Das Ende von Eddy - Staatstheater Mainz
In den Eingeweiden von Armut und Hass
22. März 2025. Mit Kim de L'Horizons "Blutbuch" ist der Regisseur Jan Friedrich zum Berliner Theatertreffen eingeladen. In Mainz hat er jetzt eine Art Prequel erarbeitet. Denn auch "Das Ende von Eddy", das autofiktionale Romandebüt des Franzosen Édouard Louis, handelt vom Akzeptieren und Entfalten einer queeren Identität.
Von Michael Laages
"Das Ende von Eddy" in der Regie von Jan Friedrich am Staatstheater Mainz © De-Da Productions
22. März 2025. Wie lange muss er so bleiben, wie die feindliche Welt um ihn herum ihn sieht? Wie lange hält er das aus? Wann kommt der Moment, von dem an er endlich sein kann, wer und was er ist und sein will? Auf dieses Ende eines Alptraums driftet Eddy im Debütroman des Franzosen Édouard Louis zu.
Familienaufstellung mit Klassenhintergrund
In herausfordernder Offenheit erzählte Louis 2014 von sich selber, von der Kindheit und vom Erwachsenwerden eines Jungen, der sich früh seiner Homosexualität bewusst ist und der seine Jugend lang gemobbt wird; und das in der armseligsten Kleinbürgerlichkeit eines Dorfes in der nordfranzösischen Provinz.
Durch alle Kapitel der Familienaufstellung, um die Louis in seinen Büchern kreist, ziehen sich – wie auch jetzt in Jan Friedrichs Mainzer Inszenierung – Bilder der Klassengesellschaft, voll von in jeder Hinsicht "reduzierten" Persönlichkeiten, um deren chancenlos-verpfuschtes Leben sich bislang keine politische Bewegung gekümmert hat. Jetzt fangen die Parteien des rechten, weltweit an die Macht drängenden "Populismus" diese verlorene Masse auf, das Volk, das sich fundamental missachtet und ins ewige Nichts des lebenslang auf unter Null gedrückten Alltags gedrängt fühlt. Texte wie der von Édouard Louis sind auch darum so aktuell.
Als Ausweg und Tür ins Leben eröffnet sich Louis' Eddy das Theater. Die Schulleiterin erkennt das schauspielerische Talent des jungen Eddy Bellegueule – und als Eddy auf der Bühne steht und sogar singt, lieben ihn plötzlich alle, sogar die unbelehrbarsten Rabauken und Schwulenhasser. Selbst der oberflächlich so brutal-toxische Vater sucht plötzlich Nähe, auch die in völliger Unterwerfung gefangene Mutter; und sogar die ihm bislang auflauernden, prügelnden Knaben jubeln. Aus dem geschundenen, in der provinziellen Welt aus Vorurteil und Hass verlorenen Jungen namens Eddy wird Édouard.
Keine provinzielle Passionsgeschichte
Im Kern ist "Das Ende von Eddy" dem "Blutbuch" von Kim de L'Horizon also sehr verwandt: Beide handeln vom Sichtbarwerden homosexuellen Lebens. Die Mainzer Arbeit von Jan Friedrich lebt von vergleichbarer Energie wie seine vielfach zu Festivals eingeladene Magdeburger Inszenierung. Unbedingt vermeiden will der Regisseur jedoch eine Art provinzieller Passionsgeschichte – und so lernt das Publikum zwar zunächst (und im Laufe des Abends immer wieder) den jungen Eddy als Erzähler kennen, wobei die Inszenierung komplett in der dadurch manifestierten Distanz zwischen Material und Spiel bleibt.
Zudem wechselt jeder und jede im Ensemble regelmäßig die Rollen, fast immer und zumindest für kurze Zeit auch das Geschlecht – sogar der brachial-maskuline Papa wird kurz vor Schluss zur Schulleiterin. Auf diese Weise ist Eddy, die zentrale Figur, nie wirklich zu fassen – da erzählt er etwa von sich, und die zunächst als Eddys Schwester eingeführte Darstellerin spielt ihn im Video.
Verwechselbar als Hauptfigur: Benjamin Kaygun und Friedrich Brückner © De Da Productions
Überhaupt: Video und auch die Live-Kamera (die Christophe Pangels führt) helfen hier fleißig dabei mit, Eddy zu vervielfachen. Und wenn neben Friedrich Brückner (derzeit noch Studierender an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst), Lennart Klappstein und Benjamin Kaygun mit Leandra Enders die Frau im Quartett der jungen Leute den Part von Eddy übernimmt, atmet die Inszenierung besonders produktive Energie im Wechsel wie in der Verwechselbarkeit der Geschlechter.
Sonnengelbe Zukunftsaussicht?
Identifikation, auch mit dem leidenden Opfer, wird im Spiel praktisch unmöglich. Selbst die Bühne von Louisa Robin arbeitet konzentriert mit an den distanzschaffenden Maßnahmen. Hinter den Eisernen Vorhang im Kleinen Haus des Mainzer Theaters hat sie zwar eine echte und sehr grauschwarze Bruchbude auf die Bühne gebaut, ähnlich einem Foto, das die zwang- und schmerzhafte Enge im Dorf von Eddys Jugend ahnen lässt.
Aber hinter dieser Ruine, der wir nach der Drehung (durch die versammelte Armeskraft der Mitwirkenden!) auch in die Eingeweide der Armut schauen dürfen, sind alle Wände der Bühne hinten, rechts und links in leuchtendes Gelb getaucht. Soll das schon sonnige Zukunft sein? Auch dieser ästhetische Kontrast hält die Fabel in Bewegung.
Wo Empathie kaputt ökonomisiert ist
Noch ein Motiv hat Jan Friedrich aus Magdeburg mit nach Mainz gebracht. Zu Beginn der Saison präsentierte er an der Elbe eine (ach ja …) "Überschreibung" von Tschechows "Onkel Wanja"; und hier durchmaß "Onkel Werner" die prekären Lebenswirklichkeiten in einer heruntergekommenen Pension irgendwo in tiefer ostdeutscher Provinz.
"Die da unten": Benjamin Kaygun, Johannes Schmidt, Lennart Klappstein und Stephanie Kämmer © De Da Productions
Diese Gegen- oder Unterwelt findet sich jetzt gespiegelt in Eddys nordfranzösischer Einsamkeit. Die Abwicklungs- und Vernichtungsfeldzüge des neoliberalen Kapitalismus haben hier wie dort jede Form von menschlicher Empathie zuschanden ökonomisiert, das vergammelte Hotel in Deutsch-Ost ist genauso dem Untergang geweiht wie die Fabrik im französischen Dorf, in dem Eddys Vater sich jedes intensivere Gefühl aus Kopf und Körper geschuftet hat. Auch darum sind ja Stefanie Kämmer und Johannes Schmidt als Elternpaar nie nur empathiefreie Monster – Opfer sind auch sie.
Szenen gibt's an diesem Abend, die ziemlich weh tun; etwa wenn die vier Jungen sich zweimal zu zweit ins erste sexuelle Abenteuer stürzen. Die Mutter überrascht sie, der Skandal ist perfekt, Eddy bleibt wirklich nur noch die Flucht in die Kunst. Mit immer wieder neuen Masken (besonders gruselig sind die der beiden Schulhof-Schläger!) nimmt das kraftvolle Mainzer Ensemble aber alle Herausforderungen an – und das Publikum, nicht nur die "Community" der Gleichgesinnten, bereitet der Inszenierung Standing Ovations.
Das Ende von Eddy
nach dem Roman von Edouard Louis
Fassung, Inszenierung und Kostüme: Jan Friedrich, Bühne: Louisa Robin, Musik: Friedrich Byusa Blam, Video: Nico Paridius, Licht: Carolin Seel, Dramaturgie: Lucia Kramer.
Mit Friedrich Brückner, Leandra Enders, Stefanie Kämmer, Benjamin Kaygun, Lennart Klappstein, Christophe Pangels, Johannes Schmidt.
Premiere am 21. März 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.staatstheater-mainz.de
Kritikenrundschau
Das starke Bühnenbild von Louisa Robin und Jan Friedrichs Gepflogenheit, wohldosiert mit Masken und Puppen zu arbeiten, griffen dem durchweg starken Spiel des Ensembles aufs schönste unter die Arme, schreibt Marcus Hladek in der Frankfurter Rundschau (24.3.2025). "Tolle Regie- und Bühnenarbeit, die an den guten Anfang des Friedrich-Robin-Gespanns mit 'Romeos und Julias suchen die Liebe' vor einem Jahr überzeugend anknüpft".
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Die beste Inszenierung seit langem.
Schonungslos und berührend.
Die Kamera geht nah dran, schafft zugleich Distanz und ist
wie Licht, Bühnenbild und Kostüm in keinem Moment Selbstzweck.
Dennoch:
"das Publikum, nicht nur die "Community" der Gleichgesinnten...
Ja, wer saß denn da ?
Selbstverständlich nicht nur die queere Community,
aber letztlich doch wie so oft das eher liberale kulturaffine Bildungsbürgertum.
Eddys Family geht nicht ins Theater,
auch nicht im liebenswerten wenig elitären Mainz.
Das Publikum wird bestätigt:
Eddy hat den seinen Ausgang gefunden,
mithilfe von Bildung, Kunst und Kultur...
Sobald der Applaus für ihn auf der Schul - Bühne verklungen ist,
kehren seine Eltern und die Jungs vom Schulhof
zurück ins Dorf, zu ihren alten Rollen.
Um Eddy zu folgen,
dafür ist für sie der Weg zu weit.
Rattenfänger lauern hinter jeder Ecke,
Vorbilder gleich in der Nachbarbar sind nicht zu sehen.
Das ist auch nicht Thema des Stücks,
aber darüber, daß diese Erzählung etwas bei den Gebliebenen
an der Somme, in Reims oder Kaiserslautern verändert,
sollte man sich keine Illusionen machen.
Spontan fallen mir da eher die Filme von Ken Loach ein,
die zwar keineswegs autobiographisch sind,
aber ein breiter gefächertes Bild des Milieus zeichnen
und der Menschen mehr zutraut, als diese sich manchmal selbst.
mit freundlichen Grüßen,
M. Wehmeier