Oh, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! - Schauspiel Köln
Wer gut schläft, regiert besser
2. Juni 2025. Prinz Leonce philosophiert, König Peter verpennt das halbe Leben: Das inklusive Ensemble der Next Generation unternimmt in der Regie von Benjamin Höppner eine eigenwillige und sehr witzige Bühnenreise zu Büchners "Leonce und Lena".
Von Martin Krumbholz
"Oh, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte!" am Schauspiel Köln © Vika Gurina
2. Juni 2025. Die Handlung des Stücks "Leonce und Lena" lässt sich gut in leichter Sprache darstellen. Das hat womöglich damit zu tun, dass sein Verfasser Georg Büchner das Stück für einen Lustspielwettbewerb schrieb (wobei er leider den Einsendeschluss verpasste) und die Regeln des Genres zugleich befolgte und auf den Kopf stellte. Er wollte sich sozusagen beim Schreiben auf den Kopf sehen, deshalb ließ er den Prinzen Leonce diesen Satz sagen, der nun zum Titel einer tollen Performance der "Next Generation" am Schauspiel Köln wurde: "Oh, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte!"
Die Next Generation ist ein inklusives Projekt, es existiert seit 2022 und hat momentan sechs Mitwirkende. In der leichten Sprache klingt der Plot ungefähr so: "Und dann passiert etwas Unglaubliches: Leonce und Lena treffen sich zufällig bei ihrer Flucht in Italien. Es ist wie in einem Traum. Die beiden verlieben sich." Genau so muss Büchner sich die Sache vorgestellt haben: Es passiert etwas Unglaubliches. Denn warum sollte man ein Stück schreiben, in dem nur "Glaubliches" geschieht?
Sonderbare Leute aus Büchners Feder
Alle sind sehr aufgeregt, erzählt die Dramaturgin Sibylle Dudek vor der Premiere. Und ja, man spürt die Aufregung im Zuschauerraum sehr gut, auch wenn dann alles reibungslos klappt und die Vorstellung wie angekündigt nach einer Stunde und zehn Minuten zu Ende ist und begeistert gefeiert wird.
Die Spieler und Spielerinnen, die durch die Schauspielerin Nicola Gründel, den Musiker Yoshiki Matsuura an der Posaune und den "Alleskönner" Henri Mertens verstärkt werden, haben sich überlegt, was das für sonderbare und besondere Leute sind, die sie da im Depot 2 darstellen.
Samira Lüke, die den König Peter spielt, meint auf die Frage, was ihre Figur besonders gut kann: "Er kann richtig gut Leute feuern. Und er kann richtig gut schlafen und verschlafen. Er vergisst alles, aber man kann ihn liebhaben." Und Len Königs, der den Valerio, Leonces Freund spielt, beantwortet die gleiche Frage so: "Rumliegen und essen." Und auf die Frage nach seinem Lieblingssatz: "Der Heroismus fuselt abscheulich!"
Kluger Kunstgriff
Übrigens wird Büchners Text keineswegs in leichter Sprache dargestellt, meistens sind es durchaus die Originalsätze, die wir hören; die leichte Sprache erscheint lediglich in den Obertiteln. Apropos, der Regisseur des Abends Benjamin Höppner hat sich einen klugen Kunstgriff ausgedacht. Die Handlung spielt sich nämlich zum Teil live auf der Bühne, zum Teil aber auch in einem stilechten schwarz-weißen Stummfilm mit witzigen Zwischentiteln ab, der vorher extra in der schönen Stadt Köln gedreht wurde. Da kann es schon mal passieren, dass Leonce einfach so aus dem Rollstuhl kippt!
Auf Tuchfühlung mit dem Büchner-Klassiker: Ensemble © Viktoria Gurina
Dessen Darsteller Mirkan Mohr nimmt es cool. Er hat ja auch vorher schon festgestellt, dass sein Lieblingssatz dieser ist: "Mein Leben gähnt mich an wie ein großer, weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll." Und dass Leonce besonders gut philosophieren und nachdenken kann, eine Eigenschaft, von der Mirkan Mohr meint, dass sie doch sehr nah an seiner eigenen Persönlichkeit liegt.
Großer Spaß
Außerdem spielen mit: Johanna Steinmetz in der Rolle der Gouvernante, die hier Rosa heißt und sich halsüberkopf in den lustigen Valerio verlieben wird; Lilith Bernhardt als Prinzessin Lena aus dem Reich Pipi, die keine Lust hat, "immer nach den Regeln ihrer Eltern zu tanzen" (was man ziemlich gut verstehen kann); und Esther Brand als Ministerin, die vom schusseligen König Peter etwas angenervt und, wie sie zugibt, auch ein bisschen arrogant ist.
Das alles ist ein großer Spaß, für die Beteiligten auf und hinter der Bühne ebenso wie für die begeisterten Leute im Publikum. Jetzt gibt es noch weitere Vorstellungen und einen Abstecher nach Dortmund, mindestens.
Oh, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte!
nach "Leonce und Lena" von Georg Büchner
Regie: Benjamin Höppner, Bühne: Isa Kasten, Kostüm: Wiebke Barbara, Musik: Nicola Gründel, Yoshiki Matsuura, Video: Julian Simon Pache, Choreographie: Mason Manning, Sprechtraining: Britta Tekotte, Licht: Manfred Breuer, Dramaturgie und Fassung: Sibylle Dudek.
Mit der Next Generation: Mirkan Mohr, Len Königs, Samira Lüke, Esther Brand, Lilith Bernhardt, Johanna Steinmetz, und mit: Nicola Gründel, Yoshiki Matsuura, Henri Mertens.
Premiere am 1. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.schauspiel.koeln.de
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