Wie man einen Wald kaputtkriegt

21. September 2025. In ihrem neuen Stück lässt Felicia Zeller einen Wald vor die Hunde gehen und die Sprache gleich mit. Die Bäume werden gerodet und die Sätze sind abgehackt. Marie Bues hat die Uraufführung inszeniert, mit einem könnerischen Ensemble und atmosphärischem Sound.

Von Simon Gottwald

"Stück aus Holz" in Kassel © Sylwester Pawliczek

21. September 2025. Ein Wald in Hessen: Vor einem halben Jahr hat ein Orkan eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Eichhörnchen flogen wie Geschosse durch die Luft. Die Aufräumarbeiten schreiten nur langsam voran und sind anstrengend, und dann kommt auch noch eine Podcasterin auf der Suche nach Material in den Wald und geht den Förstern zur Hand.

In dieser Prämisse steckt das Potenzial für eine leidlich lustige Komödie im Stile deutscher Fernsehfilme, aber echte Lacher gibt es in Marie Bues' Uraufführungs-Inszenierung von Felicia Zellers "Stück aus Holz" am Staatstheater Kassel nicht sehr viele. Stattdessen findet der Zuschauer sich mitten in einem Lehrstück wieder: Ein Borkenkäferbefall macht die Rodung von immer mehr Waldstücken unumgänglich – was für ein Glück, dass das steuerliche Vorteile bringt! Gut, manche der Förster haben ihre Bäume seit Jahrzehnten aufwachsen sehen, aber wo gehobelt wird, da fallen halt auch Späne.

Bedrohter Wald mit Pressesprecherin

Mit schwerem Gerät, betrieben von einem estnischen Subunternehmer wird ein angenehmer Kahlschlag durchgeführt. Der Förster will seit inzwischen über einem Jahr Lanzarote besuchen, wozu er wegen der vielen Arbeit nicht kommt, und jetzt hat er sozusagen "Lanzarode" vor der Tür, aber seiner Psyche bekommt die Auslöschung des Biotops dann doch nicht – nicht zuletzt, weil auch ein geschütztes Gebiet gerodet wurde, in dem angeblich der Eisvogel lebt.

Welt ohne Bäume: Das Ensemble im Bühnenbild von Indra Nauck © Sylwester Pawliczek

Zu allem Überfluss wird nach drei Jahren beschlossen, die Aufräumarbeiten zu beenden und den Wald stattdessen sich selbst zu überlassen – aber dafür gibt es praktischerweise EU-Fördergelder, mit denen das Unterlassen von Arbeit finanziert werden soll. Eine Pressesprecherin hat der Wald nun auch, und in schönstem Werbesprech werden Abholzungen oder deren Unterlassen in watteweiche Wörter ohne Wert gepackt. 

Zerstörte Bäume, zerstörte Sätze

Im Grunde geht es in "Stück aus Holz" um Sprache: Das, was sie anrichten kann, aber auch das, was ihr angetan wurde und wird. Die Figuren sprechen in Fragmenten, in verstümmelten, abgehackten Sätzen, die fast alle auf das Verb verzichten – das ist in der ersten halben Stunde noch interessant, wird dann aber, da es in unerbittlicher Konsequenz durchgezogen wird, ziemlich schnell ziemlich anstrengend. Wäre das Stammeln und Stümmeln, nur als Beispiel, auf die Podcasterin (überzeugend aufgedreht: Emma Bahlmann) beschränkt gewesen, hätte sich daraus noch eine Kritik an den Soziolekten der Internetkultur konstruieren lassen, die auf Außenstehende doch häufig befremdlich wirken müssen. Aber darum scheint es hier gar nicht zu gehen: Vielmehr verlieren die Figuren sich in ihren zerstörten Sätzen und scheinen gar nicht mehr so genau zu wissen, was sie eigentlich ... "Eigentlich könnten wir diese Szene – wir könnten die komplett streichen" ist ein Satz, der an diesem Abend häufiger auf der Bühne fällt. Ja, möchte man da sagen.

StueckAusHolz 2 Sylwester Pawliczek MACHMAMACHMA klein 422 367dc1f9e9Überzeugend aufgedreht: Emma Bahlmann als Podcastern © Sylwester Pawliczek

Ähnlich ist es mit dem ostentativen Gendern, das alle der Landesdiener:innen und die Podcasterin in Perfektion beherrschen: Wird hier die hölzerne Sprache von Fördergeldanträgen parodiert oder soll das Publikum Inklusion vorgelebt bekommen? So ganz klar wird das bis zum Ende leider nicht. Auch die Metaphern sind etwas zu sehr auf die Nase: Eine Försterin lässt ihren Hund bei Sommerhitze im Kofferraum ausharren und nimmt sich immer wieder vor, ihn herauszulassen – Klimawandel, ick hör dir trapsen. Und dass der Borkenkäfer sich in der (wirtschaftlich lohnenderen) Fichten-Monokultur ohne große Schwierigkeiten ausbreiten kann: Nun ja, irgendetwas mit Kapitalismus geht immer. Dass Diversität auch im Wald besser ist, hätte auch nicht noch explizit ausgesprochen werden müssen.

Tolle Soundkulisse

Für eine Komödie sind die Lacher verhältnismäßig selten, meist packen sie auch nur Teile des Publikums. Dem Ensemble wäre mehr zu wünschen gewesen, denn die Leistung, fast zwei Stunden diese kreisende, zerhackte, irgendwie an einen durch den Papierschredder gejagten Thomas Bernhard erinnernde Sprache so flüssig auf die Bühne zu bringen, verdient große Anerkennung.

Auch die Musik von Lila-Zoé Krauß ist stark und verleiht dem Stück da Kohärenz, wo die Sprache es auseinanderzureißen droht – sphärische Klänge sind genauso zu hören wie eine Collage aus Podcastausschnitten.

Aber manche Stücke können nicht durch eine tolle Soundkulisse gerettet werden, nicht durch eine starke Truppe, manche Stücke sind vor allem eines: anstrengend.

Stück aus Holz
Eine Komödie von Felicia Zeller
Uraufführung
Regie: Marie Bues, Bühne und Kostüme: Indra Nauck, Musik und Sounddesign: Lila-Zoé Krauß, Choreographie / Bewegungsarbeit: Mason Manning, Dramaturgie: Ulf Frötzschner.
Mit: Emma Bahlmann, Günther Harder, Christina Weiser, Daniel Friedl, Aljoscha Langel.
Premiere am 20. September 2025
Dauer: 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

Kritikenrundschau

"Felicia Zeller hat eine fast dadaistische Textlandschaft geschrieben, die Marie Bues präzise und ausgetüftelt inszeniert", schreibt Bettina Fraschke in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (22.9.2025). "Ein Highlight des Abends ist die detailreiche Bewegungschoreografie von Masin Manning. Er hat mit den Schauspielerinnen und Schauspielern tänzerische Sequenzen erarbeitet, die bestens zum elliptischen Text passen."

Kommentare  
Stück aus Holz, Kassel: Was heißt "anstrengend"?
Was ist denn bitteschön "anstrengend" für eine Kategorie im Sinne einer theatralischen Auseinandersetzung? Dem Kritiker wäre mehr Spaß an der Sprache zu wünschen. Das Stück lässt sich sicherlich nicht einfach als Komödie einordnen. Die Sprache spielt kongenial zwischen Verwaltung, Antrag, Podcast und Alltag, ihre Form spiegelt den Inhalt und umgekehrt. Man muss es auch nicht gleich als belehrend empfinden, wenn Einem beim Schauen die Zusammenhänge Wald-Mensch-Wirtschaft-Klima auf sehr bewegende Weise deutlich werden. Die Produktion legt den Finger in die Wunde, in Zeiten, in denen die Veröffentlichung des Waldzustandsberichts nur noch Achselzucken auslöst und sich der deutsche Forst irgendwo zwischen Aktionismus und Ratlosigkeit bewegt. Ich habe das "Stück aus Holz" als durchaus humorvollen Beitrag zu einem existenziellen Thema gesehen, am Puls der Zeit, und ja, die Zeiten sind anstrengend.
Stück aus Holz, Kassel: Berufsberatung
Wenn der Rezensent dieses Stück "anstrengend" fand, sollte er dringend über einen Berufswechsel nachdenken. Es war sicher vieles: kritisch, kunstvoll, komisch und ja, vielleicht auch etwas kürzungsbedürftig. Aber "anstrengend"? Der Rezensent kann noch nicht viel Theater gesehen haben.
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