Sofja Petrowna / Republik der Taubheit - Theater St. Gallen
Panzerketten überm Asphalt
18. Oktober 2024. Ein Roman über die Zurichtungen des Stalinismus und ein Lyrikband über das Fallout von Totalitarismus auf den Einzelnen: Die St. Galler Schauspieldirektorin Barbara-David Brüesch verbindet Literatur von Lydia Tschukowskaja und Ilya Kaminsky zu einem Abend über Terror und Krieg.
Von Julia Nehmiz
Der Doppelabend "Sofja Petrowna / Republik der Taubheit" von Barbara-David Brüesch am Theater St. Gallen © Jos Schmid
18. Oktober 2024. Was machen Terror, Unterdrückung, Krieg mit einem Menschen? Sie vernichten ihn. Mal langsam, schleichend, mal wie ein Schuss aus dem Nichts. Immer brutal.
Belagerte Stadt
Die St. Galler Schauspieldirektorin Barbara-David Brüesch erzählt in einem Doppelabend von dieser Brutalität, der Menschen einander aussetzen. Brüesch setzt ein kluges Ausrufezeichen: Sie verbindet den Roman "Sofja Petrowna" der russischen Schriftstellerin Lydia Tschukowskaja (1907–1996) mit dem Lyrikband "Republik der Taubheit" des ukrainisch-amerikanischen Dichters Ilya Kaminsky (geboren 1977) zu einem Theaterabend.
Ein Roman über die stalinistischen Verfolgungen und "Säuberungen" in der Sowjetunion, ein dramatischer Gedichtband über eine belagerte Stadt und den Widerstand der Bewohner:innen. Zwei deutschsprachige Erstaufführungen sind an dem knapp dreieinhalbstündigen Abend in der Lokremise St. Gallen zu erleben, der kleinen (und oft spannenderen) Spielstätte des Theaters.
Erst verboten, dann vergessen
Der Doppelabend beginnt mit der Geschichte von Sofja Petrowna, einer überzeugten Kommunistin, die gerne Überstunden leistet, die stolz ist, dass sie zur Leiterin des Schreibbüros ernannt wird, dass sie eine Rede vor Genossen und Gästen aus Moskau halten darf. Doch dann wird ihr Sohn verhaftet. Sofja Petrowna glaubt an eine Verwechslung. Nur langsam reift in ihr die bittere Erkenntnis, dass sie Terror unterworfen sind.
Brüesch wollte diesen erst verbotenen, dann vergessenen Roman schon länger auf die Bühne bringen. Sie macht aus Tschukowskajas Vorlage einen Erzähltheaterabend. Mit Respekt vor dem Text, manchmal fast zu viel Respekt, inszeniert Brüesch die Geschichte der einfachen Genossin Sofja Petrowna.
Im Gleichschritt des Totalitarismus © Jos Schmid
Drei Schauspielerinnen und vier Schauspieler erzählen den Text, eng am Roman entlang, immer alle auf der Bühne sichtbar. Das Publikum sitzt auf drei Seiten der offenen Spielfläche (Bühne: Damian Hitz). Ein Bett, ein Tischchen deuten die Wohnung an, ein Schreibtisch mit drei Telefonen das Chefbüro, Stehtischchen mit Schreibmaschinen die Schreibstube, Lautsprecher und Türen die Büros und endlosen Flure der Ämter.
Aufruf an die Menschlichkeit
Anja Tobler führt als Sofja Petrowna durch die Inszenierung, die anderen haben fliegende Rollenwechsel. Mal Chor, mal Kollegin und Freundin Natascha, mal Sohn Kolja, mal Staatsanwalt, mal neugierige Nachbarin. Es dauert, bis der Abend in Schwung kommt. Viel wird zu Beginn über Sofja Petrownas Alltag erzählt. Und viel Gesagtes wird bebildert. Brüesch inszeniert ein solides Erzähltheater. Doch wenn sich die Schlinge zuzieht, wenn Sohn Kolja verhaftet wird, wenn Sofjas Überzeugungen, ihr Leben, ihre Welt nach und nach zerbröckeln, sie in einen nicht mehr aufhörenden Albtraum gerät, dann wird es spannend. Brüesch findet überzeugende Bilder und Tableaus, die die Ausweglosigkeit Petrownas zeigen. Die Ausweglosigkeit, der Menschen in diesem terroristischen System ausgeliefert sind.
Dirigierte Sprache in der Republik der Taubheit © Jos Schmid
Ausweglosigkeit prägt auch den zweiten Teil des Doppelabends. Er ist ein Aufruf an die Menschlichkeit. Warum das kleine St. Galler Theater die Rechte der deutschsprachigen Erstaufführung "Republik der Taubheit" erhielt, weiß Schauspieldirektorin Brüesch nicht. Sie freut sich einfach, dass sie diesen Text bekam, der bei seinem Erscheinen 2019 und dann 2022 in der deutschen Übersetzung von Anja Kampmann Furore auslöste. Ein sprachstarker Lyrikband, an dem der Dichter Ilya Kaminsky über zehn Jahre arbeitete. Und mit dem er den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine vorwegnahm.
Sätze fallen wie Steine
Im fiktiven Ort Vasenka wird ein tauber Junge erschossen, er hatte über das Puppentheater gelacht, als ein Offizier die Versammlung verbot. Die Menschen wehren sich gegen die Besatzer mit: Taubheit. Am nächsten Morgen kann niemand im Ort mehr hören. "In diesen Straßen ist Taubheit unsere einzige Barrikade", schreibt Kaminsky, der als Kind wegen einer falsch behandelten Mumps-Erkrankung schwerhörig wurde.
Seine Sprache ist bildstark, schonungslos, klar, rhythmisch. Brüesch stellt sie ins Zentrum. Manche Sätze fallen auf die leergeräumte Bühne wie schwere Steine, andere bohren sich ins Herz. "Republik der Taubheit" wird mit sechs Schauspieler:innen und Musikerin Annalisa Derossi zum Live-Hörspiel. Brüesch setzt auch hier auf Bebilderung. Murmeln werden wie Gewehrsalven über den Bühnenboden geschossen.
Minimalistische Musik
Ein Sandsack baumelt an einem Seil, zwei rote Augenringe aufgemalt, ein Messer hineingerammt, der Sand rieselt heraus, als würde ein Schwein abgeschlachtet und ausbluten. In blauen und gelben Eimern lassen die Schauspieler:innen Murmeln kreiseln, als würden Panzerketten über Asphalt knirschen. Das Wort "Ohren" wird nicht ausgesprochen, sondern – wie die Titel der Gedichte, wie in einem Stummfilm – auf Leinwand projiziert.
Die Bühne von Damian Hitz © Jos Schmid
Musikerin Annalisa Derossi, Zeichen gebend wie die tonangebende Puppe im verbotenen Puppentheater in Vasenka, klopft harte Rhythmen, tupft sanfte Klänge von Valentin Silvestrov aufs Klavier. Silvestrov, der bedeutendste zeitgenössische Komponist der Ukraine, tritt mit minimalistischer Musik dem Monumentalen in der Welt entgegen, denn "im Kleinen entsteht das Gute". Auszüge seiner "Kitschmusik", seiner Sonate Nr. 1, seines "Wiegenlieds" untermalen das Epos an die Menschlichkeit.
Brüeschs Inszenierung wird Kaminskys Sprachmacht nicht immer gerecht. Dass die Spieler:innen die Bühne aufräumen, aber der Staubsauger streikt, und klar, so einen Krieg kann man nicht einfach wegputzen – na gut. Doch dazwischen lässt Brüesch Kaminskys Worte funkeln. Sein Plädoyer für die Menschlichkeit wird auf der Bühne lebendig.
Sofja Petrowna / Republik der Taubheit
nach einem Roman von Lydia Tschukowskaja und einem Gedichtband von Ilya Kaminsky
Übersetzungen: Eva Mathay, Anja Kampmann
Regie: Barbara-David Brüesch, Bühne: Damian Hitz, Kostüm: Sabin Fleck, Musik Sofja Petrowna: Christian Müller, Musik Republik der Taubheit: Annalisa Derossi, Dramaturgie: Martin Bieri, Licht: Dennis Scherf.
Mit: Diana Dengler, Annalisa Derossi, Jonathan Fink, Annabel Hertweck, Manuel Herwig, Nicolas Lech, Marcus Schäfer, Anja Tobler.
Deutschsprachige Erstaufführungen am 17. Oktober 2024
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause (40 Minuten)
www.konzertundtheater.ch
Kritikenrundschau
Es gebe an diesem Abend "kein bequemes Zurücklehnen in den Zuschauerreihen auf drei Seiten der von Damian Hitz gestalteten offenen Spielfläche", schreibt Bettina Kugler im St. Galler Tagblatt (19.10.2024). Stattdessen erlebe man einen "ebenso kraftvollen wie spannenden langen Theaterabendmitaktuellenpolitischen Bezügen". Anja Tobler mache die Rolle der Genossin Sofja "mit sparsamen Mitteln" in "all ihrer Fassungslosigkeit, Verzweiflung
und Angst" lebendig, lobt die Kritikerin.
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