Endstation Oklahoma

18. Mai 2025. Möp, möp, es hupen die Autos, es rauscht der Verkehr. Das ist die Neue Welt. Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und des unbegrenzten Niedergangs. Für Karl Roßmann, den taumelnden Helden aus Franz Kafkas "Amerika". Regisseur Niklas Ritter lotst ihn am Vorarlberger Landestheater in einen Comedy-Dschungel.

Von Julia Nehmiz

Franz Kafkas "Amerika" in der Regie von Niklas Ritter in Bregenz © Anja Köhler

18. Mai 2025. Das Meer rauscht. Möwen schreien. Es knarrt, als würde Schiffsgebälk mühsam einem Sturm standhalten. Die Überfahrt scheint rau. "Welcome to the jungle", röhrt die Freiheitsstatue zur Rockmusik von Guns N' Roses. "Welcome to America."

Willkommen in Amerika. Willkommen im Amerika von Franz Kafka – oder so, wie sich Regisseur Niklas Ritter Kafkas Amerika am Vorarlberger Landestheater Bregenz auf die Bühne zimmert. Bunt, lustig, slapstickhaft. Und mit viel Musik.

Mundgemachte Geräusche

Seine Schauspielerinnen und Schauspieler stehen an den Mikrophonen, blasen Windgeräusche, kreischen wie Möwen, lassen Wellen rauschen. Damit ist der Ton gesetzt. Hier wird Theater mit dem Mund gemacht. Wenn Protagonist Karl Roßmann in New York ankommt, lässt das Ensemble den Verkehr rauschen, möp möp hupen Autos, tatütata heulen Sirenen. Viele passgenaue Geräusche-Slapstick-Nummern folgen, Autofahrten mit quietschenden Reifen in den scharfen Kurven, Radiosendersuche, aus-dem-Fenster-Kotzen, knatterndem Furz.

Es ist ein anderes Amerika als das, das Kafka in seinem Romanfragment entwirft. Das Beklemmende, Ausweglose, Unheimliche, die Abwärtsspirale, die Ungerechtigkeiten, denen Karl Roßmann wieder und wieder ausgesetzt ist, denen er nicht entkommt, sie werden in Bregenz zum Klamauk. Und lassen einen zu Beginn ziemlich ratlos. Die Komödie, die Niklas Ritter der Kafka-Vorlage überstülpt, sie mag nicht so recht zünden. Wie Karl Roßmann verstoßen wird, ausgenommen, ausgenutzt, wird zur Nebensächlichkeit. Comedy statt Verrätselung. Es wird belanglos.

Der Niedergang des Karl Roßmann

Franz Kafka hatte in seinem Romanfragment eine düstere Welt entworfen. "Amerika" wurde nach seinem Tod 1927 veröffentlicht, später auch bekannt unter dem Titel "Der Verschollene". Karl Roßmann wird von seinen Eltern verstoßen, weil er das Dienstmädchen geschwängert hat, und nach Amerika geschickt. Schon auf dem Schiff gerät er in Schwierigkeiten, wird überraschend vom reichen Onkel aus Amerika gerettet, von ihm aufgenommen, und wieder verstoßen.

Für Karl Roßmann beginnt eine dystopische Odyssee, er wird ausgenommen, und wenn er mal auf Menschen trifft, die es gut mit ihm meinen, können sie ihn trotzdem nicht retten. Er sinkt herab zum Liftboy, zum Sklaven, zum völlig Heimatlosen. Bis ihm das Theater Oklahoma als Rettung erscheint. Da bricht der Roman ab.

amerika R anjakoehler 250089Am Koffer der guten Laune: Nurettin Kalfa, Roman Mucha und Nico Raschner © Anja Köhler

In Bregenz wirkt es, als wollte Niklas Ritter dem kafkaesken Sog mit Komik und Show entkommen. Ausstatterin Karoline Bierner hat die Bühne leergeräumt. Schwarze Vorhänge umrahmen die Spielfläche, hinten in den Ecken ist die vierköpfige Band positioniert, die das Geschehen mal treibend, mal swingend, mal lyrisch untermalt. Violette Schrankkoffer von zimmergroß bis kühlschrankklein werden hereingeschoben, sie lassen sich öffnen, besteigen, sind Podest für die Freiheitsstatue, Schiffskajüte, Büro, Schlafzimmer, Aufzug, Badewanne. Manchmal steckt auch nur – Klappe auf, Klappe zu – ein arbeitender Mensch drin, wie eine ausgestellte Trophäe.

Kafka einen reingekoffert

Karl Roßmann ist bei Nurettin Kalfa trotz aller Comicüberzeichnung ringsherum ein optimistisch-naiver Junge, der mit Hundeblick durch die Unbill der Welt stolpert, und einfach immer an das Gute und die Kraft der Wahrheit glaubt. Erst ganz am Schluss, wenn ihm nur noch ein Engagement bei diesem merkwürdigen überdimensionierten Theater von Oklahoma bleibt, schaut er desillusioniert auf sein Leben.

Und hier, im zweiten Teil, findet Niklas Ritter endlich aus der Komödie heraus, gelingen ihm einige Szenen, die sich über den Klamauk erheben. Die Schlinge um Karl Roßmann zieht sich zu. Wenn Robinson (Nico Raschner) ihn im Hotel heimsucht, wenn Delamarche (Roman Mucha) ihn in der Wohnung gefangenhält, wenn der Student mit Vogelkopf (David Kopp) ihn zum Bleiben überredet – wenn Ritter also auf Kafka vertraut und in eigene Bilder übersetzt, entwickelt es eine Kraft.

Doch wo Kafkas Romanfragment offen endet, schafft Niklas Ritter plumpe Eindeutigkeit. Karl Roßmann, seine Misere erkennend, sinkt vor einem der Schrankkoffer auf den Boden, sackt in sich zusammen. Die weiß gekleideten Figuren erzählen von der Zugreise zum Oklahoma-Theater durchs Gebirge, dann fallen prägnante Sätze aus der ganzen langen Reise von Karl Roßmann. Der hört sie nicht mehr. Die Spieler ergreifen seinen Körper, machen den Schrankkoffer auf, legen ihn hinein. Klappe zu, Kafka tot.

Amerika
von Franz Kafka
Regie: Niklas Ritter, Bühne und Kostüm: Karoline Bierner, Musik: Oliver Rath, Licht: Tom Barcal, Dramaturgie: Juliane Schotte.
Mit: Isabella Campestrini, Elzemarieke de Vos, Nurettin Kalfa, David Kopp, Roman Mucha, Nico Raschner, Live-Musik: Oliver Rath, Martin Grabher, Marcello Girardelli, Aris Kapajannidis.
Premiere am 17. Mai 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

landestheater.org

Kritikenrundschau

Eine "vielschichtige und temporeiche Inszenierung" vermeldet eine anonyme Stimme in den Vorarlberger Nachrichten (19.5.2025). Es entstand "ein faszinierendes ­Panorama aus Wort- und Soundfragmenten, das die Suche nach Zugehörigkeit und das Gefühl der Fremdheit eindrucksvoll aufgriff".

Für das Voralrberger Online-Portal vol.at (18.5.2025) berichtet Christa Dietrich: "Dialoge und Erzählungen verzahnt Niklas Ritter bühnenwirksam dicht und weitgehend getreu der Abfolge in den unter dem Titel 'Der Verschollene' oder eben 'Amerika' gesicherten Romanfragmenten ineinander. Viel mehr als Kittwerk ist die von Oliver Rath geschaffene Musik, die er mit seiner exzellenten Band live bietet. Aufgrund der hohen Qualität der Singstimmen von Isabella Campestrini, Elzemarieke de Vos und Nico Raschner und mit den der Handlung angepassten Songtexten kommt sie derart oft und auch derart gut zur Geltung, dass diese Produktion beinahe als rockiges Musiktheater mit Sprechpassagen bezeichnet werden kann."

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