Hiob - Festspiele Reichenau
Schwer vor Glück
3. Juli 2025. "Biblische Musik" bringt Joseph Roth in seinem bald einhundert Jahre alten Roman "Hiob" zum Klingen. Regisseurin Alexandra Liedtke leiht ihr ein Ohr und eine ganz auf den Sound des Erzählens abgestellte Inszenierung. Zum Auftakt der Festspiele Reichenau.
Von Gabi Hift
Alexandra Liedtke zeigt "Hiob" nach Joseph Roth in Reichenau © Lalo Jodlbauer
3. Juli 2025. "Schluß mit der 'Neuen Sachlichkeit'" forderte Joseph Roth 1930 in der Literarischen Welt. Schluss mit Reportageliteratur und aktualitätsgebundener Prosa. Die Wirklichkeit lasse sich nur mit einer Ästhetik erfassen, die auf die Verbindung der Dinge mit dem Unsichtbaren verweist. Das passt zum diesjährigen Motto der Reichenauer Festspiele – "Theater schafft Räume für Träume" – und dazu, dass Reichenau ein Gegenprogramm zum tagespolitischen Dokutheater bei den gerade zu Ende gegangenen Wiener Festwochen bieten will. Eröffnet wird mit der Dramatisierung des Romans "Hiob", mit dem Joseph Roth sich diesem neuen Stil zugewandt hat.
Schicksalsschläge in großer Zahl
"Hiob" ist ein Märchen. Mendel Singer, ein armer Tora-Lehrer in einem galizischen Stetl, lebt wunschlos und ruhig mit seiner Frau und drei Kindern. Dann brechen, wie beim biblischen Hiob, entsetzliche Schicksalsschläge über ihn herein. Ein viertes Kind, Menuhin, wird behindert geboren, hat Krampfanfälle und kann nicht sprechen. Die beiden großen Söhne werden zu den Kosaken eingezogen. Dem jüngeren gelingt die Flucht nach Amerika. Die Tochter lässt sich mit Kosaken ein. Um sie zu retten, ziehen die Eltern mit ihr zum Sohn nach New York und lassen das behinderte Kind zurück.
Der Sohn fällt an der Front, die Mutter stirbt bei Erhalt dieser Nachricht. Die Tochter wird wahnsinnig und muss in eine Anstalt gebracht werden. Mendel bleibt allein, verliert seinen Glauben, vegetiert in Verzweiflung. Dann kommt das Wunder: am Ostersonntag erscheint ein russischer Musiker in Mendels Wohnung und entpuppt sich als Menuhin. Er ist völlig geheilt, berühmt und reich. Er wird Mendel mit nach Hause nach Russland nehmen, und die Schwester aus der Anstalt holen. Mendel schläft "schwer vor Glück" ein.
Vom Unglück verfolgt: Schemarjah (Gregor Schulz), Mirjam (Katharina Lorenz), Deborah (Julia Stemberger) und Mendel Singer (Joseph Lorenz) © Lalo Jodlbauer
Die Premiere beginnt mit einer kleineren Hiobsbotschaft: Wolfgang Hübsch, der mehrere kleine Rollen spielen sollte, hat sich bei der Generalprobe verletzt und fällt für eine Weile aus. Weil die Zeit zu knapp für eine Umbesetzung war, liest die Regisseurin Alexandra Liedtke die Passagen ein. Das funktionierte sehr gut. Bestimmt wäre Wolfgang Hübsch wunderbar gewesen (und wird es in späteren Vorstellungen auch sein), besonders als geschäftstüchtigen Wunderrabbi kann man ihn sich sofort vorstellen – aber am großen Ganzen hätte auch er vermutlich nichts geändert: die Unternehmung ist nicht wirklich gelungen.
Magie der Sprache
Alexandra Liedtke, von der auch die Dramatisierung stammt, hat sich gegen eine naturalistische Umsetzung der Geschichte entschieden, eine für Reichenau ungewöhnliche Entscheidung. Roth schrieb, das Wesentliche des Romans seien weder die Handlung noch die Gefühlsmomente, sondern Rhythmus und Melodie der Sprache, die "biblische Musik". Um die Magie dieser Sprache zu erhalten, bewahrt Liedtke die Erzählstimme Joseph Roths und wandelt sie nicht in Dialoge um. Das ist ein interessanter und kluger Ansatz – leider ist die Umsetzung unentschieden.
Alle Darstellerinnen sind mal Erzähler mal Figur. Sie gleiten aus der Erzählerposition in die Figuren hinüber, als würden die Figuren sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen. Das zerstört aber das Faszinosum der Erzählung, die von weit außerhalb in rauschhaften Bildern das einfache, schlichte Leben einer Familie besingt. Die Figuren selbst könnten ihre eigene Welt niemals so beschreiben. Sie schwimmen in ihr wie Fische im Wasser und sind sich ihrer nicht bewusst.
Unter der Drahtwäscheleine. Schemarjah (Gregor Schulz), Deborah (Julia Stemberger) und Jonas (Alex Kapl) auf der Bühne von Johanna Lakner © Lalo Jodlbauer
Joseph Lorenz liegt der hohe Ton der Erzählerstimme, nicht aber die Figur des einfachen Mannes Mendel Singer. Zwar bemüht er sich um Geradheit, aber das Grobe hat bei ihm einen soignierten Anstrich, dafür hat dann die Verzweiflung zu wenig Kraft. Das Reichenauer Publikum liebt ihn trotzdem oder gerade deswegen oder sowieso.
Julia Stemberger schmeißt sich mit Verve als keifende Ehefrau ins Zeug – wo Joseph Lorenz zu feinsinnig ist, ist sie von Anfang an zu laut und grob. Um diese Ehe zu zerstören, hätte es all die Schicksalsschläge gar nicht gebraucht. Die beiden Söhne finden keine rechte Haltung für die Erzählstimme, als Amerikaner Mac ist Alex Kapl für kleine Momente richtig lustig – zur großen Erleichterung des Publikums. Katharina Lorenz als Miriam ist als einzige über weite Strecken angenehm ruhig und einfach.
Der Krüppel Menuhim, mit seinen Grimassen und seinen epileptischen Anfällen, der sich von der Nemesis zum Erlöser wandelt, ist ein Strickjäckchen mit zwei drangenähten Strümpfen.
Funzellicht im Rausch der Primärfarben
Johana Lakner hat bei Bühne und Kostüm versucht, alles wie eine Skizze aussehen zu lassen, wohl, um den mächtigen Sprachbildern Roths keine Konkurrenz zu machen. Auf den Kostümen sind Nähte, Taschen, Krägen aufgemalt. Auf den Gegenständen sind die Kanten weiß nachgemalt, so dass sie wie gezeichnet aussehen. Manche bestehen nur aus dünnen Drahtkonstruktionen ihrer Umrisse. Das ist ein interessantes Konzept, aber auch hier zu unentschieden. Auf den sehr dreidimensionalen Körpern der Schauspieler*innen wirken die Kostüme nicht wie Skizzen. Neben echten Koffern und Stühlen, die zum Spielen gebraucht werden, verkommen die Drahtobjekte zu hübscher Deko.
Vorherrschend bleibt der Eindruck von düsterem Schwarz-Grau in mattem funzeligen Licht. Wenn es im Text heißt: "der Fußboden leuchtete wie geschmolzene Sonne, auf das ziegelrote blau karierte Tischtuch tropften die Kerzen", dann kann dieser expressionistische Rausch der Primärfarben sich nicht gegen die tüddelige schwarzgraue Trübnis auf der Bühne durchsetzen.
Insgesamt entsteht der Eindruck eines Mischmaschs aus interessanten Ansätzen, aus dem man die großen Gedanken kaum mehr herausklauben kann: Muss es bei Katastrophen immer einen Schuldigen geben? Hat Mendel Singer sich versündigt? Oder ist das alles auf einer tieferen Ebene unbegreiflich? Gibt es Wunder? So abstruse, wie das, mit dem "Hiob" endet? Darf – soll – man auf sie hoffen?
Hiob
von Joseph Roth
Spielfassung von Alexandra Liedtke
Regie: Alexandra Liedtke, Bühne & Kostüme: Johanna Lakner, Musik und Violine: Aliosha Biz, Dramaturgie: Angelika Messner.
Mit: Joseph Lorenz, Julia Stemberger, Katharina Lorenz, Alex Kapl, Gregor Schulz, Wolfgang Hübsch, Aliosha Biz.
Premiere am 2. Juli 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.festspiele-reichenau.at
Kritikenrundschau
Ein bestens konzipierter, "analytischer Abend" mit "einer herzerwärmenden Conclusio" ist dies für Ronald Pohl vom Standard (3.7.2025), wobei der Abend "mit Fortdauer kurzatmig wird, ins Schematisieren verfällt". Der positive Eindruck aber überwiegt beim Kritiker: "Roths schmiegsame Erzählstimme ist der eigentliche Protagonist dieses nur dem Anschein nach mäuschengrauen Abends. Die Prosa funkelt, wenn Lorenz im Mantel des Talmud-Lehrers auf- und niederschreitet."
Für Thomas Kramar von der Presse (4.7.2025) scheitert "das gesamte gut gemeinte Unterfangen: Man kann diesen Roman wohl nicht dramatisieren. Der majestätische Strom seiner Sprache lässt sich nicht in Bühnenmonologen oder -dialogen kanalisieren". Der "elegische, gehobene Tonfall der Erzählung" werde "mit Theatralik vermengt", die "optisch schlichte Inszenierung" sei "geschwätzig, wo Roth wortkarg ist, und oft auch laut, wo er still ist".
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