Frau unter Einflüssen

6. September 2025. Trauriger Fakt: Das Theater meint es nicht gut mit alternden Schauspielerinnen. John Cassavetes' Filmstudie über eine vom Abstellgleis bedrohte Bühnendiva bringt Regisseur Wolfgang Menardi jetzt als Trip in die Eingeweide eines gnadenlosen Betriebs auf die Bühne.

Von Ruth Fühner

"Opening Night" in der Regie von Wolfgang Menardi am Staatstheater Mainz © De Da Productions

6. September 2025. Gut ein halbes Jahrhundert ist es her, dass John Cassavetes seinen Film "Opening Night" drehte. Er handelt vom Kampf einer Schauspielerin gegen die Unsichtbarkeit, die in unserer Gesellschaft – und erst recht im Film und auf dem Theater – über älter werdende Frauen wie ein Todesurteil verhängt wird. Nebenbei handelt er von der Selbstherrlichkeit autoritärer Regiepaschas, die es für natürlich erachten, dass Frauen auf der Bühne geschlagen und hinter der Bühne betatscht werden. 

1977 war das. Inzwischen hat MeToo deutlich gemacht, dass der patriarchale Machtmissbrauch an den Theatern und im Filmgeschäft noch lange nicht Vergangenheit ist. Und noch heute haben Schauspielerinnen jenseits der Dreißig Grund, öffentlich gegen ihre Verdrängung von Bühne und Leinwand zu protestieren.

Kampf um Liebe und Sichtbarkeit

Aber kommt es nicht auf ganz andere Dinge an? Myrtle Gordon jedenfalls, Cassavetes' Protagonistin, hat das Gerede über ihr Alter satt – sie interessiert allein, was das für eine Rolle ist, diese Virginia, die ihr da gerade zugemutet wird. Eine alternde Frau, an der sie Haltung, Herz und Haltung vermisst. Und über die sie nur eins wissen will: ob sie siegt – oder ob sie verliert im Kampf um Liebe und Sichtbarkeit.

Der Ort ist ein Theater in der Provinz, hier finden die Abschlussproben und Voraufführungen für die Premiere von "Die zweite Frau" am New Yorker Broadway statt. In der Mainzer Inszenierung ist das Milieu denkbar unglamourös mit Hang zur Schäbigkeit (Ausstattung: Martin Miotk). Und was Regisseur Wolfgang Menardi an diesem Stück-im-Stück interessiert, ist weniger das psycho-realistische Kammerspiel als eine Art Geisterbahnfahrt.

Schon zu Beginn liegt eine Leiche auf der Bühne, unter einem schwer lastenden schwarzen Balken nähern sich ihr Menschen mit Blumen und Kerzen wie zu einer Totenmesse. Aber natürlich steht die "Tote" wieder auf, nimmt ihren Applaus entgegen – und streift die erschreckend greisenhafte Gummimaske ab.

Die geisterhafte Begleiterin

Ein Augenblick, der nicht nur auf das vordergründige Thema des Stücks verweist – er greift auch voraus das Ereignis, das Myrtle Gordon (Hannah von Peinen) in eine tiefe Krise stürzen wird: Nach einer Probe sieht sie, wie ihr größter Fan, eine junge Frau, die sich ihr eben noch an den Hals geworfen hat, bei einem Autounfall ums Leben kommt. Diese Nancy (meist stumm: Leandra Enders) wird zu Myrtles geisterhafter Begleiterin, zu ihrem Alter Ego, in dem sie sich als junge Frau mit ihren Träumen, ihren überbordenden Gefühlen, ihrer Zukunftshoffnung wiedererkennt. Und mit der sie sich ein blutiges Gerangel liefern wird, für das eigens ein Kampfchoreograph engagiert wurde (Atef Vogel).

Opening Night 1 CDe Da Productions uChaotische Produkionsumstände: Daniel Mutlu, Lorenz Klee, Hannah von Peinen, Lisa Mies, Johannes Schmidt, Iris Atzwanger © De Da Productions

Denn Myrtle gerät nach diesem Todesfall außer Rand und Band. Nicht nur, dass sie die Proben zu "Die zweite Frau" torpediert (auch, weil von ihr verlangt wird, sich ohrfeigen zu lassen) – zur Premiere kommt sie schwerst alkoholisiert und kann nur unter Aufbietung aller personellen Kräfte (warmherzig: die Ankleiderin und der Requisiteur, Lisa Mies und Lorenz Klee) auf die Bühne befördert werden.

Hannah von Peinen müsste sich als Myrtle eigentlich die ganze Zeit die Seele aus dem Leib spielen – statt dessen agiert sie eher aufgekratzt als verwundet, es fehlen Augenblicke des Innehaltens, des verwunderten Blicks auf die Ungeheuerlichkeiten des Lebens, das da auf sie eindrischt. Vielleicht auch ein Stück Selbstironie. So bleibt eine spürbare, doppelte Distanz zur Rolle – zu Virginia und zu Myrtle, was den Blick auf die Hauptfigur seltsam unscharf macht.

Kein psychologischer Realismus

Ihr schwitzender Partner Maurice (Vincent Doddema) hat es angesichts ihrer Krise längst aufgegeben, ein guter Schauspieler sein zu wollen, während Johannes Schmidt als Regisseur Manny differenziert zwischen Abwehr und (professioneller?) Zärtlichkeit, Verzweiflung und beherztem Griff nach jedem Rettungsanker changiert.

Aber, wie schon gesagt: psychologischer Realismus interessiert Menardi wenig. Er hat keine Scheu vor Karikaturen (etwa Daniel Mutlu als tapernder Produzent mit strohigem Haar, Sonnenbrille und verkrüppelter Hand), dafür aber bietet er einiges an Budenzauber auf. Blackouts dröhnen, Transparente verkünden lange vor dem Schluss THE END LIVING oder LIVING THE END, einmal baumelt eine einsame Glühbirne herab, unter der die anderen Myrtle, anscheinend in einer Zwangsjacke, einem Verhör unterziehen. Der Gipfel ist eine Szene, als die Autorin des geprobten Stück (Iris Atzwanger, die ironischerweise Gena Rowlands ähnelt, der Myrtle in Cassavetes' Film) eine spiritistische Sitzung organisiert. Dazu fährt aus dem Bühnenhimmel eine komplette Orientalismusphantasie samt Tempel und Säulenprospekten herab, in der eine wuchtige Spiritistin in glitzerndem Käfergrün Myrtle von ihren Nancy-Halluzinationen zu befreien versucht.

Indem sie Myrtles betrunkenen Auftritt zum Triumph des Theaters werden lässt, birgt Cassavetes' Vorlage auch eine Feier der Grenzüberschreitung. Diese Grenzüberschreitung verlagert die Mainzer Inszenierung auf die Ebene der Regieeinfälle – und vernachlässigt dafür die Geschichte, die eigentlich erzählt werden sollte.

Opening Night
von John Cassavetes
Deutsch von Brigitte Landes
Regie: Wolfgang Menardi, Ausstattung: Martin Miotk, Musik und Sounddesign: Erik Herkrath, Licht: Frederik Wollek, Dramaturgie: Rebecca Reuter.
Mit: Hannah von Peinen, Johannes Schmidt, Leandra Enders. Vincent Doddema, Iris Atzwanger, Flora Egbonu, Daniel Mutlu, Lisa Mies, Lorenz Klee.
Premiere am 5. September 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater-mainz.com

Kritikenrundschau

Andrea Pollmeier fokussiert in der Frankfurter Rundschau (8.9.2025) ganz auf die Protagonistin: "Was meist nur als Komödie erträglich zu sein scheint, wird in Menardis Inszenierung wie ein Familiendrama gestaltet, in dessen Mittelpunkt der alternde Filmstar Myrtle Gordon steht, großartig gegeben von Hannah von Peinen. (…) Es ist grandios, wie variantenreich von Peinen die zittrig verlorene, kluge, alles durchschauende und zugleich mitfühlende Frau sichtbar macht. Sie gibt Myrtle nicht als oberflächliches, schauspielerndes Modell, das sich vor dem Verlust von Schönheit und Sexappeal fürchtet, sondern als eine komplexe, um Würde ringende Frau, deren Energie in einer auf Jugendlichkeit fixierten Umgebung einfach verpufft."

Kommentare  
Opening Night, Mainz: Ein großer Abend
Sehr geehrte Kritikerin,
seit vielen Jahren bin ich Theaterbesucher in der Region und ging mit einer gewissen Skepsis in diesen Abend – meist empfinde ich es als schwierig, wenn Filme für die Bühne adaptiert werden. Oft frage ich mich, weshalb man das überhaupt tut.
In diesem Fall jedoch war das Gegenteil der Fall: Es war ein großer Theaterabend mit einer herausragenden Hauptdarstellerin, die auf der Bühne alles gegeben hat – mit einer Intensität, die tief unter die Haut ging. Es schien fast, als hätten Sie ein völlig anderes Stück gesehen. Das Ensemble habe ich in Mainz selten so stark erlebt wie an diesem Abend.
Gerade dass die Inszenierung nicht zu einer rein psychologischen Nacherzählung des Films wurde, sondern mit allen Mitteln des Theaters auf so sinnliche wie geheimnisvolle Weise erzählt wurde, ist der große Verdienst dieses außergewöhnlichen Abends. Ein Abend, der fordert, erschreckt, keine einfachen Antworten gibt, sondern Fragen aufwirft – und gerade dadurch dem Film in besonderer Weise gerecht wird. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie den Film überhaupt gesehen haben.
Ihre Einwände kann ich so gar nicht teilen – und das Publikum, das den Abend begeistert gefeiert hat, offensichtlich ebenso wenig.
Mit freundlichen Grüßen
 Mark
Opening Night, Mainz: Groß und unberechenbar
Ein Rausch von Bildern, Stimmen und Gefühlen
Selten habe ich einen Theaterabend erlebt, der mich so mitgerissen hat wie Opening Night am Staatstheater Mainz. Von Anfang an war spürbar: Hier wird nicht einfach eine Geschichte erzählt, sondern eine ganze Welt entfaltet, in der Realität und Traum ineinanderfließen.
Was mich am meisten beeindruckt hat, war das Zusammenspiel von Bühne, Kostümen und Schauspiel. Das Bühnenbild war kein bloßer Hintergrund, sondern ein eigener Mitspieler: Räume, die sich verwandelten, Abgründe, die sich auftaten, und dann diese überraschenden Momente, in denen das Theater plötzlich zur reinen Magie wurde. Die Kostüme verstärkten das noch – sie gaben jeder Figur eine besondere Aura, manchmal schillernd, manchmal "schäbig", oft voller Widersprüche.
Hannah von Peinen als Myrtle Gordon hat für mich den Abend getragen. Sie hat nicht einfach eine Rolle gespielt, sondern die Bühne zu ihrem inneren Kampfplatz gemacht. Ihre Präsenz war so stark, dass man das Gefühl hatte, mitten in ihrer Zerrissenheit zu stehen – ein Wechselbad aus Stärke und Zusammenbruch, Wut und Sehnsucht.
Aber auch das Ensemble war großartig. Da gab es keine Nebenfiguren – jede und jeder trug entscheidend zu dieser schillernden Theatermaschine bei. Gerade die Mischung aus grotesken Überzeichnungen und stillen, berührenden Momenten hat den Abend so reich gemacht.
Ich empfand die Inszenierung als einen Rausch: mal verstörend, mal poetisch, dann wieder voller Humor, immer aber voller Überraschungen. Es war einer dieser seltenen Abende, an denen man spürt, wie groß und unberechenbar Theater sein kann.
Für mich bleibt Opening Night ein Erlebnis, das man nicht einfach abhakt, sondern das einen begleitet – so wie ein Traum, den man noch Tage später mit sich herumträgt.
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