Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer - Schauspiel Leipzig
Diagnose "Automat"
31. Januar 2025. Was sind Normen? Welche Macht haben sie über Menschen? Wer darf darüber mitbestimmen? Und über wen wird eigentlich bestimmt? Diesen Fragen geht Thirza Bruncken mit ihrem Ensemble in einem atmosphärisch dichten wie emotional packenden Abend nach.
Von Andrea Schöne
"Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer" von Anna Behringer am Schauspiel Leipzig © Rolf Arnold
31. Januar 2025. Alles beginnt im weißen Zimmer. Die Wände zieren Collagen aus Zeitschriften und Fotos, unterbrochen von Aufschriften wie "Umgang mit Menschen oder Messdaten". Der Raum ist in kaltes Dunkelblau getaucht. Dann erscheint der Schauspieler Samuel Sandriesser und fängt an zu erzählen, wie die neurotypische Welt funktioniert, zumindest für neurotypische Menschen. Nicht so jedoch für die beiden Schwestern, von denen das Stück handelt.
Die Schwestern (gespielt von Vanessa Czapla und Bettina Schmidt) sind neurodivergent: Sie verarbeiten Informationen und Reize anders als es gesellschaftlich als "normal" gilt. Neurodivergenz hat Folgen für Wahrnehmung, Denken oder Informationsverarbeitung – und vor allem für die soziale Interaktion. Als neurodivergent gelten beispielsweise Autist*innen, Menschen mit ADHS, Legasthenie oder Hochbegabung.
Zur Maschine erklärt
Die Mehrheitsgesellschaft möchte neurodivergente Menschen "einnormen" oder eigentlich: pathologisieren. So müssen sich die Schwestern erst den starren Regeln und Grenzüberschreitungen ihrer Eltern ergeben, bis diese Eltern sie als Kinder in eine geschlossene Klinik schicken, gegen ihren Willen. Nur Weihnachten dürfen sie nach Hause oder ab und zu in einem Besuchszimmer mit ihrer Mutter sprechen.
"Es wäre besser für euch, die Diagnose ‚Automat’ anzunehmen", sagt ein Arzt einmal zu den Schwestern. Statt sein zu dürfen wie sie sind, wird ihnen das Menschsein abgesprochen. Sie werden zur Einnahme von Medikamenten gezwungen. Die Beiden beobachten, wie andere Patient*innen geknebelt und an ihrem Bett festgebunden werden und wollen eines Nachts fliehen.
Vertuschter Suizid
Pfleger*innen und Ärzt*innen halten sie auf und bringen sie in ihr weißes, steriles Zimmer zurück. Ihre Bastel- und Malsachen hatten sie ihnen vorher weggenommen. Irgendwann wird ein weiteres Mädchen in ihr Zimmer verlegt. Sie nehmen sie freundschaftlich auf, aber können das Leid des Mädchens nur wenig mindern. Am Ende begeht das Mädchen Suizid, der von der Klinik gezielt vertuscht werden soll. Auch deshalb will sie die Schwestern zunächst nicht nachhause lassen.
Therapie als Normierungsmaßnahme: Samuel Sandriesser und Vanessa Czapla © Rolf Arnold
Thirza Brunckens Uraufführung des Stücks von Anna Behringer in der kleinsten Spielstätte des Schauspiels Leipzig zeigt eindrücklich und mitreißend den am Ende vergeblichen Kampf der Schwestern, sich gesellschaftlichen Gepflogenheiten anzupassen. Vanessa Czapla und Bettina Schmidt sitzen mit Samuel Sandriesser dabei meist an einem Tisch, schneiden hochkonzentriert Bilder aus, kleben sie auf Karton oder malen.
Bestürzende Bemühungen
Aus den Gesprächen, die sie dabei führen, erfahren wir auch, wie die neurotypische Umwelt sich von den Wahrnehmungen und Äußerungen der Schwestern immer wieder angegriffen fühlt, und die Schwestern deshalb beschimpft und etwa als Hexen bezeichnet. Um Trost zu finden, umarmt eine der Schwestern immer wieder eine Topfpflanze, die im Hintergrund steht.
Wer sich hinter dem Namen Anna Behringer verbirgt, darüber wurde schon gerätselt, als Thirza Bruncken 2009 am Schauspiel Dortmund "Aufzeichnungen aus einer Doppelhaushälfte" auf die Bühne brachte. Eine bekannte Journalistin oder Prosaautorin? Oder am Ende die Regisseurin selbst? Der Abend macht jedenfalls bestürzend die Bemühungen der Schwestern deutlich, gesellschaftlichen Gepflogenheiten und Abläufen zu entsprechen: etwa was das Ausdrücken von Gefühlen betrifft oder welche Gesprächsthemen wann angebracht sind – ohne dass sie als anstößig empfunden werden.
Verschiedene Lebenswelten im Publikum
Als körperbehinderte Frau fand ich mich in dem Abend auf sehr schmerzhafte Weise selbst wieder. Auch ich wurde als Kind pathologisiert, weil ich aufgehört hatte zu wachsen. Mein Kleinwuchs hält mich wenig auf, sondern vielmehr die Barrieren in meiner Umwelt und fehlender Respekt. In Krankenhäusern erlebte ich ebenso einen sehr harschen Umgang mit uns Kindergartenkindern, von meiner Familie dagegen volle Unterstützung und Liebe.
Auch als Besucherin der Vorstellung war ich atypisch. Zunächst blieb der Sitzplatz neben mir lange Zeit frei. Eine Erfahrung, die ich öfter mache, dass Menschen mich meiden, anders behandeln. Nach der Vorstellung kam ich mit meiner Sitznachbarin sehr gut ins Gespräch. Aus dem Publikum gab es teils Lachen an unangebrachten Stellen, während andere weinten. Verschiedene Lebenswelten trafen im Publikum aufeinander, die dieser Abend dennoch miteinander verbinden konnte.
Die Premiere der Stücks fällt auf ein historisches Ereignis, das mehr mit der fragmentalen wie atmosphärisch immer wieder ins Überwirkliche ragenden Erzählung zu tun hat, als gedacht. Erst gestern wurden nach achtzig Jahren behinderte Menschen als NS-Opfer vollwertig anerkannt. Während der NS-Zeit wurden auch neurodivergente Menschen Opfer von Entmenschlichung, Zwangssterilisationen, Menschenversuchen und Ermordung. Aktueller geht es nicht.
Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer
von Anna Behringer
Uraufführung
Regie & Kostüme: Thirza Bruncken, Raum: Thirza Bruncken mit Ensemble & Team, Tanz: Romy Avemarg, Dramaturgie: Marleen Ilg, Licht: Mattheo Fehse, Video: Hannes Bargine, Ton: Anko Ahlert, Alexander Nemitz
Mit: Vanessa Czapla, Samuel Sandriesser, Bettina Schmidt
Premiere am 30. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
www.schauspiel-leipzig.de
Kritikenrundschau
Von einem sehr zähen Abend schreibt Torben Ibs in der Leiziger Volkszeitung (1.2.2025). "An einer Stelle stellt der Text das assoziative Denken in Bildern, dem linearen Denken im Text gegenüber. Vielleicht liegt hier das Kernproblem: Dass die Regisseurin es nicht schafft, beide Modi gleichwertig miteinander im Bühnengeschehen zu verzahnen. In der Folge fällt alles eher merkwürdig auseinander und bleibt eben sperrig."Dem Eindruck des Kritikers zufolge geht es in dem Stück um den Umgang mit "solchen Menschen", ums gegenseitige Aushalten der Divergenz. "Diese Nuancierungen des Wer-nimmt-was-wahr, treten in diesen kleinen, fein ziselierten Wortströmen gut zu Tage. Doch entscheidet sich Bruncken nicht dafür, auf die kurzen Textpassagen voll zu vertrauen, sondern baut zwischen den Sprachstücken betuliche Füllszenen ein."
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