Der Friedrichstadt-Palast von Weimar 

8. November 2025. Cole Porters "Kiss Me, Kate" ist eines der Broadway-Musicals schlechthin. André Kaczmarczyk fährt in seiner Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar richtig groß auf. Sein Abend strotzt vor Opulenz und streut lässig ein paar Gegenwarts-Splitter ein. 

Von Matthias Schmidt 

"Kiss me, Kate" am Deutschen Nationaltheater Weimar © Sandra Then

"Kiss me, Kate" am Deutschen Nationaltheater Weimar © Sandra Then

8. November 2025. Wenn man als Kritiker deutlich öfter das Schauspiel als die Oper besucht, erst recht, wenn regelmäßig mittlere und kleine Häuser darunter sind, dann staunt man zu Beginn dieser Inszenierung vor allem erstmal darüber, wie viele Menschen auf eine Bühne passen. Die im Großen Haus des Nationaltheaters Weimar ist voll, und da ist das Orchester im Graben noch gar nicht mit eingerechnet. Was Regisseur André Kaczmarczyk hier mit großem Besteck anrichtet, mit Schauspielern, mit Chor, mit Tänzern, ist fulminantes hybrides Musiktheater. On top eine Portion Friedrichstadtpalast.

Das Musical nimmt sich Dinge heraus 

Es ist ein Abend der Superlative geworden, nicht nur, was die Menschenmengen auf der Bühne angeht. "Kiss Me, Kate" von Cole Porter (Musik) und Sam und Bella Spewack (Buch), uraufgeführt 1948 am Broadway, ist selbst auf dem Theater angesiedelt: Zwischen Musicalstar Lilli Vanessi und ihrem Produzenten Fred Graham, vormals ein Paar, kriselt es. Sie müssen die Aufführung von Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" irgendwie retten, also die Geschichte der "widerspenstigen" Kate (Vanessi) und ihrem sie "zähmenden" Petruchio (Graham). Im Weg stehen dabei nicht nur ihre privaten Querelen, sondern auch zwei Gangster, die Fred erpressen. 

Kiss me Kate 3 CSandra Then uDer Haussegen bei Fred Graham (Krunoslaw Šebrek) und Lilli Vanessi (Dascha Trautwein) hängt schief, der Vorhang muss aber trotzdem hoch © Sandra Then

Den Musical-Part mit den Cole-Porter-Hits von "Viel zu heiß" bis zu "Schlag nach bei Shakespeare" absolvieren Ensemble und Staatskapelle souverän. Ein Szenenapplaus jagt den nächsten, und bei den längeren, wie Maxi-Versionen wirkenden Songs, gibt es schon mal zwei. Weil das DNT Weimar nicht nur Sänger, sondern auch Schauspieler hat, die singen können. Allen voran Dascha Trautwein als Lilli Vanessi und Kate. Sie singt und tanzt und spielt so mitreißend, dass man am liebsten einen Fanclub gründen möchte. Bei Krunoslaw Šebrek als Fred Graham und Petruchio merkt man der Stimme schon mal an, dass er in den Tagen vor der Premiere sehr viel gesungen hat. Was aber überhaupt nichts macht, weil Kate das selbstironisch mit einbezieht. "Du konntest noch nie gut singen", sagt sie, und schon ist die Sache geregelt. Der schauspielerische Part im Musical nimmt sich Dinge heraus, die dem Genre eigentlich fremd sind. 

"Ich schwanka, Bianca"

Überhaupt: Das Ensemble spielt, dass es nur so eine Art hat. In einer von Ansgar Prüwer mit sich hebenden und senkenden Prospekten, unglaublich vielen Details ausgestatteten und sich zudem viel drehenden Bühne fügen sie dem in die Jahre gekommenen Musical eine neue Ebene hinzu. Äußerlich mit den knallbunten Kostümen von Martina Lebert. Manches ist der Fetischmode entlehnt: Der General trägt einen roten Latexmantel, die Männer im Schritt offene Lederhosen, die dem California-Dream-Boys-Fundus entstammen könnten. Darunter Lederslips, mal zur Sicherheit gesagt.

Man kann das als "Camp" verstehen, als kunstvolle Übertreibung mir ironischen Facetten, oder man kann es als Klischeehölle verstörend finden – in diese Inszenierung passt es einfach perfekt. Weil André Kaczmarczyk die alte Geschichte zugleich sehr ernst und handfest auf die Schippe nimmt. Weil er sie immer wieder in gegenwärtige Kontexte setzt, mal dezent, mal plakativ. Er greift dabei auf eine moderne, eigens von Susanne Wolf geschriebene Textfassung zurück. Da reimt sich Messi auf Lassie, und wenn Lucentio singt, "Ich schwanka, Bianca", liegt ihm der Saal zu Füßen.

Kiss me Kate 5 CSandra Then u In Fetisch-Outfits: Sarah Mehnert (Lois Lane) und Statisterie des DNT © Sandra Then

Kate sagt: "Ich glaube, ich sollte für die UN arbeiten". Und der General merkt an, den republikanischen Wählerinnen und Wählern wäre diese Mode, dieses französische "Etwas", mit Sicherheit zu schrill. Die beiden Ganoven, die Fred und Kate erpressen, wirken, als seien sie direkt Tarantinos "Pulp Fiction" entsprungen. Und als sei es nicht genug, dass im Musical ein Stück im Stück inszeniert wird, spielen diese beiden zusätzlich ihr eigenes Drama und entdecken pathetisch und urkomisch zugleich ihre Liebe zum Schauspiel. "Das ist so intensiv, das ist Theater", sagt einer der beiden am Ende, und ihm angesichts dieser Inszenierung zu widersprechen, wäre ein Frevel.

Kates Vater trägt ein Labubu

Was ist das also, dieses Musical? Ein großes Theaterfest. Laut und unterhaltsam und raffiniert Signale und Codes einbeziehend. Kates Vater trägt ein Labubu am Gürtel und die Statisten Maschinenpistolen im Anschlag. So sind die Zeiten. In der beeindruckenden Kickline, die den Abend auch noch zur Revue macht, tanzen Männer und Frauen, und niemand wird ernsthaft in Frage stellen, dass das auch gut so war. Kate veräppelt schlussendlich nochmal kräftig die Männer, spielt die Gezähmte und bleibt auch als Hardcore-Feministin jedermanns Liebling. Ach könnte doch tatsächlich die ganze Welt Bühne sein.

Kiss me, Kate
von Cole Porter (Musik und Gesangstexte) und Sam und Bella Spewack (Buch) 
Deutsche Textfassung: Susanne Wolf, Einrichtung für das DNT Weimar: André Kaczmarczyk 
Musikalische Leitung: Johannes Bettac, Regie: André Kaczmarczyk, Bühne: Ansgar Prüwer, Kostüme: Martina Lebert, Choreografie: Luis Stiens, Licht: Jörg Hammerschmidt, Choreinstudierung: Laura Brannath, Dramaturgie: Beate Seidel, Charlotte Hennen.
Mit: Dascha Trautwein, Krunoslaw Šebrek, Sarah Mehnert, Calvin-Noel Auer, Fabian Hagen, Jörg Eichler, Sebastian Kowski, Henrik Mrochen, Caleb Felder, Laurie Gibson, Susann Günther, Oliver Luhn, Narumi Hashioka, Jens Schmiedeke, Vahè Hakhverdian, Valeria Busdraghi, Maja Kowalik, Evegenii Livanskii, Patrick Santos sowie Opernchor, Staatskapelle und Statisterie des DNT Weimar. 
Premiere am 7. Oktober 2025
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.dnt-weimar.de

Kritikenrundschau

Diese ganz große Show sei Regisseur André Kaczmarczyk "alles in allem jedenfalls famos gelungen", schreibt Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen (10.11.2025). "Er bedient sie hier, bricht sie dort, mit Respekt vor einem Werk, das erzählerisch in die Jahre gekommen war, und frechem Zugriff, der damit umgehen kann. (...) Pointensatt, von Situationskomik durchsetzt, wird aus dem alten Stück ein frisches, zeitgemäßes Unterhaltungstheater, das glänzen kann, aber auch zeigen, wo der Lack längst ab ist."

Die Inszenierung ziehe "alle Showregister (...), die ein gut funktionierendes Ensemble-Theater in petto hat", freut sich Joachim Lange in der Neuen Musikzeitung (8.11.2025): "Bei all dem entfalten Porters Wortwitz und vor allem seine Musik ihren Charme. Und beweisen, dass das Musical ein Genre ist, mit dem auch die klassischen Theater Publikum begeistern können."

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