet Stefan Gohlisch in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung/Neue Presse (10.3.2025). "Caren Jeß tut etwas in Götterkreisen Unerhörtes: Sie lastet ihnen Verantwortung auf, und übrig bleiben jämmerliche Gestalten. Auf schiefer Ebene rücken sie den verqueren Mythos gerade." In Marie Bues sei dafür "die richtige Regisseurin" gefunden worden, so der Kritiker. Sie begegne "der rhythmischen Sprache von Jeß … als Taktgeberin einer präzisen Bewegungssprache, gestützt von dem anspielungsreichen Soundtrack Anton Bermans".
"Verglichen mit der übrigen Wagner-Personnage, modelliert Jeß ihre Figuren unterkomplex: Wenn er nicht herrschaftsichernden Machenschaften obliegt, traktiert Wotan die Flöte. Freilich talentfrei. Fricka trachtet nicht nach Einhaltung der Gesetze, sondern ausschließlich nach Blut. Siegmund ist ein bloß tumber Tor", schreibt Michael Kaminski von der Deutschen Bühne (9.3.2025). Marie Bues verleihe derlei Klischees so viel Leben wie irgend möglich. "Überhaupt mischen viel Ironie und Übertreibung mit."
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