Solidarität schlägt Hoffnung

17. Januar 2025. Mable Preach erzählt in ihrem Musiktheaterabend "Opera of Hope" auf Kampnagel von der Kolonialgeschichte Ghanas – und zeigt Wege auf, wie man Opernkunst neu denken kann.

Von Andreas Schnell

Mable Preachs "Opera of Hope" auf Kampnagel Hamburg © Mable Preach

17. Februar 2025. Ach, ein bisschen Hoffnung, das wäre schon schön in diesen Tagen. Ein Glück, dass die Hamburger Regisseurin Mable Preach eine "Opera of Hope" präsentiert. Preach hat sich einen Namen gemacht mit Theater, das "empowern" will, ermächtigen also – dabei ist die Oper doch eigentlich ein Genre, in dem am Ende viel gestorben wird, meistens von Frauen.

Weil aber Frauen nicht gleich Frauen sind, ist es Preach ein Anliegen, die Oper zu entkolonisieren, zu transformieren. Weshalb dann eine Oper im klassischen Sinne nicht zu sehen ist. Es ist kein musikalisch durchkomponierter Abend, eher eine Reihe von Songs; zudem wird gesprochen und viel getanzt. Aber es ist – wie die Oper einst – ein subversiver, ein kämpferischer Abend.

Aus der Geschichte des Sklavenhandels

Das Stück verflicht individuelle Geschichte mit gesellschaftlichen Verläufen von Rassismus, von Identität, vom Kampf um die eigene Vergangenheit, ohne die es keine Zukunft gibt. Und es verflicht die verschiedenen Ausdrucksformen zu einem dramaturgischen Gewebe, das im Bühnenbild seinen sinnfälligen Ausdruck findet: Links beherrscht ein großer Baum die Bühne, von dem kräftige Wurzelstränge ausgehen, rechts sitzt Martha Samba mit langen Zöpfen, dazwischen webt das Ensemble im Verlauf des Abends ein Netzwerk. Die Wurzeln stehen unter anderem für die Vergangenheit, die die Kolonisatoren und Sklavenhändler den Unterworfenen nehmen wollten, als sie sie über den Antlantik verschifften, ihnen ihre Musik, Sprache und Namen verboten. Die Zöpfe stehen für Traditionen, kommunizieren regionale und soziale Zugehörigkeit, sind also auch Kommunikation zwischen gestern und heute.

Samba ist dabei eher für den Meta-Text zuständig, berichtet von Menschen, die sich auf Schlauchbooten auf den Weg übers Mittelmeer machen und dank der EU-Grenzpolizei Frontex wieder zurück geschickt werden, in die zweifelhafte Obhut libyscher Behörden – wenn sie nicht auf dem Weg ertrinken, wie es schon Zehntausenden ergangen ist, weil "Grenzen wichtiger sind als Menschenleben". Die Geschichte von Preach selbst, die als kleines Kind mit ihrer Familie aus Ghana floh, wird vom sarkastisch "Choir of the the Uncivilized Voices" benannten Ensemble gesprochen und choreografisch ausgedeutet. Und immer wieder singen die Akteur*innen zur Musik des String Archestra und der beiden musikalischen Direktoren Obed Owosu-Motovsky und Isaac Gordon jr., die sich vor allem bei Gospel, Soul und Pop umhört und oft sehnsüchtig klingt.

Ghanas jüngere Vergangenheit

Dabei erfahren wir einiges über die Geschichte Ghanas, vom Putsch Jerry John Rawlings 1981 (sein zweiter), der etliche Ghanaer veranlasste, ihre Heimat zu verlassen. Und – lange davor – vom "Door of no Return", dem Tor ohne Rückkehr, durch das ungezählte Sklaven ihre Heimat verließen. Wir erfahren aber auch, wie es war, in den 80er-Jahren in einer Flüchtlingsunterkunft aufzuwachsen, vor allem als junges Mädchen. Gewalt ausgesetzt zu sein, die systemisch ist. Und können auch lernen, wie es ist, wenn die Hautfarbe gesellschaftlichen Ausschluss bedeutet – und damit immer wieder die Notwendigkeit, zu kämpfen.

Hoffnung ist toxisch

Sich einfach euphorisieren zu lassen – das geht hier eben doch nicht. Sie glaube, dass Hoffnung toxisch ist, sagt Mable Preach in einem Interview. Man drehe sich im Kreis beim Sehnen nach Hoffnung, aber am Ende gebe es eigentlich keine. "Es ist alles Geschichte von Verlust, von Hoffung, von Angst – und vielleicht von Mut", heißt es in "Opera of Hope". Ein Mut, von dem manche Menschen in dieser Gesellschaft noch ein bisschen mehr benötigen als die meisten anderen. Sanft, aber ganz dezidiert macht "Opera of Hope" eben darauf aufmerksam, mit einem Ensemble, das auch andere Formen des Andersseins inkludiert. Und schafft so ein Gefühl von Gemeinschaft, von Solidarität. Im Wissen, dass es davon demnächst noch eine Menge brauchen könnte. Vielleicht ist das besser als Hoffnung.

Opera of Hope
von Mable Preach
Regie: Mable Preach, Bühne: Dennis Stöcker, Soffia Ralfsdóttir Heese, Kostüme: Gianna-Sophia Weise, Hools of Fashion, Video: Big Ghun, Severin Renke, Dramaturgie: Rike Maerten, Musikalische Leitung: Isaac Gordon jr., Obed Owusu-Motovsky, Choreografie: Bisi Bangiwe Ka Jobela.
Mit: Martha Samba, Maku Gold, Jessline Preach, Shari Streich, Joshua Fielder, Jada Aduam, Bisi Bangiwe Jo Kabela, Paula Kahre, Charlotte Barnie, Eileen Hamlet, Samuel Gordon, Alisha Kadiatou Coné, Florentyna von Wensierski, Richard Acheampong, Benedicta Delali Acheampong.
Uraufführung am 16. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.kapnagel.de

Kritikenrundschau

"Wie soll man über solch einen Theaterabend schreiben? Man ist ja nicht gemeint von Mable Preachs 'Opera of Hope' auf Kampnagel, als weißer Mann ohne Fluchterfahrung. Gemeint ist die Schwarze Community der Stadt. Und die lässt sich abholen von dem Stück, mit dem Preach ihre eigene Geschichte zum Musiktheater macht", schreibt Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (17.2.2025). "Will man bemängeln, dass Choreograf Bisi Bangiwe Ka Jobela zu sehr auf die Konvention der synchronen Bewegung setzt und dass die Musik von The String Archestra unter der musikalischen Leitung von Isaac Gordon Jr und Obed Owusu in den Wohlklangharmonien von Soul und R’n’B ertrinkt?" Nein, das will der Kritiker nicht. Aber ein bisschen sehnt er sich doch "nach der Bösartigkeit und der Unverfrorenheit von Preachs früheren Arbeiten".

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