Berlin Alexanderplatz - Salzburger Landestheater
In Salzburg berlinern sie jetzt
12. April 2026. Der neue Salzburger Schauspieldirektor Nuran David Calis bringt Alfred Döblins Klassiker als spartenübergreifendes Musiktheater auf die Bühne. Und sein Publikum unintendiert zum Lachen.
Von Jakob Hayner
Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" als spartenübergreifendes Musiktheater am Salzburger Landestheater © Christian Krautzberger
12. April 2026. Es ist vielleicht der Witz des Abends, dass man den titelgebenden Platz und die Stadt drumherum – die eigentliche Protagonistin des Geschehens – nicht zu sehen bekommt. Regisseur Nuran David Calis, seit dieser Spielzeit Schauspieldirektor am Salzburger Landestheater, verlegt "Berlin Alexanderplatz" größtenteils in Innenräume.
Bei Anne Ehrlich fällt die Wohnung von Franz Biberkopf mit Bett, Tisch und Badewanne durchaus großzügig aus und ist auch hübsch bunt eingerichtet. Wäre da nicht die dunkle Empore oben, auf der sich der Chor postiert hat. Am Anfang wirken die dunklen Gestalten wie Biberkopfs frühere Mitinsassen in der Strafanstalt Tegel, später – von Anna Sünkel in Festgarderobe gesteckt – wie die höhere Gesellschaft, die über den moralischen Abstieg des unglücklichen Helden richtet: als Versuchskaninchen und Beobachtungsobjekt. Oder auch wie das Premierenpublikum im Theater, das sich am Proletenelend im Opernformat ergötzt.
Erstmals in Österreich
Wenn man die Stadt schon nicht sieht, so hört man sie doch. Es zischt, dampft und klappert in der Komposition von Vivan und Ketan Bhatti, sodass die Zuhörer die auditive Reizüberflutung nachvollziehen können, die Großstädte seit über 100 Jahren mit sich bringen. Die Brüder Bhatti haben ein anspielungsreiches Werk geschaffen, das von klassischen Opernklängen bis zu elektronischen Sounds reicht und Anleihen von Jazz bis Filmmusik der 1920er verbindet. 2022 in Bielefeld uraufgeführt, ist das spartenübergreifende Projekt nun erstmals in Österreich zu sehen – mit dem Mozarteumorchester Salzburg unter der Leitung von Leslie Suganandarajah.
Christiane Neudecker hat Alfred Döblins berühmten Roman zum Libretto umgeschrieben und einen Erzähler eingeführt, der als nüchterner Beobachter agiert. In seinem Kittel erinnert Axel Meinhardt an Döblin selbst, der in Berlin als Arzt praktizierte. Es könnte aber auch einer der Ärzte aus der Irrenanstalt sein, in der Biberkopf bei Calis am Ende ausweglos landet, während die Welt um ihn herum verrückt spielt und sich zum Krieg rüstet. Auf die individuelle Tragödie folgt die kollektive.
"Also wat willste?"
Calis inszeniert "Berlin Alexanderplatz" als Totentanz der "Hure Babylon", wie es im Text heißt. Als Schattenseite der "Goldenen Zwanziger" mit Not, Elend, Wirtschaftskrise, Inflation, Prostitution und Verbrechen. Der von Bariton George Humphreys gesungene Biberkopf wird von Todesboten umtänzelt, die ihre Schädelmasken auf dem Hinterkopf tragen und sich in verfremdeter Körperlichkeit rückwärts über die Bühne bewegen. Dass Biberkopf seine Arien auf Berlinerisch schmettert, sorgt im Publikum an der einen oder anderen Stelle für unfreiwillige Heiterkeit. Auch der schmierige Reinhold (Alexander Kaimbacher) oder die naive Mieze (Nicole Lubinger) stecken da nicht zurück, von "Also wat willste?" bis "Drum besauf ick mir mit dir!". Wie man es auch finden mag, es knirscht jedenfalls zwischen dem prosaischen Ton und der gedrechselten Form.
Der Tod naht © Christian Krautzberger
Nach insgesamt drei Stunden fragt man sich, wie gut "Berlin Alexanderplatz" als Oper mit Schauspielelementen funktioniert. Klar, die Handlung ist wie bei vielen Opern: erst eine Menge undurchsichtiges Männerdrama und am Ende ist eine Frau tot. Doch darüber hinaus wird die Spannung von Biberkopfs aussichtlosem Versuch, sich in einer unanständigen Welt anständig zu verhalten, nicht wirklich greifbar. Was treibt Biberkopf an, was beschränkt ihn oder wann kippt die Figur? Da klappert es dramaturgisch doch stellenweise so arg wie auch beim plötzlichen Sprung ins Schlussbild. Und eigentlich hat man mit "Die Dreigroschenoper" ein kanonisches Werk, das den Konflikt zwischen den brutalen Gesetzen der Ökonomie und den illusionären Ansprüchen der Moral im ähnlichen Milieu mit deutlich mehr Schwung und Witz verhandelt als "Berlin Alexanderplatz".
Am Ende Aufmarsch
Was man an dem Abend vermisst, ist die Entwicklung – im Stoff, aber auch szenisch. Obwohl für den Szenenwechsel mal Schweinehälften und mal Baumstümpfe in Biberkopfs Bude heruntergelassen werden, verändert sich der grundlegende Aufbau kaum. Biberkopf, Reinhold und Mieze verstricken sich auf fatale Weise, die Totentanztruppe rückt an, der Chor guckt, kommentiert und singt von oben. Es hat etwas von den Städten, die unten brennen und oben schon gefrieren, wie Bertolt Brecht einmal schrieb. Bei "Berlin Alexanderplatz" verdichtet es sich zu einem katastrophischen Szenario, in dem am Ende der Chor doch noch in die kleine, unheile Welt des Franz Biberkopf einbricht: als marschierendes Militär. Mit der plötzlichen Kriegstüchtigkeit im Schlussbild bekommt man auch eine letzte Denkaufforderung mit auf den Weg: "Wach sein!"
Berlin Alexanderplatz
von Vivan & Ketan Bhatti, Libretto von Christiane Neudecker
nach dem Roman von Alfred Döblin
Regie: Nuran David Calis; Musikalische Leitung: Leslie Suganandarajah; Bühne: Anne Ehrlich; Kostüme: Anna Sünkel; Licht: Stefan Bolliger; Dramaturgie: Flora Riezinger.
Mit: Axel Meinhardt, George Humphreys, Alexander Kaimbacher, Nicole Lubinger, Alexander Hüttner, Robert Glyndwr Garland, Daniele Macciantelli, Sophie Borchhardt, Larissa Enzi, Luca-Noél Bock, Paul Clementi, Mona Akinola, Kay Heles, Electra Lochhead, Giorgia Deferro, Chong Sun, Tetiana Dyiu, Julia Rath, Connor Locke, Chor des Salzburger Landestheaters, Mozarteumorchester Salzburg.
Premiere am 11. April 2026
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
www.salzburger-landestheater.at
Kritikenrundschau
Bei "Alfred Döblin dringt die politische Ebene stärker durch, Biberkopfs fragwürdige Haltung, faschistische Tendenzen in der Gesellschaft, die Gewalt von Macht und Masse", konstatiert Jörn Florian Fuchs in den Salzburger Nachrichten (13.4.2026). "Nuran David Calis zeigt zwar auch einmal aufmarschierende Gruppen/Truppen und entlässt uns mit dem Appell 'Wach sein!' in den Abend, doch dringlich wirkt dies nicht. Dennoch insgesamt: eine Empfehlung! Musik und Szene verschrecken nicht, und wer sich in der Pause – je nach Laune und Konstitution – mit Sekt, Kaffee oder Cola stärkt, der hält auch den zweiten Teil gut durch."
"Dieses außergewöhnlich präsentierte Stück hat gesellschaftliche Relevanz. Das Salzburger Landestheater positioniert sich damit als Ort der Erkenntnis und Auseinandersetzung mit den zentralen Fragen unserer Zeit", lobt Brigitte Janoschka in der Passauer Neuen Presse (13.4.2026). "Die Reaktion des Publikums reichte von Überforderung bis Begeisterung. Thematisch greift die Inszenierung große Fragen der Menschheit auf: Freiheit, Liebe, Wahrheit, Schicksal und Religion."
Die Inszenierung überzeuge nur teilweise, so Peter Jungblut im BR24 (13.4.2026), "und das gewiss nicht am Regieteam unter Nuran David Calis und Dirigent Leslie Suganadarajah." Beide gaben sich alle Mühe, fesselnd zu bebildern und der Musik dramatische Kraft zu geben. "Allein: Eine Geräuschkulisse, und sei sie noch so abwechslungsreich, erzählt noch keine mitreißende Geschichte." Vivan und Ketan Bhatti scheuen keinen metropolentauglichen Lärmeffekt, lassen die Trommeln und Blechbläser unablässig wüten, "doch ihre Partitur bleibt merkwürdig belanglos, hat keinerlei Innenspannung". Immerhin beeindrucke das Bühnenbild, eine schäbige großstädtische Wohnlandschaft, als bittere Satire.
Die Musik sei bühnenwirksam und überzeuge, schreibt dagegen Reinhard Kriechbaum auf Drehpunktkultur.at (13.4.2026). Nuran David Calis' Inszenierung drohe jedenfalls kein Horror vacui. "Es gibt kaum eine Minute Ruhe auf der Bühne. Öfters mal wünschte man sich die Fokussierung auf die Hauptfiguren." So aber rassele die Story als Bilderreigen ab. "Ständig wuselt und zappelt es um die eigentlichen Protagonisten." Es nerve von Beginn an, dass einem jeder Satz, jede Sentenz dutzendfach eingebleut wird. "Und besonders mühsam wird es gegen Ende der fast drei Stunden." Fazit: "Es erschließt sich nicht unbedingt, wieso diese Replik jetzt sein muss, weder als Musiktheater noch überhaupt."
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