Romeo und Julia in der Desertzone

1. Juni 2025. Wachtürme, Cyborgs, Todeszonen und Roboter, die die überlebende Bevölkerung nach einem Weltkrieg terrorisieren: Das neue Stück von Fritz Kater ist eine Dystopie der Extraklasse. Und Christoph Mehlers Uraufführung atemberaubend.

Von Uwe Loebens

"future 2 (lose your self)" von Fritz Kater, am Staatstheater Saarbrücken von Christoph Mehler uraufgeführt © Stefano Di Buduo

1. Juni 2025. Wir schreiben das Jahr 2052. Siebzehn Jahre nach dem dritten Weltkrieg leben Cyborgs in hermetischen Megametropolen unter künstlich projizierten Himmeln. Menschen, sogenannte Humanoide, gelten als Ersatzteillager für die Maschinenmenschen. Eine neodemokratische Regierung tyrannisiert ihre Bürger mittels KI und KI-gesteuerten Robotern.

Bei Fehlverhalten werden ihnen vom persönlichen Social-Scoring-Konto Punkte abgezogen. Mit Verlust des Guthabens droht die Verbannung in die Desertzone. Dort, jenseits der Megametropolen, beginnt hinter der "Truman-Wall“ das von atomarem Fall-out verwüstete Gebiet, in dem die Outlaws und Verstoßenen, kurz "Unregulierbaren", eine Lurchenexistenz führen.

Keine Rettung, nirgends

Theaterregisseur Armin Petras hat unter seinem Autorenalias Fritz Kater für das Saarländische Staatstheater mit "future 2 (lose your self)" ein Endzeitstück der besonderen Art verfasst, das jetzt in der Alten Feuerwache seine Uraufführung erlebte. In drei Teilen, Bücher genannt, fächert er eine Welt der totalen Entmenschlichung auf. Er erzählt deren Entwicklung von ihrem Endpunkt aus rückwärts.

Im ersten Teil lernen wir den ehemaligen Geschichtsprofessor Anthony (Gregor Trakis) kennen. Von seiner humanoiden Ex angeschwärzt, verlor er seinen Beruf. Jetzt bewegt er sich auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter an den Rand der Desertzone, wo er sie vermutet. Sein Social-Scoring-Konto geht rapide gegen Null, besonders nach einem Unfall mit Todesfolge und seiner anschließenden Flucht. Er rettet sich in die verbotene Zone. Hier findet er seine Tochter wieder, verendet aber schutzlos in der radioaktiven Strahlung.

future2 2 StefanoDiBuduoAn der Todeszone: Die Künstlerin Mary (Gaby Pochert) © Stefano Di Buduo

Der zweite Teil kreist um die fast erblindete Künstlerin Marie (Gaby Pochert). Bei ihr verdingt sich der sozial gestrandete Foe (Raimund Widra). Er braucht dringend Währung, um seine verschollene Geliebte Wanna über eine entsprechende Apparatur zumindest als Avatar aufrufen und lieben zu können. Sie ist Organhändlern in die Fänge geraten und wurde in die Desertzone verkauft. In Teil 3 lernen wir Wanna (Laura Trapp) selbst vier Jahre zuvor kennen, die auf der Flucht in den Norden in einem Flüchtlingslager an der Grenze strandet und dort auf Foe trifft.

Dystopie und schwarze Romantik

Aber eine Handlung im engeren Sinn existiert nicht, die Welt des Stücks ist statisch. Fritz Kater setzt die drei Teile wie kommunizierende Röhren nebeneinander, die jede auch für sich stehen könnte. Sie öffnen Assoziationsräume – über die Handlungsfragmente nur lose miteinander verknüpft sind. Wie etwa über die mehr angedeutete als ausformulierte Liebesgeschichte zwischen Wanna und Foe.

Für sein Schreckensszenario extrapoliert Fritz Kater längst stattfindende politische, soziale und technische Entwicklungen. Er rekurriert anspielungsreich auf Klassiker des dystopischen Science-Fiction-Films ebenso wie auf Georg Orwell, Shakespeares "Romeo und Julia“ oder die Literatur der schwarzen Romantik. Die Benennung der drei Teile des Stücks als Bücher verweist auf die Bibel, die darin dargestellten Entwicklungen erscheinen als Plagen alttestamentarischen Ausmaßes.

Klaustrophobische Atmosphäre

Gewohnt formstreng inszeniert Christoph Mehler das Geschehen an der verödeten Grenze zwischen verbotener Zone und erlaubter Welt. Der Asphalt ist aufgerissen, seitlich stehen Wachtürme. Die verbotene Zone bleibt hinter einem breiten Leinwand verborgen (Bühne und Video: Stefano Di Buduo). Nur Projektionen einer Livekamera gewähren Einblicke in ihre Welt. Das aufwendige und geglückte Zusammenspiel von Schauspiel, Videoprojektionen und Livekamera entwickelt von der ersten Sekunde an eine bedrängende, im Fall der Desertzone klaustrophobische Atmosphäre. Sie wecken Assoziationen von Flüchtlingslagern ebenso wie von umweltzerstörten Regionen und sozialem Elend.

future2 3 StefanoDiBuduoMultimediales Gesamtkunstwerk: die Bühne von Stefano Di Buduo © Stefano Di Buduo

Auch im zweiten Teil, für den sich die Bühne in einen abgefuckten Stadtpark und eine kaum schönere Wohnung verwandelt, schwebt Trostlosigkeit über der Szenerie. Und selbst in den grotesk-komödiantischen Augenblicken der Inszenierung bleibt das Lachen im Hals stecken. Dabei kann sich Mehler auf sein überzeugendes Ensemble verlassen. Will man ihm und seiner grandiosen Inszenierung überhaupt einen Vorwurf machen, dann, dass es nicht ganz gelungen ist, die Überfrachtung der Vorlage einzuhegen. Ein Theaterabend wie ein Donnerhall zum Ende der Saarbrücker Spielzeit.

future 2 (lose your self)
von Fritz Kater
Uraufführung
Regie: Christoph Mehler, Bühne und Video: Stefano Di Buduo, Kostüme: Jennifer Hörr, Musik: Jacob Suske, Licht: Patrik Hein, Dramaturgie: Simone Kranz. 
Mit: Anna Jörgens, Gaby Pochert, John Armin Sander, Gregor Trakis, Laura Trapp, Raimund Widra
Premiere am 31. Mai 2025 in der Alten Feuerwache
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater-saarland.de

Kritikenrundschau

Das Stück von Fritz Kater sei "ein schwerer Stoff", den Christoph Mehler kurzweilig auf die Bühne bringe, sagt Chris Ignatzi im SR (2.6.2025). Das Stück sei hier und da überladen und verlange dem Publikum einiges ab. "Aber gutes Theater darf das."

"Eine moderne Dystopie entwirft der unbeirrbar die Rückwärtsspirale entwickelnde Regisseur Christoph Mehler, stringent, unversöhnlich, schreibt Burkhard Jellonnek im saarländischen Magazin Opus. "Ein Lehrstück zum Fürchten, das immer wieder aufscheinen lässt, wo früher, als die Welt noch in Ordnung schien, die Rädchen falsch gestellt worden sind. Knappe zwei, aufrüttelnde Stunden, die wohl niemand im Zuschauerraum kalt lassen. Das Blut scheint in den Adern zu gefrieren, der Atem stockt. Der Autor und sein kongenialer Regisseur machen klar: in solch einer Welt wollen wir nicht leben!"

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