Volkswagen - Theater Krefeld-Mönchengladbach
Machtrausch in der Egokapsel
10. November 2025. In ihrem Recherchestück schlagen Clemens Bechtel und das Ensemble den großen Bogen von der Nazivergangenheit des VW-Konzerns zu aktuellen Verstrickungen (Stichwort Abgasskandal) – und geben zum Schluss sogar noch einen Ausblick auf mögliche Zukünfte, die über den Autobau hinausweisen. Pointiert geschrieben und gut gespielt.
Von Dorothea Marcus
"Volkswagen" von Clemens Bechtel am Theater Krefeld-Mönchengladbach © Matthias Stutte
10. November 2025. Wenn du Deutschland kennenlernen willst, musst du nach Wolfsburg, zur Volkswagenwelt. Ein Werk wie eine Stadt, geschmückt wie ein Weihnachtsbaum, heißt es im Stück "Volkswagen". Regisseur Clemens Bechtel und sein Ensemble spüren in ihrem Recherchestück dem Konzern VW nach, jenem urdeutschen Unternehmen, in dem sich die Geschichte des Landes kondensiert mit all ihren Abgründen und Krisen, von Abgasskandal bis Zwangsarbeit, von Aktienabsturz bis Verbrenner-Fetisch. Und wo sich zugleich natürlich jene "deutschen Tugenden" versammeln, von denen man heutzutage nicht mehr genau weiß, ob es sie noch gibt: Disziplin, Präzision, Ingenieurskunst.
Auf der Bühne im Studio des Theaters Mönchengladbach wurde von Bühnenbildnerin Vesna Hiltmann eine sehr hübsche Werkshalle gebaut: drei schmutzige Wände in weiß, rot und blau, ein pittoreskes Sprossenfenster, Öltonnen, Reifenstapel, Computer. Nur: keine Autos. Denn dem Konzern geht es seit einigen Jahren so schlecht, dass er offen dafür ist, in die Rüstungsindustrie einzusteigen – und damit eine finstere Parallele zu den 1940er Jahren eröffnet, als VW auf einmal statt Autos Kriegsgeräte lieferte: Bomben, Panzerfäuste, militärische Fahrzeuge. Das Wort "PANZER" steht auch auf dem Banner, das auf der Bühne bis zum Boden hängt.
Schwarzes Schaf auf Aktivismuskurs
Um gegen Aufrüstungs-Umwidmungen zu protestieren, hat sich ein Aktivist (Tim-Fabian Hoffmann) im schwarzen Monteursanzug in die Fabrik eingeschlichen, wo er prompt von einem Volkswagen-Mitarbeiter (Bruno Winzen) aufgespürt und gefoltert wird. Denn der ist zwar Kind eines italienischen "Gastarbeiters", aber so leidenschaftlich in der "VW-Familie" aufgegangen, dass er sich das VW-Käfer-Modell sogar auf die Haut tätowieren ließ: "Ich will, dass das hier weitergeht" – um nahezu jeden Preis. Schnell entpuppt sich der Aktivist allerdings als echtes VW-Familienmitglied, eine Art schwarzes Schaf der Konzernfamilie, geboren mit "Silberlöffel im Arsch". Sein Protestgeist ist quasi der Luxus, von dem ihn kein teurer Eingliederungsversuch in die Firma abbringen konnte.
Der Schrauber und die Chefin: Bruno Winzen und Paula Emmrich in der Werkshalle © Matthias Stutte
Abgeholt wird der rebellische Enkel dann aber trotzdem von seiner (eigentlich schon gestorbenen) Großmutter (Paula Emmrich), der Patriarchin des Konzerns, im schicken blauen Anzug. Zwar heißt sie im Stück "Angelika", trägt aber den gleichen platinblonden Betonbob wie die reale Witwe Ursula des 2019 gestorbenen Konzernchef Ferdinand Piech. "Anstand" und "Pioniergeist" haucht sie die urdeutschen VW-Tugenden verzückt ins Mikro, während durch das Fenster eine junge Zwangsarbeiterin (Kateryna Nazemtseva) in grauer Kluft verzweifelt nach ihrem Baby ruft.
Historische Verstrickungen
Denn die Nazi-Vergangenheit des taumelnden Vorzeigeunternehmens ist dunkel: Mindestens 365 sowjetische und polnische Kinder von VW-Zwangsarbeiterinnen aus dem Osten starben zwischen 1943 und 45 durch Vernachlässigung, viele tausend mehr noch wurden ihren Müttern weggenommen an den drei Standorten des Volkswagenwerks Wolfsburg. Zugleich war VW ein NS-Musterbetrieb und der legendäre Käfer, wie wir lernen, eigentlich von Adolf Hitler persönlich erfunden: Er wollte ihn als "Kraft durch Freude"-Wagen und Nazi-Propaganda-Vehikel demokratisieren, für 5 Reichsmark monatlicher Ansparung dem Volk zugänglich machen. Bis dann der selbstangezettelte Krieg dazwischenkam.
Spannend ist es, wie sich in dieser Ensemble-Stückentwicklung die Zeitebenen, Vergangenheit und Gegenwart direkt begegnen: Während uns der rebellische Enkel der Gegenwart mit kleinen Schautafeln die VW-Nazigeschichte erzählt, denkt die Großmutter an die Fahrtrainings-Ausflüge mit ihrem Ehemann zurück, und die ukrainische Zwangsarbeiterin irrt über die Bühne und holt tote Babies aus den Öltonnen. Sogar deren Beisetzung mussten die Arbeiterinnen mit ihrem kläglichen Lohn bezahlen, hören wir. Immer wieder brechen sie aber auch alle zusammen ins Schwärmen aus: Von der beheizbaren Heckscheibe. Der zentralverriegelten Tankklappe. Den Wunderbäumchen, das "den Geruch des deutschen Waldes" ins Auto bringt.
Utopie oder Apokalypse?
Geschrieben ist das pointiert, witzig und zynisch – und natürlich wird ausgiebig auf den deutschen Autofetisch eingegangen, jene nationale Zwangsneurose: die Autobahn als Ort von Freiheitsrausch und Entfremdung, Welteroberungstraum und Ego-Schutzraum zugleich. Ergänzt wird die Handlung mit allerlei Musik. Mal rappt der "Gastarbeiter" ein flottes "Fuck you Fellini" über seinen Gaststatus auch in 3. Generation, mal die Großmutter ein sanftes Volkslied vom König, der sein Erbe versenkt. Mal verschiebt sich eine Wand, und Familie Piech plaudert klischeedeutsch Apfelkuchen essend vom Dieselskandal-Rücktritt.
Spieler*innen und Ko-Autor*innen: Kateryna Nazemtseva und Tim-Fabian Hoffmann © Matthias Stutte
Zum Schluss geht es dann noch in Zukunft und Vergangenheit zugleich, Utopie und Apokalypse sind Optionen. Während die Schauspielerin Kateryna Nazemtseva, die ja auch Ukrainierin ist, anrührend von Kriegsszenen, ausgebombten Städten und ausgebrannten Autos spricht, entwirft Bruno Winzen Visionen von schwimmenden Volks-Hubs, Karma-Mobilitäts-Punkten, Weltraum-Taxis. Noch können wir uns entscheiden, scheint es, welches Szenario wir ansteuern.
Ein kluger, lehrreicher und gut gespielter Abend zu einem Thema der Stunde, der uns eindrücklich vor Augen führt, wie tief jene Konzerne, die in Deutschland als systemerhaltend gelten, in die Abgründe der Geschichte verstrickt sind – und wie schadlos sie daraus hervorgegangen sind, um sich dann erneut fossil in Fehlentscheidungen zu verstricken.
Volkswagen
von Clemens Bechtel und dem Schauspielensemble
Regie: Clemens Bechtel, Bühne und Kostüme: Vesna Hiltmann, Musik und Komposition: Axel Halka.
Mit: Paula Emmrich, Tim-Fabian Hoffmann, Kateryna Nazemtseva, Bruno Winzen.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
theater-kr-mg.de
Kritikenrundschau
"Volkswagen dient in dem Stück als Projektionsfläche für die westdeutsche Identität", schreibt Sigrid Blomen-Radermacher in der Rheinischen Post (online 10.11.2020). "90 Jahre Firmengeschichte werden in dem Schauspiel lebendig." Zu Beginn fasse ein Monolog die brisante Spannungslage zusammen, und das Stück verweise mit starken Worten darauf, welchen Stellenwert gerade in Deutschland das Auto hat.
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