Endlich Weihnacht unter Palmen

25. Januar 2025. Rebekka Kricheldorf nimmt in ihrem neuen Stück die Lust und Last des Weihnachtsfests als Anlass und schickt eine Patchwork-Familie nach Phuket. Regisseur Simon Solberg hat die boshaft funkelnde Komödie uraufgeführt.

Von Uwe Loebens

Rebekka Kricheldorfs neues Stück "Mehr Lametta am Meer" von Simon Solberg am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken uraufgeführt © Martin Kaufhold

25. Januar 2025. Ein malerischer Strandabschnitt vor einer signifikanten Felsenformation im Meer von Thailand, die Sonne scheint, Palmen und der Holzbau eines Urlaubsressorts, auf dem in stolzen Neonlettern "Phuket Villas" prangt. Davor nuckeln die in die Jahre gekommenen Evelyn und Ada auf Liegen ihren Cocktail und lesen in einem Buch. Es ist Heiligabend.

Wer träumt nicht davon: Weihnachten mal fern ab von Kommerz, von uferlosen Festvorbereitungen und dem alljährlichen Familienkrach unterm Tannenbaum. Genau das dachte sich die seit drei Jahren von ihrem Mann getrennte Evelyn. Mit ihren beiden erwachsenen Kindern Iris und Simon ist sie ins Urlaubsparadies geflogen. Ihre verwitwete Freundin Ada und Simons frisch Verlobter Tim sind auch dabei. Endlich dieses verlogenste aller verlogenen Feste hinter sich lassen, das ist Evelyns Wunsch und Ziel.

Aber es kommt ganz anders. Als Simon Lichterketten aufhängt, Palmen mit Lametta verziert, rote Zipfelmützen verteilt und über eine Beatbox Weihnachtslieder abdudelt, ist klar: Der Plan der Fundamentalverweigerung wird gründlich schiefgehen. Stattdessen geschieht das, was auch unter dem heimischen Tannenbaum stattgefunden hätte. Es wird reichlich schmutzige Wäsche in der Reisegesellschaft gewaschen und eine Lebenslüge nach der anderen enthüllt.

Höllen-Paradies

Die Komödie "Mehr Lametta am Meer" ist nach ihrer Saarbrücker Poetikdozentur 2019 Rebekka Kricheldorfs zweite Uraufführung für das Saarländische Staatstheater. In ihr nimmt sie sich das Fest der Feste zur Brust und stellt die Frage nach der Sinnhaftigkeit überkommener Rituale und Traditionen.

Alle Jahre wieder: Die komische Urlaubsrunde, die ihre Probleme natürlich mit in den Urlaub nimmt: Rebekka Kricheldorfs "Mehr Lamette am Meer" in Saarbrücken © Martin Kaufhold

Das gelingt ihr, in dem sie eine dysfunktionale Truppe nach Thailand schickt. An Evelyn (gespielt von Martina Struppek) hing trotz einer vorgeblich gleichberechtigten Ehe und gegen ihren Willen die ganze Last der Weihnachtsfestgestaltung. Jetzt hat sie einfach nur noch die Schnauze voll davon. (Hier nickte der weibliche Teil des Premierenpublikums auffällig zustimmend.) Dennoch bleibt ihr Ex, ein erfolgreicher Autor, gegenwärtig.

Ihre beiden Kinder sind wie Feuer und Wasser. Tochter Iris (gespielt von Verena Maria Bauer) lehnt jede Form von Liebesbeziehung als Konstrukt des kapitalistischen Patriachats ab, engagiert sich als Studienabbrecherin im sozialen Bereich und ist auch sonst woke unterwegs. Ihr Bruder Simon (John Armin Sander) lebt den Gegenentwurf. Als Yuppie verscherbelt er teure Kunst an vermögende Leute, bewegt sich im intellektuellen Milieu und sucht Erfüllung in einer homosexuellen Partnerschaft. Wenn sie nicht über ihren Urlaubsort ätzen, schmieren sie sich gegenseitig ihre Widersprüche aufs Brot.

Angespannte Verhältnisse

Es wird so ziemlich alles verhandelt, was den politisch-korrekten Bildungsbürger umtreibt: individuelle CO2-Bilanz, Massentourismus bis hin zu Sinn oder Unsinn unterschiedlicher Beziehungsmodelle oder eben hohler Traditionen und Rituale. Das ist in dieser Zusammenballung so absurd wie so manches Thekengespräch am vorgerückten Abend.

Mehr Lametta 2 CMartinKaufhold uV.l.n.r. Gaby Pochert (Ada), Martina Struppek (Evelyn), Verena Maria Bauer (Iris), Jonathan Lutz (Tim), John Armin Sander (Simon) © Martin Kaufhold

Ada (gespielt von Gaby Pochert) dagegen hat ein eher entspanntes Verhältnis zu Fest und Urlaub. Nach dreißig Jahren Ehe mit einem angeblich trockenen Alkoholiker genießt sie ihre Freiheit und die an der Strandbar angebotenen Cocktails. Aber auch sie ist nicht ohne. Hat sie doch, wie sich herausstellt, beim Coronatod ihres Mannes ein wenig nachgeholfen.

Tim stammt aus zerrütteten Verhältnissen und scheint eher geduldet. Dass Simon ihn als Stricher kennengelernt hat, ist eine der Pointen der Geschichte. Er resigniert unverstanden vor der Unvereinbarkeit der Milieus und reist vorzeitig ab. Damit löst sich die skurrile Weihnachtsgesellschaft auf. Die Tochter will zurück, Simon und Ada brechen zu einem Kulturtrip auf und Evelyn erwartet ihren Ex, der sich eine Auszeit von seiner aktuellen Beziehung nimmt.

Feuerwerk der Boshaftigkeiten

Regisseur Simon Solberg verzichtet in diesem kurzweiligen Abend weitgehend darauf, das Feuerwerk der Boshaftigkeiten mit Klamauk zu überformen. Es gelingen ihm einige inszenatorische Überraschungsmomente. Etwa wenn Evelyn vor einer mächtigen Welle aus Folie surft, die unwillkürlich an den Tsunami am 2. Weihnachtstag vor zwanzig Jahren erinnert. Oder wenn sich nachts aus dem Nebel schälende Meerestiere, die den Strand mit Wohlstandsmüll vollkippen, plötzlich wie die unerlösten Dämonen der Urlaubsgesellschaft wirken.

Von den Neonlettern des "Phuket Villas" leuchten zwischenzeitlich nur die Buchstaben "Hell". In einer Abwandlung des berühmten Sartre-Zitats könnte über dem ganzen Abend stehen: Die Hölle – das sind wir selbst.

Mehr Lametta am Meer
von Rebekka Kricheldorf
Regie und Bühnenbild: Simon Solberg, Kostüme: Ines Burisch, Licht: Nicholas Heintz, Dramaturgie: Gesa Oetting.
Mit: Verena Maria Bauer, Jonathan Lutz, Gaby Pochert, John Armin Sander, Martina Struppek.
Premiere am 24. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.saarland.de

Kritikenrundschau

Das Stück zeige, "wie deutlich limitiert bildungs- und besitzbürgerliche Empathie doch sein kann", schreibt Michael Kaminski in der Deutschen Bühne (25.1.2025). Simon Solberg serviere leichtfüßig, "eingedenk der Jahre hindurch familiär eingeübten Eskalationsstufen". "Voller Witz und Verve nimmt das Ensemble die von Regie und Szenerie offerierten Steilvorlagen auf."

Erstaunlich, wie viel Witz und Zeitgeist-Satire die Dramatikerin Rebekka Kricheldorf in ihrem jüngsten Stück "Mehr Lametta am Meer" aus der Thematik herauskitzelt, schreibt Cathrin Elss-Seringhaus in der Saarbrücker Zeitung (27.12025). In seiner "vergnüglichen" Uraufführungs-Inszenierung finde Simon Solberg die Balance zwischen Realismus und Groteske, "nimmt die kleinen Seelendramen ernst, die sich hinter den destruktiven, mit verbalen Spitzen gespickten Meinungsgefechten verbergen", so Elss-Seringhaus. Die eskalierende Gefecht-Spirale drehe sich "kurzweilig, nie wirklich subversiv oder abgründig". Weil das Ensemble nicht nur karikiere und auftoupiere, "sondern uns Zickigkeit, Verletzlichkeit oder Borniertheit vorführt, die wir alle nicht nur vom O-Tannenbaum-Zusammentreffen kennen, ist 'Mehr Lametta am Meer' wohl ein veritables, Generationen übergreifendes Familienstück."

 

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