Der Hergang ist recht schön und klar

21. Juli 2024. Um diesen neuen "Jedermann" gab es jede Menge Zank. Jetzt aber darf Philipp Hochmair in seiner Lebensrolle des reuigen Prassers endlich groß auffahren. Der Kanadier Robert Carsen entwirft dafür vor dem Salzburger Dom einen unverschämt textgläubigen Ritt zwischen Himmel und Hölle.

Von Reinhard Kriechbaum

"Jedermann" bei den Salzburger Festspielen in der Regie von Robert Carsen © Ursula Kaufmann, Essen

21. Juli 2024. Der Glaube? Die Dame hat bisher bekanntermaßen ein subalternes Dasein geführt in Jedermanns Haus. Regine Zimmermann kommt mit Eimer und Reibfetzen daher und beginnt den Boden zu schrubben, dieweil Dörte Lyssewski, vom Armen Nachbarn zu den Guten Werken mutiert, dem Jedermann gut zuredet. Eh noch nicht alles verloren in Sachen himmlischer Ewigkeit! Das wollen wir ihr nur allzu gerne abnehmen. Robert Carsen, bekennender Hofmannsthal-Liebhaber (vor allem der Libretti, die dieser für Richard Strauss geschrieben hat), nimmt den "Jedermann" beim Wort und schöpft Bild um Bild einprägsame Katechismus-Bilder. 

Doppelstunde Religionsunterricht

Aber der Reihe nach: Da strömt zu Orgelmusik eine beinah unübersehbare Menschenmenge aus dem Dom, die sich formiert und in Art eines Antikenchors die hölzernen Einleitungsverse zitiert. Dominik Dos-Reis, ein blutjunger Tod im Chorrock, läutet ein Glöckchen, und alle werden hingestreckt. Wenn dieser Tod "Je-der-Mann" buchstabiert, weist er in großer Geste ins Publikum, auf dass nur ja alle verstehen, mitgemeint zu sein. Carsen setzt sogar noch eins drauf in dieser Doppelstunde Religionsunterricht und lässt den Tod als Epilog nochmal aus dem Anfang zitieren. "Der Hergang ist recht schön und klar..." Dem ist nichts hinzuzufügen.

In den vergangenen Jahren hat Michael Sturminger auf dem Salzburger Domplatz den "Jedermann" mit Lars Eidinger im LGBTQ-Milieu angesiedelt und zuletzt Michael Maertens in eine apokalyptisch düstere Endzeit versetzt. Das war Teilen des Publikums und damit der Festspielleitung entschieden zu viel des Unguten. Kurzfristig und entgegen mündlichen Abmachungen mit Regisseur und Schauspielern hat man die Produktion abgesetzt. Jetzt ist so etwas wie Wiedergutmachung angesagt, eine Kurskorrektur um 180 Grad. Die goldene Melkkuh, pardon, das "geistliche Spiel" vor der Domfassade, darf diesmal in überklaren Bildern daher kommen. Buchstabengetreue Läuterung ist angesagt – und, so viel Ehrlichkeit muss sein: Hofmannsthals Knittelverse beweisen wieder einmal Überlebenskraft. Premiere bei Bilderbuch-Himmel über dem Domplatz. Fast schämt man sich, es zuzugeben: Es hat was.

Stellt sich den Fragen nach Leben und Tod: Philipp Hochmair als Jedermann @ Monika Rittershaus

Hinein ins Spiel. Im goldfunkelnden Luxus-Cabrio fährt Jedermann vor, mit Chauffeur versteht sich. Lässig schaut Philipp Hochmair aus im karierten Sakko. Der Arme Nachbar geht in Sack und Asche, der Geldbeutel, den er erbittet, ist ein Koffer mit Bargeld. Der Schuldknecht (Arthur Klemt) ist offenbar ein prominenter Geschäftsmann, der sich verspekuliert hat. Er wird unter reger medialer Begleitung von Fotografen und Kamerateam vorgeführt. Die Mutter (Andrea Jonasson), in elegantem Schwarz, wirkt weniger alt und charismatisch als so manche Rollenvorgängerin, aber ihre Bestimmtheit reicht ja doch aus, um Jedermann zu verunsichern.

Thema von nationaler Tragweite: Die Buhlschaft

Spekulationen um die jeweilige Buhlschaft und ihr Gewand sind in Österreich Jahr um Jahr vorrangige Theater-Themen. Regisseure zerbrechen sich den Kopf, wie sie die kleine Rolle aufwerten könnten. Davon lässt Robert Carsen sich wenig beeindrucken und Deleila Piasko gibt nicht die Standard-Buhlschaft überzeichneten Sex-Appeals. Wenn Jedermann die Depression packt, wird sie ihn stattdessen öfters einfach umarmen und so für Momente in die Lebewelt zurückholen. Den Abgang mit Entsetzensschreien, auch ein Buhlschafts-Markenzeichen, hat der Regisseur ihr gestrichen.

Die Tischgesellschaft! Robert Carsen hat auf ein Bühnenbild verzichtet, dafür bietet er Mengen an Komparsen auf. Jedermann bietet seinen Freunden ein Fest im Clubsetting, es wird viel getanzt, Philipp Hochmair und Deleila Piasko legen auf einem der sieben runden Tische einen flotten Tango hin. Der Dicke Vetter (Lukas Vogelsang) hebt zu einer Gesangseinlage an. Es gibt zu hören und zu schauen. Die Jedermann-Rufer platzen in eine Rock-Nummer hinein. Wie sich der Tod durch dieses Getriebe einen Weg zu Jedermann bahnen soll, kann man sich erst gar nicht vorstellen. Plötzlich ist er in der Bühnenmitte da. Im Outfit eines Kellners schenkt er Jedermann reinen Wein – Rotwein – ein.

Nun schlägt also die Stunde der allegorischen Figuren. Dass Christoph Luser als Guter Gesell beim Fest im roten Samtanzug erscheint, hätte uns gleich misstrauisch machen sollen. Jetzt zeigt er sein wahres, teuflisches Gesicht, lässt Jedermann kalt abblitzen mit seinem Wunsch, ihn auf dem letzten Weg zu begleiten. Guter Gesell und Teufel in Personalunion, das ist eine gute Idee.

Salzburger Festspiele 2024/ Hugo von Hofmannsthal/ Jedrmann/ Premiere am 20.Juli 2024// Robert Carsen: Regie/ Robert Carsen, Luis F. Carvalho: Bühne/ Luis F. Carvalho: Kostüme/ Robert Carsen, Giuseppe di Iorio: Licht/ Rebecca Howell:Choreografie/David Tushingham:Dramaturgie//Christoph Luser: TeufelGuter Gesell und Teufel in einer Rolle: Christoph Luser © Monika Rittershaus

Jedermann will diese letzte Reise im güldenen Cabrio antreten, lässt auch schnell noch Geldkoffer und sogar ein paar Bilder seiner Kunstsammlung (auch Klimt) herbeischaffen. Da springt Mammon aus dem Kofferraum. Kristof Van Boven erscheint ist in dieser Rolle als Doppelgänger des Jedermann. Der Mammon kommt ihm nicht mit Ironie, sondern mit Hohn und Eiseskälte.

Ohne Vorspul-Taste

Robert Carsen hat seine Inszenierung Szene um Szene am Wort und auch an den Klischeebildern orientiert. Leises Understatement mildert da und dort die Plattheit ab. Ganz unbestritten ist die schauspielerische Kompetenz. Philipp Hochmair, der ja seit Jahren mit einer popmusikalischen Version des "Jedermann" (in der er alle Rollen spielt) durch die Lande zieht, abstrahiert nun völlig von seiner eingeübten Variante und lässt sich ganz ein auf Carsens "werktreue" Interpretation. Gerade die allegorischen Szenen sind sehr ernsthaft angelegt. So ernsthaft, dass man eigentlich manchmal die Taste "Schneller Vorlauf" drücken wollte. Das theatrale Memento mori hat in solch buchstabengetreuer Auslegung durchaus auch etwas quälend Langwieriges, aber das soll wohl so sein.

Der reuige Jedermann nimmt vom Glauben das Aufwischtuch und versucht in einer Gründonnerstag-Allegorie einem aus der Menge die Füße zu waschen. Es ist ja nicht nur Jedermann zu erlösen, sondern jedermann. Viele aschgraue Männer und Frauen sind unterdessen über die Zuschauertribüne herbeigeströmt. Dem Toben des Teufels zum Trotz werden auch sie am Ende in weißen Gewändern daliegen. Carsens "Jedermann" ist durch und durch entwaffnend geradlinig gedacht und umgesetzt. Das muss man sich erst trauen und letztlich so un-peinlich hinkriegen.

Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes
Hugo von Hofmannsthal
Regie und Bühne: Robert Carsen, Kostüme: Luis F. Carvalho, Choreographie: Licht: Giuseppe di Iorio, Choreographie: Rebecca Howell, Dramaturgie: David Tushingham.
Mit: Dominik Dos-Reis, Philipp Hochmair, Andrea Jonasson, Christoph Luser, Luka Vlatković, Susanne Wende, Dörte Lyssewski, Arthur Klemt, Nicole Beutler, Deleila Piasko, Lukas Vogelsang, Daniel Lommatzsch, Kristof Van Boven, Regine Zimmermann.
Premiere: 20. Juli 2024
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

Carsen setze auf Effekte, die "meist übertrieben, mitunter passend sind", findet Norbert Mayer in der Presse (21.7.2024). Teilweise verliere dabei "die Entwicklung Jedermanns vom Protz-Kotzbrocken zum Büßer an Wirkung". Am stärksten seien hingegen "die einsamen Szenen, die der Verlassenheit, des Verzweifelns", in denen auch der Protagonist zur "Hochform" auflaufe. Und auch wenn Jedermann oft "zur Nebenfigur" werde, weil die Regie "vor allem auf Massenszenen wie in einem Musical aus dem vorigen Jahrhundert" setze, sei Philipp Hochmair doch "den ganz Großen ebenbürtig – dem Moissi, dem Hörbiger, dem Jürgens, dem Brandauer, dem Simonischek...".

Philipp Hochmair lege seinen Jedermann "als freuderfüllten Lebemann an und gibt dabei dennoch nur selten seinem Hang zum Overacting nach", meint Stefan Weiss im Standard (21.7.2024). Das schaffe "Raum fürs restliche Ensemble" und schenke der Neuinszenierung von Robert Carsen "viele schöne Kollektivmomente". Carsen gelinge es, dem Text "die Vorlage des mittelalterlichen Mysterienspiels ein wenig auszutreiben und die Tragödie vielmehr im altgriechischen Theater zu verorten". Sein "bester Regieeinfall" allerdings sei der Tod "in Gestalt eines schönen Jünglings". Dies sei ein "Kniff", der das "oft der Eindimensionalität geschmähte Werk" völlig herumdrehe, so Weiss.

Die Inszenierung folge der "Überwältigungslogik von Monumentalfilmen", schreibt Wolfgang Höbel beim SPIEGEL (21.7.2024): "Was  bei 'Ben Hur' die Pferdewägen sind, ist bei Carsen ein goldenes Mercedes-Oldtimercabrio." Entstanden sei ein "üppig mit Musik verziertes Breitwandspektakel im Oberammergau-Format". Man könne die "brave, völlig ungebrochene Inbrunst, mit der ein Regisseur hier die Segnungen der christlichen Religion feiert", aus der Zeit gefallen finden und den "Retroschick" belächeln – der Abend aber werde "mit stehenden Ovationen gefeiert". Ihm gelinge schlichtweg "schamloses Entertainment", so Höbel.

"Voilà, der Jedermann der Herzen ist da!", ruft Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (21.7.2024). Philipp Hochmair habe diese Rolle "verdient wie kein Zweiter". Dennoch nehme er sich "erstaunlich zurück, gibt eher zu wenig als zu viel". Carsen gelinge es, den Dom "bestechend schön" in Szene zu setzen, die "Tanz- und Feierszenen" seien "so lustvoll, glamourös und nächtlich schön wie in Paolo Sorrentinos oscargekröntem Film 'La Grande Bellezza'". Bei ihm sei der "Jedermann" im Verhältnis zu den Vorjahren "ästhetisch wieder kunstvoller und inhaltlich basaler". Dennoch gehe Carsens Ansatz "noch nicht überzeugend auf" – der Teufel spreche passend von "Wischiwasch", so Dössel.

Viele Elemente seien "typisch für die Effekte von Glanz und Glamour, Pailletten­glitzer und Discokugel, auf die die Carsen-Ästhetik samt einem riesigen Statistenaufgebot baut", schreibt Joachim Lange in der taz (21.7.2024). Als "unterhaltsame Show" funktioniere das im ersten Teil auch. Manches allerdings touchiere den Kitsch und Philipp Hochmair reite den Text "wie einen Stier und versucht ihn bei den Hörnern zu packen". Fazit: "Die Show kam an – das Publikum applaudierte stehend. Weder der ­Hochmair-pur-Jedermann noch der ­Carsen-wie-zu-erwarten waren angeeckt."

Regisseur Robert Carsen sei ein "Virtuose der plastischen Behandlung von Menschenmassen, des Arrangierens lebender Gruppenbilder", so Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.7.2024). "Grandios" etwa sei "der Kontrast, als sich plötzlich vom rechten Bühnenrand ein mehrschichtiger Menschenauflauf störend bemerkbar macht". Carsens Regiezugriff sei vielmehr "emblematisch" als "aktualisierend". Er habe "alle Gerüste abgeräumt, um den Text zum Klingen zu bringen", was eine "im besten Sinne konversative Aufführung" zum Ergebnis habe.

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