Der Sturm - Theater Koblenz
Wunsch nach mehr Wind
2. Februar 2025. Die Windmaschinen arbeiten in der "Sturm"-Inszenierung von Caro Thum in Koblenz auf vollen Touren, aber am Ende beschwört der Luftgeist Ariel, dass mehr Wind aufziehen muss. Denn wie sich die Ordnung wieder herstellt, nachdem Prospero doch alle auf seine Insel gerettet hat, darf so nicht sein.
Von Gerhard Preußer
William Shakespares "Der Sturm" von Caro Thum am Theater Koblenz inszeniert © Matthias Baus
2. Februar 2025. Nur die Windmaschinen toben. Draußen bleibt der Wind ganz ruhig, hoch über Koblenz im Theaterzelt vor der Festung Ehrenbreitstein. Kein Camping-Gefühl kommt auf, die Ausweichspielstätte des Koblenzer Theaters erfüllt ihren Zweck. Während der Renovierung des Stadttheaters von 1787, die ein Jahr (hoffentlich) dauern wird und nur 38 Millionen Euro kosten soll, spielt man nun oben an der Klippe, statt unten im Zentrum. Die Rotoren der Windmaschinen arbeiten gut wie fast in jedem Theater, das Shakespeares "Sturm" heutzutage spielt. Hier blähen sie eine riesige durchsichtige Plastikplane, unter der sich die Passagiere des untergehenden Schiffes von König Alonso von Neapel zu retten versuchen. Doch hinter dieser Plane schleicht ein bepelztes Wesen herum, das eine kleine hölzerne Puppe führt. Wer ist das?
An Caliban, dem Ureinwohner des Eilands, über das Prospero nun herrscht, der ins Exil getriebene Herzog von Mailand, entscheidet sich die Konzeption jeder "Sturm"-Inszenierung. Ist er ein bösartiger Vergewaltiger, ein lustiger Trotzkopf, oder rebellierender Sklave? Die Inszenierung von Caro Thum, der neuen Schauspielchefin in Koblenz, entscheidet sich für die kolonialismuskritische Variante, verschärft sie allerdings deutlich. Das pelzige Tier vom Anfang ist ein Mensch in einem voluminösen Pelzmantel (Jona Mues). Und Menschlichkeit ist sein Gattungsmerkmal.
Calibans Menschlichkeit
Als das Gewitter kommt, ist er es, der dem Schiffbrüchigen Stefano Schutz anbietet. Oft führt er eine kleine Puppe an der Hand. Ist sie sein Kind? Als sie einen Fuß verliert, bandagiert er ihn liebevoll und schon kann das Kind wieder laufen. Es bleibt auch oft allein (geführt von einer Puppenspielerin – das Theater Koblenz hat eine eigene Sparte Puppenspiel) am Rand der Bühne und beobachtet, was Prospero, Miranda und diese Eindringlinge da treiben.
Wunderliche Insel: Prospero (Reinhard Riecke), Ariel (Raphaela Crossey) und die Naturgeister © Matthias Baus
So distanziert wie der Blick dieses hölzernen indigenen Kindes kann auch der des Zuschauers auf das wunderliche Geschehen sein. Luftgeist Ariel ist eine gestandene Frau im Kellneroutfit (Raphaela Crossey). Ihre Gehilfen sind große bunte Tiere, ein Vogel mit meterlangem Schnabel, ein quakender Frosch und ein wunderlicher Wurm, genannt Erde. Wir sind offensichtlich nicht im Mittelmeer, sondern in der Karibik. Auch optisch hat die Inszenierung einen exotischen Reiz.
Die Gegenseite, die Herrschaften aus Mailand und Neapel dagegen, die durch den von Prospero ausgelösten Sturm auf die Insel verschlagen wurden, sind knallige Gegenwartskarikaturen, eine Invasorenarmee mit Rollkoffern: Antonio, Prosperos usurpatorischer Bruder, ein nöliger Schönling mit flachen Witzen (Marcel Hoffmann), Sebastian (hier Dorothee Lochner als Sebastienne) eine hochnäsige Lady Macbeth, die Antonio zum Mord an ihrem Bruder anstiften will.
Ungleiche Ordnung der Welt
Das Gegengewicht gegen all die betrunkene Komik und alle bösartigen Intrigen des Stücks kann die plötzliche Liebe Ferdinands und Mirandas sein. Hier hat sie allzu viel der jugendlichen Schnelligkeit. Fernandos Liebe besteht vor allem im Bedürfnis, Miranda herumzuschwenken.
Bleibt der steife alte Mann Prospero, der sich nur noch mit einer Gehhilfe fortbewegen kann (Reinhard Riecke). Er ist hier nicht der weise Magier, der die gerechte Ordnung der Welt wiederherstellen kann, eher der starrsinnig selbstzentrierte Greis, der immer dieselben Geschichten erzählt. Seine Litanei, wie er von seinem Bruder vertrieben und ausgesetzt wurde, können Miranda und Ariel schon mitsprechen.
Caliban (Jona Mues) und sein Puppenkind © Matthias Baus
Ganz zum Schluss kommt die Inszenierung dann erbarmungslos auf den Punkt. Prosperos Plan ist aufgegangen, alle sind gerettet, das junge Paar ist frisch verliebt, das Herzogtum von Mailand wieder im rechtmäßigen Besitz. Gemeinsam tritt man die Rückfahrt an.
Puppe in den Müll
Nur Caliban bleibt zurück, in grotesker Verkleidung. Und seine Puppe. Sebastienne hebt sie an einem Bein hoch und schwenkt sie: "Was ist das?" Sie lässt sie fallen und sie zerbricht. "Inselmüll" ist die achtlose Antwort. Die zerstörte Figur bleibt liegen. Die Kinder der kolonisierten Völker sind nichts wert, nicht mal entsorgen muss man sie. Mirandas Ausruf im Abgehen "O schöne neue Welt, die solche Menschen trägt" ist pure, anklagende Ironie. Denn Prospero entlarvt sich als unverbesserlicher Rassist, der Calibans Rasse den "edleren Naturen" für unerträglich hält. Dagegen tobt dann doch noch mal der Sturm, die Windmaschinen wirbeln und die Lautsprecher dröhnen. Ariel wiederholt seine Beschwörung der Elemente vom Anfang nochmal: "Blase, blase, Wind, bis du zerspringst." Soll dieses Kolonisatorenpack doch untergehen.
Der Sturm
von William Shakespeare, Deutsch von Gabriele Groenewold
Regie: Caro Thum, Bühne: Dorit Lievenbrück, Kostüme: Charlotte Sonja Willi, Puppenbau: Christof von Büren, Musik: Christian Meyer, Dramaturgie: Juliane Wulfgram, Licht: Christofer Zirngibl.
Mit: Reinhard Riecke, Marcel Hoffmann, Christof Maria Kaiser, Dorothee Lochner, Maximilian Kurth, Magdalena Pircher, Jona Mues, Raphaela Crossey, Jan Sabo, David Prosenc, Ksch. Tatjana Hölbing. Puppenspieler:innen: Dietmar Bertram, Hendrika de Kramer, Tanja Linnekogel, Sophia Walther.
Premiere am 1. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.theater-koblenz.de
Kritikenrundschau
"Regisseurin Caro Thum und ihr Team bringen Shakespeare lebendig und gegenwärtig auf die Bühne, dazu tragen natürlich auch die Puppenfiguren bei. Die Zusammenarbeit der beiden Sparten Schauspiel und Puppentheater hat viel Potenzial und darf in Koblenz gerne wiederholt werden", gibt Hannegret Kullmann im SWR (3.2.2025) zu Protokoll.
Das kleine zerbrechliches Etwas werde mit anrührender Empfindsamkeit zum poetischen Zentrum des Abends, so Andreas Pecht in der Rhein-Zeitung (3.2.2025). Der Ton "zersetzt die den Ureinwohnern des Handlungsortes in kolonialistischer Manier angehängte Eigenschaft 'monströs, wild, böse'." Die Shakespeare-Geistern sind hier "eine faszinierende Nummer für sich". Mirandas Kurzangebundenheit sei etwas schade, "hat indes aber auch ihre Logik". Die ansehnliche wie interessante Inszenierung verweigere den Übeltätern dann die im Finale übliche Reue und Lossprechung.
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Selten einen uninspirierteren Theaterabend erlebt.
Kein eigenen Zugriff der Regie. Keine Ideen. Ungeführte Spieler. Ein einfallsloser, nervender Klangteppich. Und mit den Puppen wusste auch keiner etwas anzufangen.
In stürmischen Zeiten, ein höchst belangloser Abend.