Klamauk im Clownskostüm

11. Mai 2025. 300 Seiten hat Tankred Dorsts und Ursula Ehlers Mammutwerk "Merlin oder Das wüste Land". In Krefeld schafft Christoph Roos eine Aufführung in unter vier Stunden – Rekordzeit. Doch wieviel bleibt übrig von der Geschichte und ihrem Sinngehalt? 

Von Martin Krumbholz

"Merlin" © Theater Krefeld

11. Mai 2025. Ginevra liebt einen zweiten Mann. Neben König Artus hat sie sich mit dem Ritter Lancelot verbunden, es ist eine leidenschaftliche, romantische Affäre zwischen den beiden; schließlich kehrt sie, nicht besonders reumütig, zu Artus zurück. Der Papst persönlich verzeiht ihr, beide Augen zudrückend, den offensichtlichen Ehebruch.

Ob dies das zentrale Motiv in Tankred Dorsts größtem Drama "Merlin oder Das wüste Land" ist, sei dahingestellt. Vielleicht geht es doch eher um die Suche nach dem Gral und die Gründung der berühmten Tafelrunde, einer Utopie des demokratischen Miteinanders, die Dorst bewogen hat, die Artussage mit aller möglichen psychologischen Raffinesse für die Gegenwart lesbar zu machen. Als Jaroslav Chundela das vor Ehrgeiz strotzende 300 Seiten-Werk (= sechs bis acht Stunden) vor mehr als vierzig Jahren in Düsseldorf uraufführte, war die Welt eine andere. Das darf man so trocken bilanzieren. Es gab Kriege, natürlich, aber Utopien waren intellektuell ausstrahlende Nicht-Orte, keine weltfremden, hohlen Abwege wie heute. Auch das darf man so nüchtern feststellen.

Grandiose Vorwegnahme einer Serie 

Die nur knapp vierstündige Ausgrabung des Textes in Krefeld erweist sich mehr und mehr als mission impossible. Man versteht schlicht und einfach nicht, was das soll. Dorsts Trick besteht darin, den Trickster Merlin, eigentlich eine Nebenfigur, zum Protagonisten zu machen: ein so bewegliches wie liebenswertes Alter Ego des Autors (und dessen Kombattantin Ursula Ehler). Merlin ist der Menschensohn des Teufels, also ein Gegenentwurf zu Jesus Christus, trotz dieser Abkunft jedoch eine positive, die expandierende Handlung vorantreibende Figur. Dorst und Ehler fokussieren ja nicht, sie nehmen alles hinein, was sie an Stoff und Mitteln finden, Burlesken, große Monologe, Clownsnummern, philosophische Essays, Bettgeschichten. Es ist die grandiose und hybride Vorwegnahme einer mehrstaffeligen Fernsehserie, Wagner ist beinahe ein Kurzgeschichtenautor dagegen.

Papst als Clown, Merlin als Witzfigur

An einem einzigen Theaterabend, sei der Anlass auch noch so ehrenwert (75-jähriges Bestehen des Hauses), ist das nicht mehr kompatibel, schon gar nicht, wenn man das Publikum nicht allzu sehr intellektuell herausfordern will. Denn der Regisseur Christoph Roos beschränkt sich meistens darauf, die Sache lustig "aufzupeppen". Was bei Dorst als charmantes Intermezzo gemeint ist, präsentiert sich in Krefeld als dominantes Stilmittel. Allein der Auftritt eines Papstes als Clownsnummer erscheint (zumal man eben erst einen relativ seriösen wirklichen Papst erlebt hat) als so erwartbares wie ödes Klamaukding, hastig runtergespult. 

Merlin 6 CTheaterKrefeld uWitze am laufenden Bande © Theater Krefeld

Fehlt hier der nötige Ernst? Ja, der fehlt. Warum es hier einen "Mark Twain" gibt, bei Dorst Vertreter des gesunden Menschenverstands – rätselhaft. Merlin, gespielt von Christoph Hohmann, ist kein anziehender Trickster, kein Zauberer, sondern, Pardon, eine Witzfigur. Einige Spieler und Spielerinnen lassen kurz aufhorchen, Helena Gossmann etwa als martialischer Gottsucher Parzival, oder auch Cornelius Gebert als junger Artus (den mörderischen Artus-Sohn Mordred spielt er dagegen zu selbstgefällig). Adrian Linke wiederum als älterer Artus meint es relativ redlich, aber er hat dabei in seinem schweren Pelzmantel auch etwas Düster-Hölzernes. Alles in allem wird in dieser Inszenierung viel zu viel steif herumgestanden. 

Parallelgeschehen in Mönchengladbach

Sollte man einfach den ehrenwerten Ehrgeiz des Unternehmens loben? Der junge Regisseur Luis Liun Koch (Jahrgang 1998) hatte eine andere Idee. In einer Parallelaufführung in Mönchengladbach untersucht er mit vier jungen Spieler*innen in einem feministischen Sidekick die Rolle der Ginevra und ihres Liebesproblems, "Merlin feat. Ginevra" nennt der natürlich viel kürzere Abend sich. Koch fragt nach den blinden Flecken der Geschichte, und blinde Flecken sind allemal spannender als ein abendfüllender Flickenteppich. Aber die fragmentarischen Live-Übertragungen zwischendurch ("Hallo Mönchengladbach?") funktionieren nur höchst unzureichend. Am Ende heißt es lapidar: "No Link". 

Der Komponist Manfred Trojahn, der mal eine Merlin-Oper schreiben wollte und das Projekt aufgab, erklärt im Programmheft freimütig, überhaupt sei er eher für Opern von einer Stunde, "wo man hinterher noch essen gehen kann". Auf den stolzen Hinweis, in Krefeld werde man die drei Stunden knacken, repliziert der Komponist, und ganz zu Recht: "Da hat dann nichts mehr auf…"

Merlin oder Das wüste Land
von Tankred Dorst, Mitarbeit: Ursula Ehler
Regie: Christoph Roos, Bühne und Puppen: Thomas Rump, Kostüme: Dietlind Konold, Musikalische Leitung und Komposition: Aylin Leclaire, Video: Peter Issig, Dramaturgie: Verena Meis.
Mit: Paula Emmrich, Cornelius Gebert, Helena Gossmann, Michael Grosse, Christoph Hohmann, Nele Jung, Esther Keil, Jannike Liebwerth, Adrian Linke, Paul Steinbach, Bruno Winzen.
Premiere am 10. Mai 2025
Dauer: 3 Stunden 50 Minuten, zwei Pausen

www.theater-kr-mg.de

Kritikenrundschau

"Zwischen Sätzen, wie von Monty Python oder Asterix geborgt, spontanen Einlässen eines bis ins kleinste Detail lustvoll spielenden Ensembles und Gedanken, warum hier die Idee der menschenfreundlichen Gesellschaft keine Zukunft hat, findet Christoph Roos ein stabiles Gleichgewicht. Der Schauspieldirektor hat das Mammutstück des vor Bühnenideen strotzenden Dorst (eines der längsten Stücke der Theatergeschichte) komprimiert, ohne auf Effekte zu verzichten", lobt Petra Diederichs in der Rheinischen Post (12.5.2025). "Es ist ein opulenter Abend für ein großes Ensemble, das mit perfektem Timing agiert."

Einen "abwechslungsreichen, aber auch sehr wechselhaften Abend" sah Klaus M. Schmidt und schreibt in der Westdeutschen Zeitung (12.5.2025): "Tolle Bilder bleiben haften, während manche Szenen sackschwer auf der Stelle treten. (...) Elf Schauspieler spielen über 20 Rollen. Das ist schon eine schwierige Regie-Aufgabe, die zu meistern kaum gleichmäßig gelingen kann. Für die Figur des Merlin aber hätte man sich auf jeden Fall mehr erhofft. Christoph Hohmann schlüpft in viele Kostüme und taucht immer wieder auf, aber seine aufgesetzte Spiel- und Sprechweise disqualifizieren ihn als Leitfigur." Das funktionale Bühnenbild mit aschebedeckter Schräge und die überlebensgroßen Puppen von Rittern und einem drachenähnlichen Teufelsleib von Thomas Rump sowie die vielfältigen fantasievollen Kostüme von Dietlind Konold seien "Pluspunkte der Inszenierung", so Schmidt. "Die Musik von Aylin Leclaire gerät manchmal zu unheilvoll-dräuend."

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