In Lichtgeschwindigkeit nach Recklinghausen

28. Mai 2025. Der Hausautor des Theaters Münster, Guido Wertheimer, ist Nachfahre von nach Argentinien geflohenen jüdisch-deutschen Exilanten. In seinem neuen Stück erkundet er seine Familiengeschichte. Und fährt mit dem Rad in die Vergangenheit.

Von Max Florian Kühlem

"Es ist nie Sommer im Ruhrgebiet" von Guido Wertheimer © Hans-Jürgen Landes

28. Mai 2025. Autobiographisches Schreiben hat weiter Konjunktur: Autor*innen erforschen ihre Familiengeschichten, klopfen sie auf Erfahrungen von Rassismus, Klassismus, auf kollektive oder vererbte Traumata ab. Das Problem dabei: Nicht jede private Geschichte weist über sich hinaus, berührt einen allgemein-menschlichen oder gesellschaftspolitischen Kern, kann zu großer Kunst auswachsen. Im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen ließ sich dieses Problem jetzt auf folgenden Punkt bringen: Warum sollte mich interessieren, dass der Hausautor des Theater Münster mit dem Fahrrad zum Haus seiner Uroma fährt?

Dieser Hausautor heißt Guido Wertheimer und hat in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen ein Auftragswerk verfasst, das "Es ist nie Sommer im Ruhrgebiet" heißt. Im Vorfeld hat es bereits viel mediale Aufmerksamkeit erfahren, weil seine Themen Relevanz versprechen. Es passt vermeintlich gut in die Region und in die aktuelle Zeit – als mahnende Erinnerung an das Grauen der Nazizeit: Wertheimer wurde 1996 als Nachkomme jüdisch-deutscher Exilanten in Buenos Aires geboren. Seine Urgroßmutter Julia Studinski hatte 1939 das Glück, dorthin vor den Nazis fliehen zu können, und baute sich mit ihrem Mann und ihrem Sohn ein neues Leben auf.

Nostalgie oder Vergessen?

Gelebt hat die Familie der Urgroßmutter vorher in Berlin und Recklinghausen, wo sie ein Schuhgeschäft am Markt besaß, das von den Nazis enteignet wurde und bis heute besteht. Im Interview im Programmheft sagt der Autor: "Flüchtlinge haben die Wahl zwischen Nostalgie und Vergessen. In meiner Familie hat wahrscheinlich das Vergessen überwogen." Es ist natürlich sinnvoll und gut, dass der Urenkel sich jetzt mit ausreichend großem Abstand zwischen den Generationen daran macht, an diesen Teil der Familiengeschichte zu erinnern. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass das zu einer guten Theatererzählung wird.

Stücke wie Landkarten

Sprachlich bedient der Autor, was man an Theatern gerade gerne hört: Er habe gelernt, "mit den Geistern zu sprechen, zu hören, was sie heute noch sagen wollen". Die Wunde seiner Urgroßmutter sei auch seine Wunde. Die Geschichte schreibe sich in seinen Körper ein und er schreibe "Stücke, die wie Landkarten einer nie endenden Suche sind". Für die Recklinghäuser Uraufführung hat er sich für einen dreiteiligen Aufbau entschieden: Am Anfang steht das Ergebnis einer Archiv-Recherche, eine Collage von Original-Filmaufnahmen aus Nazi-Deutschland samt Off-Kommentar, in der auch Familienaufnahmen von einem Münsteraner Funktionär auftauchen.

Es ist nie Sommer 2 CHans Juergen Landes uLesen in der Vergangenheit: Daryna Mavlenko und Pascal Riedel © Hans-Jürgen Landes

In der Mitte soll eine lange Spielszene dem Stück wohl einen doku-fiktionalen Charakter geben. Der Autor fantasiert einen Ausschnitt aus der Kindheit seiner Urgroßmutter mit ihrem Vater, der später in einem weißrussischen Lager starb. Daryna Mavlenko und Pascal Riedel, die den gesamten Abend schauspielerisch im Alleingang bestreiten, führen in ihren Dialogen Traumbild-Motive fort, die sie in Off-Kommentaren bereits im ersten Teil eingeführt haben: einen Stern aus dem Bild des Großen Wagens, der uns näher kommt; der Neptun als finaler Sehnsuchts-, Flucht- oder Verbannungsort; einen Hirsch und eine Ente, die die Straße überquert.

Radtour in die Vergangenheit

Nur dadurch, dass diese Motive im Text immer wieder vorkommen, ergeben sie allerdings noch keinen Sinn. Wenn Pascal Riedel wiederholt mit Hirschgeweih auf die Bühne kommt, ist das eher unfreiwillig komisch. Genau wie der Satz, den er später als Alter Ego des Autors auf dem Fahrrad in Richtung Uroma spricht: "Ich reise in Lichtgeschwindigkeit auf dich zu." Da sind wir im dritten Teil des Abends angekommen, bei der dreieinhalbstündigen Radtour des Autors von Münster zum Haus seiner Ahnen in Recklinghausen. Pascal Riedel strampelt sich dabei auf einem Heimtrainer durch den Text. Dem Wenigen, was man vorher über Schicksal und Geschichte der Julia Studinski erfahren hat – sie hat mal Klavier gespielt, aber irgendwann damit aufgehört – wird hier quasi nichts hinzugefügt.

Der Autor kommt in Recklinghausen an, durchnässt vom Regen, und darf sich in der ehemaligen Wohnung seiner Vorfahrin umschauen. Die Glocken der nahen Kirche, sie sind immer noch zu hören. Na sowas. Historische Tiefenschärfe bekommt das Stück am ehesten, wenn die aus der Ukraine stammende Schauspielerin Daryna Mavlenko in ihrer Muttersprache kurz die Geschichte des eigenen Exils erzählt. Die Verknüpfungen, die der Autor zieht (ein aus Münster nach Argentinien geflohener Rabbi, dessen Geschichte ihm bei Archiv-Recherchen begegnet, hat seine Großeltern getraut), erscheinen hingegen mehr wie historische Randnotizen, interessant für die Familienchronik, aber nicht unbedingt für die große Bühne.

Es ist nie Sommer im Ruhrgebiet

von Guido Wertheimer
Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Theater Münster 

Regie: Guido Wertheimer, Bühne: Shahrzad Rahmani, Kostüme: Ayana Lechelt, Video: Ana Iramain, Musik: Gustavo Obligado, Dramaturgie: Tobias Kluge.
Mit: Pascal Riedel, Daryna Mavlenko.

Uraufführung am 27. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de

Kritikenrundschau

Guido Wertheimers Stück sei "eine vielschichtige Auseinandersetzung mit der Erinnerung an sich, eine behutsame Annäherung, eine Spekulation, wie es gewesen sein könnte", so Stefan Keim im Deutschlandfunk ( 29.5.2025): Eine Reise in "Wertheimers Familiengeschichte und ein Abend über die Musik", in der Wertheimer "zwischen Fakten und Fiktion, zwischen dokumentarischen Szenen und Träumen" wechsele. Zwar wird es für den Geschmack des Kritikers im dritten Teil dann ein wenig überdeutlich. Insgesamt aber spricht er von einem feinfühligen, oft lyrischen Stück, "das wenig Dramatik und viele Gedanken enthält. Und das man auch als Versuch verstehen kann, Erinnerungen zu erhalten, obwohl die meisten Zeitzeugen nun verstorben sind."

"Das Stück hat gute Anlagen und starke Schwächen", schreibt Lars von der Gönna in der Westfälischen Rundschau/WAZ (30.5.2025). "So möchte man Wertheimer als Dramatiker kaum loben, die Dialoge sind fahl. Ihr ewig Kreisendes gut gemeint, aber wohl nur von den besten Schauspielern (die das ausführende Theater Münster nicht hat) auf die Ebene von Trauma und Unerlöstheit zu heben. Unendlich bannender, dichter, poetischer gerät ihm die Prosa, die die Szenen umrahmt. Eine schlanke Sprache, mit der er seine Geschichte einleitet und sie enden lassen wird."

Im ersten Teil hat die Uraufführung dokumentarischen Charakter, so Harald Suerland in den Ruhr Nachrichten (30.5.2025). "Dem Material gewinnt Guido Wertheimer im zweiten Teil poetische Spielszenen ab." Die Fahrradreise des Autors lenke am Ende den Blick auf Zusammenhänge zwischen früheren und heutigen Schrecknissen. "Großer Applaus."

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