Der blinde Passagier - Staatstheater Mainz
Kein Ort. Nirgends.
5. Juni 2025. An Bord eines Schiffes sucht die Crew nach Umgang mit einen blinden Passagier: ein Mann, der als Jude auf der Flucht vor den Nazis ist. Der Fall wirft Fragen nach Gesetz und Ordnung, Empathie und Zivilcourage auf. Von Maria Lazar 1938 geschrieben und gerade erst in Düsseldorf uraufgeführt, hat Luis Dekant jetzt das packende Drama inszeniert.
Von Esther Boldt
"Der blinde Passagier" von Maria Lazar am Staatstheater Mainz © Andreas Etter
5. Juni 2025. "Aber ein Mensch muss doch wo sein!", ruft Nina verzweifelt, hilflos die Arme hebend. Ihr blondes Haar ist glatt aus dem Gesicht gestrichen, die Wangen blass, aller Übermut verstrichen. Und Hartmann antwortet, mit sachlicher Ruhe: "Es gibt Menschen, von denen verlangt man, dass sie nirgends sind."
Es wird, das ist mit diesen Worten ausgesprochen, keine Lösung geben für ihn – den Arzt aus Österreich, der als Jude vor den Nazis in den Norden Deutschlands floh und hier, vom Mob verfolgt, ins Hafenbecken gesprungen ist. Der dort plötzlich ein kleines Boot mit dänischer Flagge vor sich sieht, zu dem er schwimmt wie zu einer rettenden Insel. Doch auch hier ist der Fliehende nicht in Sicherheit, gefangen zwischen Gesetzen, die ihm existentielle Rechte absprechen, und Grenzen, die ihn festhalten, wo er verfolgt wird.
Umgang mit Flüchtenden
Maria Lazar hat diesen Hartmann geschrieben, vor fast 90 Jahren. Eine österreichische, jüdische Schriftstellerin und Journalistin, eine bedeutende literarische Stimme im Widerstand gegen das Nazi-Regime, die 1935 nach Dänemark und 1939 nach Stockholm floh, wo sie zu einer zentralen Figur der Exil-Community wurde. Nach ihrem Tod wurde ihr Werk vergessen, und erst seit den 2000er Jahren dank des Wiener Verlegers Albert Eibl wieder entdeckt – dessen Verlag "Das vergessene Buch“ es explizit zum Ziel hat, Autorinnen wieder zu entdecken, die zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg aktiv waren und zu Unrecht in Vergessenheit gerieten.
Und während Europa mit der Frage ringt, wie es mit Geflüchteten und Migrant:innen umgehen soll – gerade hat das Verwaltungsgericht Berlin die Zurückweisung von Asylbeweber:innen an deutschen Grenzen für rechtswidrig erklärt, gerade erst hat die Partei PVV des Rechtspopulisten Geert Wilders die niederländische Regierungskoalition platzen lassen, weil sie seinen Migrationskurs nicht mittragen wollte – , wird Lazars Theaterstück "Der blinde Passagier“ erstmals auf die Bühne gebracht. Vergangenes Wochenende zeigte das Düsseldorfer Schauspiel seine Uraufführung, wenige Tage später folgt nun die Premiere am Staatstheater Mainz.
Hadern mit dem Gesetz
Dort inszeniert der junge Regisseur Luis Dekant das eindringliche Kammerspiel in der kleinsten Spielstätte U17. Zwei mobile Metallgerüste markieren das Innere des Schiffsbauchs, in dem wir uns befinden. Auch wenn die Spieler:innen sie gelegentlich verrücken: einen Ausweg gibt es hier nicht. Carl (Carl Grübel), der Sohn des Kapitäns und Leichtmatrose, hat den Fliehenden an Bord geholt. Rasch sorgt seine Anwesenheit für Zerwürfnisse unter der Besatzung. Schwester Nina nimmt ihn in Schutz, ihr Verlobter, Steuermann Jürgen (Béla Milan Uhrlau), ist eifersüchtig und wäre den Eindringling gern los. Kapitän und Vater Petersen (Holger Kraft) hält sich gern ans Gesetz und hadert mit dem Regelbruch.
Am Bord: Der fremde Arzt Hartmann (Benjamin Kaygun) und Kapitänstochter Nina (Carlotta Hein) © Andreas Etter
Aber mit Jung gegen Alt, Gut gegen Böse kommt man hier nicht weit – auch wenn es den zornigen Geschwistern Carl und Nina am deutlichsten zu sein scheint, dass eine neue Zeit heran gebrochen ist, in der es gilt, Stellung zu beziehen. Denn selbst wenn sie Hartmann, unbemerkt von der deutschen Hafenpolizei, herausbekommen aus deutschen Gewässern: Für Dänemark hat er kein Visum, dort hat er mehrfach erfolglos versucht, einzureisen. Auch dort kann er nicht bleiben.
Was geht uns dieses Schicksal an?
So prallen in"Der blinde Passagier“ zwei Welten aufeinander. Eindrücklich versuchen jene, die von Krieg und Verfolgung (noch) nicht betroffen sind, sich diese vom Leib zu halten – oder ringen, wie Carl und Nina, sichtlich damit, es zu begreifen. Benjamin Kaygun spielt den Verfolgten mit wachsender Ruhe, während seine mehr oder minder freiwilligen Helfer:innen und Schmuggler aus der Haut fahren ob der Herausforderung, die dieser ungebetene Gast, dieser spukende Klabautermann für sie darstellt.
Geht sein Schicksal sie etwas an – oder nicht? Welches Risiko nehmen sie auf sich, wenn sie sich seiner annehmen? Über den Einbruch des Fremden und die Konflikte, die dieser nach sich zieht, zerbrechen die Beziehungen an Bord. Nichts ist mehr wie zuvor. Denn der aufrechten Kapitänstochter Nina, gespielt von Carlotta Hein, geht mit dem fremden Arzt eine unbekannte Welt auf – jenseits des Paketbootes, jenseits ihrer künftigen Rolle als Frau des Steuermanns, wie ihre Mutter eine war.
Lazar fragt in ihrem Stück, das 1938/1939 fertig gestellt und bis vor kurzem nie aufgeführt wurde, eindringlich nach den Möglichkeiten und Grenzen von Empathie und Zivilcourage. Und in Mainz gelingt ein intensiver Theaterabend, der einem auf die Haut rückt wie die Enge im Schiffsbauch.
Der blinde Passagier
von Maria Lazar
Regie: Luis Dekant, Bühne: Felicia Riegel, Kostüme: Antonia Hilchenbach, Licht: Matthias Zangerle, Dramatrugie: Lucia Kramer, Jörg Vorhaben.
Mit: Holger Kraft, Carlotta Hein, Carl Grübel, Anna Steffens, Lisa Mies, Béla Milan Urlau, Benjamin Kaygun
Premiere am 4. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-mainz.com
Kritikenrundschau
"Wer will ihn ausliefern? Wer will helfen? Am Ende bleiben Hass, Ekel und Liebe. Und abgrundtiefe Verzweiflung", schreibt in der FAZ Rhein-Main-Zeitung (6.6.2025). Der junge Regisseur Luis Dekant setze von Anfang an darauf, die Distanz verschwinden zu lassen und "inszeniert einen ganz und gar fein gearbeiteten Moral-Thriller." Die Inszenierung nehme klug auf, was der Text biete, "steigert hier und da den entkrampfenden Witz, um umso deutlicher die Anspannung hervorzukehren".
"Eine feine, schnörkellose Inszenierung" schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (6.6.2025). Das spät entdeckte Stück sei "so hellsichtig wie leider aktuell". Einmal sagt der Geflüchtete, dass ein Mensch, der keinen Boden unter den Füßen habe, nicht küssen könne. "Es ist ein bestürzender, großer Dialog in einem Stück, das in Zukunft vielfach aufgeführt gehört."
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