Nora - Staatsschauspiel Dresden
Sie genießt sich einfach selbst
12. April 2026. Tom Kühnel bringt Ibsens "Nora" mit Anleihen beim Hip Hop auf die Bühne. Vor allem aber mit einer hinreißenden Nora-Darstellerin.
Von Michael Bartsch
Henrik Ibsens "Nora" von Tom Kühnel in Dresden inszeniert © Sebastian Hoppe
12. April 2026. Ein Puppenheim spiegelt die Bühne des Dresdner Schauspielhauses keinesfalls. Jo Schramm hat auf die Achse der Drehbühne vielmehr einen Familienturm wie in Bologna, die Bauwerdung des englischen Sprichwortes "my home is my castle", gesetzt. Minimierten Monumentalismus einer Herrschaftsarchitektur, und Torvald versteigt sich im Wortsinn auch einmal auf dessen Zinnen und verkündet ex cathedra Patriarchalisch-Paternalistisches. Dass es ihm Nora später unbefangen-weiblich gleichtut, gehört schon zu den Hinterhältigkeiten der Inszenierung. Nicht minder, dass die Familie Helmer und Freunde die Dominanz dieses Monuments auflösen, indem sie die Schräge hinabtollen und -rollen. Gleichwohl verstärken Schattenrisse durch Seitenlicht seine bedrohliche Wirkung.
Hier entspinnt sich also die Geschichte der bekanntesten Frauenfigur Henrik Ibsens. Nora fälschte einst eine Unterschrift, um an einen Kredit zu gelangen, der ihrem frisch angetrauten Ehemann Torvald eine lebensrettende Italienreise ermöglichte. Die Tat muss sie seither verbergen und den Kredit heimlich abzahlen. Denn ihr in traditionellen Rastern denkender angehender Bankdirektor Helmer stellt abstrakte Moralität über die Erfordernisse des realen Lebens und auch der realen Liebe. Die Katastrophe droht, als Noras Geldbeschaffer Krogstad sie erpresst und droht, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Diese Nora muss man mögen
Karina Plachetkas Titelrolle ist alles andere als ein Püppchen. In ihrer schillernden, quicklebendigen Nora sind die emanzipatorische Entwicklung und die finale Wahrnehmung der Gefangenschaft Torvalds in seinem maskulinen Herrschaftsdenken von Anfang an spürbar. Intuitiv hat sie ihrem Mann geholfen, folgte ihrer eigenen Moral jenseits von Konventionen, lässt auch aufkeimende Nähe zum todgeweihten Dr. Rank zu. Sie träumt natürlich von Schönheit und Luxus, freut sich auf den Maskenball, entwickelt hinreißenden Charme und kokettiert unbefangen. Anfangs mag sich mancher Ostdeutsche an die sympathisch-affektierte Yvonne aus der hier bis heute populären dänischen Filmreihe "Olsenbande" erinnert fühlen, eigentlich eine liebenswürdige Despotin.
Sie haben literaturklassische Eheprobleme: Torvald (Viktor Tremmel) und Nora (Karina Plachetka) © Sebastian Hoppe
Karina Plachetka ist seit 25 Jahren dem Staatsschauspiel Dresden treu und darüber hinaus in Film und Hörspiel gefragt. Aber weil sie an ihrer Stammbühne selten große Rollen bekam, sind ihre genauen Zeichnungen, ihr erwärmendes Spiel, ihre präzise Körperlichkeit so etwas wie ein Geheimtipp geblieben. Die große Resonanz für das Solo als "Katze Eleonore" unter anderem bei den Mülheimer Theatertagen 2023 waren überfällig. Diese Nora nun, in der sie sich selbst genießt, wirkt wie eine Orchestrierung ihrer feinen Gaben.
Eine berührende Ensembleleistung
Tiefe, Sensibilität und Vielseitigkeit kann man ebenso ihrem Partner Viktor Tremmel, Betty Freudenberg als Freundin Christine sowie Lukas Vogelsang als verzweifeltem Erpresser Krogstad bescheinigen. Thomas Eisen als Familienfreund Dr. Rank bleibt es vorbehalten, Kontexte zu Ibsens Ehekritik bis hin zu August Bebels Bezeichnung als Übel der bürgerlichen Gesellschaft zu zitieren, bevor er "Don't Let Me Be Misunderstood" zur Klampfe intoniert.
Denn solche Breaks hat Regisseur Tom Kühnel auch drauf. Unvermittelt kippen die Akteure auf ein Triggerwort hin in einen heftigen Rap, von grellen Farblichtstimmungen begleitet, manchmal nur wenige Stroboskoplichtsekunden kurz. Passen die Kostüme auch genau in die Werkentstehungszeit im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, so versetzen diese Ausflüge sofort in die Gegenwart.
"Richtiges Theater"
Einmal mehr aber meidet Tom Kühnel alle aufgesetzten "Figuckchen", wie Sachsen sagen, obschon es sich um ein agitationsträchtiges Thema handelt. Die Guten und die Bösen werden nicht für das Jüngste Gericht markiert. Es gibt nur Menschen beiderlei Geschlechts in ihren Erhebungsversuchen aus der Erbärmlichkeit. Nora gelingt das sogar ohne Therapeuten, was sie über die Gegenwart erhebt. Sie ist aber auch nicht nur eine entrechtete Frau, ein Opfer mehr, das endlich mit dem Peinigergeschlecht abrechnet. Denn die unterbewusste Rollenarroganz Torvald Helmers, als er seiner renitenten Frau verzeihen will, erregt eher Mitleid.
Diese abschließende "erste ernsthafte Unterhaltung" des scheiternden Paares bildet einen fesselnden Höhepunkt, ist "noch richtiges Theater", wie Freunde des "klassischen" Schauspiels bei solchen Premieren bemerken. In Dresden dürfen sie sich weiterhin angesprochen fühlen. Mit dem Amtsantritt Hasko Webers als Intendant ab 2027 soll Tom Kühnel Hausregisseur am Staatsschauspiel werden.
Nora
von Henrik Ibsen
Übersetzung von Marie von Borch
Regie: Tom Kühnel, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Dramaturgie: Kerstin Behrens.
Mit: Karina Plachetka, Viktor Tremmel, Betty Freudenberg, Thomas Eisen, Lukas Vogelsang.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Premiere 11. April 2026
www.staatsschauspiel-dresden.de
Kritikenrundschau
"Tom Kühnel hat diesem Stoff jegliche Brisanz ausgetrieben", urteilt Vincent Koch in der Sächsischen Zeitung (13.4.2026) und hält diesen Ibsen für "versenkt". Wenn im Finale "die Rede von einem Abgrund ist, der sich zwischen" Nora und Helmer "aufgetan hat, dann fragt man sich: Wo ist der die letzten zwei Stunden gewesen? Warum haben wir von dieser Entfremdung, diesem Kampf Noras aus dem engen Hausfrau-und-Mutter-Korsett nix gesehen?"
Ganz anders die Stimme der Dresdner Morgenpost (13.4.2026), die unter dem Kürzel – HN – ausruft: "Eine vorzügliche Neuinszenierung!" und "Begeisterter Jubel für ein fulminantes Stück. Klassisches Theater, zeitgemäß, ergreifend, höchst unterhaltsam – toll."
Auch für Torsten Klaus von den Dresdner Neuesten Nachrichten (13.4.2026) besitzt der Abend "ordentlich Unterhaltungspotenzial". Hervorgehoben wird die Musikalisierung des Abends und die "kleine Tschechowisierung des Norwegers" Ibsen: "Die oft staubig-spröden Dialoge der Vorlage bekommen satte Farbe."
"Karina Plachetka gelingt es auf berührende und erfrischende Art, die Rolle der Nora mit all ihren Facetten auf die Bühne zu bringen", berichtet Gabriele Fleischer in der Freien Presse (13.4.2026). "Neben Karina Plachetka zeigen auch ihre Mitspielerin und die drei männlichen Kollegen von Anfang an eine Spielfreude, wie man sie sich als Zuschauer wünscht. Und selbst wenn die Brisanz heute nicht mehr vordergründig scheint, so ist die Selbstbestimmung der Frau bis heute weltweit ein Thema."
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Die einzige nennenswerte Regieidee des Abends bestand dann darin Schnipsel von Tracks femistischer Rapper*innen einzuspielen zu denen gelipsinct wurde. Die überwiegende Mehrheit des Publikums reagierte mit hohlem Gelächter. Ob das in dieser Art und Weise den Originalkünstler*innen gerecht wird, bleibt zu bezweifeln. Ich gehe mal wohlwollend davon aus, dass es nicht so intendiert war, aber im Zusammenspiel mit der Publikumsreaktion entstand für mich der Eindruck als würden sich hier weiße, priveligierte Kulturbürger über die Kunstform femistischen Raps (und hier insbesondere oft von mehrfach marginalisierten Künstler*innen) belustigen, statt diese ernstzunehmen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Der Abend als Ganzes war demnach für mich persönlich abwechselnd öde und schwer unangenehm, die schauspielerischen Leistungen des ganzen Ensembles und die Schlussszene sind im Gegensatz dazu aber vollumfänglich positiv hervorzuheben.