an grenzen - Staatstheater Wiesbaden
Kontinuität der Gewalt
15. März 2025. Susanne Frieling bringt Özlem Özgül Dündars Stück über rassistische Gewalttaten zur Uraufführung. Keine leichte Aufgabe, denn der Text enthält eine besondere Herausforderung. Auch für das Publikum.
Von Shirin Sojitrawalla
"an grenzen" von Özlem Özgül Dündar am Staatstheater Wiesbaden © Maximilian Borchardt
15. März 2025. Das Stück ist als Monolog gedacht, unterbrochen von einer langen Liste mit Daten, Orten und Namen. Die Namen jener, die in Deutschland Opfer rechter Gewalt geworden sind, von 1966 bis 2023. Diese Liste ist das Herzstück der Inszenierung von Susanne Frieling, die sich gerade einen Namen für sperrige Theaterstoffe macht. Zuletzt inszenierte sie am Schauspiel Frankfurt den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Den szenischen Mangel konterte sie mit frischen Bühnenideen. Doch wie spielt man die rund einstündige Lesung einer Namensliste?
Umgetopfte Menschen
Dazu später. Der Abend beginnt im Foyer des Staatstheaters Wiesbaden. Die drei Schauspielerinnen Trang Dông, Laura Talenti und Süheyla Ünlü mischen sich unters Publikum. Sie tragen graue Arbeiterkluft und rote Tücher um den Hals und glänzen wie frisch eingecremt. Dezent nehmen sie Kontakt auf, sprechen von sich und den anderen, schreiten vom Ich zum Du und bauen ein Vertrauensverhältnis auf. Kurze Zeit später winken sie die Masse ins Kleine Haus. Dort wartet ein großes Gerüst im Bühnennebel und die drei beginnen zu erzählen vom Anwerbeabkommen und den so genannten Gastarbeitern, die ab den 50er Jahren nach Deutschland gekommen sind, erst aus Italien, später auch aus der Türkei. Von angeworbenen Händen ist bei der preisgekrönten Autorin Özlem Özgül Dündar die Rede und von angemieteten Körpern. Von Menschen, die wie Pflanzen umgetopft worden seien und von Fabrikarbeit im Akkord.
Alles richtig und etwas einseitig, fast klingt es so, als seien die Menschen damals nur unter Zwang nach Deutschland eingereist. Nicht nur gedanklich, auch inszenatorisch ist das der schwächste Teil. Der Versuch, die fehlende Handlung mit Videoarbeit wettzumachen, fruchtet nicht. "Bella Ciao"-Singen funktioniert natürlich immer, passt hier aber nur halbwegs. Steht auch nicht im Text. Genau wie die Zeile, Deutsche hätten keinen Humor (gähn). In diese Liga sortiert man zunächst auch die plötzlich die Bühne bestimmende Kartoffel als Requisit ein. Eine Anspielung auf die Deutschen als Kartoffeln oder Kartoffelfresser? Auweia. An diesem Abend sind sie allerdings auch Symbol des Lebens.
Auf Arbeit: Trang Dông, Süheyla Ünlü, Laura Talenti © Maximilian Borchardt
Das Ensemble spricht erst von den Ungerechtigkeiten, denen die "Gäste" damals ausgesetzt waren. Von dort ist es ein kleiner Schritt zu den Anschlägen und Morden, die sie und ihre Nachfahren fürchten müssen. Bei Özlem Özgül Dündar kulminieren sie in einer Liste, die an diesem Abend als "Hommage an all jene, die Opfer von rechter Gewalt geworden sind", verstanden werden soll.
"Say Their Names"
Auf der Bühne stehen jetzt, wo man vorher noch Arbeiterinnen am Fließband sah, immer abwechselnd zwei der Schauspielerinnen. Die dritte steht an einem Pult daneben und liest die Namen der Getöteten. Der riesige Blätterstapel vor ihr erschreckt alle im Saal und die Ansage, man dürfe den Raum verlassen, ermuntert einige rauszugehen, nicht wenige folgen innerhalb der nächsten Stunde. Das ist verständlich und schade, denn auch wenn man zuerst meint, das Ganze in seiner ständigen Wiederholung kaum auszuhalten, bekommt es in der kollektiven Fokussierung das Format eines Gedenkgottesdienstes.
"Say Their Names" lautet der passende Slogan, der dazu auffordert, die Opfer rassistischer Gewalt nicht zu vergessen, sondern ihrer namentlich zu gedenken. In dieser Tradition steht auch Dündars lange Liste sowie diese Inszenierung. Wenn von Brandanschlägen die Rede ist, legen die Spielerinnen eine Kartoffel für jedes Opfer in einen Kochtopf und zünden ein Streichholz an, werfen es dazu, warten und schütten die Kartoffeln dann wie Dreck auf den Tisch. Wurden die Menschen erschossen, schießen sie mit einer Pistole in den Topf. Für jeden Mord ein Schuss. Das hört sich bescheuert an, erzeugt aber auf die Dauer seinen ganz eigenen akustischen Reiz und vor allem Schmerz. Selbiges gilt für das Knallen eines Hackebeils, das eine Kartoffel guillotinengleich zweiteilt. Oft folgt auf die Namen noch das Alter der Opfer, zahllose Kindergartenkinder sind darunter.
Nach dem Schluss
Das fabrikmäßige Töten auf der Bühne gemahnt auch an die systematische Tötung im Nationalsozialismus. Kontinuitäten der deutschen Geschichte. Darüber könnte man sprechen. Das Ensemble steht nach dem Schlussapplaus im Foyer dazu bereit. Das ist Teil der Inszenierung sowie Anliegen der Beteiligten. Es gibt Kartoffelsuppe (kein Witz) und der engagierte Abend schließt, wie er beginnt: auf Augenhöhe mit denen, die es interessiert.
an grenzen
von Özlem Özgül Dündar
Inszenierung: Susanne Frieling, Ausstattung: Theresa Scheitzenhammer, Licht: Steffen Hilbricht, Video: Eduardo Mayorga, Dramaturgie: Sophie Steinbeck.
Mit: Süheyla Ünlü, Laura Talenti, Trang Dông.
Uraufführung am 14. März 2025
Dauer: 2 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-wiesbaden.de
Kritikenrundschau
"Özlem Özgul Dündars Bühnen-Performance 'an grenzen' will unübersehbar kein Kunstwerk sein, und obwohl Susanne Frielings Inszenierung der Uraufführung allerlei Theatermittel wie Bühnennebel und mühsam motiviertes Umherlaufen aufbietet, ist das Stück ein einziger wütender Aufschrei", berichtet Matthias Bischoff im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.3.2025). Die Performance wirft für den Kritiker viele Fragen auf: "Was soll man während dieser Tortur empfinden? Mitleid, Reue, Wut, Scham? Von allem etwas? Sind diese Morde ein Beleg dafür, dass man in einem fremdenfeindlichen Land lebt? Wird man hier als Zuschauer gleichsam in Geiselhaft genommen, als Mitangeklagter in dieser sich endlos hinziehenden Klageschrift? Und es regt sich innerer Widerstand gegen die pädagogische Überwältigung."
Einem "penetrant perpetuierten Zeremoniell" wohnte Viola Bolduan vom Wiesbadener Kurier (19.3.2025) bei. "Die meisten im Premierenpublikum halten es aus. Es ist aber nicht auszuhalten", schreibt sie durchaus gebannt: "Regisseurin Susanne Frieling inszeniert dieses 'SayTheirNames'-Protokoll in seinem desaströsen Gleichmaß mit zutiefst qualvoller Sogwirkung. Eine ganz starke Szene."
Das Kartoffel-Ritual sei "beklemmend" und "schwer auszuhalten", schreibt Katja Sturm in der Frankfurter Neuen Presse (25.3.2025). "Der letzte Rest an Anonymität verschwindet, als bekannte Namen zu hören sind. Als ganze Familien aufgezählt werden mit Kindern, die ganz klein oder noch gar nicht auf der Welt gewesen sind." Die "intensive und brutale Zeremonie" lasse allerdings auch "den Rest des Stücks verblassen", so die Kritikerin.
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm
-
Theaterpodcast Investigativtheater Aufklärung?
-
Quelle, Wien Frontalunterricht
-
Bluets, Berlin Multifunktionsroboter
-
Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





Es ist lange her, dass mich ein Theaterabend so ratlos zurückgelassen hat – und nicht im guten Sinne. „An Grenzen“ war nicht nur schlecht inszeniert, sondern auch erschreckend emotionslos gespielt. Der Text hätte vielleicht eine gewisse Kraft entfalten können, doch die distanzierte, fast gelangweilte Darbietung ließ ihn völlig wirkungslos verpuffen. Als Zuschauer blieb ich unberührt, trotz – oder gerade wegen – der offensichtlichen Bemühung um große Bedeutung.
Besonders die absurde Idee mit den Kartoffeln entwickelte sich schnell von einem kuriosen Einfall zu einer echten Geduldsprobe. Sie wirkte nicht nur beliebig, sondern auch unfreiwillig komisch – was angesichts des ernsten Themas kaum beabsichtigt sein dürfte.
Dann die einstündige Verlesung der Opfernamen: ein Moment, in dem das Theater seiner Verantwortung gerecht werden könnte – doch wenn nach und nach immer mehr Zuschauer den Saal verlassen, läuft etwas grundlegend falsch. Natürlich bleibt man sitzen, um nicht pietätlos zu wirken. Aber sollte Theater nicht berühren, herausfordern, zum Nachdenken anregen? Stattdessen fühlte es sich an wie eine Art moralischer Pflichtveranstaltung, der man sich nicht entziehen darf.
Die Premiere war schon nur halb gefüllt, und nach einer Stunde saß vielleicht noch ein Viertel des Publikums im Saal. Ist das wirklich das Ziel? Ein Theater, das sich selbst referenziert, das das Publikum verliert, anstatt es zu gewinnen? Und warum spielt die Politik dieses Spiel mit?
Die Kritik überschlägt sich in Lob – warum eigentlich? Ich kann nur hoffen, dass irgendwann ein Umdenken stattfindet und das Staatstheater Wiesbaden wieder das wird, was es sein sollte: ein Ort für berührendes, packendes, kluges Theater. Eines, das Geschichten erzählt – für die Menschen, die ins Theater kommen.
Ein ehemaliger Fan des Staatstheaters Wiesbaden.
Sie wollen doch wohl hoffentlich den Theatern nicht vorschreiben lassen, was sie zu spielen haben und was nicht.
Aber aus der Ferne wirkt es auf mich, als würde Wiesbaden ein sehr diverses und interessantes Programm aufziehen, und dafür auch Risiken eingehen. Dass dabei nicht jeder Abend überzeugt, wie der vorliegende, kann, darf und soll passieren.
Nun aber gleich nach der Politik zu rufen wie #1 und dem Theater den Rücken zu kehren ("ehemaliger Fan") finde ich dann schon arg überrissen. Damit was Interessantes im Theater entstehen kann, braucht es Risiken. Wir sollten dies fördern und begrüssen. Dass dann mal ein Abend durchfällt ist dann hinzunehmen. Alle lernen was daraus.
Allein alles das hat es gelohnt, den Weg ins Kleine Haus in Wiesbaden anzutreten.
Es lag ein Hauch von der legendären 'Publikumsbeschimpfung' über dem Saal. Quälend, ahnend, dass das vielleicht nicht für uns 'Kartoffeln' gemacht ist, auch wenn nur wir es jetzt sehen. Wissend, dass da etwas ganz Wichtiges passiert, auch wenn es vielleicht an Momenten ganz banal wirkt. - Lange nicht hat mich Staatstheater so sehr fasziniert und elektrisiert wie an diesem Abend. Wo man am Anfang gerne mehr über die drei erfahren hätte, die da zwischen uns durchs Foyer gingen, und am Ende nicht recht wusste, was man nun eigentlich erfahren hatte. Und wo man zugleich irgendwie merkte, wie es wohl gewesen sein musste, als einst in Bremen die "Frauenvolksversammlung" gespielt wurde oder im Frankfurter Schauspielhaus das Fassbinder-Stück abgesetzt wurde. (Und #1, #2, #3 und vor allem #9: Unser subventioniertes Theater ist genau dazu da, dass so etwas probiert und riskiert wird. Wie immer Ihr es dann finden mögt. Die mittelmäßige Langeweile dagegen müssen wir wirklich nicht subventionieren. Und das schreibt ein Steuerzahler, der kein Kritiker ist.)
"Özlem Özgül Dündars Text wird uraufgeführt als Hommage an all jene, die Opfer von rechter Gewalt geworden sind."
Ich glaube nicht, dass Menschen bei Aufführungen von Werken wie "Die Ermittlung" von Peter Weiss (nein, keine Relativierung der Shoa meinerseits, einfach ein Schlüsselmoment für die Verwendung/ästhetische Überformung dokumentarischen Materials auf den Bühnen der BRD – ohne „Klarnamen“ bei Weiss) oder anderen Werken eines Theaters, das sich u. a. oder überwiegend aus Materialien wie Gerichtsprotokollen speist, die Klarnamen von Opfern oder Tätern rechtsterroristischer und/oder genozidaler Gewalt nennt, vollkommen von einer schockierenden Faktizität abstrahieren können und wollen. Das heißt nicht, dass man den jeweiligen, zwangsläufig „ästhetischen“ Kontext der Verwendung von Stoff und Namen gut finden muss – vielmehr erwächst daraus eine besondere Verantwortung seitens der Bühnen, Filmproduktionsfirmen etc. Und die Kritik daran kann wesentlich grundsätzlicher ausfallen, sofern sie gerade nicht von der Bezugnahme auf Historisches/Zeitgeschichtliches absieht. (Ein bloßes "Genervtsein" oder ein "unangenehmes" Gefühl ist eine zu respektierende Tatsache, aber keine Kritik.) Die Gefahr, Sophie Scholl, Anne Frank oder Dietrich Bonhoeffer (s. der aktuelle US-Film und seine Promotion) als "Trademark" und "Publikumsmagnet" auch für unlautere Interessen zu missbrauchen ist groß. Die Gefahr, mit dem 100.000sten Film über Hitler, Goebbels etc. deren "Prominenz" zu verstetigen, ohne die Muster ihrer Ideologie und Gewaltherrschaft so deutlich herauszuarbeiten, dass dieser ungewollte "Glamourfaktor" der Menschheitsverbrecher sich zugunsten der Verhinderung weiterer Menschheitsverbrechen auflöst - eine Sisyphusarbeit. Die Sisyphusarbeit aber, der sich das Staatstheater Wiesbaden annimmt, besteht darin, den Namen von Menschen Gehör zu verschaffen, die zu Lebzeiten vieler Zuschauer*innen mitten in Deutschland ermordet worden sind. Eine Sisyphusarbeit gegen die Permanenz - meist völlig unfreiwilligen - Totschweigens und Vergessens, das mit Wahlerfolgen der AfD und der AfD-affinen Parteien an Intensität und Autorität gewinnt.
Von welcher Seite auch immer man sich der Frage nähert, wie man der Opfer des NS, des NSU, der ideologisch und digital unmerklich vernetzten "Einzeltäter" gedenkt - es bleibt eine unlösbare Aufgabe. Aber nicht nur auf der Bühne ist die Frage angemessenen Umgangs mit dezidiert politischer Erinnerung auch eine ästhetische Frage. Jedes Denkmal, jedes Mahnmal bedarf einer Gestaltung: Künstler*innen diverser Genres sind auf einem Feld tätig, das keine Trennung zwischen einer bloß "ästhetisch" definierten Erscheinungsweise und den Widmungsträger*innen, den Opfern von Gewalt zulässt. Kritik an einem solchen Denkmal oder Mahnmal kann nicht von diesem Kontext absehen, vielmehr richtet sie ihr Augenmerk auf Fragen der Angemessenheit einem „Gegenstand“ gegenüber, der eben nicht „Gegenstand“ sein darf sondern sich von ebendieser Objektizität emanzipieren können sollte. Das geht zumeist nicht mit Wohlgefühl bei Betrachter*innen einher. Kritik daran kann wesentlich härter und grundsätzlicher sein als die Kritik an Kunst, die keinen dezidiert zeitgeschichtlichen, historischen Bezug und Ausgangspunkt hat. Aspekte der "Bekömmlichkeit" für eine "Mehrheitsgesellschaft" sollten jedoch eine untergeordnete Rolle spielen. Inwieweit die trauernden Angehörigen, Freund*innen, den Opfern besonders verbundene Communities diese angemessen gewürdigt sehen, das sollte eine Rolle spielen. #7/Shorty: Diversität ist niemals irgendein Nebenschauplatz. In diesem Zusammenhang schon gar nicht.
Eher erlebe! ich auch die Inszenierung u.a. folgendermaßen :
"...Und es regt sich innerer Widerstand gegen die pädagogische Überwältigung" (FAZ). UND! ich schliesse mich da immer noch #3 an.