An der Bruchkante 

27. Oktober 2024. Die Mutter ist gestorben und für den Sohn beginnt eine schmerzhafte Reise in die Vergangenheit, die an den Abgründen der Schrecken des 20. Jahrhunderts entlang führt. Oft mitten hinein. Alice Buddeberg hat Maxim Billers vielschichtigen Familienroman in Hannover auf die Bühne gebracht. Und wie!

Von Andreas Schnell

"Mama Odessa" nach Maxim Biller in Hannover von Alice Buddeberg inszeniert © Kerstin Schomburg

27. Oktober 2024. Es war nicht Odessa, sondern Prag, von wo aus die Schriftstellerin Rada Biller einst nach Hamburg floh. Dass Maxim Billers Roman "Mama Odessa“ zum Teil in der heutigen Ukraine spielt, hat auch nichts mit dem gegenwärtigen Ukrainekrieg zu tun. "Mama Odessa“ wurde schon vor dem russischen Angriff geschrieben.

Intime Konstellationen

Odessa, einst ein wichtiges Zentrum jüdischer Kultur, ist vor allem als Sehnsuchtsort für Aljona Grinbaum präsent, die Mutter von Mischa Grinbaum, Billers literarischem Alter Ego. Damit ist ein Grundschmerz bereits angelegt, denn Aljonas Mann Gena hat einen ganz anderen Sehnsuchtsort: Jerusalem. Für Aljona ist das ein wunder Punkt. Eines Tages wird Gena nach Israel reisen und dort mit – ausgerechnet – einer Deutschen ein Verhältnis anfangen.

Maxim Biller, der nicht zuletzt durch eine Kolumne mit dem schönen Titel 100 Zeilen Hass bekannt wurde, schreibt in "Mama Odessa“, erschienen kurz nach Beginn des Ukrainekriegs, mit sehr viel Zärtlichkeit und Zugewandtheit über seine Mutter. Die Regisseurin Alice Buddeberg destilliert jetzt daraus vor allem eine Erzählung über die Verletzungen und Enttäuschungen, die sich Menschen in intimen Konstellationen zufügen können. Sehr oft ohne es zu wollen. Genauso oft, ohne es wieder gut machen zu können.

Jüdisches Leben als Sonderfall

Die historischen Verweise sind dabei vor allem für die spezifischen biografischen Konfliktlinien entscheidend, auch wenn in ihnen immer wieder Klage und Anklage einer vor allem deutschen Gegenwart mitschwingen, in der jüdisches Leben immer noch einen prekären Sonderfall darstellt. Das Grindelviertel in Hamburg – einst "voll mit Synagogen, koscheren Kantinen und Rabbinerschulen“ – selbst in Hamburg dürfte das nicht zum Allgemeinwissen gehören.

Das Ensemble: Irene Kugler, Alban Mondschein, Sebastian Nakajew, Hajo Tuschy © Kerstin Schomburg

Mit Lederjacke, Brille und Zigarette verkörpert Sebastian Nakajew die Erzählerfigur Mischa in der Eingangsszene fein zwischen einem abgehangenen Machismo und zerbrechlicher Melancholie, Alban Mondschein und Hajo Tuschy stoßen schon bald dazu und blättern die verschiedenen Aggregatzustände und Jahresringe eines Schriftstellerlebens nuancenreich und viele Zigaretten rauchend auf. Und manchmal schlüpfen sie in andere Rollen, die des Vaters etwa, oder dessen Freundes, des Springer-Journalisten Ulrich, während Irene Kugler als Mutter das fein gearbeitete Porträt einer oft enttäuschten, nie ganz versöhnten Frau zeigt.

Raum für Hoffnung

Emilia Schmuckers minimalistische Bühne ist für diese Aufarbeitung ein kongeniales Bild: Ein rundes Podest in der Mitte wird nach und nach um verschiedene Rampenelemente ergänzt. Sie ergeben zwar am Ende ein Ganzes, dessen Bahnen aber ins Leere laufen, Bruchkanten aufweisen, wie es eben so ist, wenn man Biografien aus verschiedenen Perspektiven montieren möchte.

Ein schwerer roter Vorhang fällt dahinter kurz vor Schluss. Die Aufarbeitung ist noch nicht beendet, aber Aljona hat die Bühne verlassen. Es ist am dreifachen Mischa, mit ihr, vor allem aber natürlich mit sich in dieser Sache ins Reine zu kommen. Buddebergs angenehm temperierter Abend macht in seinem Nachdenken über die Konstruktion von Lebensgeschichten keinen Hehl daraus, dass das nicht einfach ist, lässt aber immer auch Raum für Hoffnung.

Mama Odessa
nach Maxim Biller
In einer Fassung von Alice Buddeberg und Johanna Vater
Regie: Alice Buddeberg, Bühne: Emilia Schmucker, Kostüme: Philipp Basener, Musik: Matze Kloppe, Dramaturgie: Johanna Vater.
Mit: Irene Kugler, Alban Mondschein, Sebastian Nakajew, Hajo Tuschy.
Premiere am 26. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

Kritikenrundschau

"Das Risiko" der Umsetzung eines Romans kurz nach seinem Erscheinen "ist, dass Adaptionen dem Stoff oft nichts Neues hinzufügen. Doch ohne den distanzierten Zugriff, mit veränderten Kontexten die Geschichte rückblickend in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, werden Romanadaptionen zu konventionellen Nacherzählung, langweilig für all jene, die das Buch gelesen haben", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (28.10.2024) und sieht das Risiko auch in dieser Hannoveraner Arbeit nicht ausgeräumt. Für den Kritiker sticht Irene Kugler in der Rolle der der Mutter des Protagonisten heraus; sie "nähert sich dieser hochkomplexen Persönlichkeit durch eine mal sensible, mal energische Darstellung zwischen Verhärmung, Sehnsucht, Wut, Intimität und liebevoller Übergriffigkeit sehr ergreifend an. Die getreue Nacherzählung des Buchs wird dadurch wenigstens lebendig und anrührend."

"Dieser Abend, der bei aller Verspieltheit sperrig bleibt, wird vor allem wegen einer Person im Gedächtnis bleiben: Irene Kugler spielt zum Niederknien", berichtet Stefan Gohlisch in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und in der Neuen Presse (28.10.2024)

Kommentar schreiben