Der zerbrochne Krug - Staatstheater Saarbrücken
Vom Rechtsstaat und seiner Verwurstung
10. November 2024. Der pussygrabende Trump, populistische Rechtsbeugung und von Verschwörungstheorien Verblendete: alles schon dagewesen – und von Heinrich von Kleist in ein berühmtes Lustspiel gefasst. Pia Richter inszeniert es nun. Aus gegebenem Anlaß und darüber hinaus. In einem Bühnenbild aus Würsten.
Von Uwe Loebens
"Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist, in Saarbrücken von Pia Richter inszeniert © Martin Sigmund
10. November 2024. Dieser Dorfrichter Adam ist ein besonders öliger Typ. Geschmeidig und wieselflink schießt er zwischen den Gliedern einer riesigen verschlungenen Wurstkette hin und her. Sie windet sich über einem gefliesten Boden oder schwebt darüber.
Sie ist auch das Amtszimmer von Adam, gespielt von Raimund Widra: Ein unverschämter Mensch, dumm-dreist und verlogen, korrupt und manipulativ, triebgesteuert und vor allem selbstherrlich. Dass ihm selbst einmal der Prozess gemacht werden könnte, träumt ihm zwar. Aber dass es ausgerechnet ein zerbrochener Krug sein würde, der ihn schließlich zu Fall bringt!
Gestalten wie Trump
Die Regisseurin Pia Richter zeigt eine komprimierte Version des etwas mehr als 200 Jahre alten Lustspiels "Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist. Entschlackt um Nebenstränge und Redundanzen spitzt sie es auf seinen Kern zu: die Geschichte von Machtmissbrauch und sexualisierter Nötigung. Unwillkürlich treten Gestalten wie Trump und andere vor das innere Auge, wenn Dorfrichter Adam seine krummen Touren mit den absonderlichsten Lügen und durch Rechtsverdrehung vertuscht. Besonders im Fall um den zerbrochenen Krug, den er am Gerichtstag in seiner Amtsstube klären muss. Zu Bruch gegangen ist das kostbare Stück auf seiner Flucht aus der Kammer von Eve, als ihr Verlobter Ruprecht dort – einen Nebenbuhler vermutend – eindringt. Am liebsten würde er den Entschädigungsprozess, den Eves Mutter gegen den vermeintlichen Verursacher Ruprecht anstrengt, wegen Geringfügigkeit oder unter anderen Vorwänden vom Tisch wischen.
Rechtsbeugung, Willkür und Amtsanmaßung
Wäre da nicht die Revisorin, Frau Gerichtsrätin Walter. Zunächst versteckt sie sich hinter Akten und Verfahrensparagraphen wie eine blasse Bürokratin. Dann entwickelt Christiane Motter sie zur Verfechterin der geltenden Rechtsprechung und des Rechts: als ihr dämmert, wo der Hase im Pfeffer liegt. Sie treibt den Prozess gegen Adams Willen voran. Weder ist sie für seine erotischen Avancen anfällig (im Gegenteil, sie spielt damit!). Noch lässt sie sich durch das Angebot von Würsten zur Kumpanei verführen, diesem ganz besonderen Schmierstoff von Adams Vettern- und Günstlingswirtschaft, der monumental und symbolträchtig auch die Bühne beherrscht. In Walter stellt sich das Prinzip der Rechtstaatlichkeit gegen Rechtsbeugung, Willkür und Amtsanmaßung.
Es geht um die Wurst auf der Bühne von Julia Nussbaumer © Martin Sigmund
Mit dem Auftritt der Zeugin Frau Brigitte kommt die Aufklärung des wahren Sachverhalts ins Rollen. Gaby Pocher gibt sie köstlich als eine totenbleiche, religiös motivierte Querdenkerin, die den nächtlichen Schatten des aus der Kammer fliehenden Adam gesehen und den Leibhaftigen höchstselbst erkannt haben will. Aus diesen Fake News entwickelt sich das Lauffeuer einer Verschwörungstheorie, die am Ende eher unfreiwillig das Treiben Adams enttarnt.
Erpressung, Willkür, Verrat
Temporeich steuert die solide Inszenierung auf diese Enttarnung zu. Allerdings bleibt dabei nur wenig Raum für die Tiefenschärfe einzelner Charaktere. Besonders auffällig ist das bei Ruprecht, gespielt von Jonathan Lotz, der wie ein dummer Junge in seinem bunten Freizeitlook unverständig in die Landschaft glotzt und erst erwacht, als es viel zu spät ist. Anna Jörgens verkörpert Eve, seine Verlobte, als eine junge, verdruckste Frau, die noch in ihr Kleid mit viel zu hohen Trägern hineinwachsen muss. Sie leidet eher wie ein ertapptes Schulmädchen unter der Last ihrer Gewissensnöte.
Raimund Widra (Dorfrichter Adam) und Christiane Motter (Gerichtsrätin Walter) © Martin Sigmund
Wie groß diese Gewissensnöte sind, macht die Inszenierung durch einen Rückgriff deutlich. Sie setzt den Schlussmonolog der ursprünglichen Fassung von Kleists Stück wieder in Wert, in dem die ganze Tragweite von Adams Machtmissbrauch deutlich wird. Hat sich Eve doch vom Dorfrichter ein Attest erhofft, das ihren Verlobten vom anstehenden Militärdienst in Ostindien – noch so eine Falschbehauptung von Adam – befreien würde.
Am Abend, an dem der titelgebende Krug zu Bruch ging, wollte der Dorfrichter in Eves Kammer unter Erpressung sexueller Willfährigkeit und um den Preis der Verschwiegenheit seine Unterschrift auf das Papier setzen. Nach dieser leider vernuschelten Beichte geht Eve als eine mehrfach Geschlagene ab. Missbraucht von einem übergriffigen Amtsträger. Von der Mutter in ihren Ehrbegriffen herabgewürdigt. Verraten vom Verlobten, der ihr nicht vertraut.
Spätestens hier ist Kleists Lustspiel nicht mehr lustig.
Der zerbrochne Krug
Lustspiel von Heinrich von Kleist
Regie: Pia Richter, Bühne und Kostüme: Julia Nussbaumer, Musik / Sound-Design: Maria Moling, Mitarbeit Musik: Nico Sierig, Dramaturgie: Horst Busch.
Mit: Lucas Janson, Anna Jörgens, Jonathan Lutz, Christiane Motter, Gaby Pocher, Martina Struppek, Raimund Widra.
Premiere am 9. November 2024 in der Alten Feuerwache
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.staatstheater.saarland.de
Kritikenrundschau
"Pia Richter lässt den großartigen Kleistschen Sprach-Sound erfreulicherweise unangetastet, hat die Spieldauer drastisch eingedampft, um nahezu die Hälfte, auf 90 Minuten. Was durchaus Sinn macht, mehr Drive tut gut." Doch hoffe man vergebens auf geistreiche Funksignale aus der Gegenwart, "es sei denn, man hielt bereits die schräge, klamottige Optik für eine hinreichende Aktualisierung", so Cathrin Elss-Seringhaus in der Saarbrücker Zeitung (11.11.2024). Der Abend laufe "vorhersehbar ab, ohne die Perspektive aufbrechende Videos, ohne originelle Interaktions-Gags, ohne viel Musik – und landet dadurch in einer Sackgasse. Denn sie führt den Zuschauer nahezu zwangsläufig zu einem Begriff – Regie-Einfallslosigkeit."
Feministisch solle die Inszenierung sein, sagt Barbara Grech im Saarländischen Rundfunk (11.11.2024). Sonderlich konsequent sei das nicht umgesetzt, die Gelegenheit, Kleists frühen #MeToo-Fall in die Gegenwart zu bringen, werde verschenkt. In Pia Richters Inszenierung werde die bissige Komödie zur Klamotte, der Hauptdarsteller hample wie im Kasperletheater zwischen den Bühnenbild-Würsten herum. "Surreale Verrücktheit will gelernt sein", so die Kritikerin, der zufolge allein Gaby Pocher als Frau Brigitte diese Regie-Idee "fulminant" auf die Bühne bringe.
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