Woyzeck - Staatstheater Wiesbaden
Rapsongs fürs Überleben
13. Oktober 2024. Stefan Pucher schert sich nicht um die Opfergeschichte des Franz Woyzeck, wie Georg Büchner sie um 1836 aufgeschrieben hat. Er setzt ihr was entgegen: das Pathos des freien Willens. Und ein mächtiges Popkonzert.
Von Shirin Sojitrawalla
Stefan Pucher zeigt Büchners "Woyzeck" in Wiesbaden © Maximilian Borchardt
13. Oktober 2024. Schon irre, dass man damit aufgewachsen ist, in Woyzeck das arme willenlose Würstchen zu sehen und sich dabei vor allem für ihn, den Titel-Typen, zu interessieren und nicht für sein gemeucheltes Opfer Marie. Das ging so lange gut, bis das Wort Femizid, also gezielter Frauenmord, in aller Munde war. So kam das Opfer zu seinem Recht.
In Wiesbaden zeigt Regisseur Stefan Pucher, dass der Stoff noch mehr zu bieten hat. Doch zuerst bittet er Büchner himself auf die Bühne, auf großen LED-Leinwänden links und rechts spricht seine KI-generierte Version zu uns: "Jeder Mensch hat das Recht auf Freiheit, auf Gerechtigkeit, auf ein Leben, das mehr ist als ein bloßes Überleben." Damit ist der Rahmen gespannt.
Rote Karte für Franz Woyzeck
Woyzeck und Andres treten auf, gleich erklingt der erste Song, einer von vielen an diesem Abend, der als wildes Theaterkonzert durchgeht. Abdul Aziz Al Khayat, der aus Syrien stammt und erst seit 2018 in Deutschland lebt, spielt Woyzeck als gehetztes Tier, frisst die verordneten grünen Erbsen, tänzelt zur Seite, duckt sich weg, spinnt, rennt, rasiert und agiert als Filmgesicht im Live-Video genau so umwerfend wie als Bühnenschauspieler.
Pleased to meet you, hope you guess my name: Abdul Aziz Al Khayat als Woyzeck © Maximilian Borchardt
Woyzeck gehört zu den Working Poor, viele Jobs und kein einträgliches Leben. Seine Marie (Tabea Buser) ist ein auf Heute gebürstetes Frauenzimmer. Lustigerweise kann man sich bei ihrem ersten Auftritt mit dem Tambourmajor nicht ganz sicher sein, wer wer ist. Letzteren mimt Lennart Preining als queere Versuchung. Marie verfällt ihm sowie ihrer Sehnsucht nach dem Prinz auf dem weißen Pferd und singt sich dafür das Herz aus dem Leib. Woyzeck hat da längst nur noch Augen für den eigenen Abgrund, nicht für sie oder ihr gemeinsames Kind.
Doch blöd ist sie nicht, diese Marie, am Ende wirft sie sich in einen Battle-Rap mit ihrem Kerl und zeigt ihm mit "Fick Dich, Franz" die rote Karte. Doch auch Woyzeck geht nicht als geschlagener Hund vom Platz, sondern bricht die Rollenerwartungen an einen, der angeblich nicht anders kann als seiner Natur als Mann, als Migrant, als Woyzeck zu entsprechen. "Nein, danke, ich verzichte." Die beiden haben sich die Lyrics selbst auf den Leib geschrieben.
Reizüberflutung
Was für ein eigenständiges Personal, was für ein gut lärmender Abend. Beim Wiederlesen des Stücks dachte ich, welch großartige Reizüberflutung Büchner in seiner Fragment gebliebenen Szenenfolge anrichtet. Von allen Seiten stürmen die unterschiedlichen Stimmen herein, hier ein Budenbesitzer, dort ein Marktschreier, dahinter eine Wirtshausgesellschaft.
Kein billiges Opfer: Tabea Buser spielt Marie, Woyzecks gemordete Partnerin © Maximilian Borchardt
Der Text wimmelt zudem vor Ausrufezeichen, und Pucher nimmt jedes einzelne beim Wort. Er setzt diesen Reizreigen als überbordende Bilderflut in Szene, Live-Videos zieren nicht nur die LED-Leinwände an der Seite, sondern auch die Bühne. Die hat Nina Peller mit einem herrlich trügerischen Rundhorizont versehen, der eine gleichzeitig verheißungsvolle wie abgründige Landschaft abbildet. Von ganz hinten ragt ein langer Steg bis in die ersten Parkettreihen hinein. In einer gespenstischen Szene am Ende schiebt Marie einen quietschenden Kinderwagen hinauf, noch beklemmender die zwei kleinen Mädchen, die nach vorne treten und mit hellen Kinderstimmen das Märchen der Großmutter aufsagen wie einen traurigen Abzählreim.
Wunderwerk Mensch
Zu diesen furiosen Momenten kommen altbekannte, die Rasur des Hauptmanns, die Drillversuche des Doktors. Heftiger Musikeinsatz, Humor, gerappte Texte, englische Songs und krass übermorgige Kostüme (Annabelle Witt) überziehen alles mit neuer Energie und strahlender Aktualität. Man kann nur hoffen, dass Schüler:innen, die im Rhein-Main-Gebiet "Woyzeck" lesen müssen, das Privileg haben werden, hier dabei zu sein.
Denn man erlebt nicht nur einen sehr zeitgemäßen Woyzeck, sondern auch die Antwort auf die Frage: Warum heute dieses Stück? Zum Beispiel, um zu demonstrieren, was Eigenverantwortung in einer von Künstlicher Intelligenz umstellten Gesellschaft wert sein kann. Die lässt sich eben (noch) nicht programmieren. Wunderwerk Mensch. Der freie Wille ist zwar Druck von allen Seiten ausgesetzt, doch die Menschen sind dazu in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen. Das können die. Dass alte Theatertexte da nicht immer mitkommen, ist deren Problem.
Woyzeck
von Georg Büchner
In einer Fassung von Stefan Pucher und Hannah Stollmayer
Mit Original-Raplyrics von Abdul Aziz Al Khayat und Tabea Buser
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Nina Peller, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Ute Schall/Hannes Francke, Live Musik: Benjamin Kolloch, Dramaturgie: Hannah Stollmayer.
Mit: Abdul Aziz Al Khayat, Tabea Buser, Klara Wördemann, Lennart Preining, Adi Hrustemović, Christian Klischat, Laura Talenti, Ida Rauschnabel, Anni Schmid/Lilli Fabian, Clara Weidmann.
Premiere am 12. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-wiesbaden.de
Kritikenrundschau
"Regisseur Stefan Pucher und sein Inszenierungsteam nehmen die Fragen nach Aktualität, nach Teilhabe, nach einem diversen Ensemble, das verhandelt, was den Leuten auf der Seele brennt, zutiefst ernst in dieser Inszenierung, die dem Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden alles Betuliche austreibt", schwärmt Eva-Maria Magel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.10.2024). Diesem "Woyzeck" gelinge das Kunststück, "aufregend und streitbar heutig zu sein". Das Zentrum des Abends sei zweifelsohne Abdul Aziz Al Khayat, der "keine Sekunde diesen Woyzeck von sich abgleiten" lasse.
Wuchtig und voll Überzeugungskraft sei dieser Abend, inszenatorisch eine Setzung und "ein gar nicht so kleiner Coup des neuen Intendantinnenduos", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (14.10.2024). "Verlorene in einer tristen Welt" seien die Figuren, auf einer Bühne, die Nina Peller "zwischen Apokalypse und Rockkonzert eingerichtet" habe. Wenn Marie sich nach einem anderen Leben sehne, trabe ein Schimmel in den Sonnenuntergang, "da kennen die nix". Büchner als Animation, "ein smarter, kühler Riesenbüchnerkopf", knalle dem Publikum seine Thesen zum sozialen Wesen entgegen. Und mit der Rap Battle am Ende ziehe Pucher das Ende des Stücks "hinein in die Debatten unserer Zeit", so von Sternburg. "Dahin also, wo es auch Büchner immer am interessantesten fand."
"Der Syrer Abdul Aziz Al Khayat, in Frankfurt aus dem Schauspiel bekannt, mimt hier zurückhaltend und etwas blass seine erste Hauptrolle auf dieser großen Bühne", schreibt Katja Sturm in der Frankfurter Neuen Presse (14.10.2024). "Das ansatzweise schwer erträgliche Spektakel ist voll gepackt mit Themen, die Reizüberflutung verdeckt nicht, dass die Charakterentwicklung nicht wirklich in die Tiefe führt." Die finale "Wende ins Unerwartete" goutiert die Rezensentin dann aber doch: "So viel fortschrittliche Freiheit, ein Ausbruch aus Klischees, könnte Büchner gefallen haben, auch wenn er sich das Ende anders erdachte."
"'Woyzeck' als naturalistischer Schulstoff von bleierner Schwere? War gestern," schreibt Birgitta Lamparth im Wiesbadener Kurier (14.10.2024). "Heute erinnert das, was Büchner-Experte Pucher daraus macht, an Baz Luhmans cineastischen Meilenstein, der Shakespeares 'Romeo und Julia' mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes 1997 in ein postmodernes Küsten-Verona verlegte. Kein Vergleich, der zu hoch gegriffen ist: Wenn man heute ein junges Publikum für Klassiker begeistern will, dann so."
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Herr Pucher, Sie sind 60plus und so altbacken unter bunter Farbe war ihre Inszenierung auch, sorry. Und das soll "zeitgemäß" sein, Frau Kritikerin?
ja, ich finde es echt zeitgemäß, was sich eben auch darin zeigt, dass Marie und Woyzeck ihre eigenen Texte sprechen. Man merkt, dass ihnen das kein Boomer diktiert hat. Der Abend schafft es, Aktualität musikalisch und vor allem auch auf der Bildebene zu transportieren. Allein die Videosequenzen lohnten einen zweiten Besuch. Und Abdul Aziz Al Khayat spielt einfach sensationell.
Beste Grüße! Shirin Sojitrawalla
Unter uns: Stefan Pucher ist keine 60.
Mir persönlich war der Abend wie einigen Vorredner*innen auch zu laut, ohne Zwischentöne, plakativ, altbacken, gewollt "jugendlich" und unterkomplex. Fühlte mich von den Mitteln her sehr an das Theater der 1990er/2000er Jahre erinnert, gerade auch was den Rap angeht. Ich war sehr enttäuscht von dem Gesehenen. Aber das ist ja zum Glück alles subjektiv. Ist doch schön, dass Frau Sojitrawalla so begeistert war von dem Abend! Und vielleicht mit Ihrer Kritik Menschen mal wieder für einen Theaterbesuch begeistern kann.
Warum sollen Schüller:innen, die den Woyzeck in der Schule lesen müssen, hier im Theater dabei sein?
Wenn doch Marie und Woyzeck ihre eigene Texte sprechen, also keinen Text von Büchner.
Was hat das eine dann mit dem anderen zu tun?
Eigene Entscheidungen treffen heißt so, keine alten Texte mehr lesen oder spielen?
Ist eine Aufführung deswegen aktuell, weil sie zeigen will, daß der alte Theatertext von Georg Büchner, der 100 Jahre unentdeckt auf einem hessischen Dachboden gelegen hat, dann entdeckt und seit dem als Jahrhundertwerk bewundert wird, der aktuellen Welt nicht mehr standhält?
Sollten Schüler:innen deswegen keinen Büchner mehr lesen?
Oder wenn sie doch Büchner wirklich lesen:
Ist es denn dann nicht der aktuelle Theaterabend, der Büchner und der Welt eben nicht standhält, der Büchner und die Welt weder beschreiben noch aushalten kann?
Wenn das so ist, werden die Schüler:innen eben wirklich Ihre Entscheidung treffen, ob sie solches Theater in Zukunft sehen wollen.
Ich fürchte die Mehrheit wird sich Svenja anschließen.
Ob Pucher, der Regisseur 20 oder 70 Jahre alt ist, ist dabei vollkommen ohne Belang.
Woyzeck und Marie sprechen am Ende ihren eigenen Text, der Rest ist schon von Büchner, wenn auch nicht nur aus dem "Woyzeck". Verstehe Ihren Punkt nicht. Meinen Sie nicht, dass ein Abend, der mit einem überraschenden Ende aufwartet und eine Welt zeigt, die der unseren ähnhelt, an- und aufregender ist als die bloße Bebilderung des Reclamheftchens? Vor allem für Schüler und Schülerinnen, die das Heftchen ja schon kennen? Puchers Abend zeigt die Welt Büchners, gesehen aus heutigen Augen. Dass das den Svenjas nicht gefällt, könnte ein guter Anlass für herrlich kontroverse Diskussionen im Klassenzimmer sein.
Schöne Grüße, Shirin Sojitrawalla
Mit dem Satz „Man kann nur hoffen, dass Schüler:innen, die im Rhein-Main-Gebiet "Woyzeck" lesen müssen, das Privileg haben werden, hier dabei zu sein“ machen Sie einen Gegensatz zwischen Text und Aufführung auf und schlagen sich auf die Seite der Aufführung, die Büchners Woyzeck weder folgt noch darstellt. Was soll denn eine bloße Bebilderung sein? Alles auf der Bühne ist doch Darstellung, fragt sich nur von was.
Und es scheint doch ein großer Gegensatz zu sein, ob man mit Musik und bunten Bildchen sich eine Welt zusammen rappt, wie man sie sich wünscht oder ob man Büchner folgt: „Der Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut.“
Wäre glaube ich nicht schlecht, wenn man das in der Schule lernt und auf dem Theater sieht.
Beste Grüße Helmut
meinen Sie nicht, dass Sie sich ein wenig der Überhebung schuldig machen? Mir stößt schon der letzte Satz Ihrer Kritik auf, wenn Sie einem alten Text "ein Problem" zuschreiben, als sei es dessen vorrangige Aufgabe, die seelische Beschaffenheit der h e u t i g e n Zeitgenossenschaft zu illuminieren. Ich verstehe Helmut N. sehr wohl: Wenn die Aufgabe von Film und Theater nur das unentwegte Herunterbrechen alter Werke auf ein heutiges Lebensgefühl bedeutete, ginge der Kunst allzu Vieles verloren. Sie setzen so das heutige Lebensgefühl absolut und sprechen dem der alten Werke die Relevanz ab. Auch das ist eine Form von Blasenbildung. (...)
Vom schwindelnden Abgrund Mensch war nicht nur die Rede, sondern man konnte ihn live erleben an diesem Abend.
Schöne Grüße, Shirin Sojitrawalla
ich schiebe dem Stück kein Problem zu, sondern der Text hat ein Problem und liest sich heute problematischer als vor fast 200 Jahren. Wie denn auch nicht. Wir als Gesellschaft haben uns weiterentwickelt, denken heute anders als damals und winken einen Frauenmord nicht mehr einfach so durch. Dass das auf der Bühne nicht folgenlos bleibt, finde ich logisch und gut.
Viele Grüße, Shirin Sojitrawalla
Der wirkliche Woyzeck ist öffentlich hingerichtet worden, der Büchnerische Woyzeck ertrinkt in einem See von Blut. Aber Sie haben schon recht, wenn wir Mord, auch den an Frauen, nicht mehr auf der Bühne darstellen, wird es ihn im wirklichen Leben auch nicht mehr geben.
Was winken wir hier durch?
Da findet sich alles, was man wissen muss, auch bezüglich der Reproduktion von Gewalt in der Kunst.
Viele Grüße, Shirin Sojitrawalla