Problemstau auf dem Olymp

28. November 2025. Aristophanes erzählt in "Lysistrata" im Jahr 441 vor unserer Zeitrechnung, wie die Athenerinnen und Spartanerinnen den Krieg zwischen ihren beiden Stadtstaaten per Sexstreik beenden. Golda Barton hat sich davon zu ihrer Diskurskomödie "Porneia" inspirieren lassen. Und zeigt die Waffen der Frau.

Von Andreas Schnell

Golda Bartons "Porneia" in der Regie von Isabelle Redfern am Thalia Hamburg © Kerstin Schomburg

28. November 2025. Dass wir es mit einem mythischen Stoff zu tun haben, legt schon eingangs die Kinderstimme von Marleen D'Urso aus dem Off nahe. Aber es geht darin, nur wenige Tage nach dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, um ungebrochen aktuelle Dinge. Und also nimmt Golda Bartons frei nach Aristophanes verfasstes Himmelsspiel "Porneia" in der Uraufführung von Isabelle Redfern am Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße Fahrt auf. Mitten hinein in heutige Debatten.

Es beginnt mit einem Vorspiel im Hörsaal einer Universität: Melli bietet ihrem Professor eine These nach der anderen zu problematischen Frauenrollen und Femiziden im literarischen Kanon an. Aber der Prof, ganz alter weißer Mann, winkt überlegen ab und hätte lieber was zum sensiblen, woken Werther.

Untervögelt, aber göttlich

"Eigentlich ist er ganz okay, so ein Altlinker", sagt Melli zu Tricia, die sich mit einem Stalker herumschlagen muss. In ihrem Sinnieren über die Lage rufen die beiden die Göttinnen an – da gab es schließlich einige mächtige in der Geschichte der Menschheit. Und sie werden erhört: von Demeter, Aphrodite und Athene. Sie lassen Melli und Tricia auf den Olymp bringen. In hinreißenden Kostümen (von Mariama Sow) thronen die griechischen Göttinnen auf kleinen Türmen, ihre männlichen Gegenstücke sind präsent – als Gegenstand von allerlei Beschwerden.

Porneia1 1200 Kerstin SchomburgDie Göttinnen in Kostümen von Mariama Sow und im Bühnenbild von Lani Tran-Duc © Kerstin Schomburg

Die Olympierinnen mögen weit über den Menschen stehen, aber die alten Griechen haben sich eben auch Götter nach ihrem Bild geschaffen. Die Göttinnen sind für Melli und Tricia deshalb in mancher Hinsicht eine Enttäuschung: Sie kuschen vor Zeus und Co., und Weltfrieden? Können sie auch nicht. "Wir sind ja keine Feen".

Und sie haben zwar ähnliche Probleme wie die beiden Frauen, aber nicht unbedingt ein Bewusstsein davon. Demeter (ein Highlight der Inszenierung: Oda Thormeyer), schon lange nicht mehr unter Menschen gewesen, ist "untervögelt" und will die Welt mit Liebe retten, während sich Aphrodite (Nina Sarita Balthasar) auf eigentlich alles einen zotigen Reim macht. Und der charmant maliziösen Athene (Riah Knight) fällt, wenn sie nicht zauberhaft singt, als erstes immer wieder Krieg ein. Aber Gewalt ist ja keine Lösung. Oder etwa doch?

Kläglicher Vertreter seiner Art

Und dann ist da noch Enrico (Jannik Hinsch). Er ist auf den Olymp geholt worden, um Demeter als Lustobjekt zu dienen. Aber sie hatte eigentlich einen anderen gewollt, der ordentlich tanzen kann. Und nun kommt er nicht mehr aus der Sache raus. Was auch für sein Mannsein steht, mit dem er in einer patriarchalen Gesellschaft seinerseits nicht glücklich wird. Zwar bietet er sich offensiv als Verbündeter an, indem er beispielsweise mit dem Publikum ein Spiel spielt, um Bewusstsein für die Lage der Frau zu schaffen, aber so richtig ernst nehmen, will ihn das weibliche Personal des Abends nicht.

Männer zu Bäumen

In dieser Konstellation nun diskutieren Melli (in der Premiere von Ruth-Marie Kröger gespielt) und Tricia (Diana Marie Müller) mit den Göttinnen, was zu tun wäre. Dabei werden in rund 90 Minuten annähernd sämtliche Talking Points einschlägiger Debatten, feministische Geschichte und Utopien angerissen, angereichert mit Jugendsprache. Zudem (Stichwort: Intersektionalität) müssen auch noch andere Gewaltverhältnisse und Missstände mitbedacht werden, wie die Klimakrise oder der Rassismus. Um die Klassenfrage macht "Porneia" allerdings einen Bogen. Dabei ist gerade heute wieder einmal besonders offensichtlich, dass nicht nur Frauen nicht frei über ihre Körper verfügen können.

Aber es ist ja auch so schon eine Menge, was hier zur Sprache kommt. Und vielleicht ist es auch ein bisschen zu viel des Guten, tritt der Abend doch oft in hohem Tempo auf der Stelle, um zu seiner durchaus reizvollen Schlusspointe zu kommen: Athene verwandelt die Männer auf Erden in Bäume und löst damit gleich noch die Klimafrage. Das Gegenmittel? Sie müssen umarmt werden. Vielleicht hilft es ja tatsächlich ein bisschen.

Porneia
von Golda Barton frei nach Aristophanes
Regie: Isabelle Redfern, Choreografie: Ute Pliestermann, Bühne: Lani Tran-Duc, Kostüme: Mariama Sow, Musik: Riah Knight, Video: Salya Fink, Razia Hussaini, Lani Tran-Duc, Dramaturgie: Andrea Schwieter.
Mit: Diana Marie Müller, Ruth-Marie Kröger / Toini Ruhnke, Jannik Hinsch, Nina Sarita Balthasar, Oda Thormeyer, Riah Knight, Marleen D'Urso.
Uraufführung am 27. November 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

Kritikenrundschau

Dieser Abend ist "das humorvolle Hin- und Herschieben der Frage, ob das Zusammenleben angenehmer wäre, ohne die ständig störenden Männer", berichtet Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (29.11.2025). Er lobt den "bösartigen Humor" der Figuren, "der die Inszenierung tatsächlich sehr sehenswert macht", und versieht seine Rezension mit Selbstreflexionen: "Diese Kritik also ist lobend. Aber sie stammt von einem männlich gelesenen Autor und könnte deswegen auch besonders fieses Mansplaining sein, klar. Dass man sich diese Frage stellt, zeigt dann eben auch, wo sich 'Porneia' diskursiv bewegt."

"Regisseurin Isabelle Redfern gelingt es, mit einer Komödie einen Treffer mit Tiefgang zu landen", berichtet Peter Helling für den NDR (28.11.2025).

"Die Regisseurin sah offenbar keinerlei Anlass, den Text zu pointieren oder gar spannungsvoll zu theatralisieren. Bleibende Atmosphären oder starke Bilder stellen sich in diesem hektisch sprudelnden Diskursbad nicht ein", winkt Katrin Ullmann in der taz ab (10.12.2025). "So endet der Abend irgendwann irgendwo zwischen Fickmission, blühenden Landschaften und Männern, die in Eichen verwandelt werden: Er hat sowohl den Erkenntnisgewinn als auch den Unterhaltungswert einer Baumrinde."

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