Die Revolution trägt Smart Casual

6. April 2025. Schiller drehte am Rädchen: Philipp ist ein böser Herrscher, Don Karlos ein Hoffnungsträger und Posa sein Selbstbild. Das kann heute knirschen. Nicht in Kassel: Der "Don Karlos" von Julia Hölscher setzt auf kantige Bilder und die modischen Subbotschaften einer verrohten Welt.

Von Andreas Günther

"Don Karlos" in der Regie von Julia Hölscher am Staatstheater Kassel © Katrin Ribbe

6. April 2025. Leise schwebt ein Geruch in den Zuschauerraum. Was ist das? Etwas scharf, aber auch süß und mit der Erinnerung an alte Kindertage. Genau: der Duft von Zündblättchen. Natürlich wird im letzten Akt von Don Karlos am Staatstheater Kassel nicht scharf geschossen – aber recht häufig. Zum Schluss ist Posa tot, Elisabeth und Karlos gleich hinzu. Der Tod ist ein Meister aus Spanien. Oder aus Deutschland, aus Russland? 

Natürlich wissen alle bei der Premiere am Samstag, dass die Leichen auf der Bühne ebenso wenig echt sind wie eben – das Zündblättchen. Aber ein Grausen beschleicht einen schon. Wie Machtstrukturen von damals funktionierten, wie sie heute in Schrecken und Groteske abgleiten.

Überwachungsmittel Briefpapier

Schiller rechnet mit seinem Landesvater ab. Der hatte ihn zum Deserteur erklärt und zur Verhaftung ausgeschrieben. Deshalb liebt Schiller die jungen Schwärmer und verachtet die alten weißen Männer. Nur, dass es bei Don Karlos im Blutbad endet. Jeder scheitert. Primär an sich selbst. Sichtbar ist dies unter den drei unschuldigen Humanisten. Aber auch hinter der Theaterwand, in Flandern, wo König Philipp ein Massaker verübt, verüben lässt. Ein brisanter Stoff, erschlagend aktuell. Wir sehen in Kassel keine "Make America Great Again"-Kappen, auch keine Panzer mit dem Z-Symbol. Der Überwachungsstaat funktioniert auch sehr gut analog – mit gutem, altem Briefpapier.

Das ist die Stärke der Regiearbeit von Julia Hölscher, ihre erste Arbeit in Kassel. Ihr Don Karlos ist berührend, schlau, intim, mutig, schnell. Wie sie der Sprache vertraut, toll. Nach zehn Minuten ist klar: Das könnte auch ein großer Abend an den Edel-Bühnen der Deutschen und Österreicher sein. Weißt Du noch, damals?

So banal ist die Sache nicht. Wir sind nicht im Museum. Doch es gibt eine hohe Sprachkultur im Ensemble. Philipp (Clemens Dönicke) rastet aus, tobt, erteilt Mordbefehle, wird offen sichtbar paranoid. Aber jede Zeile sitzt, das kleinste Schiller-Komma inklusive. Das macht ihn so gefährlich. Diese schneidende Präsenz, dieses Selbstverständnis. Ich bin der größte König. In meinem Land geht die Sonne nicht unter. Ich muss über meine Untertanen wachen. Insbesondere, wenn sie nicht dem rechten Glauben folgen.

Felix Thewanger (Pater Domingo), Aljoscha Langel (Herzog von Alba), Emma Bahlmann (Marquis von Posa), Daniel Friedl (Don Karlos), Clemens Dönicke (Philipp II., König von Spanien), Lisa Natalie Arnold (Elisabeth von Valois, die Königin), Helene Paula Dönicke (Clara Eugenia, Infantin), Zazie Cayla (Prinzessin von Eboli) © Katrin Ribbe

Dem rechten Glauben oder dem richtigen Glauben? Obwohl sie es könnte, setzt Julia Hölscher nicht auf Nazi-Verprügeln. Denn die Gegenseite ist eine Versammlung von Schwärmern, Liebenden, Lebenskünstlern – alle auch in ihrer eigenen Weltsicht verhaftet, eingekerkert. Da wird Schiller mitunter wirr und setzt alle in die Achterbahn der Logik. Wer hat jetzt wem einen Brief gegeben? Der Verräter ist nur scheinbar ein Verräter? Egal, Strafe muss sein. Drei Tote, viel Applaus.

Projektionsfläche kranker Männerseelen

Die Figuren sind unterschiedlich scharf gezeichnet. Natürlich ist der Egomann Philipp ein Traum für Körperhaltungen und Seelenzustände. Seine Gattin Elisabeth (Lisa Natalie Arnold) bleibt eindimensional. Auf den ersten Blick. Aber vielleicht braucht man den Ruhepol unter lauter aufgewühlten Männern. In diesem Sinne zeigt Julia Hölscher die Mutter, Geliebte, Angebetete als das, was sie bei Schiller ist: Projektionsfläche kranker Männerseelen.

Obwohl: So einfach ist es mit den Geschlechterbildern nicht. Der Marquis von Posa wird mit einer jungen Frau besetzt (Emma Bahlmann). Lange, helle Haare, feine, etwas buntere Klamotten – das ist ein Edelrevoluzzer, der sich als Künstler versteht. Viel Schiller inside. Wenn die Emotionen durchgehen, wehen die Haare. Wenn ein taktisches Versteckspiel angebracht ist, verschwinden die Haare schnell unter dem Jackett-Kragen.

Simple, feine Bühnensprache, die man mitunter auch übersehen kann, die jedoch im Subtext wirkt. Pater Domingo (Felix Thewanger) beispielsweise trägt Glatze und einen Ohrring mit schwarzem Kreuz. Verstanden. Der Herzog von Alba (Aljoscha Langel) hat permanent einen Revolver dabei – entweder im Kopf oder ganz offen in der Hand. Simpel das Kostüm, scheinbar (Sofia Staal): Der moderne Kämpfer trägt praktische Sachen, edel vielleicht, aber Tarnung ist alles.

Quiet luxury: Zazie Cayla (Prinzessin von Eboli), Daniel Friedl (Don Karlos) © Katrin Ribbe

Im Programmheft wird es offen benannt: "quiet luxury" ist das Gebot der Modestunde – nur nicht durch Opulenz auffallen, auch ein Sneaker kann schön sein, wenn er 800 Euro kostet. Die Reichen lieben die Camouflage, sie diffundieren in die Gesellschaft der Nicht-Habenden, um im richtigen Moment die Pistole zu zücken.

Vertrauen in Schillers Wertewelt

Richtig modisch "laut" ist nur die Prinzession von Eboli (Zazie Cayla). Sieht aus wie ein Mix aus Gothic und einem Horror-Trash-Film. Das Gegenteil von süß und in Gummistiefeln. Als Mann darf man durchaus Angst bekommen. Das funktioniert großartig beim Treffen mit Don Karlos (Daniel Friedl). Seltsam, was hat der Infant für eine Hose an? Kurz (klar, ein Kind), aber so wollig, wie ein Faun. Ein Rätsel.

Klar hingegen die kantige Bühne von Paul Zoller. Düster, schwarz, weiß, grau – nur ein paar menschengroße Teddybären reiben sich am Weltuntergang. Vor allem ist die Bühne schnell – die Elemente drängen die Menschen in Stresssituationen zusammen oder ein gewaltiges Drehrad rotiert über den Köpfen. Da möchte man nicht sein. 

Aber in Kassel möchte man sein. In diesem "Don Karlos" trifft Sprachkraft auf ein berührendes Grundvertrauen in die Wertewelt Schillers. Ein Retter für uns moderne Menschen kann er nicht sein. Es riecht nach unerreichbaren Idealen und Zündblättchen.

Don Karlos
von Friedrich Schiller
Regie: Julia Hölscher, Regie-Mitarbeit: Simon Hastreiter, Bühne: Paul Zoller, Kostüme: Sofia Staal, Sounddesign: Tobias Vethake, Licht: Oskar Bosman, Dramaturgie: Alexander Olbrich.
Mit: Clemens Dönicke, Lisa Natalie Arnold, Daniel Friedl, Emma Bahlmann, Eboli Zazie Cayla, Aljoscha Langel, Felix Thewanger, Paula Dönicke, Noam Singer.
Premiere am 5. April 2025
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-kassel.de

Kritikenrundschau

"Das Private ist politisch, das Politische privat – das sagt sich so lapidar. Aber wie diese Sphären wirklich ineinanderfließen und im Menschen selbst untrennbar vereint sind, das zeigt die Inszenierung elegant und poetisch, zeigen die Darstellerinnen und Darsteller in überzeugendem Spiel", lobt Bettina Fraschke in der HNA Hessische/Niedersächsische Allgemeine (7.4.2025). In Kombination mit der brillanten Lichtsetzung von Oskar Bosman und dem kongenialen Sounddesign von Tobias Vethake entstehe ein sinnliches, fast immersives Bühnenerlebnis, das in den Bann ziehe.

Kommentare  
Don Karlos, Kassel: Mottenkugeln
Für mich roch es gestern vor allem auch nach Mottenkugeln und jeder Menge Staub... Für mich ein wahnsinnig ... biederer, braver Abend....
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