Wir sind das überforderte Volk

18. Mai 2025. In Weimar haben die Dramaturgin Eva Bormann und die Regisseurin Luise Voigt 50 Menschen interviewt und versuchen in ihrer über dreistündigen Inszenierung der Gespräche einen Querschnitt der Stadtbevölkerung – mit einer entscheidenden Leerstelle.

Von Tobias Prüwer

"Wir sind das Volk" am DNT Weimar © Candy Welz

18. Mai 2025. "Wahrheit!", "Wahrheit!", "Wahrheit!": Ein Bewegungschor läuft zu Beats querbeet über die Bühne. Von der Handkamera eingefangene Gesichter werden groß projiziert, sagen einzelne Kernsätze als Prolog zu diesem konzentrierten Abend, dessen zentrales Thema Überforderung ist. "Wir sind das Volk" soll dem Gefühl oder der Gewissheit nachspüren, dass die Gesellschaft gespalten ist. Ob sie etwas im Innern zusammenhält, wird zur Leerstelle in der Dokutheater-Inszenierung von Luise Voigt und Eva Bormann am Deutschen Nationaltheater Weimar.

Grundlage dafür bilden 50 Interviews, die das Team mit Prominenten, lokalen Größen und vor allem sonst ungehörten Menschen in Weimar und Umgebung geführt haben. So kommen Alleinerziehende, Geflüchtete und Wohnungslose zu Wort, Jung und Alt. Es gab keinen festen Fragenkatalog, sondern die assoziationsreichen Gespräche beginnen stets mit einem Gedankenexperiment. Oder – so man will – mit einer Behauptung, die einen logischen Fehler enthält: Falls sich die Erde wirklich um sich selbst und um die Sonne dreht, wieso fällt man dann nicht herunter, wenn man in die Luft springt? Das dient tatsächlich einigen Menschen als Argument, die die Erkenntnisse der Astrophysik ablehnen. Hier dient es als Sprungbrett in die Gesprächssituation. So sind höchst unterschiedliche Aussagen zusammengekommen; auch wenn sie nichts Neues bieten, was man nicht aus journalistischen Reportagen und soziologischen Untersuchungen kennen könnte.

50 Stimmen, elf Darsteller*innen

Die Stimmensammlung wurde zum Mosaikabend kuratiert, acht Wochen probiert und zusammengeschnitten. Wiederkehrende Themen sind die sogenannten Transformationen im Nachwendeosten, Corona, Verlust- und Zukunftsängste, große Unübersichtlichkeit und die AfD. Die Gespräche werden, so wird versprochen, von den elf Schauspielenden exakt wiedergegeben. Also auch mit Versprechern, Pausen und dialektalem Einschlag. Das ist ein wahres Fest für Freunde der Mundartforschung, wie oft ein typisches "Ge!" an Satzenden zu hören ist und wie fließend Übergänge zwischen Thüringisch und Sächsisch sind – es handelt sich um einen Sprachraum.

Wir sind das Volk 3 CCandy Welz uVirtuose Interview-Darsteller*innen © Candy Welz

Glauben wir der Verabredung, nichts anderes ist ja Theater, dann gelingen den Darstellenden jeweils Meisterleistungen, gleich in vier oder fünf verschiedene, von realen Figuren entnommene Rollen zu schlüpfen. Wenige Mittel wie Perücken, Mützen oder ein Aktenstapel helfen, die wechselnden Personen zu kennzeichnen. Ein Monitor gibt an, mit wem es das Publikum gerade zu tun hat. Die Talkingheads werden noch einmal groß an die Wand geworfen, so dass sich ein doppelter Dopplereffekt ergibt. Das vor allem aus Gründen der Ästhetik.

Illustriertes Aufsagen

Vor allem bei den schnellen Wechseln beeindruckt die Spielkunst, jeweils einen anderen zu geben. Um den mehr als drei Stunden aufgesagten Texten irgendwie Theaterform zu geben, werden sie mit Projektionen (der Darsteller*innen, nicht der echten Interviewpartner*innen) illustriert. Eine Arbeitssuchende erscheint mit ihrem verrentnerten Mann vor ihrer Gartenlaubenkulisse, Reinhard Schramm von der Jüdischen Landesgemeinde vor Säulen des Gauforums, eine Medizinerin in einer Laborlandschaft. Kleinste Begebenheiten aus den Interviewsituationen müssen fast krampfhaft zur Auflockerung der Aufsageszenen herhalten. Der Anruf der Frau an den Ehemann, noch Kekse für die Enkel zu kaufen beispielsweise. Oder der Einwurf eines Kunden beim Bäckereigespräch.

Wir sind das Volk 2 CCandy Welz uEnsemble im ständigem Rollenwechsel © Candy Welz

Aus vielen Stimmen ist Überforderung herauszuhören, kein Wunder in Zeiten, wo ökonomische Krisen von einer Pandemie abgelöst werden, die ihrerseits wirtschaftliche Notlagen bringt, ganz zu schweigen vom Krieg in europäischer Nachbarschaft. Überforderung scheint generell und auch an diesem Abend das einigende Band der Vielen zu sein. Aber ob die Gesellschaft je eins war, eine Voraussetzung der Spaltungsthese, erhellt der Abend nicht. Auch nicht, ob es jemals gut war, wenn das Volk oder die Bevölkerung sich mal eins war.

Auf der Suche nach Dialog und Wahrheit

Man erfährt eigentlich eher, wie vielstimmig die Weimarer Gesellschaft ist. Die oft bemühte Warnung, wir würden alle nur noch in uns gefälligen Blasen leben, bestätigt der Abend nicht, obwohl das im Ankündigungstext seine Ausgangsthese war. Viele Interviewte drücken die Angst vor der AfD aus. Extrem rechte Positionen selbst sind nicht zu hören. Mal klingt an, dass Arme sich keinen Kuchen leisten können, Migranten schon. Oder dass kaum noch Restaurants mit regionaler Küche existieren. Zeichen für eine neue Spaltung sind das nicht. Ein Neonaziaussteiger kann dann noch über Bande spielen, wenn er berichtet, welche Positionen er früher vertrat. Ansonsten wird nur über die AfD gesprochen.

Das ist die Crux des Abends: Alle Interaktion fehlt. Im Nebeneinander der Stimmen bildet die ausgesetzte Interaktion die dramaturgische Leerstelle des Abends und man kann das als Hinweis auf die Notwendigkeit des Interagierens verstehen. Das scheint die Botschaft zu sein. Ein Aussagen-Potpourri am Schluss ruft mehrfach zum Dialog auf. Der beginnt mit Zuhören. Auf dessen Kraft und die Ausdauer des Publikums immerhin baut der konzentrierte Abend. Sein Epilog fordert die Wahrheitssuche. Das ist diffus in einer Zeit, wo Teile der Gesellschaft nicht einmal klare Tatsachen anerkennen – und lieber Taubenschach spielen als zu diskutieren.

Wir sind das Volk
Weimarer Lebensgeschichten gesammelt und für die Bühne arrangiert von Luise Voigt und Eva Bormann
Regie: Luise Voigt, Dramaturgie: Eva Bormann, Bühne & Kostüme: Maria Strauch, Video & Musik: Frederik Werth.
Mit: Calvin-Noel Auer, Katharina Hackhausen, Fabian Hagen, Roxana Safarabadi, Nahuel Häfliger, Bastian Heidenreich, Marcus Horn, Annelie Korn, Nadja Robiné, Janus Torp, Dascha Trautwein.
Premiere am 17. Mai 2025
Dauer: 3 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-weimar.de

Kritikenrundschau

"Eine Sensation" ist Michael Helbings Kritik für die Thüringer Allgemeine (19.5.2025) betitelt, und auch der Untertitel schlägt höchste Töne an: "Nationaltheater Weimar erfindet mit 'Wir sind das Volk' das Stadttheater neu". Helbing schreibt: "Dieser außergewöhnliche Theaterabend bringt, in einer verblüffenden Übertragungsleistung von elf Schauspielern, teils sehr vielen, teils nur manchen, teils kaum jemandem bekannte Menschen aus Weimar, Erfurt und Umgebung auf die Bühne." Der Abend entfalte "einen spielerischen Sog"; wie das Ensemble "mit Respekt für, aber ohne Scheu vor den Figuren agiert", sei "sensationell".

"Am Ende dieser gut dreieinhalbstündigen Inszenierung, die in keinem Moment langweilig war und leer lief, gab es enthusiastischen Applaus, Standing Ovations. Da hat sich offenkundig eine utopische Kraft von der Bühne auf das Publikum übertragen", berichtet Stefan Petraschewsky im MDR (19.5.2025). Der Abend sei "auf Dissonanz und Reibung angelegt, wenn hier sehr unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen, das, was wir heute als Hass und Hetze erleben oder als digitale Blasen beschreiben. Es ist aber eine produktive Reibung, weil am Ende – und das war in der Premiere deutlich zu merken – eine Sehnsucht nach Toleranz und mehr Gemeinsamkeit aufkam. Nach etwas, das entstehen kann, wenn man den Begriff der Wahrheit neu fasst und mehrere Wahrheiten nebeneinander zulässt. Dieser Gedanke, in einem Epilog explizit vorgestellt, stand hier am Ende."

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