Interstellar. Zwischen den Sternen - Staatstheater Darmstadt
Planet der Puppen
5. Januar 2025. Klaus Gehre zeigt ein neues Projekt aus der Live-Film-Theater-Werkstatt, in der er wie kaum jemand sonst die Medien, Materialien und Methoden mixt: "Insterstellar", frei nach Christopher Nolans Film und mit Heiner-Müller-Text versetzt, ist höchst verspielt und birgt ziemlich viel Risiko.
Von Michael Laages
Klaus Gehre zeigt seine Filmadaption "Interstellar" in Darmstadt © Sinah Osner
5. Januar 2025. Allerhand Unheil hatte sich zusammengebraut über dieser Produktion – und das war gerade deshalb besonders unglücklich, weil sie gut zum Spielplanmotto des Darmstädter Theaters passte: "Worauf hoffen?" Was bleibt uns noch an beschreibbarer Zukunft?
Derart finster gestimmt, wollen die Sparten des Staatstheaters Stoffe befragen: Mit Shakespeares Macbeth in der ebenso spektakulären wie herausfordernden Sicht der neuen Hausregisseurin Mizgin Bilmen setzte das Schauspiel den ersten Markstein der Saison. Bald darauf hätte "Interstellar. Zwischen den Sternen" folgen sollen, das ebenso herausfordernde Projekt des Regie-Einzelgängers Klaus Gehre, der auch schon an früheren Arbeitsstätten, etwa vor Jahren in Braunschweig, aufgefallen war durch sehr ausgefallene und extrem eigensinnige Spiel-Strukturen für Bühne und Raum, wie in einer Spielzeug-Werkstatt montiert aus Schau und Spiel, Film und Fake, Maschine und Mensch.
Theater-Phantast Gehre, der vom Jahrgang 1969 ist und aus der sächsischen Industriestadt Riesa stammt, erfindet für jede Arbeit neue Räume – diesmal in Darmstadt. Aber Anfang November vorigen Jahres stand am Beginn die Katastrophe: ein schwerer Unfall führte zur Verschiebung der Produktion. Und so ist sie jetzt zu einer der allerersten geworden im neuen Jahr.
Weltrettung durch Zeitreise
Wer den britisch-amerikanischen Drehbuchautor und Kino-Regisseur Christopher Nolan kennt, ist gut bedient an diesem Abend; wer nicht, der nicht – denn was Gehre und das Darmstädter Team heraus destilliert haben aus "Interstellar", Nolans Weltraum-Phantasie von vor zehn Jahren, erschließt sich auf der Bühne nicht umstandslos. Vage ist zu ahnen, auch mit Blick ins Programmheft, dass von "Zeitreisen" die Rede ist und (ach wie schön!) von der immer noch irgendwie möglichen Rettung von Welt und Mensch, eventuell unter Inanspruchnahme ferner und fremder Planeten.
Zeitreise in den Retro-Futurismus: mit Aron Eichhorn und Valentin Erb © Sinah Osner
Einer, der eigentlich zu Hause zu sein scheint auf einer Farm irgendwo im mittleren Westen der USA vielleicht, jedenfalls in eher ländlicher Umgebung, und der Cooper heißt, bricht auf ins Abenteuer; wahrscheinlich lässt er dafür die eigene Tochter zurück im alten Leben. In der Reise durch den Raum verläuft die Lebenszeit unterschiedlich schnell; darum sitzt am Rande von Klaus Gehres filmtheatralischer Spiel- und Werkstatt-Bühne in einem sehr realen Sessel das gealterte "alter ego" der Tochter und kommentiert gelegentlich das, was wir sehen.
In fantasievollen Spielzeugwelten
Selten allerdings sehen wir die Spielerin und die drei Spieler (in sehr abstrakten Kostümen von Mai Gogishvili) einfach nur so und in der Darstellung der eigenen Figur; fast immer agieren sie mit der Kamera und vor extrem phantasievollen Hintergründen. Die sind so etwas wie zusätzliche Hauptfiguren; und das ist zuweilen wörtlich zu verstehen – Gehre hat ein furioses Faible für Kinderspielzeug wie etwa handelsübliche Gliederpuppen, die er vor improvisierte Horizonte stellt und filmen lässt, oft mit den realen Bühnenmenschen mit im Bild. Das schafft immer neue Fremdheiten, die zugleich aber sonderbar vertraut wirken – denn wer hat denn nicht (vor mehr oder weniger langer Zeit) derlei Kinderspielzeugwelten gebaut für sich selbst? Und es liegt geradezu nahe, dass der vielseitige Theater-und-Film-Mensch Gehre in jüngerer Zeit auch ein Theaterprojekt für junge Leute kreiert hat – "Kinderlokal" heißt es, zu Hause ist es im hessischen Friedberg.
Auf der Livefilm-Bühne: Valentin Erb, Laura Eichten und Sebastian Graf © Sinah Osner
Für "Interstellar. Zwischen den Sternen" setzt er außerdem auf optische Reize, die zum einen an Gehres Herkunft aus Riesa und also aus der DDR erinnern wie auch an die Zukunftsgläubigkeit von Kunst, Kino und Theater gerade im alten Osten Europas: Cooper bricht auf (und aus dem alten Leben aus) in einem schrottreifen Lada-Auto, einem Niva 414; und über dem Auto hängt ein (letztlich im Spiel gar nicht genutztes) Schild, auf dem in kyrillischer Schrift von "Kiew" die Rede ist. Überhaupt sieht das fragmentarisch-szenische Arrangement von Motiven aus Nolans Kino-Märchen durchaus ein bisschen so aus, als wäre der Film eigentlich von Andrej Tarkowski.
Aber es gibt noch mehr Zitate und Anleihen – kurz vor Schluss wird eine Szene aus dem Michael-Curtiz-Klassiker "Casablanca" nachgestellt als abgefilmtes Püppchen-Spiel. Zentraler Satz: "Maybe someday you will understand", sagt die Humphrey-Bogart- zur Ingrid-Bergman-Puppe; irgendwann wirst Du alles verstehen. Aber vielleicht noch nicht morgen – das allerdings gilt (sorry to say!) über weite Strecken auch für Klaus Gehres "Interstellar"-Projekt insgesamt.
Heiner Müller im Prager Frühling
Und Heiner Müller, der auch von Gehre hochverehrte Ur-Ahn aus dem Theater der DDR, hilft auch nicht wirklich weiter. Müllers Text "Der Horatier", geschrieben nach der Niederschlagung des politischen Frühlings in Prag 1968, ist Gehres "Weltraumabenteuer" und Nolans Fabel unterlegt, rahmt ihn an Anfang und Ende; Müller kommentierte das Prager Geschehen mit der Erinnerung an den "Schwur der Horatier", die zu den wichtigsten Familien Roms gehörten. Im Kampf gegen die um die Macht konkurrierenden Kuriatier (einer Familie aus der Nachbarstadt Alba) tötet der Kämpfer der Horatier nicht nur den Feind, sondern auch gleich noch die eigene Schwester, die mit dem Opfer verlobt ist – siegreicher Held und entmenschter Mörder ist der Mann in einem. Und kein Teil dieser Wahrheit darf unterschlagen werden. Müller überformte mit dem radikal kalten Text übrigens eines von Brechts Lehrstücken, das dieselbe Geschichte erzählt.
Stark, das wiederzuhören – auch wenn sich der Zusammenhang mit dem Nolan-Material nicht zwingend erschließt. Denn dass Held Cooper zum Zwecke der Weltrettung die Tochter opfert, ist doch – aufs Ganze betrachtet – wohl eher ein Randmotiv.
Da hält der Darmstädter Spielplan für diese Saison noch mehr von Müller im Vorrat – Haus-Regisseurin Bilmen, die mit dem starken "Macbeth" vom Beginn, soll mit Müller "Germania Tod in Berlin" erarbeiten. Das verspricht viel – Gehres "Weltraumabenteuer" jetzt hat trotz großer Anstrengung in Raum- und Bühnen-Welt der sehr besonderen Art doch ein bisschen zu wenig gehalten.
Interstellar. Zwischen den Sternen
von Klaus Gehre frei nach Christopher Nolan und mit Texten von Heiner Müller
Regie, Bühne und Text: Klaus Gehre, Kostüm: Mai Gogishvili, Musik/Komposition: Michael Lohmann, Dramaturgie Alexander Kohlmann.
Mit: Aron Eichhorn, Laura Eichten, Valentin Erb, Sebastian Graf, Sylvia Köhler/Gundy Papadopoulos.
Premiere am 4. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-darmstadt.de
Kritikenrundschau
"Jeder Fortschritt fordert seinen Tribut. Es gibt keine Erlösung ohne Verlust" macht Björn Hayer in der taz (6.1.2025) als Hauptthema der Aufführung aus. "Jenes Dilemma hätte man an diesem Abend zweifelsohne organischer aus der Mitte des Theaters heraus, mit Spielkunst und konzentrierten Metaphern beleuchten können. Schade also, dass sich Gehre in einer überfrachteten Challenge mit der aufwendigen Kinoästhetik messen will und ihr in Teilen nacheifert", so Hayer. "Mutig ist das Experiment dennoch. Und was überdies besticht, ist der Gesang."
Eine "sehr aufwändige Weltraumexpedition" und "eine produktive Überforderung für die Schauspieler wie auch das Publikum" sah Christian Gampert vom Deutschlandfunk (5.11.2025) in Darmstadt. Der "Illusionsraum Weltall" werde bei Klaus Gehre "quasi handwerklich hergestellt", die "Weiten des Alls muss man aus dem Modellbaukasten simulieren". "Das ist in seiner jugendtheatraleischen Bescheidenheit absolut sympathisch, schwieriger ist schon die auch wissenschaftlich verzwickte Handlung."
Von einem "Bühnenspektakel" berichtet Jan Tussing im Hessischen Rundfunk HR2 (6.1.2025): "Die fünf Schauspieler*innen machen einen wirklich atemberaubenden Job". Das Stück sei "sehr dicht inszeniert" und erzähle vom "Traum der Menschheit, über sich hinauszuwachsen". Die Herstellung von Science-Fiction-Szenen auf der Bühne habe "etwas sehr Spielerisches". "Es ist ein bisschen Augsburger Puppenkiste 2.0; man sieht, wie die Effekte gemacht werden, und es macht großen Spaß zuzuschauen."
Es ist "ein sehr kleiner, ironisch kleiner Abend, der auch sehr klein und ganz gewiss ironisch sein will", berichtet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (7.1.2025). "Auch wer verspielte Theaterinszenierungen mag, wird hier herausgefordert. Weil der Übergang vom pfiffig Einfachen zum heillos Unbedarften zu fließend ist. Weil zu wenig Interessantes dabei herauskommt. Weil selbst der schöne Trick, dass das Theater bei seinen Mitteln bleibt, zu alt und hier auch zu harmlos angewendet ist, um 90 Minuten zu tragen."
Aus der Kombination von Nolan und Heiner Müller entstehe "ein visuell spaßiges Stück über moralische Ambiguität", schreibt Joshua Schössler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.1.2025). "Man schaut sich das Stück auch deshalb gerne an, weil Nolans millionenschwere visuelle Effekte auf niedliche Weise umgesetzt werden. Ein Spielzeugraumschiff wird auf der Bühne mit der Kamera dabei gefilmt, wie es sich durch kleine Wattebäusche bewegt. Das Kamerabild sieht man auf einer großen Leinwand, was die Illusion einer großen Raumschifflandung erzeugt. Das atmet den Charme niedrig budgetierter Science-Fiction-Serien: Man sieht, was die Effekte zeigen sollen, gleichzeitig bleiben sie in ihrer Konstruiertheit als solche erkennbar."
"Klaus Gehre, Fachmann für Heiner Müller wie für Live-Video-Theater, ist in Sachen Reizüberflutung besonders kreativ. Christopher Nolans Hollywood-Original hat er durch den Trash-Häcksler gejagt. 'Interstellar' schaut jetzt aus, als hätten sich Ed Wood, der Meister des kultigen Schunds, und Michel Gondry, bekannt für Filmtricks wie aus dem Baumarkt, mit Flash Gordon und Barbarella auf dem Schrottplatz zum Spielen verabredet." So berichtet Stefan Benz im Darmstädter Echo (6.1.2025). "Wer den fast dreistündigen Film nicht gesehen hat, wird wohl nicht viel kapieren, zumal das Ende der Kino-Story auch noch abgeschnitten ist. Erzählerisch scheitert der Abend also auf geradezu verwegene Weise. Wer aber bei einem Weltraummärchen im Theater auf die Gravitationskraft des Sinns verzichten kann, der kriegt hier dennoch das volle Programm für Auge und Ohren."
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(Anm. Redaktion: Eine vermessene Polemik wurde aus diesem Kommentar entfernt.)