Die rote Zora und ihre Bande - Schauspielhaus Zürich
Führungsstärke in Rot
10. November 2024. Frauenmangel in wagemutigen Spitzenjobs? Nicht, wenn Selen Kara auf der Pfauenbühne "Die rote Zora und ihre Bande" zusammentrommelt! Mit Jeans, Stiefeletten und offenem Herzen geht es in der vorweihnachtlichen Familieninszenierung gegen die Ungerechtigkeiten der Welt.
Von Nathalie Zeindler
"Die rote Zora und ihre Bande" in der Regie von Selen Kara in Zürich © Sabina Bösch / Schauspielhaus Zürich
10. November 2024. Nein, das Kinderpublikum zieht keine Vergleiche, wenn "Die rote Zora und ihre Bande" auf der Bühne erscheint – im Gegensatz zu vielen erwachsenen Begleitpersonen. Denn in den älteren Generationen gilt die gleichnamige deutsch-schweizerisch-jugoslawische TV-Koproduktion aus dem Jahr 1979 als legendär: So manches Kind hat sich seinerzeit von der rebellischen TV-Protagonistin dazu verleiten lassen, eine Bande zu gründen und ein Stück weit gegen den Strom zu schwimmen.
Kameradin von nebenan
Das Zürcher Schauspielhaus zeigt den gleichnamigen Roman von Kurt Held aus dem Jahr 1941 jetzt in einer modernen Adaption von John von Düffel, inszeniert von Selen Kara und gepaart mit Klamauk, Musik und Lokal-bezug. Wenngleich die rote Zora und ihre Bande eigentlich in der kroatischen Küstenstadt Senji leben, in einer alten Burgruine, wo sie sich mit Streichen und kleinen Diebstählen bei reichen Leuten über Wasser halten und immer wieder vor der Polizei Reißaus nehmen müssen.
Die Hauptdarstellerin (Luise Hipp) setzt auf knallrote Stiefeletten und kurze Jeanshosen, strahlt jedoch nicht in erster Linie Dominanz und Führungsstärke aus, sondern schlüpft vielmehr in die Rolle der liebenswerten Kameradin von nebenan, was möglicherweise auch so gewollt ist. Dadurch kommuniziert sie mit dem jungen Publikum auf Augenhöhe und bezieht es – genau wie die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler – direkt ins Geschehen ein.
Kein falscher Burgfrieden: Elsa Voss, Yusuf Arslan, Luise Hipp und Ann-Kathrin Stengel beweisen Führungsstärke © Sabina Bösch / Schauspielhaus Zürich
Die rote Zora trotzt zwar sämtlichen Bevormundungen, öffnet aber immer wieder ihr Herz, um sich die Sorgen ihrer Bandenmitglieder anzuhören und spontan zu reagieren. Branko: "Warum hilfst du mir eigentlich?" Zora: "Keine Ahnung. Ich tue es einfach."
Auch spricht sie ein wichtiges Grundthema an, die Solidarität, indem sie den wegen Diebstahls festgenommenen Branko befreit, diesen in ihre Bande aufnimmt und gemeinsam mit ihren Freundinnen Pavle und Duro ihren Platz in der Welt sucht: "Und hinaus aufs blaue Meer jagen wir unseren Feinden und unsrer Freiheit hinterher."
Frauen in Führungspositionen
Uskokinnen nennen sich die Mädchen, denn die Uskoken waren die größten Helden von Kroatien, die das Land gegen Ungarn verteidigt hatten und gegen das Deutsche Reich. Unter ihnen war auch eine Frau, die mit den Männern ins Feld zog und genauso tapfer war wie sie – was auch als Anspielung auf die heutige Zeit verstanden werden darf. Nach wie vor sind Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert und müssen sich entsprechend beweisen.
Zora und ihre Bande sprechen mit Motiven wie Verlust und Armut weitere zentrale Themen an, mit denen viele Menschen gegenwärtig konfrontiert sind. In einer intimen Szene vertraut sich der sensible und mittellose Branko Zora an und spricht über den Tod seiner Mutter.
Auf Augenhöhe mit dem Publikum: Neda Rahmanian, Simon Brusis und Annabelle Fabienne Matthies in Lydia Merkels Bühnenbild © Sabina Bösch / Schauspielhaus Zürich
Besagte Sujets werden geschickt in das lebendige Stück verpackt. Die musikalische Begleitung – bestehend aus Harmonika, Trommel und Cello – sowie die abwechslungsreiche Drehbühne, die sogleich von einer Szene in die nächste führt, verleihen der Theaterproduktion Frische.
Dialog mit Papierfischen
Yusuf Arslan als nachdenklicher Branko, dem niemand im Küstenstädtchen ein neues Zuhause schenken möchte, nicht einmal die alte Kata, seine resolute Großmutter in Hexengestalt (Neda Rahmanian), wirkt äußerst glaubwürdig. Zwar bewegt er sich wenig, gewinnt dafür aber umso mehr mit seiner ausdrucksvollen Mimik die Herzen des Theaterpublikums. Das temporeiche Stück lebt vom direkten Dialog: Einmal fliegen Papierfische direkt ins Publikum, ein weiteres Mal werden die Zuschauerinnen und Zuschauer gefragt, ob der Kinderbande der Prozess gemacht werden soll.
Regisseurin Selen Kara ist es gelungen, eine spannende Geschichte in einer fröhlichen Version auf die Bühne zu bringen, die selbst vielbeschäftigte Erwachsene für einen Augenblick in eine kindliche und zugleich realistische Welt entführt.
Die rote Zora und ihre Bande
von John von Düffel nach dem Roman von Kurt Held
Regie: Selen Kara, Bühnenbild: Lydia Merkel, Kostümbild: Emir Medić, Musik: Torsten Kindermann, Vermittlung: Zora Maag, Franziska Bill.
Mit: Luise Hipp, Yusuf Arslan, Elsa Voss, Ann-Kathrin Stengel, Annabelle Fabienne Matthies, Lukas Vögler, Vincent Basse, Simon Brusis, Neda Rahmanian, Johann Jürgens.
Premiere am 9. November 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.schauspielhaus.ch
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