Das Schicksal ist an Bord gekommen

1. Juni 2025. Auf einem dänischen Paketboot trifft die Besatzung auf einen blinden Passagier: einen Menschen auf der Flucht. Das jetzt uraufgeführte Stück von Maria Lazar stellt auf Basis dieser Konstellation Fragen nach Moral und Haltung. Regisseurin Laura Linnenbaum macht daraus einen überraschend spannenden Abend.

Von Martin Krumbholz

Maria Lazars "Der blinde Passagier" von Laura Linnenbaum am Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert © Thomas Rabsch

1. Juni 2025. Das Schiff ist also da. Keine Abstraktion sieht diese Düsseldorfer Uraufführung eines Textes von 1938 vor, kein kühles, sezierendes Kammerspiel in einem neutralen Raum. Im Gegenteil: Die düstere, fast komplett graue Bühne von Daniel Roskamp präsentiert das dänische Paketboot, unterwegs vor der deutschen und dänischen Küste, auf dem sich das Schicksal des Juden Fritz Hartmann entscheidet, im Querschnitt und in allen Details. Unten die Kajüten, oben das Deck mit der Brücke und einem hohen Mast. Nur die Fahne fehlt – die dänische Fahne, auf die Hartmann im Hafen zugeschwommen ist, um sich vor seinen Nazi-Verfolgern zu retten.

Das Werk der österreichischen Jüdin Maria Lazar ist erst vor wenigen Jahren entdeckt worden, einige Uraufführungen gab es bereits. "Der blinde Passagier" ist keine Groteske (wie "Die Eingeborenen von Maria Blut"), der Text ist einem psychologischen Realismus verpflichtet und fragt eindringlich nach der moralischen Positionierung der Bootsbesatzung, auf deren Hilfe Hartmann angewiesen ist. Er hat kein Visum, an der dänischen Grenze ist er bereits abgewiesen worden. Mit ihm, so sagt er es selbst, ist "ein Schicksal" an Bord gekommen.

Prüfung für alle

Die Regisseurin Laura Linnenbaum nimmt die Herausforderung fast treuherzig an, es gibt keine Verfremdungen, keine Zutaten wie Fremdtexte oder ähnliches, nur das geradezu filmische Setting, eine suggestive Toncollage mit Nebelhörnern und wirkungsvoll platzierter Musik, einem im Hintergrund laufenden Radio mit leisem Gesang, live gespieltem Akkordeon. Und gelingen kann dieses gewissermaßen zeitlose Wagnis allein mit einem großartigen Ensemble, das fast ununterbrochen hier oder da auf der Bühne präsent ist.

Gibt es so etwas wie eine moralische Mitte? Maria Lazars "Der blinde Passagier" mit Mila Mila Moinzadeh, vorne, als flüchtenden Fritz Hartmann © Thomas Rabsch

Mila Moinzadeh, der den Hartmann beeindruckend spielt, taucht früh in einem roten Abendkleid auf, es ist das einzige surreale Moment überhaupt. Carl, der Sohn des Kapitäns, hat ihn an Bord versteckt, erst im Frachtraum, wo es bitterkalt ist, das Stück spielt im Winter, später in einer Kajüte. Michael Fünfschilling betont das idealistische Pathos der Figur, die Anstrengung, sich "anständig" zu verhalten, im Konflikt vor allem mit seinem Schwager in spe, dem Steuermann Jörgen. Florian Lange gibt diesen Konterpart ebenso überzeugend als starrsinnigen, patriarchalisch geprägten Opportunisten, der sich von seiner Verlobten, was ihn spürbar quält, mehr und mehr entfremden wird.

Nicht schlechte Menschen, gehorsame Menschen

Es ist eine erotische, aber sozusagen auch politische Eifersucht, die diesen Mann umtreibt und isoliert, denn ihm muss klarwerden, dass er bald der Einzige ist, der sich ungetrübt unsolidarisch verhält, oder vielleicht besser gesagt: der seine Solidarität allein auf die eigenen Leute richtet. Nina, seine Verlobte, Carls Schwester, empathisch gespielt von Fnot Taddese, wird sich in Hartmann verlieben, und diese Romanze ist ein Katalysator der Handlung; Jörgen spürt die Entwicklung instinktiv, die sein politisches Ressentiment verstärkt und zum Überkochen bringt.

 DerblindePassagier5 Thomas RabschSteuermann Jörgen (Florian Lange, rechts), bald der einzige, der sich unsolidarisch verhält, und seine Verlobte Nina (Fnot Taddese) © Thomas Rabsch

Hartmann selbst, und gerade das spielt Moinzadeh sehr intensiv, wiegelt ab, er will keine Konflikte schüren, er bietet sich selbst wiederholt als Opfer an, was keine Koketterie ist, sondern offenbar ein Ausdruck seiner Verzweiflung, seiner Intelligenz, die als Gegengewicht nur noch den Glauben an ein Wunder kennt. Er sagt einmal: "Die Menschen sind nicht schlecht – sie sind nur sehr gehorsam."

Überraschend spannend

Rainer Philippi ist der Kapitän, bärbeißig, aufrecht, gesetzestreu, auf keinen Fall ein Schmuggler, skeptisch gegen forciertes "Heldentum", er repräsentiert eben diesen eingefleischten Gehorsam, beharrt auf seiner Chefrolle, "Ich bin immer noch der Kapitän", will aber auch vermitteln, sucht sozusagen die moralische Mitte zwischen "Schweinehund" und "Held" – die es nicht gibt. Am Schluss tritt noch Minna Wündrich als Mutter auf, die einer bescheidenen Rolle ein deutliches Profil gibt: zuverlässig wertkonservativ, ganz der "Familienmensch", der frisch und nichtsahnend eine Girlande übers Deck spannt und den am Faktum eines blinden Passagiers nichts stört als die Tatsache, dass er kein Ticket gelöst hat.

Das alles, so altmodisch es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist ganz einfach – spannend. Es ist, ein wenig überraschend, einer der besten Abende dieser Düsseldorfer Spielzeit geworden, suggestiv, uneitel, relevant, aufwühlend.

Der blinde Passagier
von Maria Lazar
Uraufführung
Regie: Laura Linnenbaum, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüm: Philipp Basener, Musik: David Rimsky-Korsakow, Licht: Jean-Mario Bessière, Video: Esther Conze, Dramaturgie: Stijn Reinhold.
Mit: Mila Moinzadeh, Fnot Taddese, Michael Fünfschilling, Florian Lange, Rainer Philippi, Minna Wündrich.
Dauer: 1 Stunde 45 Minute, keine Pause
Premiere am 31. Mai 2025

www.dhaus.de

Kritikenrundschau

"Lazars Stück hat das Zeug, ein moderner Klassiker zu werden. 'Der blinde Passagier' ist dramatisch so geschickt gebaut, gedanklich so reich und ethisch so aufrüttelnd, dass man es tatsächlich tragisch nennen muss, dass dieser Text seit 1938 noch nie auf einer Theaterbühne gespielt wurde", schreibt Jakob Hayner in der Welt (2.6.2025). Laura Linnenbaum bringe es als klares und intensives Kammerspiel auf die Bühne. "Die großartige Inszenierung (...) dürfte das literarische Comeback von Maria Lazar weiter befeuern."

Das "fantastisch-klaustrophobische Setting des Bühnenbilds" lobt Nicole Strecker auf WDR 3 (2.6.2025). Laura Linnenbaum verhelfe der Text-Ausgrabung nach fast 90 Jahren zu einer würdigen Uraufführung "mit einer uneitlen ernsthaften Inszenierung, die eindringlich um die Frage kreist: Wieviel ist man bereit zu opfern für die Menschlichkeit? Ein moralischer Konflikt, in dem die Gesellschaft heute wie damals steckt."

"Maria Lazar hat kein naturalistisches Stück aus ihrer Zeit geschrieben. Sie hat eine Parabel auf ihre lange Reise geschickt", schreibt Lothar Schröder in der Rheinischen Post (2.6.2025). "Vor drei Jahren wurde es in Londoner Kisten wieder entdeckt. Und Düsseldorf ist nun der Ort geworden, an dem es auch auf der Bühne erstmals zu entdecken gibt. Sollte man sich nicht entgehen lassen."

Mit lauter Superlativen lobt Peter Claus in der Sendung Fazit vom Deutschlandfunk (31.5.2025) die Inszenierung. Es sei ein "Psychothriller" von hoher Brisanz, überaus fesselnd, bewegend und spannungsgeladen. 

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