The Winner takes den Beatmungsapparat

5. Oktober 2024. Im langen Schatten der Corona-Pandemie blickt Maya Arad Yasur mit ihrem Kammerstück "Triage" auf die ethischen Dilemmata der Medizin. Alles wunderbar herb, überraschend, so gar nicht vorhersehbar. Wer wird im Krisenfall überleben? Starke Nerven braucht man nicht, aber das Stück hat Risiken und Nachwirkungen.

Von Andreas Günther

Maya Arad Yasurs "Triage" in der Regie von Josua Rösing in Kassel © Sylwester Pawliczek

5. Oktober 2024. Ein schreckliches Wort. Aber so schön melodiös: "Triage". Man könnte eine Oper mit diesem Titel schreiben. Wäre da nicht der Schrecken zwischen den vielen Vokalen.

Es gibt ein Foto aus dem Ersten Weltkrieg, da steht der Name über einer Baracke vor dem Feldlazarett – noch bevor ein Arzt sich eine Behandlung der Schwerverletzten überlegt, sondiert ein anderer Arzt, wen es sich denn überhaupt zu behandeln lohnt. Die hoffnungslosen Fälle werden aussortiert. Daher auch der un-schöne Name, aus dem Französischen: "Trier" steht für Auslesen, Sortieren. In der aktuellen deutschen Sprache würden die Bürokraten und Ethiker lieber "Ersteinschätzung" sagen, alles fein geglättet, praktisch, juristisch.

Auf Leben und Tod

Doch so leicht ist die Angelegenheit nicht, wie uns die deutschsprachige Erstaufführung von "Triage" am Staatstheater Kassel zeigt. Das Thema ist groß und wichtig, man hätte zur Premiere in das Schauspielhaus nebenan laden können. Doch die Entscheidung fiel auf das "TIF", das Theater im Fridericianum, gleich um die Ecke, ein dunkler Kellerraum mit niedriger Decke und Platz für 99 Zuschauer*innen.

Nora Quest als Petra © Sylwester Pawliczek

Vielleicht ist es genau diese Ausgangslage, die Regisseur Josua Rösing zu einem Trick bewegte. Nämlich die Flucht in die glatte Fernsehwelt – der Abend beginnt mit Video-Zitaten aus beliebten Arzt-Seifenopern des Vorabendprogramms. Darunter tönt ein Song, den wir alle kennen, er wird an diesem Abend mehrfach zitiert: The Winner Takes it All von ABBA. Oh, oh, das könnte in eine Persiflage abgleiten, bei so einem gewichtigen Thema. Tut es aber nicht.

Der Bruch ist hilfreich. Zumal auch die Autorin Maya Arad Yasur in "Triage" nicht das Offensichtliche des Gegenstandes bedient. Spannend ist, was wir nicht sehen. Eben keine Kranken in ihren Betten. Man hört nur das "Bing" der Beatmungsmaschine im Hintergrund. Kein Blut, kein Stöhnen, kein offensichtliches Leid – aber dieses beharrliche "Bing". Toll, wie man mit einem so kleinen Ton diese starke Atmosphäre halten kann.

Ein Job der Wahrscheinlichkeiten

Genau dieses "Bing" ist die Mutter der Verzweiflung. Es gibt zu wenig Beatmungsmaschinen in diesem Krankenhaus. Es liegt in einer ungenannten Region, in einem ungenannten Land – es könnte überall in der westlichen Welt sein. Natürlich denken wir an die Pandemie und die umherstreunenden Corona-Viren.

Doch Maya Arad Yasur lässt im dramatischen Hintergrund ein Feuer toben. Eine Brandkatastrophe sorgt in "Triage" für die Überlastung des medizinischen Apparats. Haut und Lungen werden geschädigt, die Situation ist extrem. In Kassel bei der deutschsprachigen Erstaufführung spielt sich all das primär in den Köpfen ab. Denn die Bühne (von Michael Lindner) ist reinlich, karg, aseptisch. Man riecht den Duft von frischem, blauem Linoleum.

Triage2 SylwesterPawliczekPhilipp Staschull als Bruno © Sylwester Pawliczek

Zugegeben: Man dachte bei dem Titel, dass "Triage" entweder zum blutigen Existenzdrama ausarten könnte, oder zur philosophischen Vorlesung. Maya Arad Yasur biegt schon vorher von dieser Gedankenautobahn ab. Sie wirft Überraschendes ein, Facetten, die einen emotional wie intellektuell konfrontieren. Klar muss der Jüngere überleben – was aber, wenn der Ältere ein Genie ist, knapp vor dem Durchbruch in der Krebsforschung? Sein Wert für die Menschheit muss doch deutlich größer sein.

Wobei Anführungszeichen angebracht sind. Der "Wert" eines Menschen kann nicht in Alter, Wissen oder familiären Beziehungen bemessen werden. Fast als Persiflage schickt Maya Arad Yasur eine Figur namens Edgar Jordan vorbei. Dessen Mutter soll vom Beatmungsgerät abgeschaltet werden. Doch Edgar ist nicht primär Sohn, nicht primär emotional beteiligt – sondern ein Professor für Simulationen. Er errechnet einfach die Wahrscheinlichkeiten. Maya Arad Yasur deutet es hier nur an, sagt es nicht offen: Aber eine Zukunft ist nah, in der die Künstliche Intelligenz uns aus dem ethischen Dilemma erlösen wird, wer denn sterben muss.

Bilder wirken nach

Klingt nach Kopftheater, ist es aber nicht. Die Figuren sind stark gezeichnet, sie sind vielschichtig, mit Marotten und regelrechten Trieben. Dr. Bozic (Günther Harder) beispielsweise will seine Frau schwängern, kann aber die Finger nicht von der Kollegin Dr. Majewski (Lisa Natalie Arnold) lassen. Im höchsten Stress über die Brände, Beatmungsgeräte und Frauenduft kommt er auf die Idee, dass alles nur eine Simulation sei. Um ihn zu testen. Auch eine Form von Flucht, oder so schön philosophisch "Eskapismus".

Will man als Zuschauer fliehen? Nein. Dafür ist der Abend zu unterhaltsam und nach eineinhalb Stunden schon vorbei. Aber man schläft schlecht, viele Bilder huschen durch das Nacherleben. In diesem Sinne ist der Abend überreich, der perfekte Mix von Ausgesprochenem, Unterschwelligem und reinstem Theater-Purismus. Ach – wie häufig fällt das Wort "Triage"? Nur einmal, ganz kurz und nebenbei in den ersten drei Minuten.

 

Triage
von Maya Arad Yasur
Deutsch von Matthias Naumann
Regie: Josua Rösing, Bühne und Kostüme: Michael Lindner, Musik: Alexandra Holtsch, Dramaturgie: Elias Lepper, Carlotta Huys, Video: Jens Bluhm.
Mit: Christina Weiser, Lisa Natalie Arnold, Günther Harder, Hagen Oechel, Nora Quest, Philipp Staschull.
Deutschsprachige Erstaufführung am 4. Oktober 2024 am TIF in Kassel
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

Kritikenrundschau

Das Stück biete "all das, was das Publikum abends vor die Bildschirme daheim lockt", schreibt Kirsten Ammermüller in der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (7.10.2024). Es gehe um "ein ethisch-moralisches Dilemma auf, das den gesellschaftlichen Aushandlungsprozess über die Wertigkeit des Lebens herausfordert und sein Publikum nicht ohne Nebenwirkungen zurücklässt". Das Stück versuche nicht, dieses aufzulösen. Stattdessen greife Josua Rösing "Mittel der Persiflage". Der Applaus sei "verdient", so Ammermüller. 

"‘Triage' wirkt wie ein Theaterseminar als Impulsbeitrag für den Austausch auf einer Mediziner-Tagung. So betont der Kasseler Abend nicht den Realismus der Vorlage, sondern die Künstlichkeit des Theaterspiels und damit auch die eingebaute Möglichkeitsebene, das Stückpersonal befinde sich in einem 'Realitätsmodell zur Simulation von Entscheidungsprozessen', schreibt Jens Fischer in der Deutschen Bühne (5.10.2024).

Vera John von hr2 (7.10.2024) fand den Wechsel zwischen "Leben-und-Tod"-Diskursen und "Soap"-Elementen "schon etwas grotesk". Das Ensemble spiele sehr intensiv, und doch hätten die Figuren aufgrund ihrer stereotypen Anlage die Kritikerin nicht erreicht. Das Thema sei wichtig, es gebe in der Inszenierung auch überraschende und witzige Einfälle, und trotzdem: "Diese Aufführung wirkt für mich unausgegoren."

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Triage, Kassel: Kritik macht Lust
Die frisch geschriebene Kritik macht Lust, das Stück anzusehen. Trotz und gerade wegen der Thematik.
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